Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 262 (12.1.1933)
- Date
- 1933-01-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Hie W ii4k Nummer M IX Seifen stark V.b. b. BEZUGS¬ BEDINGUNGEN Oesterreich nonetlieh S I SO, vierteljahrl. S 4 20, gen« jUhrL ... S 16 — Deutsch!«!. viertel jihrl.. . . HM 3 - Teche c hoel«*ak«i viertel). . Kc 24 — Jugoslawien vierteljahrl. . Din. 40- Po en Vierteljahr lieh . . Zloty 6 SO Ungarn Vierteljahr lieh . . Pengö 4 20 Rumänien Vierteljahr I.. . Ui 120- Uebriges Ausland vierteljlhrl. Schw. Franken 4 S0 Jfidisdte Zettuni Preis 35 g Erich «tat jeden Donnerstag Redaktion und Administration Wien, I., Klrntner strale 28 Tel. R-27 4-83 Postsparkassenkonti: Oeeterr. D 113546 Polen . . 191.199 Tschechoslowakei .500.230 Jugoslawien 40.879 6« Jahrgang Wien, Donnerstag, 12. Jänner 1933 (14. Tebeth 5693) Nummer 261 Dr. Desider Friedmann — Präsident der Kultusgemeinde Konstituierung des neuen Vorstandes Am 4. Dezember 1932 haben die Wiener Zionisten nach jahrelangem zähen Kampfe das von ihnen erstrebte Ziel der Eroberung der Kultusgemeinde erreicht. Am 9. Jänner 1933 fand die konstituierende Sitzung des neugewählten Kultusvorstandes statt. Die zionistische Mehrheit findet ein reiches Arbeitsgebiet vor. Ihr fällt die Aufgabe zu, unser zionistisches Gemeindeprogramm In einer der größten jüdischen Gemeinden der Welt in die Tat uinzusetzen. * im Interesse einer reibungslosen Geschäftsführung habeitidfe Zionisten vor der Konstituierung des Kultus^ Vorstandes mit den durch den Wahlausgang in die Minorität gedrängten nichtnationalen Parteien Verhandlungen wegen Aufteilung der Stellen im Vertreterkoliegium und den Kommissionen geführt, die knapp vor Sitzungsbeginn zum Abschluß gebracht wurden. Auf Grund der getroffenen Vereinbarungen wurden die Mandate in den Arbeitsausschüssen der Gemeinde nach der zahlenmäßigen Stärke der einzelnen Gruppen unter dieselben proporzmäßig aufgeteilt. Die Zionisten stellen den Präsidenten und einen Vizepräsidenten und verfügen über die Majorität im Vertreterkoilegium und den Kommissionen. Die Wahl der Kommission wird in der nächsten Sitzung erfolgen. Nach der geltenden veralteten Geschäftsordnung fand die Konstituierung des Kultusvorstandes in nicht öffentlicher Sitzung statt. Ueber den Verlauf derselben berichten wir nachstehend: Der Verlauf der Sitzung Der Alterspräsident eröffnete die Sitzung und teilte mit, daß die Herren Generaloberstabsarzt Professor Dr. Alois Pick («Nichtnationale Liste der jüdisch-demokratischen Arbeitsgemeinschaft», «Union österreichischer Juden», «Vereinigung werktätiger Juden») und Josef Gr.-Ü n h ut. (Sozialistische Liste [«Poale Zion-Hitachduth — Verband sozialistischer Juden»]) die auf sie gefallene Wahl nicht angenommen haben. Gemäß den Bestimmungen der Wahlordnung wurden als Nachmänner der bezüglichen Parteilisten die Herren Dr. Leonhard M a i e r und Salem M a y e r in den Kultusvorsiand einberufen. Sodann wurde auf Grund vorgenommener Parteienverhand'.ungen einhellig die Wahl des Präsidiums und des Vertreterkollegiums vorgenommen. Zum Präsidenten wurde Dr. Desider F r i ed m a n n (Zionistische Liste) für eine vierjährige Mandatsdauer neu gewählt Für eine , je einjährige Mandatsdauer wurden zu Vizepräsidenten wiedergewählt: Herr Dr. Josef Löwenherz (Zionistische Liste) und Herr Dr. Jakob Ornstein («Nichtnationale Liste der jüdisch-demokratischen Arbeitsgemeinschaft», «Union österreichischer Juden», «Vereinigung werktätiger Juden»). Sodann erfolgte die Wahl von acht Mitgliedern des Vertreterkollegiums, welche gleichfalls einhellig vor sich ging. Gewählt erscheinen die Herren: Dr. Isidor K 1 a b e r, Maximilian S c h i f f m a n n und Oberbaurat Ing. Robert Stricker der «Zionistischen Liste», Dr. Rudolf Glanz der sozialistischen Liste («Poale Zion-Hitachduth» — «Verband sozialistischer Juden»); ferner die Herren: Baurat Ing. Wilhelm K e m p I e r, Leo Rath, Min.-Rat Architekt Friedrich Schläfrig und Dr. Josef T t c h o. Damit war die Konstituierung des Kultusvorstandes vollzogen und es übernahm der neugewählte Präsident Herr Dr. Desider F r i e d m a n n mit der nachfolgenden Eröffnungsrede den Vorsitz. Nach einleitenden Worten, in denen er der Verdienste des bisherigen Präsidenten, des Herrn Generaloberstabsarztes Dr. Pick, gedachte und dessen objektive Amtsführung rühmte, fuhr er fort: «Meine sehr geehrten Herren! Eine Reihe wichtiger und zum Teile dringender Aufgaben harrt der Erledigung durch den neuen Kultusvorstand. Ende Februar geht das von unseren Amtsvorgängern bewilligte Budgetprovisorium zu Ende und wir werden daher schön in der allernächsten Zeit den Rechnungsabschluß für das; Jahr 1932 zu genehmigen und den Voranschlag für das Verwaltungsjahr 1933, für weldhen die technischen Vorarbeiten . bereits vorliegen, zu besch ießen haften. Der Beginn unserer Fur.fctieiisperiöde fällt in eine schwere Zeit, in die Zeit drückender Wirtschafte n.at, der viele jüdische Existenzen bereits zuin Opfer gefallen sind und die .von Tag.zu Tag neue Opfer, fordert. , Wir müssen leider damit rechnen, daß die traurigen Verhältnisse des' Wirtschaftslebens, die sich bei der jüdischen Bevölkerung info'ge der Eigenart ihrer ökonomischen Struktur und ihrer beruflichen Gliederung besonders fühlbar machen, auch auf die Finanzen unserer Gemeinde sich in empfindlicher Weise auswirken werden, daß auf der einen Seite unsere Einnahmen einen Rückgang erleiden, auf der anderen Seite die Ansprüche an die Gemeinde, insbesondere auf dem Gebiete der Fürsorge, eine beträchtliche Steigerung erfahren werden. Wir werden deshalb mit außerordentlicher Aufmerksamkeit darauf bedacht sein müssen, das schon in den letzten Verwaltungsjahren mühsam ausbalancierte finanzielle Gleichgewicht aufrechtzuerhalten, jede Defizitwirtschaft zu vermelden und die Gemeindeverwaltung nach den strengen Grundsätzen der Wirtschaftlichkeit zu führen, um im Rahmen der vorhandenen Mittel durch richtige Verteilung derselben den größtmöglichsten Erfolg zu erreichen. Das Reformwerk unserer sozialen Fürsorge wird weiter ausgebaut, die im Zuge befindliche Winternotstandsaktion mit aller Energie betrieben, die Zusammenarbeit mit der privaten Wohltätigkeit in noch stärkerem Maße als bisher angestrebt, die Institutionen der Fürsorgeräte vervollkommnet werden müssen. Uin der spezifisch jüdischen Not, die uns in der über das Durchschnittsausmaß hinausgehenden Arbeits- und Erwerbslosigkeit weiter Schichten der jüdischen Bevölkerung entgegentritt. Die vorliegende Nummer der «Stimme» bringt eine BiaUh’Beilage mit folgenden Beiträgen: Dr. David Feuchtwang: Bialik, der jüdische Mensch». Dr. Z. F. F i n k e 1 s t e 1 n: «Bialik und Achad Haam». Rabbiner Dr. A. K a m i n k a: «Bialik in seiner Begehung zur jüdischen Wissenschaft». Prof. S. Krauss: «Chaim Nachman Bialik». Dr. Jakob Rosenthal: «Ein Gespräch mit Ch. N. Bialik» . Dr. David Roth bl um: «Blick in die Dichterseele». Dr. Chaim Tartakower: «Bialik und die Sprache». M. Ungerfeld: «Vom Dichter zum Propheten». wirksam zu steuern, wird es erforderlich sein, daß die. Gemeinde ihre bisherigen Bestrebungen, die auf die Erhalt tung des jüdischen Mittelstandes abzieleit; verstärkt, die Ausgestaltung und Erweiterung der diesem Zwecke dienenden Institutionen, insbesondere der bestehenden Kreditkasse, fördert und durch Errichtung feines jüdischen Arbeitsamtes die dringlichen Probleme der Arbeitsnachweises und der Arbeitsbeschaffung der Lösung in ihre« eigenen Wirkungskreise zuführt. Nach dem eindeutigen, von der jüdischen Wählerschaft bei den vorgenommenen Neuwahlen zum Ausdruck gebrachten Wi.len wird, den neuen Kultusvorstand die Verpflichtung treffen, die seit langem aktuelle Aenderung der Konstitution unserer Gemeinde zu beschließen, das allgemein^ gleiche.und direkte Wahlrecht, das durch Jahrzehnte Gegenstand des Streites der Parteien im Kultusvorstand gewesen ist, in der Wahlordnung zu verankern, dfe bisher bestandenen Beschränkungen der Wahlberechtigung und der. Wählbarkeit, insbesondere die Abhängigkeit. des Wahlrechtes von der Steuerleistung, zu beseitigen und so allen eigen-berechtigten jüdischen Männern und Frauen* die Angehörige unserer Gemeinde sind, das Mitbestintmungsrecht eirituräumen. Wir dürfen von dieser demokratischen Reform, die einen lang gehegten Wunsch breiter Massen der jüdische» Bevölkerung zur Erfüllung bringen wird, eine Steigerung dß» Interesses unserer Gemeindeangehörigen an: den1 Aufgab«j| unserer Gemeinde und eine Verstärkung ihrer tätigen. Mit? arbeit an denselben erwarten. '• . . Auch in anderer1 Hinsicht .drängt'.’die Zfeit,. hiebt zuletzt auch. d,er labile. 'Rechtszustand, in weichem wir Juden i» Oesterreich' leben, zur Inangriffnahme einer wiederholt a:ujpgeschobenen organisatorischen Maßnahme, Der• Zusammen-’ Schluß der Juden .Oester*eichs. in eine höhere Organisationsform, die Vereinigung der j ü d i s c h e n / G e m e i nden zu einem.mit dem Rechte und d .e r Legitimationder .GesamtVertretung der Jude» Oesterreichs ausgestatteten repräsentativen Verbände bildet seit, mehr als zwei Jahrzehnte« den Gegenstand vorbereitender Beratungen, ohne der Verwirklichung auch nur einen Schritt näher gekommen, zu sein.. Während in den Nachbarländern bei wesent'ich analogen Verhältnissen die Entwicklung schon seit längerem zu, einer organischen Zusammenfassung der einzelnen Gemeinden ' in Landesverbänden vorgeschritten ist, besteht bei uns m Oesterreich die Isoliertheit der jüdischen Gemeinden weiter fort. Da auf seiten der Provinzgemeinden mit ganz wenigen Ausnahmen die ernste, erst in der letzten Zeit neuerlich betonte BereitwiPigkeit zur Schaffung eines österreichjscHert jüdischen Genreindebundes vorhanden ist, so sollte nicht’ länger gezögert werden, diesen Verband ehestens in Wirksamkeit treten zu lassen und damit eine Rechtspersönlichkeit zu schaffen, welche wir zur Durchsetzung der kollektiven Rechte der jüdischen Bevölkeru ng unserer Republik vielleicht schon in allernächster Zelt dringend benötigen werden. Unter diesen Rechten ist eines der bedeutsamsten der uns verfassungsmäßig zustehende'Anspruch auf den Bundesbeitrag, der uns bisher trotz langjähriger Betreibung vorenthalten wurde und welchen mit allen uns nach dem Gesetze zustehenden Mitteln dürchzusetzen eine der wichtigsten, im Interesse der Konsolidierung unserer Gemeindewirtschaft gelegenen Aufgaben des neueb Kultusvorstandes bilden wird. Zu den vielen Aufgaben, die in das sich stets erweiternde Arbeitsgebiet unserer Gemeinde fallen und die vollzählig und in ihren Einzelheiten zu besprechen den durch den AnlaS dieser Ausführungen gezogenen Rahmen überschreiten würden, gehört als eine der hervorragendsten die Sorge für unsere Heranwachsende jüdische Jugend. Sie ist die Zukunft unseres Volkes und unserer Gemeind«. Sie ist unsere Hoffnung. Ihre Anhänglichkeit an unsere jüdische Gemeinschaft zu stärken, sie mit jüdischem Wissen zu erfüllen, sie durch die Kenntnis der hebräischen Sprache in die jüdische Geisteswelt einzuführen, sie im Judentum zu festigen, ein kräftiges, widerstandsfähiges und gesundes junges jüdisches Geschlecht heranzubi den, ist unsere heilige Pflicht. Wir werden diese Pflicht nur erfüllen können, wenn wir die Grundlagen für den planmäßigen Ausbau eines wahrhaft jüdischen Erziehungswerkes schaffen, wenn unserer Gemeinde durch ihre Einrichtungen und Organe die Möglichkeit gegeben sein wird, den Werdegang und die Entwicklung unserer Jugend vom Kindesa'ter bis zum Eintritt in das Berufsleben zu beeinflussen und zu lenken. Die vielfachen Bemühungen, welche in dieser Richtung in den letzten Jahren aufgewendet wurden, müssen mit allem Eifer fortgesetzt und intensiviert werden, um das angestrebte Ziel zu erreichen. Mögen auch über Fragen der Methode, des Systems, def Durchführung unter uns Meinungsverschiedenheiten bestehen, so sind wir sicherlich alle darin einig, daß auf dem Gebiej« des Erziehungswesens das Höchsterreichbare und Vollkom- Zionisten! leset und verbreiiet »Die Stimme"!