Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 259 (22.12.1932)
- Date
- 1932-12-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE STIMME Nr. 259 — ti. Dezember \\)62 Noch M Polen nicht verloren«.. Zu den Judenexzessen le Polen Von Pi. Jakob Roscalbal «Noch ist Polen nicht verloren» — Jahrhunderte hindurch erschallte dieser Ruf aus tausend und abertausend Kehlen freiheitstrunkener Polen. Seit der Zerstörung ihrer einstigen stolzen Selbstherrschaft, der Vernichtung ihrer staatlichen Unabhängigkeit, mußten sie zuerst lange mitansehen, wie die Ober alles geliebte polnische Heimat ausschließlich Tauschobjekt europäischer Mächtegruppen wurde, mußten sie nach dem kurzen Traumintermezzo, das ihnen Napoleon vorgaukelte, erleben, wie Wien und Petersburg, Habsburger und Zaren über;hr Schicksal z» entscheiden hatten. Dei natürliche Abwehrkampf gegen die Unterdrückung der eigenen Nation löste bei den Polen allmählich einen ausgeprägten Freiheitssinn aus. Auf den Parrikad'm fast aller nationalen Freiheitskämpfe des (evolutionären Europas des vorigen Jahrhunderts sirlti und kämpfte die freiheitsirunkene polnische Jugend. Freilich — polnische Jugend war damals ein Sammelbegriff. I n und m i t ihr kämpften nicht weniger j ü d i s c h e Jünglinge, die durch die jahrhundertelange Knechtung und Unterdrückung ihres eigenen Volkes von den Freiheitsideen jener Zeit sich nicht weniger mächtig angezogen fühlten, als ihre polnischen Kameraden. Und als gar die Morgenröte der Befreiungsstunde in den Sturmtagon 1917/18 in greifbare Nähe rückte, waren es wieder tausende und abertausende jüdische Studenten, die die Reihen der polnischen Legionsregimenter füllten. «Noch ist Polen nicht verloren» — der Schlachtruf, der durch Jahrhunderte historischen Geschehens schallte, ward in unseren Tagen wieder laut. Und Polen war nicht nur noch nicht verloren, es entstand auf den Trümmern jener Mächte, die ihm so lange sein Recht auf nationales Eigenleben genommen, die Jahrhunderte bekriegt, unterjocht hatten. Noch ist die historische Distanz zu diesen Kämpfen, die sich ikr den Sturmtagen 1917/18 hinter den Kulissen der Schützengräben in den Räumen der Kriegskabinette in New York, London, Paris abspielten, eine zu geringe, noch sind die Faszikel der Archive über diese Arbeiten der polnischen, tschechischen, jugoslawischen Emmissäre nicht genügend durchforscht, um alle jene Erscheinungen, die einen Teil Europas in so außerordentlich revolutionärem Maße im vollsten Sinne des Wortes umgestalteten, in historisch richtiger, abwägender Weise beurteilen zu können. Aber eines steht heute schon unwidersprochen fest. Der Anteil der Juden an den Kämpren in den Schützengräben und in den noch mehr entscheidenden der Diplomatie, um die Errichtung eines selbständigen polnischen Staates, ist unbestritten ein ganz gewaltiger. Denn es war nicht so, daß die Polen aus und mit ureigenster Kraft ihre staatliche Unabhängigkeit erlangt hätten. Es war nicht etwa so, daß die Begeisterung um die nationale Wiedergeburt die polnische Reiterei so beflügelt hatte, daß sie in ungestümen Attacken den Feind aus ihrem Lande einfach davongejagt hat. Nein. Die polnische Staatengründung in den Tagen 1917/18 war weniger der Tapferkeit ihrer nationalen militärischen Kampfformationen zu verdanken, als zum größten Teile das Produkt der europäischen Kriegsdiplomatie der Ententemächte. Das historische Verdienst der Führer dieser aufstrebenden Völker wie eines Masaryk, Benesch und P aderewsky bestand eben darin, den psychologischen Augenblick für die Realisierung ihrer nationalen Bestrebungen richtig und rechtzeitig erkannt und darnach gehandelt zu haben. Zunächst, was Polen anbelangt, kam es vor allem darauf an, die Entcntediplomatie Über das spezielle Polenproblem im Gesamtkomplex der Habsburgerfrage zu informieren und die nationalen Wünsche geltend zu machen. Aber die polnischen «Staatsunterhändler», die New York und London und Paris mit ihren Petitionen überfluteten, und sich quasi als Abgesandte eines bereits bestehenden Staates fühlten, wurden bitter enttäuscht. Es hieß jetzt erst Empfehlungen zu suchen, Verbindungen anzuknüpfen, um zu den einflußreichen Diplomaten vorzukommen. Und hier beginnt die historische Rolle der Juden an dem Zustandekommen des polnischen Staates. Hier waren es vor allem die Juden Amerikas, die durch ihren großen Einfluß Im amerikanischen politischen und wirtschaftlichen Leben den nach Amerika entstandten polnischen Unterhändlern mit so tätigem Rat zur Seite standen. Der verstorbene Oberrichter Louis M a r s h a 11 und das Mitglied des Obersten Gerichtshofes in Amerika, Louis B r a n d e i s, der zur Zeit der Präsidentenschaft Wilsons im Vordergrund des politischen Lebens in Amerika stand, diese zwei Zionisten und Führer des amerikanischen Judentums, die persönlichen Freunde Wilsons waren es, die die Aufgaben der polnischen Emissäre ungemein förderten. Und gar erst bei der Friedenskonferenz in Paris waren es die Mitglieder der jüdischen Friedensdelegation, die Männer des Comitee des Deiegations Juives, hier vor allem dei unermüdliche verstorbene zionistische Politiker und spätere Sejmabgeordnete Dr. Leon Reich, ferner Dr. Oslas Thon und viele andere, die mit nicht weniger Energie und restloser Hingebung für die Realisierung des nationalen Polentraumes, als für die Verankerung der nationalen Minoritätenrechte der Juden in den neuen nationalen Gebilden des Ostens kämpften. Die Millionen Juden, die heute in Amerika leben, die erst vor einem halben Jahrhundert noch als Pogromflüchtlinge ihre osteuropäische «Heimat» in panikartiger Flucht vor plündernden und raubenden Schiachzizen und Kosaken verlassen haben, sie wprden jetzt plötzlich von den Vertretern dieser kleineren und größeren Nationen Osteuropas bestürmt und überlaufen. Gewiß, der Dank für diese jüdische Waffenbrüderschaft und für die große diplomatische Hilfe der amerikanischen Juden wurde von den Polen an die polnische Judenheit in unheimlich prompter Weise abgestattet. Es war der fürchterliche Pogrom in Lemberg im Jahre 1918, einer der grausamsten in der wohl beüchtigten Pogromgeschichte Osteuropas. Eine furchtbare Trauer erfüllte ln jenen Wintertagen des Jahres 1918/19 das polnische Judentum wie das der ganzen Welt. Ein Schrei der Verzweiflung ging damals durch die Judengassen des Ostens. Deshalb hatten die Juden Polens ihre Söhne, oft die einzigen Kinder, die die Ernährer der Familie waren, in den Schützengraben geschickt, für die polnische Unabhängigkeit verbluten lassen, damit die polnische Soldateska um so leichteres Spiel habe. Eine Protestwelle erfaßte die ganze Welt. Von New York bis Wien und Paris erhoben die Juden gegen dieses unsinnige Morden und Abschlachten ihrer wehrlosen Brüder Protest. Trotzdem, ais der junge polnische Staat gleich nach seiner Geburt in Kämpfe mit Rußland verwickelt wurde, waren es wieder Juden, die mit Polen Schulter an Schulter das eben geborene Vaterland verteidigten. Wie groß die Zahl dieser jüdischen Nationalhelden, die im Kampf um die Verteidigung des neuen polnischen Vaterlandes den Tod fanden, zeigt so deutlich ein Rundgang durch die Arkaden der Universitäten Krakau, Wilna, in deren Hallen es von Ehrentafeln für gefallene jüdische Hörer, die als Legionäre, als Frontsoldaten für Polens Befreiung ihr Leben ließen, nur so wimmelt. Es sind dieselben Arkaden, in denen nun seit etwa zwei Wochen jüdische Studenten einem wüsten Terror seitens ihrer nationalistischen Komilitonen ausgesetzt sind. Als Hintergrund dieser Studentenexzesse wird von offizieller politischer Seite das Bestreben der das Pilsudski-Regime bekämpfenden national-demokratischen Rechtsopposition bezeichnet, das auf die Schädigung des Ansehens der gegenwärtigen polnischen Regierung im Auslande durch die Judenexzesse hinzielt. üb die Auffassung der Regierung von der eigentlichen Motivation dieser Ausschreitungen richtig ist, sei dahingestellt. Tatsache aber ist, daß hier nach altbewährtem Muster verfahren wird. Die radikale Bewegung, die mit dem gegenwärtigen Regime unzufrieden ist, sucht sich, wenn sie zu schwach ist, dieser Macht selbst entgegenzutreten, für Ihre Operationen den Punkt des geringsten Widerstandes aus. Das waren und sind noch immer die Juden. Die Unruhen in Polen haben Im Auslande, insbesondere Amerika, große Bestürzung hervorgerufen, ln London und in New York wurden in vom American Jewish Council, dem American Jewish Congreß und der Föderation polnischer Juden veranstalteten Massenversammlungen energische Protestrevolutionen gegen die antisemitischen Ausschreitungen in Polen gefaßt und die große Sorge um das weitere Schicksal der Juden in Polen zum Ausdruck gebracht Auch die Internationale Liga zur Bekämpfung desAnti semitismus in Pari s hat in einer Protestkundgebung, an der etwa 5000 Personen teilnahmen, und in der unter anderen Henry Barbusse, Bernard L a c a c h e und Vertreter der Geistlichkeit sprachen, die Antisemitenhetze ln Polen aufs schärfste gebrandmarkt. «i Ist derzeit auch die von Studenten eingeleitete antisemitische Welle in Polen noch nicht verebbt, flackern in zahlreichen Städten noch immer neue antijüdische Unruhen auf — früher oder später wird es ja doch, nicht zuletzt unter dem Drucke des Auslandes, der Regierungsgewalt gelingen müssen, weitere Ausschreitungen zu verhindern und den Exzedenten das Handwerk zu legen. Aber wie lange noch werden die drei Millionen Juden in Polen Spielball der Austragung jeweiliger Gegensätze der verschiedenen Landesparteien sein? Zu der würgenden Wirtschaftsnot, zu deren ausgesuchtesten Opfern die jüdischen Massen Polens gehören, zu der Tragödie der Deklassierung der polnischen Juden, des Hinausgedrängtwerdens aus allen früheren wirtschaftlichen Positionen des Landes gesellt sich nun noch die Angst und Bangigkeit um das nackte physische Leben. Wie lange wird der Dank für jüdische Hilfs- und Opferbereitschaft mit Blutvergießen quittiert werden? Wie lange noch? Dr. Franz Hobler — 50 Jahre alt Dr. Franz Hobler, einer ger geschätztesten Rechtsanwälte Wiens, der eine Reihe bedeutsamer Schriften über Rechtsfragen veröffentlicht hat und überdies durch seine rege Anteilnahme an der pazifistischen Bewegung werten Kreisen rühmlich bekannt ist, hat einen großen Teil seines Lebenswerkes der jüdischen, namentlich der zionistischen Bewegung gewidmet und verdient deshalb auch den Dank der zionistischen Kreise. Schon als Gymnasiast in seiner Heimat Jungbunzlau, zwischen dem tschechischen und dem deutschen Nationalismus eingekeilt, kam ihm, ohne jede Vörkenntnis Herzls öder der anderen/ völlig originell der Gedanke eines jüdischen Nationalheinis in Palästina. Eine nähere Bekanntschaft mit Professor Masaryk, in späterer Zeit namentlich der Eindruck des HHsnec-Prozesses, in dem Masaryk bekanntich ent-, scheidend eingriff, befestigten die zionistische Idee in dem jungen Juristen. Im Jahre 1901, später 1903, sehen wir ihn als Berichterstatter eines Masaryk-BIattes, gleichzeitig aber auch a!» Delegierten der sogenannten «Jungzionisten», jener Opposition* die bekanntlich von Weizmann und Buber geführt wurde und aus der nachmals die «Demokratische Fraktion» hervorging. Hobler studierte an den Universitäten Prag, Wien und Berlin die Rechte, interessierte sich aber schon damals für die Fragen der Politik, der Kultur, der Kunst. Er trat in freundschaftliche' Beziehungen zu Martin Buber, Nathan Birnbaum und Berthold Feiwel und nahm an den kulturellen Bestrebungen des jungen Zionismus lebhaftesten Anteil. Gleichzeitig aber verfolgte er seine juristische Karriere und gab bald die bekannte Sammlung «Das Recht» heraus. Im Krieg zur Einrückung gezwungen, trat mehr und mehr die Idee des Pazifismus in den Vordergrund. Nun folgt die Herausgabe von Kants Schrift vom «Ewigen Frieden» und die Gründung des «Bundes der geistig Tätigen» sowie seine Fühlungnahme mit dem internationalen Pazifismus. Als vorläufig letztes Glied dieser Entwicklungsreihe dürfen wir die Herausgabe des großangelegten Handbuches des aktiven Pazifismus unter dem Titel «Gewalt und Gewaltlosigkeit» buchen, an dem außer dem Herausgeber Persönlichkeiten wit Romain Rolland, Mahatma Gandhi, Stefan Zweig, Theodor Lessing, Hans Hohn, Alfred Adler, Leonard Nelson und v. a. mitwirkten. Niemals aber hat Dr. Kobler, der hervorragende Kunstfreund, in dessen Haus die besten Geister Wiens ein und aus gingen, gehört sein intensives Interesse für die jüdisch» Erneuerung zu bekunden, namentlich im Rahmen der «Jüdischen Moderne», gemeinsam mit Dr. Kadisch, Bernhard Tag und Weisengrün. Dr. Kobler ist seinem ganzen Wesen nach ein geborener Verteidiger, Verteidiger de« Rechtes auf Menschenglück und Menschenwürde, nicht nur seiner Angeklagten, sondern aller Menschen und ganz besonders seines jüdischen Volkes. Nicht unerwähnt soll zuletzt seine treffliche Dramatisierung und Bearbeitung des Plato’sciien «Gastmahls» bleiben, die er gemeinsam mit Dr. Ernst Müller durchgeführt hat und die bei wiederholten Aufführungen in der Urania großen Beifall errang. Auch dieses kleine Werk gehört zum Wesen des Kobler’schen Humanismus — und seiner Humanität Dr. Marfha Hofmann. Mil spendet Bäume im Chaius Waide zwecks Komplettierung desselben