Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 261 (5.1.1933)
- Date
- 1933-01-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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f*r. 261 — 5. Jänner 1933 DIE STIMME Seite 3 Zoologie der SddcUveiMe Der Thüringische Landtag, der bekanntlich mit einer nationalsozialistischen Mehrheit gesegnet ist, hat, wie bereits gemeldet, in seiner Sitzung am 15. Dezember v. J. die Einführung eines Schächtverbotes für das Land Thüringen beschlossen. Ueber Eingabe der Industrie- und 'Handelskammer, in der darauf hingewiesen wurde, wie durch das geplante Schächtverbot Jiw ohnedies kranke Wirtschaft des Landes noch geschädigt werden würde, mußten die Nazi schweren Herzens dem Gesetz noch eine abgeänderte Fassung zubilligen, in der es heißt: «Das Staatsministerium wird ermächtigt, den Zeitpunkt für die Inkraftsetzung des Gesetzes durch Verordnung festzusetzen.» Dieses thüringische bedingte Schächtverbot ist gleich allen anderen nationalsozialistischen Anträgen natürlich nichts anderes als ein .antisemitisches Zweckgesetz. Anm. d. Red. Während der materielle Segen nationalsozialistischer Verwaltung in jenen deutschen Ländern und Gemeinden, die unter die Obhut eines Hakenkreuzlerregimes geraten sind, in solchem Maße ausgeblieben sind, daß die Enttäuschung der Wähler in rapidem Abfall kundtut, zeigt sich um so eklatanter die psychische Verwüstung, die die hemmungslose Haßpropaganda der Hitlerianer in der deutschen Jugend angerichtet hat. Ihr abscheulichstes Symptom ist wohl die Schändung jüdischer Friedhöfe. Soweit man der Verüber solcher Greueitaten habhaft werden konnte, ließ sich fast immer ihre Zugehörigkeit zum Hakenkreuzlager feststellen, eine Tatsache, die durch das scheinheilige Abrücken der Hitler-Presse von den Tätern keineswegs verwischt werden kann. Solche Taktik offenbart bloß die Heuchelei, die in allem und jedem für die in unseren Tagen erfolgreichsten Nutznießer des Judenhasses charakteristisch ist. Wir hören diese Meute gegen den «jüdischen Materialismus» wettern, gegen den erdgebundenen Geist einer Rasse, die nur für die greifbaren Güter der irdischen Welt empfänglich ist, sonst für nichts. Aber gleichzeitig sehen wir ihr raffiniertes Streben, das Judentum gerade dort zu treffen, wo es, wenn die antisemitische Rassenlehre recht hätte, unempfindlich sein müßte. Was hat es für einen Sinn, Synagogenfenster einzuschlagen, wenn der eigentliche Gott der Juden doch nur im Geldschrank zu finden ist? Warum tobt sich die Verachtung gegen eine Rasse, der jedes tiefere Gemütsleben wesensfremd sein soll, just an Glaubenssymbolen aus, die doch nur einem ausgeprägten Pietätsgefühl heilig sein können? Diese Fragen erhellen deutlich den unüberbrückbaren Abgrund zwischen dem, was das Hakenkreuz lehrt, und dem, was es tut, den Abgrund einer in ihren Tiefen gar nicht ausrottbaren Verlogenheit, einen Abgrund seelischer Verkommenheit, in dem das deutsche Volk unrettbar verkommen muß, wenn es die betrügerischen Wegweiser zu einem vorgespiegelten politischen Heile nicht rechtzeitig zu entlarven vermag. Zum Glück ist diese Entlarvung nicht schwer. Niemals war die Lüge Werkzeug in plumperen Händen als in denen der Ritter vom Hakenkreuz, niemand kann mit größerer Ungeschicklichkeit verraten, wie wenig er selbst an das glaubt, was er predigt. Diese Verkünder des «jüdischen Materialismus» wissen sehr gut, daß die Juden für ihren Glauben Martern aller Art auf sich genommen haben, als andere, angeblich um so viel idealistischer veranlagte Rassen sich mit Feuer und Schwert das ihnen nach Hitlers Zeugnis gar nicht liegende Christentum aufzwingen ließen. Diese Präger des Schlagwortes von der jüdischen «Vaterlandslosigkeit» wissen, daß die Juden, die vor etlichen Jahrhunderten vom Rhein nach Polen flüchten mußten, noch heute, mitten in fremdem Sprachgebiet den Sprachschatz und die Sprachformen des Mittelhochdeutsch in ihrem Jargon konservieren, ebenso wie die Sephardim noch jetzt das Spanisch sprechen, das zur Zeit der Judenvertreibung von der Pyrenäenhalbinsel dort Umgangssprache gewesen ist. Gerade diese beispiellose Treue zum Vaterländischen, dieses in der Weltgeschichte einzig dastehende Festhalten an reich geistigen, an idealen Kulturgütern seitens der Juden bietet den Hakenkreuzaposteln die beliebteste Angriffsfläche für ihre Bosheit. Sie wol- 1 e n uns wehtun und just darum sucht sich ihr raffinierter Sadismus eben jene Seiten des jüdischen Wesens aus, die ihre, ach, so präzisen «wissenschaftlichen» Erkenntnisse dem jüdischen Wesen — absprechen. Von diesem Standpunkt aus ist auch die nationalsozialistische «Tierfreundlichkeit» zu werten. Die Hakenkreuzler sind Gegner des Schächtens, ihre Sympathie gehört dem Betäuben und Niederschlagen. Und weil sie diese Methode auch gegen Menschen gern anwenden, finden sie es von den Juden unmenschlich, sie dem Tiere zu versagen. Sie haben in allen deutschen Parlamenten das Schächtverbot durchzusetzen versucht und in einigen Landtagen, zuletzt dem von Mecklenburg, ist es ihnen auch bereits gelungen. Die rührend tierfreundliche Begründung ihrer darauf bezüglichen Gesetzesanträge mußten alle Kälber- und Ochsenherzen höher schlagen lassen und es ist nicht zu bezweifeln: Wenn das Rindvieh in Deutschland stimmberechtigt wäre, hätte Herr Hitler schon längst die absolute Majorität, deren er zur Machtergreifung bedarf. Zu seinem Pech beschränkt aber die Weimarer Verfassung, die ja bekanntlich als Ganzes ein Ausfluß jüdischer Bosheit ist, das Wahlrecht auf die mehr oder weniger vernunftbegabte Menschheit. Und wirklich kritische Vernunft kann unmöglich an die Aufrichtigkeit einer Tierfreundlichkeit glauben, die im grellsten Gegensatz zu der Verachtung des Menschenlebens steht, die die Rathenau-, Erzberger- und Fememörder an den Tag legen. Eine Mentalität, die die entsetzlichste Verrohung der Gemüter erzeugt hat, macht sich nur verdächtig, wenn sie plötzlich als Nährboden humaner Triebe gelten will. Und je mehr sie sich abmüht, mit Engelszungen zu reden, desto eifriger forscht das allgemeine Mißtrauen nach dem versteckten Pferdefuß. Der ist denn auch bald enthüllt: Der Sturm gegen das Schächten ist nur eine andere Form des Steineschieuderns gegen Jerusalem. Das Bombenattentat auf das Haus des jüdischen Kolonisten Joseph Jacoby in Nahalal im E m e k hat tragischere Folgen gehabt, als anfangs vermutet wurde: Joseph Jacoby und sein neunjähriger Sohn, die durch das Attentat schwere Verletzungen erlitten, sind beide im Hospital zu Haifa, in das sie gebracht worden waren, an den Folgen dieser Verletzungen verstorben. Zuerst, am 26. Dezember, starb der Knabe Jacoby. Am gleichen Tage wurde dem Vater Jacoby der verletzte Arm amputiert, und die Aerzte nahmen an, daß er sich bereits außer Lebensgefahr befinde. Aber schon am 27. Dezember, morgens, erlag auch Joseph Jacoby seinen Verletzungen. Der gesamte Jischuw ist durch diese Vorfälle in Erregung und Trauer versetzt worden. Das Begräbnis des Knaben Jacoby, das am 26. Dezember, während sein Vater noch lebte, in Nahalal stattfand, gestaltete sich zu einer eindrucksvollen jüdischen Kundgebung gegen Mord-Terror und für Frieden. Den ganzen Tag über ruhte die Arbeit in Nahalal, die gesamte Bevölkerung der Kolonie schritt hinter dem kleinen Sarge her. Dr. Chaim Arlosoroff, Leiter der -Palästina-Exekutive der Jewish Agency, hielt eine Ansprache an die Bevölkerung, in der er die strikte Forderung an die Adresse der Palästina-Regierung aussprach, solchen Terroraktionen durch entsprechende Maßnahmen ein für allemal ein Ende zu machen. Am 27. Dezember verbreitete sich in ganz Palästina die Nachricht, daß auch Joseph Jacoby im Haifaer Hospital verstorben war und daß am gleichen Tage die Bestattung in Nahalal stattfinde. Vertreter der Jewish Agency, des Waad Leumi und vieler anderer zentraler jüdischer Körperschaften begaben sich zur Trauerfeier für Jacoby nach Nahalal. Die gesamte Bevölkerung von Nahalal und der benachbarten Kolonien nahm an der Bestattung teil. Am offenen Grabe sprachen der Leiter der Jewish Agency-Exekutive, Dr. Chaim Arlosoroff, der Führer der Allgemeinen Jüdischen Arbeiterföderation Palästina« (Histadruth), Ben Gurion, der Vorsitzende des Waad Leumi, Ben Zwi, Joseph Sprinzak und andere Arbeiterführer. Alle Redner betonten, daß die Juden im Hinblick auf den mangelnden Schutz seitens der Landesbehörden die Forderung nach Installierung eines jüdischen Selbstschutzes erheben müssen, sowie danach, daß die Einwanderung von Juden nach Palästina erhöht werde, damit das jüdische Element im Lande in sich gestärkt dastehen könne. Der Ton der Trauerreden am Grabe war auf den Satz gestimmt: «An die Stelle einer getöteten jüdischen Familie in Palästina werden tausenb jüdische Familien aus dem Galuth treten.» Die Trauerfeier für Jacoby, der vor elf Jahren aus Amerika — er hatte in Kalifornien studiert — nach Palästina kam, um die jüdische Heimstätte auf¬ Sfflnite-Abrahamorlci ll., TabOiSfraße 33 hat der luven an verkauf bereits begonnen! Es gelangen die letzten Modelle in der bekannt guten Qualität zu fabelhaft billigen Preisen zum Verkauf, da wir im Frühjahr umbauen. jüdische Heiligtümer. Er will auch nur Fenster einwerfen, durch die der Jude gläubig seinen Blick zum Himmel erhebt Den Ausgang solcher Sünde wider den Geist hat Lessing in einer sinnigen Fabel geschildert: Der Pfeil, den der Gottesverhöhner gen Himmel abschnellt, fällt auf den frevlen Schützen, ihn durchbohrend, zurück. Erhaben über Zeit und Raum thront das jüdische Ethos auf dem hohen Piedestal opferfreudiger Begeisterung. Hohn und Verleumdung reichen nicht so hoch hinan, es zu verwunden. Und die vergeblich zu ihm emporgesandten Pfeile legen rückschnellend das Innere der Schützen bloß: ein scheußliches Gemenge von Lüge, Bosheit und sittlicher Verkommenheit. Dr. Hugo S p i e g I e r. bauen zu helfen, gestaltete sich zu einem stärksten Ausdruck jüdischen Protestes gegen den ungenügenden Schutz jüdischen Lebens im Lande. Nahum S o k o 1 o w, Präsident der Zionistischen Weltorganisation und der Jewish Agency, hielt am 26. Dezember anläßlich einer Chanukah-Kundgebung in Tel-Awiw eine Ansprache, in der er auf dieantijüdischenTerroraktioneninJad- J u r, Kfar C h a s s i d i m und in Nahalal hinwies und die Forderung an die Regierung stellte, hier in einer Weise durchzugreifen, daß solche Aktionen sich nicht wiederholen. Der High Commissioner Sir Arthur Wauchope hat an den Leiter der Palästina-Exekutive der Jewteh Agency, Dr. Chaim Arlosoroff, ein Beileidstelegramm aus Anlaß des Todes von Joseph Jacoby und Sohn gesandt. Die gesamte hebräische Presse fordert in Leitartikeln die Reorganisation der Polizei im Haifa-Distrikt, die sich in vielfacher Beziehung als unzureichend für die Sicherung der Ordnung in Nordpalästina erwiesen hat. Die Presse weist darauf hin, daß die Polizei noch nicht einmal im Besitze einer Spur der Mörder von Nahalal ist, ebenso wie es ihr nicht gelungen ist, die Attentate in Jäd-Jur und in Kfar Chassidim irgendwie aufzuklären und die Täter der Bestrafung zuzuführen. Das eine, was die Polizei ermitteln konnte, ist, daß die in Nahalal auf das Haus Jacobys geschleuderte Bombe in Palästina hergestellt worden war, was auf das Bestehen einer arabischen politischen Terror-Organisation schließen läßt. Die kanadischen Zionisten fordern Verständigung mit der Histadruth beim Konflikt in Gan Scharon Jerusalem. Zionisten,West-Kanadas, die Aktionäre des größten palästinensischen Orangenhains, Gan Scharon, sind, richteten an den Geschäftsführer des Hains, Max A. D i 1 ni a n, telegraphisch die Forderung, daß er sich mit der Histadruth wegen Beschäftigung jüdischer statt arabischer Arbeiter verständige. Die gleiche Forderung richtete telegraphisch der Präsident der kanadischen Zionisten, Frei man, an die Gan Scharon-Verwaltung. — Bekanntlich entstand der Konflikt zwischen Histadruth und der Gan Scharon-Verwaltung dadurch, daß die Verwaltung dfazu überging, arabische Arbeiter Lm Hain zu beschäftigen. Die Möglichkeiten der Kunstentwicklung in Palästina. lieber dieses Thema spricht Bildhauer Felix Weiß im Rahmen eines Vortrages, den die Organisation zionistischer Frauen Oesterreichs (Wizo), Montag, den 9. Jänner 1933, 8 Uhr abends irn Khibheim der Z. M. V. Mirjam, Jordangasse 7, Mezzanin, veranstaltet. Hiftadruth Iwrith Brith Iwrith Olamith Große Bialiks-Jubiläumsfeier 14. Jänner 1933, 8 Uhr abends lm großen Festsaale des Hotel Continental. Wien, 11., Taborstraße Nr. 4 Eröffnungsrede (Hebr.) Präsident Dr. D. Rothblum; Festrede (Deutsch) Prof. Dr. A. Sonne; ferner wirken mit: die 9jährige Klaviervirtuosin Evi Wächter, Violinvirtuosin Ada Bauminger, Kunzertsängerin Hilde Dulitzkaja und Winkler, Rezitation: Jehuda Ehrenkranz — Karten Vorverkauf: Keren Kajemeth, I., Kärntnerstraße 28, Bücherstube Rath, 11., Taborstr. 20, bei den Mitgliedern der Histadruth Iwrith und an der Tageskassa Das Bombenaffenfaf in Nahalal Vater und Sohn Jacoby ihren Verletzunsen erlegen — Das Wurfgeschoß in Palästina hergestellt — Bestehen einer arabischen rerroristen-Organisation vermutet — Große Erregung im Jischuw - Nahum Sokolow und Or. Arlosoroff stellen Schutzforderungen an die Palästinaregierung (