Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 261 (5.1.1933)
- Date
- 1933-01-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3053752-3054015-3054016--3303-3058807- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2 DIE STIMME so viel im Leben der Judenlieit wie die 200.000?n Palästina lebenden Juden. In New York gibt es zehnmal soviel Juden and doch gilt d iese Stadt nich; als das Zentrum. Warum dies wohl? Warum seid ihr so ängstlich? — fragte ein englischer Politiker Brodetsky. Wir werden euch doch Garantien geben, daß dieser Legislative Council keine Macht haben werde, der jödschen Arbeit zu schaden. Meine Antwort war: Erstens glaube Ich nicht an Garantien. Solche Körperschaften haben die Eigenschaft, immer mehr Macht zu gewinnen« an sich zu reißen. Zweitens: Schatzjuden sind wir in vielen Ländern der Weit and za vielen Zeiten gewesen. Und wir wissen, was das bedeutet, Schatzjude zu sein. In Palästina aber «eht unser Streben nach etwas anderem, geht unser innen nach einem nationalen Leben, wo wir uns selbst verantwortlich und kein Fürst und kein König und keine Regierung ans verantwortlich sind. Und wenn man jetzt In Palästina darangeht, solche Aenderungen herbeizuführen, die uns wieder offiziell hi den ßtand der geschützten Juden versetzen sollen, so haben wir In Palästina nicht das bekommen, was wir dort zu erreichen suchen. Und das Ist das wichtigste an dem Problem: das Prinzip zu verfechten, daß wir hi Palästina nicht das seht woflen, was wir In anderen Ländern, ob es uns dort gut oder schlecht geht, sind. Bezüglich der Auflösung des Irak-Mandats, der Man- (fatsfrage In Syrien im Zusammenhang mit der gegenwärtigen Politik im vorderen Orient, sagte Professor Brodetsky folgendes: Die Konsequenzen, die man aus der Mandatspolitik in diesen Ländern ziehen könnte, sind nicht vom Standpunkt der Diplomatie und nicht vom Standpunkt der politischen Verwicklungen Im Orient, sondern auch, und hauptsächlich, vom Standpunkt der Juden aufzufassen. Wir wollen nicht in Palästina eine kleine Insel bilden. Wir suchen in Palästina das zu bekommen, was uns einigermaßen die politische Befreiung des jüdischen Volkes bringt. Diese Probleme sind es, die den Zionismus von heute bewegen. Es entstehen Immer größere Probleme. Doch ist das kein Grund zum Erschrecken, Ja, ich hoffe sogar, daß die politischen Probleme noch größer werden, denn das würde bedeuten, daß es einen großen Fortschritt gehe. Wichtig ist es nur, daß man diese Probleme richtig auffaßt und, wenn man ihre Lösung noch nicht kennt, sie in der richtigen Richtung suche. Wir haben verschiedene Richtungen. Was ist nun die richtige Richtung? Vor zweieinhalb Jahren hatten wir den großen Kampf gegen die englische Regierung. Der Kampf war uns aufgezwungen worden, and er wurde In der ganzen Jüdischen Welt, von NewYork bis Warschau, geführt and schließlich haben wir ihn aaf Genf konzentriert, and In Genf gegen die Regierung Stellung genommen and — gewonnen. Die Mandatskommission hat einen Brief geschrieben, der ein Unikum des englischen Imperiums darstellt. Man hat die englische Regierung in diesem Berichte so angegriffen, daß das englische Volk überhaupt nicht verstehen konnte, wieso es dazu kommen konnte. Das englische Volk, das am besten Territorien zu verwalten versteht, wurde von einem kleinen Komitee ln Genf so behandelt In der großen englischen Presse hieß . es: Wer sind diese alten Männer, die dort sitzen and ans den Rat geben, wie wir ein Land verwalten sollen? Da entstand das bekannte Bonmot eines englischen Ministers: Die Mandatskommission Ist zur Hälfte antijüdisch und zur Hißte antlarahisch. Jetzt haben sich beide Hälften geeinigt and sind beide antienglisch geworden. Nach dem Weißbuch gab es wieder Kampf. Aber nicht gegen England, sondern in England. Die bedeutendsten engfischen Staatsminister haben die Regierung beschuldigt, daß sie das Mandat nicht so durchführe, wie es seinem Geiste entspricht. Es war ein Kampf der Ueberzeugang. Und den Kampf haben wir siegreich zu Ende geführt Und sein Ergebnis Ist eine große Aenderung ln bezug auf Boden, Emigration and auf vielen anderen Geb’eten zu unseren Gunsten. Der neue High Commisloner Waachooe verfolgt eine ganz andere Richtung der englischen Politik als sein Vorgänger. Wir haben etwas Positives erreicht Professor Brodetsky schloß seine nahezu zweistündige Rede: Bei der Schwere der Probleme, die obiektiv heute um unsere Bewegung bestehen, werden wir nicht alleinstehen können, um unsere Positionen mit Erfolg zu behaupten. Jede politische Stütze, die wir von einer Macht erwarten können, setzt den Glauben voraus, daß wir diese Probleme werden lösen können. Um das mit Erfolg tun zu können, müssen wir dicht nur das Prestige des kleinen Teiles inPalästfnawahren, sondern das des ganzen jüdischen Volkes. Reicher Beifall seitens des gespannt lauschenden Auditoriums dankte F*rofessor Brodetsky für seine interessanten, instruktiven und von sachlichem Emst erfüllten Ausführungen. Präsident Dr. Oskar Grünbaum schloß die eindrucksvolle Versammlung mit einem Apnetl an die Wiener zionistische Oeffentlichkeit, nicht unfruchtbare Kritik zu üben, sondern im Rahmen der zionistischen Exekutive-für die Politik der Entwicklung des Aufbauwerkes zu arbeiten. ■-'wiff »na rmin - Ich offenere folgende Paläeitna-Peodukte: Jaffa-Orangen pro kg S 1.20 Jaffa-Grape Fruit pro Stück von S —.40 aufwärts Schemen-Olivenöl pro kg S 3.90, Vi kg S 2.— Schemen-Toiletteseife (6 Sorten) pro Stück von S —.55 aufwärts Chedera-Honig (in Becher) pro % kg S 1.—, Va kg (in Gias) S 2 20 Karmel-Weine (6 Sorten) 1 Flasche von S 2.80 aufwärts Franko Haus gegen Kassa bei Uebernahme SAMUEL HALPERN, WIEN, IL, FÖRSTERGASSE 0 Telephon A 4Ö-4-I2 Professor S. Brodetsky im Parteirat Anläßlich der Anwesenheit Prof. Brodetskys in Wien fand eine feierliche Sitzung des zionistischen Parteirates statt, uni Prof. Brodetsky Gelegenheit zu geben, im engen Kreise der führenden Gesinnungsgenossen Oesterreichs über aktuelle Fragen des Zionismus zu sprechen. Nach Eröffnung durch den Vorsitzenden des Parteirates, Herrn Benno Deutsch, und einer hebräischen Begrüßung des Gastes durch Dr. David Rotblum ergriff Prof. Brodetsky, stark akklamiert, d-as Wort zu einem großangeiegten Referat über zionistische Probleme, wobei er insbesondere das Bodenproblem, das Mandat und die angeblichen Projekte des gesetzgebenden Rates erörterte. Nach seinem Referat beantwortete Herr Prof. Brodetsky noch eine Reihe von Fragen politischer und organisatorischer Natur, die von verschiedenen Mitgliedern des Parteirates an ihn gestellt wurden. Das Referat des Herrn Prof. Brodetsky überzeugte den Parteirat davon, daß unsere Arbeit auf dem besten Wege ist, insbesondere wegen der geänderten Haltung der Mandatarmacht und wegen der energischen In der vorigen Nummer der «S t i ni m e» behandelten wir das Problem der «Deutschen Studenten s c h a f t» an der Wiener Universität. Nun wird die Oeffentlichkeit durch einen Erlaß des Rektors überrascht, der neuerlich die Störungen des Unterrichtsbetriebes mißbilligt und eine Reihe von Maßnahmen ankündigt, die die Ruhe gewährleisten sollen. Das Tragen von Parteiuniformen und politischen Abzeichen wird verboten. Ebenso wird das Waffenverbot erneuert und seine Uebertretung mit Relegierung bedroht. Der Senat ermächtigt dann aber auch den Rektor, eine Akademische Legion aus Studenten der Universität aufzustellen, die «sein besonderes Vertrauen haben». Ihre Aufgabe soll es sein, «in der gegenwärtigen unruhigen Zeit die akademischen Behörden und Organe im Kampfe für die Ordnung der Universität wirksam und machtvoll zu unterstützen». Angriffe auf die Mitglieder der Legion sollen mit dauernder Relegierung der Gewalttäter bestraft werden. Soweit sich dieser Erlaß darauf beschränkt, Maßnahmen gegen akademische Gummiknüttel- und Messerhelden zu treffen, ist er zu begrüßen, wenn uns auch das Zutrauen für die praktische Durchsetzung des Erlasses fehlt, ln dieser Meinung bestärkt uns die Schaffung der «Akademischen Legion». Es ist doch von vornherein klar, daß Studenten, die studieren sollen, nicht gleichzeitig Poilzeidienste leisten können. Das weiß schließlich auch der Akademische Senat. Wozu soll also eine «Akademische Legion» geschaffen werden? Das Geheimnis um diese Gründung wird aufgehellt, wenn man hört, daß die Bestrebungen zwischen hakenkreuzlerischen und katholischen Studenten, den Frieden und damit die rassenantisemitische «Deutsche Studentenschaft» wieder herzustellen, bisher vergeblich waren. Auf dem Umwege über die «Akademische Legion» soll nun eine Kooperation von Christlichsozialen und Nationalsozialisten erreicht werden. Die Freunde der Hakenkreuzler im Akademischen Senat scheinen die Drahtzieher zu sein. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Dinge gestalten werden und wer die Studenten sind, die «das besondere Vertrauen» des Rektors haben. Werden die Christlichsozialen wieder ln die Hakenkreuz-Laube gehen, dann wird die «Akademische Legion» geschaffen werden. Gelingt das nicht, dann wird sie nicht gegründet werden. Am 10. Jänner sollen die Vorlesungen aufgenommen werden und dann wird man klarer sehen. Kommt es zur Gründung der «Akademischen Legion», dann müssen auch Vertreter der Jüdischen Studentenschaft vom Rektor in die «Akademische Legion» aufgenommen werden. Die jüdischen Studenten, die nie aktiv an Ausschreitungen beteiligt waren, sind, wie keine anderen Studenten, würdig, «das besondere Vertrauen» des Rektors zu genießen. Die ln der «Judäa» vereinigte jüdische Studentenschaft wird mit gutem Recht verlangen müssen, daß der Rektor auch jüdische Studenten in die «Akademische Legion» aufnimmt Tut er das nicht, dann ist diese Legion nichts anderes als eine neue Parteigarde, die wir energisch ablehnen müssen. Wie sich auch die Dinge Immer gestalten mögen: Durch Armbinden wird keine Aenderung der Geistesrichtung erzielt. Nr. 2öl ö, Jänner 1033 Arbeit der Exekutive, die ,T:ch den kleinsten Vorkommnissen ihr größtes Augenmerk zuwendet. Die Parteiratsmitgücder nahmen von der Sitzung den Eindruck mit, daß die zionistischen Probleme notwendigerweise von Tag zu Tag wachsen müssen, well wir uns im Stadium der Realisierung unserer Idee befinden, daß aber alle diese Probleme von der Exekutive energisch und zielbewußt behandelt werden. Dazu trug insbesondere Herr Prof. Brodetsky dadurch bei, daß er, abseits von jedem Pathos, alle Fragen eindeutig und klar beantwortete und auf diese Weise dem Parteirat ermöglichte, sich ein Bild von der ausgezeichneten politischen Arbeit der Exekutive zu bilden. Brodetsky auf der englischen Üesandschaft Prof. Brodetsky stattete während seines hiesigen Aufenthaltes auch einen Besuch auf der Wiener englischen Gesandtschaft ab. In Vertretung des Gesandten, der außerhalb Wiens weilt, wurde Brodetsky vom Geschäftsträger begrüßt. Der Charge d’affaires der Gesandtschaft stattete hierauf einen Gegenbesuch bei Brodetsky im Hotel ab, Die für alle Staatsbürger Oesterreichs gleicher* maßen bestehenden Gesetze müssen auch für die Er* Haltung der Ruhe an der Wiener Universität genügen, und wenn nur der gute Wille der maßgebenden Faktoren vorhanden wäre, so würde überhaupt das beschämende Schauspiel einer verhetzten und krawalliererrden Jugend an der Wiener aima mater mit einem Schlage aufhören. Die «Akademische Legion» zeigt nur die heillose Verwirrung der akademischen Behörden und die geradezu beschämende Angst der Regierung vor einem Haufen brauner Jungen und deren verknöcherten Beschützern, wenn diese auch in wissenschaftlicher Verbrämung die Radaupolitik mitmachen. Oos Organ des Internationalen Siudeniendiensies Uber die iüngsien Universiiätsunruhen im Leitartikel des jüngsten Heftes des Organs des Internationalen Studentendienstes befaßt sich James Parke« mit den jüngsten Universitätsunruhen im verschiedenen Ländern und führt u. a. aus: Die Eröffnung eines neuen akademischen Jahres war schon oft Anlaß heftiger Unruhen an den Universitäten, so daß dieser Zustand fast schon als norm3! angesehen wird. In diesem Jahre aber kamen ernste Unruhen in Deutschland, Oesterreich, Ungarn, Polen und Rumänien vor, bei denen es hunderte Verwundete und so-gar Tote gab. Dem Hegen zwei Ursachen zugrunde: Die tiefergreifende ist das auf unserem Kontinent herrschende politische Chaos. Wiener Studenten, denen der Rektor Verlust des Semesters angediroht hatte, erwiderten, ihre Kameraden im Kriege hätten eine längere Suspendierung erdulden müssen. Die Studenten hielten wohl eine solche Antwort für nobel. Deutsche Nationalsozialisten, polnische Nationaldemokraten und Anhänger der Eisernen Garde Rumäniens scheinen zu glauben, daß an der Gewaltanwendung etwas Großes ist. Diese Meinung Ist um so sonderbarer, als es immer eine Minderheit ist, die angegriffen wird. Die zweite Ursache ist die steigende Arbeitslosigkeit der Graduierten der Universitäten — ein an Ernst zunehmendes Problem, das gegenwärtig die Aufmerksamkeit des Internationalen Studenbendienstes absorbiert. Oft liegt der Forderung nach einem Numerus clausus gegen Juden Angst vor Arbeitslosigkeit zugrunde. Die Angst ist gewiß verständlich, aber die Gewaltanwendung darum nichtweni.ger schuldhaft. Der schlechte Einfluß älterer Führer in manchen Ländern ist moralisch verwerflich. Unter den antisemitischen Agitatoren befinden sich sowohl Journalisten wie Universitätsprofessoren. Die Unruhen hätten in diesem Jahr nicht den großen Umfang angenommen, wenn nicht zumindest eine stillschweigende Sympathie für die Exzedenten auf selten einflußreicher Mitglieder des Universitätskollegiums und Gleichgültigkeit auf selten anderer Universitätslehrer bestanden hätten. Schwülstige nationalistische Theorien, Prastltuierung der Wissenschaft zugunsten pseudo-biologischer Lehren zwecks Unterstützung eines politischen Extremismus, die Teilnahme von Professoren an der Arbeit von Parteien der Gewalt, die ln einigen Fällen von den Behörden bewiesene Feigheit — haben die Studenten zu Ihrem bösen Tun ermutigt. Ein doppeltes Problem ist hier zu lösen, ein kulturelles und ein wirtschaftliches. Was denken sich jene Professoren, die es zulassen, daß versucht wird, dieses Problem durch lärmende Demonstrationen und Blutvergießen zu lösen? Ist es nicht an der Zeit, daß Professoren und Studenten sich zu der Erklärung aufraffen, daß alle diese Gewalttaten, die nicht nur den Namen Student entehren, sondern auch nie zu einem Resultat führen können, verurteiknswert sind? Ist es nicht an der Zeit, das Problem der Arbeitsbeschaffung für Graduierte und der friedlicheren Beziehungen .zwischen Majorität und Minorität mit mehr Ernst anzupacken? Trotz allem Gerede von der «Revolte der Jugend» folgt diese immer noch den älteren Führern. Was aber die Universitäten selbst zur Lösung des Problems der Beschäftigung der Graduierten und der Entgiftung der Atmosphäre getan haben, »st — schon nicht zu reden von dem exzessiven Verhalten einiger Professoren — schimpfliches Schweigen. Was geht an dev Wiener Universität vor f Juden, spendet Bäume IBP den (HAJES-WALDE