Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 261 (5.1.1933)
- Date
- 1933-01-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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V. b. b. BEZUGS¬ BEDINGUNGEN Oesterreich monatlich S I 50, vierteljährl. S 4 20, ganr jährl. . . . S 16- Deuttchld. viertel jährl.. . . KM V— Tschechoslowakei vifrielj . Ke 24'— fmioslawien viertel jährl. . Din. 40 — Po en vietteljähr lieh . . Zloty 6 50 Ungarn vietieljähr lieh . . Pengb 4 20 Rumänien viertel jährl. . . I et 120 — l lebriges Ausland vierteljährl. Schw. li Franken 4 50 Jüdistfte Zeitung Preis 35g Erscheint je e en Donnerstag Redaktion und Administration Wien, I., Kärntner strafte 28 Tel. R 27 4 85 Postsparkassenkonti: Oesterr. D 115 546 Polen . . 101.199 Tschechoslowakei . 500.230 Jugoslawien 40.879 6. Jahrgang Wien, Donnerstag, 5. Jänner 1933 <7. Tebeth 5693) Nummer 261 Professor Brodetsky in Wien Imposante ztontsftsche Versammlung Im Hotel Kontinental Große Rede Prof. Selig Brodetskys, des Leiters des politischen Ressorts der Exekutive der zionistischen Weltorganisation und der Jewish Agency. (R.) Universitä^sprofessor Dr. Selig Brodetsky, das hervorragende Mitglied der zionistischen Exekutive, London, weilte von Sonntag, den 1. d. M., bis Dienstag, den 3. d. M. in W i e n, von wo er sich nach Antwerpen begab. Wien ist der vorläufig? Abschluß seiner großen Propagandareise durch Os*- und Mitteleuropa. Wiewohl Prof. Brodetsky, von Budapest kommend, wo er noch den Abend zuvor einen großen Vortrag gehalten hatte, zu früher Morgenstunde in Wien eintraf, ließ es sich der Präsident der zionistischen Organisation, Dr. Oskar Grünbaum, nicht nehmen, den illustren Gast am Bahnhof zu erwarten und zu begrüßen. Während seines kurzen Aufenthaltes in Wien informierte Prof. Brodetsky in zum Teil vertraulichen Besprechungen die führenden Männer unserer Organisation über die Arbeiten der Exekutive. Anderseits benützte das Zionistische Landeskomitee für Oesterreich diese Ge’egenheit, Prof. Brodetsky über die Verhältnisse uer zionistischen Bewegung in Oesterreich z<u informieren. Ein umfangreiches Programm wurde in diesen knappen zwei Tagen von Prof. Brodetsky absolviert. Er hielt Konferenzen ab, außer mit den Führern des Landeskomitees noch mit dem Leiter des Keren Kajemeth, der Histadruth Iwrith — Prof. Brodetsky ist bekanntlich ein großer Förderer der hebräischen Bewegung — konferierte mit Vertretern v.der verschiedenen zion. Parteien und Gruppen, sprach in einer von allen zionist. Jugendgruppen einberufenen Jugendversammlumg, empfing Pressevertreter, erteilte Interviews, stattete eine Besuoh bei Johann Kremenezky ab und nahm als Hauptredner am Parteirat der österreichischen Zionisten teil. Schließlich fand ain Sonntag, den 1. d. M., im Festsaale des Hotels Continental eine vom Zionistischen Landeskomitee einberufene Massenversammlung statt, in der Prof. Brodetsky über «Das zionistische Aufbauwerk in Palästina und seine Zukunft» sprach. Für den Vortrag Pror. Brodetskys gab sich größtes Interesse kund. Lange vor Beginn war der Saal von einem vielhundertköpfigen Publikum bis aufs letzte Plätzchen gefüllt und mußte polizeilich gesperrt werden, so daß eine große Zahl der Erschienenen keinen Einlaß mehr finden konnte. Den überaus interessanten Ausführungen Prof. Brodetskys folgte das Auditorium mit gespanntester Aufmerksamkeit. Der Präsident des Zionistischen Landeskomitees, Dr. Oskar G r ü n b a u m, eröffnete die Versammlung mit einer kurzen Ansprache, in der er den illustren Gast begrüßte, ln großangelegter, freier Rede führte Prof. Brodetsky sjendes aus: Palästina im Aufschwung Palästina ist ji i .i Ja* einzige Land in der Welt, das im ökonomischen Aniscliwnng ist, und unlängst sagte mir ein großer englischer Staatsmann, er wundere sich darüber, daß, während die ganze Welt jetzt im ökonomischen Niedergang begriffen ist, die Wirtschaft in Palästina im Blühen sei. Das ist aber kein Wundei, sondern ein Resultat dessen, daß es eine Nation in der Welt gibt, die in Palästina ihre Zukunft sieht. Aber es ist Tatsache, daß der Anteil der zionistischen Organisation an diesem Aufschwung gering ist, fast unsichtbar. Denn der finanzielle Anteil der zionistischen Fonds Keren Hajessod, bleibt fast jetzt aus. Es sind aber Zionisten da, die behaupten, daß das kein Unglück sei. Das private Kapital wirke dort Großes. Aber vom politischen Standpunkt aus ist es sehr wichtig, daß der Anteil der zionistischen Organisation größer sei. Vor zwei Jahren waren wir gezwungen, gegen den englischen Kurs zu kämpfen, gegen den Versuch der Regierung, die den Zionismus nur auf die Juden Palästinas beschränken wollte. Wir sagten damals, der Zionismus sei die Angelegenheit des ganzen Volkes, die in Potenz zukünftige Bürger Palästinas seien Wir haben auch gesagt, daß wir die Vertreter des ganzen jüdischen Volkes, nicht nur der Juden Palästinas seien, die doch dort schon persönliche Interessen haben. Für Ausbau der Bewegung Und jetzt einiges über die Bewegung. Ich besuchte in den letzten Tagen einige Länder und hörte dort sagen, die zionistische Organisation befinde sich in einem Stadium aea Niederganges. Die Zahl der Schekelzahler sei sehr klein. Man versucht mit unseren letzten schweren politischen Kämpfen diese Tatsache zu begründen. Ich teile aber nicht diese Meinung. Im Gegenteil. Nach den August-Ereignissen war unsere Energie größer als je. Die wichtigste Frage ist jetzt der Ausbau der zionistischen Organisation. Sie existiert und niemals war ein Jude so verbunden mit Palästina wie heute. In Warschau sagte man mir: Nur ein Verrückter kauft einen Schekel in einem kongreßlosen Jahr. Aber das ist nicht richtig. Schekel bedeutet das Wahlrecht zum zionistischen Kongreß. Schekel bedeutet aber auch Mitgliedsausweis der zionistischen Organisation. Gerade in einem kongreßlosen Jahr ist es viel wichtiger, einen Schekel zu zahlen, denn der, der zur englischen Regierung geht, kommt nicht hin als Privatmann, sondern als Vertreter des jüdischen Volkes. Vor zwei Jahren, bei meiner Vorsprache beim englischen Minister, schlug ich auf den Tisch. Der Minister fragte mich verwundert, in wessen Namen ich so energisch auftrete. Meine Antwort war, nicht, daß ich im Namen der Schekelzahler spreche, sondern im Namen der jüdischen Nation. Und damals war gerade ein kongreßloses Jahr. Und für hebräische Erziehung Wir haben die Jüdische Jugend vernachlässigt und vergessen, daß, wenn man ein Land baut, man für die Zukunft baut, ln manchen Ländern befindet sich die Jugend in Assimilation. In anderen Ländern ist die .Jugend noch eine gefährlichere Assimilation für das jüdische Volk. Wir haben -das Hebräische vergessen. Das aber ist doch eigentlich der Hauptsinn des jüdischen Volkes. Der Einfluß Palästinas auf die Galuth ist nur durch die Auflebung des hebi^ischen Kultus möglich. Vor zwölf Jahren, auf der Londoner Konferenz, trat ich an den Vorsitzenden heran mit dem Ersuchen, die Versammlung hebräisch zu leiten. Da bekam ich die Antwort: Wir haben keine Zeit für solche Dummheiten. Seit damals wird auf allen unseren Konferenzen in allen Sprachen, nur nicht hebräisch gesprochen. So war auch die Verhandlungssprache auf der Londoner Konferenz für die Hebräische Universität nicht hebräisch. Und als Bialik auf der Konferenz erschien, schlug de» Vorsitzende vor, man möge zu Ehren des Gastes nicht englisch, nur deutsch sprechen. Aber wenn in einer Gesellschaft eine Minderheit vorhanden ist, die nicht hebräisch kann, soll sie sich in den Winkel zurückziehen und die Majorität nicht zwingen, nicht hebräisch zu sprechen. Das ist auch mit Politik verbunden. Als man vor Monaten vorgeschlagen hat, den Bericht der Exekutive an die englische Regierung hebräisch zu verfassen, warnte mich ein Freund (ein hebräischer Lehrer), man könne dies als Demonstration auf fassen. Das ist richtig. Ich verlange aber eine solche Demonstration. Wir fordern von der englischen Regierung mehr Geld für das Erziehungswerk, ferner Telegramme mit hebräischen Lettern, aber die Frage ist, ob auch die Zionisten sich solcher Telegramme bedienen werden. Auf dem letzten zionistischen Kongreß in Basel schickte die englische Regierung einen Vertreter und er mußte dort Deutsch lernen, um zu verstehen, was gesprochen wurde Wir gewöhnten uns, Palästina als einen Schliach zibur (Vorbeter) für die Galuth und uns aber in der Galuth als von der Pflicht, hebräisch zu lernen und zu sprechen, befreit zu betrachten. Rekord-Einwanderung ln diesem Jahre, heißt es allgemein, habe es eine große Einwanderung gegeben. Doch dies darf man nicht überschätzen. Es war wohl eine große. Aber das Wort «groß» hat hier keine Bedeutung, ist relativ und wenn man die jüdische Einwandeiung mit dem Maßstab vom Jahre 1831 mißt, ist sie eine große gewesen. Für 1932 aber gilt ein anderer Maßstab. Wieviel Juden brauchen wir noch dort, um so schnell als möglich in Palästina eine jüdische Bevölkerungsmehrheit zu haben Und deshalb sind die 15.000 Einwanderer in diesem Jahre wenig. Die Freude darüber ist ein wenig übertrieben. Man hat geschrieben, das Jahr 1932 sei ein Rekordjahr. Das stimmt nicht. Wohl aber kann man von einem gewissen Fortschritt sprechen, der auch ein politischer war. Nicht nur, daß die englische Regierung ungefähr 7000 Zertifikate freigegeben hat, was wohl ein Rekord ist, sondern auch, daß in diesem Jahre ein großer Teil der Juden als Touristen nach Palästina gegangen ist und vergessen hat, in die frühere H<‘ ‘ -•'«'^zukehren. Ein wichtiges Problem bei der jetzigen Alijah bildet die sogenannte Mittelstandseinwanderung, ln bezug auf diese Frage können wir sagen, daß es Möglichkeiten gibt, die man nicht ohneweiters ausschalten kann. Bodetiproblem und Araberfrage, Kolonisations- und Wirlschaftsproblem Bezüglich der Bodenfrage in Palästina ist zu bemerken: Die Untersuchungen und Berichte von Mr. French waren bekanntlich darauf basiert, daß in Palästina ein großer Teil von Arabern durch Juden verdrängt worden ist Vor drei Jahren entstand die große Frage, wieviel Araber verdrängt wurden. Und unsere Stellung in Palästina gegenüber den Arabern wurde verwandelt aus einem Kolomsationsproblem in ein Wirtschaftsproblem ernstester Art. Und so lange man glaubte, daß wir durch unsere Arbeit in Palästina ein Wirtschaftsprüfern für die Araber bedeuten, war der Widerstand gegen uns in England. Man argumentierte: Die armen, ungebildeten Araber in Palästina müssen gegen, die reichen, starken und ausgebildeten Juden geschützt werden. Und diese Theorie entstand dadurch, daß man behauptete, daß wir Juden in Palästina die Araber ausbeuten. In Budapest z. B. — erzählt Prof. Brodetsky — sagte ihm sogar einer der bedeutendsten Juden dieser Stadt: Es ist alles recht, schön und gut. Aber dieses Problem der Araber, was ist damit? Dieses wirtschaftii'dhe Problem der Araber in Palästina ist nun verschwunden. Die Verleumdung, wir verdrängen die Araber, ist erwiesen als —■ Verleumdung. Und dies nicht von uns. Sondern von der Regierung. Und zwar von French selbst (dem inzwischen zurückgetretenen Landentwicklungsdirektor. Anm. d. Red.). Die Regierung selbst gab dies freimütig zu. Von den 4300 registrierten Arabern konnten im ganzen nur 365 als depossedierte bezeichnet werden. Also fast 90 Prozent sind von der Oberfläche einfach verschwunden. Sie sind also nicht verdrängt worden. Und deshalb ist die Gefahr der Bodenbesetzung in Palästina, die Gefahr, die vor einem Jahre noch so groß war, vorbei, weil sich die Regierung von der wirklich' n Lage überzeugen Heß. Was wir in Palästina suchen Und nun zum politischen Problem des jüdischen Volkes. Nehmen wir an, daß wir von der Regierung alle Erleichterungen bekommen, unzählige Zertifikate, keine Schwierigkeiten in bezug auf Bodenerwerb usw. Wenn unsere Situation in Palästina dieselbe ist wie die einer anderen jüdische;'. Minorität in einem anderen Lande, so ist das noch lar^e nicht die Verwirklichung des Zionismus. Unser Rech“ -af Palästina ist im Mandat verankert. Hier wurde zum Ausdruck gebracht: Wir haben ein Recht auf Palästina, nicht nur ein theoretisches, sondern auch ein praktisches. Jeder Jude als Jude und weil er Jude ist, kann behaupten, daß er auf Palästina ein Recht besitze. Diese Formulierung finden wir insbesondere im Churchillschen Weißbuch vom Jahre 1922 (in diesem heißt es bekanntlich, daß die Juden nicht kraft Duldung, sondern kraft ihres Rechtes in Palästina leben. Anm. d. Red.). Prof. Brodetsky kommt nun auf die Frage des Legislative Council zu sprechen. Legislative Council oder schlecht übersetzt, gesetzgebender Rat oder, noch schlechter, Parlament nehmen gegenwärtig einen gewissen Raum in einem Teil der zionistischen Presse ein. Die Nachricht, es wurden bereits drei Juden für den Legislativ Council ernannt, ist allerdings aus der Luft gegriffen. Hier wollen wir vor allem folgendes fe~* stellen: Wir haben kein Projekt von dei Regierung bekc men und daher auch keines akzeptiert Diese ganze Fr; erscheint bloß jetzt als eine prinzipielle. Die Frage ist ni' wieviel Juden in dieser Körperschaft vertreten sein wer und wieviel Araber? Nicht welcher Rahmen, welche Gai tien wird es für unsere Arbeit geben Die Frage ist vielnv Für oder gegen. Unsere Antwort auf diese Frage basiert Instruktionen, die wir vom Aktionskomitee vor zweiein Jahren bekommen haben. Und sie ist eint negative. . das ist nicht das wichtigste. Was ist eigentlich der G. unseres Nein, unserer Ablehnung? Ist es nur, weil wir > wollen, daß diese Körperschaft eine kleinere Zahl von Juu. als von Arabern umfaßt? Ist es, daß wir fürchten, daß die Regierung die Garantien, die sie uns verspricht, nicht wird halten können? Für mich — sagt Brodetsky — liegt die Sache folgender-» maßen: Wozu brauchen wir Palästina? Was machen wir in Palästina? Hier in Wien gibt es z. B zweihundderttausend Juden. Ohne diesen nahezutreten, bedeutet Wien doeb nicht