Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 259 (22.12.1932)
- Date
- 1932-12-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 259 — 22. Dezember 1932 LHH S UMME SeHe 3 CHANUKAH 5699 Die Söhne dev Nakkabäer Von abttvrnbMiMv Prof« Zwl Pcvez Chajas i. Ä. Marek Scherlag; Chanukah I. Soeben erschien über Oberrabbiner Prof. Z. P. Chajes ein zweibändiges Werk, das Studienrat Prof. M. Rosenfeld zum Verfasser hat . , . Mit Genehmigung des Autors veröffentlichen wir im folgendem aus dem ersten Band «Reden und Vorträge» eme am ersten Chanukah-Abend des Kriegs winters 1914 in Triest gehalten« Rede. ✓nto Redaktion.) Von unseren Festen, die alle einen rein nationalen Hintergrund haben, verherrlicht keines, wenn man das heutige ausnimmt, ein Ereignis kriegerischer Natur. Aber auch bei unserem Feste, welches an das epische Ringen des jüdischen Volkes um seine Freiheit gegen den frechen Eindringling erinnert, einem Feste, das den denkwürdigen militärischen Unternehmungen der Hasmonäer geweiht ist, dem unvergleichlichen Heldenmut ihrer Scharen, auch bei diesem versuchte die spätere Tradition — und nicht ohne Erfolg — es seines wahren Charakters zu entkleiden und in die erste Linie ein Wunder zu stellen, bezüglich dessen dieselbe Tradition nicht einmal einmütig ist und das sich in einer Oellampe in dem von den Makkabäern von neuem geweihten Heiligtum ereignet haben soll. Vielfältig waren die Gründe, die zu dieser Entstellung dieser unserer Feier führten: Die sicherlich nicht unverdiente Abneigung, welche die letzten Fürsten der glorreichen Dynastie im Gemüt des Volkes und der berufenen Führer anzuhäufen wußten, eine Abneigung, die fast einen Schleier über die heldenmütigen Taten der großen Bahnbrecher unserer Wiedergeburt breitete und die sogar riet, Feste abzuschaffen, die an den Ruhm der erhabenen Befreier erinnerten, wie den sogenannten Tag des Nikanor, das Andenken an den Sieg Judas über einen der mächtigsten und grausamsten Feinde Israels, ein Fest, das von den Rabbinen durch das Fasten, das dem Purimtage vorangeht, ersetzt wurde. Ueberdies trug dazu noch die Tatsache bei, daß jetzt nach so vielen Jahrhunderten, nämlich seit dem Aufstand des ebenso wunderbaren wie unglücklichen Barkochba die j ü d ische Nation als solche nicht mehr die Waffen ergreifen konnte, um das ursprüngliche Vaterland und die eigene Existenz als Volk zu verteidigen, was natürlich das Interesse unserer Väter an den militärischen Gedenktagen unserer Vergangenheit schwächen mußte. Es ist das unbestreitbare Verdienst unsererjieutigen Generation, dem Ghanukkahfest die wahre B*edeutung und seine geschichtliche Physiognomie wiedergegeben, dem Werke der Söhne des Matatia den hervorragenden Platz zurückgegeben zu haben, der ihm in den Annalen des Judentums zukommt. Jetzt, da wir die Wiedergeburt unseres Stammes und unserer Erde nicht bloß erträumen, sondern diesem Ideal unsere besten Energien widmen, verehren wir in den heldenmütigen Brüdern die geistigen Väter der heutigen Bewegung, wir erwärmen am Feuer ihrer Begeisterung unsere Herzen, das von ihnen entzündete Licht führt uns auf dem rauhen Wege, den wir zu durchlaufen haben. Aber in diesen Tagen erstehen den Makkabäern Söhne, da wir am wenigsten erwarteten, sie zu finden, Söhne, über die sich selbst das erhabene Geschlecht von Modin wundern würde, sie unter den Seinen zu sehen. «Und Du wirst in Deinem Herzen denken: Wer hat mir dieses ganze Geschlecht geschaffen?» (Jesaia 49, 21). Viele unter uns nämlich, welche die Ideale, deren Triumph die Makkabäer alle ihre Kräfte widmeten, am energischesten verneinten, bekennen sich jetzt dazu, ihr Werk fortzusetzen. Wenn man von den edlen Heldentaten erzählt, welche von unseren Brüdern heute auf allen blutigen Schlachtfeldern des blutigen Weltkrieges vollführt werden, besinnen auch jene Vertreter der jüdischen öffentlichen Meinung, die bis jetzt die Existenz eines geeinigten und einigen Israels nicht anerkannten, sondern die nur von Deutschen, Franzosen, Engländern, Italienern und, um vollständig zu sein, die auch von Russen «mosaischer Konfession» sprechen, unsere Helden von heute als würdige Söhne der Makkabäer und erregen die kriegerische Begeisterung unserer Jungen durch die Erinnerung an das hochherzige Beispiel der antiken Helden. Indem sie derart sprechen, beweisen sie, daß sie gleichzeitig den grundlegenden Fehler der Vorstellung anerkennen, die sie sich vom Judentum gemacht und die sie bis nun mit allen Kräften verteidigt hatten. Denn s*?rlich müssen sie zugeben, daß die Maki;. j nicht Juden als ihre Söhne betrachten könnten, die das Judentum auf die Synagoge und auf die Sitzungen unserer administraj tiven Körperschaften beschränkt sehen möchten, um sich im übrigen seiner im öffentlichen und privaten Leben in allen Aeußerungen der modernen Zivilisation zu entledigen, wie sich einer seiner Kleider entledigt. Sohn der Makkabäer sein bedeutet natürlich nicht, noch kann es nur bedeuten, sich in den Schlachten wie ein Held betragen, denn um dies auszudrücken, müßte man unsere Tapferen nach der Staatszugehörigkeit des einzelnen benennen: Söhne Napoleons und Moltkes, Nelsons und Radetzkys, Garibaldis und Suveroffs. Dagegen bedeutet Söhne der Makkabäer sein: Sich in allen Lagen des Lebens der eigenen Pflichten gegen unser Volk und seine Ideale erinnern, bereit sein, sich für die Aspirationen Israels in welchem Augenblick immer aufopfern. Ein Vers der Psalmen, der mit großer Wahrscheinlichkeit der Epoche Judas und seiner Brüder angehört, sagt von ihnen: «Das wunderbare Schwert, das in ihrer Hand leuchtete, diente dazu, um die göttliche Sache triumphieren zu lassen» (Psalm 149, 6), die Sache Israels, und sie glaubten diesen Triumph nicht damit erreicht, daß sie die Freiheit des ererbten Gottesdienstes sicherten, sondern nur dadurch, daß sie die natürliche Entwicklung des Volkscharakters sicherten, die Unabhängigkeit ihrer Kultur auf feste Basis stellten und die Wiedergeburt ihrer Sprache. Dem Werke der Makkabäer verdanken wir einen prächtigen Frühling unserei Literatur, eine Erneuerung des Interesses der ganzen Nation für ihre Geschichte und für ihre Mission in der Welt. Dennoch, meine Freunde, haben wir das Recht, von unseren Brüdern, die als Soldaten an der europäischen Konflagration teilnehmen, in einem gewissen Sinne als Fortsetzern der edlen Bemühungen der Söhne des Matatia zu sprechen. Und hier möchte ich Eure Aufmerksamkeit auf eine Tatsache lenken, die ich als Tat von epochaler Wichtigkeit für unser Volk bezeichnen möchte. ... Es ist eine neue Erscheinung, deren großer innerlicher Wert niemandem entgehen kann: Von Seite der öffentlichen Gewalten wird dem jüdischen Volk das Recht zuerkannt, seine Interessen zu interpretieren, — die schließlich mit den Interessen der Menschlichkeit zusammenfallen — in diesem historischen Moment, in dem sich vielleicht eine neue Welt vorbereitet. Und deshalb glauben wir uns nicht zu täuschen, wenn wir behaupten, daß unter den unzähligen Opfern des gegenwärtigen Krieges auch eines sein wird, dem wir jedoch sicher keine Träne des Bedauerns nachwejnen werden: Man wird nämlich den Leichnam jener monströsen Auffassung des Judentums, deren wir schon früher Erwähnung getan — —— Zwischen meinen Augenliedem hab ich endlich Schlaf gefangen, dem ich müde immer wieder anverdrossen nachgegangen. Meine Lippen fanden wieder des Gebetes Wort and Weise. Das als Kind ich mit der Mutter sagte abends fromm and leise. 11. Des Tages trübe Strömang trag mich einem Eiland jäh vorbei. Wie Gold entquoll das Oel dem Krag and friedlich schien der Lichtlein Reih. Dem Segen war das Haas geweiht, wo man des Bundes froh gedachf — in meinem brauste hin die Zeit: Lichtloser Tag, schwerdunkle Nacht. haben, finden, die zwischen unserer Vergangenheit und unserer Gegenwart einen ganz tiefen Abgrund gräbt, welche die Erbschaft des Blutes verneint, da* sich doch nie verleugnet, die Erbschaft der Jahrtausende von Märtyrern und Kämpfen, und die uns in ein neues Ghetto, aus der Synagoge und dem Sitzungssaal bestehend, sperrt. Eine Auffassung, ohne Lebensfähigkeit geboren, die sich nur auf ganz künstliche Art erhalten konnte, dank der fortwährenden Injektionen von Phrasen ohne Inhalt. Mit einem Worte, das vermutlich auch aus der Zeit unserer unvergeßlichen Befreier stammt, sagen auch wir: 1 o hametimjehallelujah (Psalm 115, 17). Ein solcher Schatten des Judentums, solch ein «lebender Leichnam» kann nicht den Ruhm des Göttlichen in uns vorstellen. Waanachnu newarech Jah. Nur wir, für die die ganze Vergangenheit des jüdischen Volkes ein lebender und wesentlicher Teil der Gegenwart ist, für welche die Gegenwart die Brücke ist, welche die Vergangenheit mit der Zukunft verbindet, nur wir, die wir die Stimme Israels, nicht bloß die einzelner Juden gehört und beachtet wissen wollen, so in den Synagogen wie auf der Straße, in den Häusern ebenso wie im öffentlichen Leben, kurz und gut bei allen Kundgebungen der modernen Zivilisation; nur wir haben das Recht, Gott zu danken für die ewigen Kräfte, die er unserem Volke gewährt hat; nur wir können und müssen diese Kräfte, die, wie sie bei den Makkabäern Wunder bewirkt haben, sie auch in unseren Tagen bewirken können und müssen, nur wir können und müssen diese Kräfte wieder ins Leben rufen, um sie fortzupflanzen auf die Nachkommen für alle Ewigkeit. Hudo Zuckermanit (Anläßlich des Todestages am 25. Dezember) Aus dem Zyklus: Jüdische Schattenbilder Vm Z. F. Finkelsfcl« Zu Chanukah des ersten Kriegsjahres schrieb er sein letztes Gedicht. Da lag er von russischen Kugeln durchschossen als namenloses Wrack in einem polnischen Feldlazarett — und diktierte mit verhauchendem Atem der Krankenschwester, die mühsam dem Lispeln des Todgeweihten lauschte. Ein Trostbrief war’s für die junge, bangende Gattin in Meran und ein Kampfruf an sein Volk: «Die Makkabäer!» Klingt es nicht wie ein Symbol? Ein jüdischer Kriegsheld der Neuzeit erlebt in seinen letzten Fieberträumen die Vision uralten nationalen Heldentums und da er das Leben nicht mehr zu gestalten vermag, ersteht ein flammendes Heldenlied als Testament eines stolzen, wehrhaften Juden. — «Macht den Tempel rein — laßt unsMakkabäer sein.» * Ein Held und ein Dichter. Der Kriegsausbruch bedeutete für ihn seelische Wandlung und nationale Erfüllung. Wie so viele sah er im Ansturm kämpfender Millionen die Morgenröte einer geläuterten Menschlichkeit und wie vielen Juden erwuchs für Zuckermann der Krieg mit Rußland zum Rachefeldzug wegen Kiszinew. Rache für die Hekatomben des zaristischen Systems und Rache für die unzähligen jüdischen Pogremopfer. So rückte er sofort nach Ausbruch des Krieges mit seinem Regiment gegen die russische Front. Kämpfte für Oesterreich und verblutete fürs Juden« tum. Und wandelte sich allmählich zum Dichter. Im Sturmgetöse der Schlacht schuf er seine schönsten Lieder. Sie flatterten namenlos von Schützengraben zu Schützengraben und erklangen in natürlicher Musikalität in so manchem Regiment, das in Todesgrauen des Befehls harrte, um im nächsten Drahtverhau zu verrecken. Ein Jude schuf die schönsten deutschen Soldatenlieder des Weltkrieges. Es glühte in ihnen dit ahnungslose Begeisterung von Heerscharen, die patriotischer Dünkel einer Kamarilla in den Tod peitscht« und es durchzitterte, sie, die Hoffnungslosigkeit armseliger Kreaturen, die schicksalhaft zum Opfertuni für Generationen ausersehen wurden. Ueber dem «Reiterlied» Zuckermanns erstrahlt die Sonne echter Volkslyrik. Wie das ferne Echo von Meereswogeü hallt hier ein verhaltenes Klagen von Namenlosem deren fatalistische Erhebung in das Schicksal vom Flügelschlag des Todes umdüstert wird. Das unmife« telbare Erlebnis einer jüdischen Dichterseele erstarrt« hier weit über das Zeitgemäße eines Krieges zum Sinnbild geknechteter Menschlichkeit. Das Heroisch« und das volkshaft Naive fließen hier harmonisch In« einander und diese Elemente sind es, die dieser wiiH zigen Dichtung Weltgeltung verliehen. Espochtiß ihr das Herz des Unbekannten Sold«», t e n. Wenn Männer wie Fliegen fallen, hören die Uh* terschiede der Volkszugehörigkeit, Bildung, RAßflUttl