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Die Stimme · 1932-12-22 · Heft 259 (22.12.1932) · page 1

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Journal
Die Stimme
Volume
5 (1932)
Issue
Heft 259 (22.12.1932)
Date
1932-12-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
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V. b. b. BEZUGS- BEDINGUNGEN Oesterreich «ernstlich S I 50, vierteljihrt S 4‘20, ganajMhrl . . f 16'— Deutsch!«! vierteljihrl RM V- Tttcheeboelowaket viertel] Kr 24‘— luKoelswieiJ viertel jährl Dia 40 — Po er viertelllhrlich Zloty ft 50 Ungarn vieneljihr lieh Pengo 4 20 RumlateD viertel jährl Lei 120'- Uebriger Audam* vierteljlhrl Schw Frankei 4‘50 Titl.Universitäts Bibliothek^ 1.Universität 1 Preis 35g Cvsdietat Demitniag fUdaktte» twd Adwinietretion Wen, L, Kärntner stra&e 18 TÜ R-27 4-8« Postsparkassen Konti: Oesterr. D 113.546 Polen 191.199 Tscheche Slowakei . 500.230 fueoelawiefi 40.879 jiidisdte Zeitung 5. Jahrgang Wien, Donnerstag, 22. Dezember 1932 (23. Kielew 5693) Nummer 259 TrBnentiasboiiiben Ober Wien In den Wiener Kirchen wird seit Wochen gepredigt: «Ehre sei Gott in der Höh* und Friede den Menschen auf Erden». In den Wiener Straßen jedoch beschmierten Hakenkreuzlertrupps die Spiegelscheiben der jüdischen Geschäfte mit ätzenden Säuren, beklebten die Geschäftsportale mit Flugzetteln «Kauft nicht bei Juden», und den Höhepunkt erreichte der Rummel, als Im Warenhaus Gerngroß am Goldenen Sonntag Tränengasbomben geworfen wurden. Wir haben eine sehr findige Polizei, die imstande ist, wenige Stunden nach Auffindung eines menschlichen Fußes in der Donau des Mördershabhaft zu werden. Gegenüber den Hakenkreuzlern hat die Kunst der Wiener Polizei bisher versagt Jedes Kind ift Wien wußte, daß der Boykott jüdischer Geschäftsleute seit Wochen von der Hakenkreuzpresse gepredigt wurde, daß die nationalsozialistische Partei Flugzettel verbreitete, in welchen jeder Christ als Verräter gebrandmarkt wurde, der. bei Juden einkaufe. Trotzdem war die Polizei ratlos, konnte der Täter nicht habhaft werden und die nach den Enthüllungen der «Arbeiterzeitung» verhafteten Nationalsozialisten konnten bisher nicht überwiesen werden, daß sie die Bombenwerfer seien. Wir werden vielleicht das gleiche Schauspiel erleben wie bei dem Hakenkreuzüberfall auf das Bethaus in der Sperlgasse. Damals hat der Staatsanwalt keinen Anlaß gefunden, gegen die verhafteten Hakenkreuzler einzuschreiten; ein Entschluß, der in der ausländischen Presse lebhaftes Kopfschütteln erregt hat. Auch jetzt bedurfte es erst energischer Interventionen der zionistischen Kultusmandatare, um z. B. die Staatsanwaltschaft zu hewegen, gegen die Behauptungen der «Dötz», daß der Talmud und der Schulchan Aruch Kinderschändungen gestatte, einzuschreiten. Und als gestern der «Kampfruf» eine Extraausgabe verbreitete, die wohl den Gipfel der Verhetzung und Aufreizung darstellte, dauerte es viele Stunden, bevor der Pressestaatsanwalt die Konfiskation des Blattes aussprach. Es bleibe dahingestellt, ob im vorliegenden Falle die Polizei die Täter eruieren und ob das Gericht die Schuldigen der Strafe zuführen wird. Und zu den Schuldigen gehören nicht nur die jungen Burschen der S. A. und S. S., sondern auch Herr F r a u e n f e 1 d, der sich vor Beginn seiner Hakenkreuzkarriere von jüdischen Aerzten im Spital der israelitischen Kultusgemeinde bei guter koscherer Verpflegung hat gesund pflegen lassen. Damals waren ihm die «Kohngorillas» recht. Heute hat er den traurigen Mut, über die Verhaftungen und Durchsuchungen im Braunen Haus zu schreiben, ohne daß der Staatsanwalt es für nötig findet, einzuschreiten: «Es ist gar zu deutlich, daß man diese Hausdurchsuchungen und Verhaftungen nicht machte, weil man «egründeten Verdacht gegen die davon Betroffenen hat, sondern weil man eine Verbeugung vor dem Judentum machen wollte, der Devise gehorchend: «Es muß was geschehen!» Der rasende Kohngorilla mußte besänftigt werden. Diese Mischung von Altem Testament-, Urwald- und Ritualmordkomplex, die in den Spalten der Zeitungen tobt und mit Deputationen alles belästigt, mußte ihre Genugtuung haben. Man wollte sie füttern mit Nazis, die man dem Goldenen Kalb opferte.» Das sei nur zu dem Zwecke zitiert, um zu zeigen, zu welchen Exzessen eine verletzte Publizistik in Wien führt, wenn sie weiß, daß sie kein behördliches Einschreiten zu befürchten hat Andererseits soll gezeigt werden, daß die Behörden mitschuldig sind, wenn sie derartige Presseerzeugnisse in der «K u 11 u r- «tadt» Wien kolportieren lassen. Wir wollen aber hier dem Problem auf den Grund gehen und es frei heraussagen: Wenn ein großer Teil des deutschen Volkes an einem Judenkomplex leidet und sich einreden läßt, daß einige hunderttausend Juden am Weltkriege, am Zusammenbruch der Mittelmächte und dem wirtschaftlichen Chaos schuld sind, dann sind wir Juden außerstande, das deutsche Volk von diesem Komplex zu befreien. Das deutsche Volk wird aus sich selbst heraus das heilende Serum gegen das Hakenkreuzgift sich schaffen müssen. Unsere Schuld liegt auf einem anderen Gebiete. Die sogenannten Führer des Judentums haben geglaubt, dem Judentum am besten dadurch zu nützen, daß sie trotz des heranziehenden politischen Gewitters Ihre politischen . Sonnenschirme aufspännten-, und uns einreden wollten, der Antisemitismus auch in seinen neuesten F.rscheinungsformen sei eine vorübergehende Erscheinung. Dem sogenannten liberalen Judentum, das wir in Wien durch den Sieg bei den Kultusgemeindewahlen zu Grabe getragen haben, ist ein vollgerütteltes Maß der Schuld daran zuzumessen, daß das Judentum in Mitteleuropa so unvorbereitet, so desorganisiert dem wütendsten und bestorganisiertesten antisemitischen Massensturm gegenübersteht. Dieses liberale Judentum hat uns Zionisten und unsere Warnungen seit dem Jahre 1897 verhöhnt und verspottet. Es hat uns allenthalben Prügel vor die Füße geworfen und sowohl unser Aufbauwerk in Palästina als auch die nationale Erziehung des Judentums in der Galuth sabotiert. Es ist immer fremden Göttern nachgelaufen und wir leiden heute an der passiven Solidarität mit Menschen, deren jüdische Tätigkeit sich bestenfalls auf den Besuch der Synagoge an den hohen Feiertagen und auf die Kultusstube beschränkt. Es ist die Schuld dieser Menschen, die je nach der Konjunktur Ueberdeutsche oder Uebersozialisten sind, daß wir heute in Oesterreich eine quantit6 negligeable geworden sind. Eine schwächliche Verteidigung jüdischer Interessen durch die bisherigen unionistischen Kultusvorsteher hat es bewirkt, daß das Judentum in Oesterreich heute «unberührbar» geworden ist. Wir sind heute wirklich die österreichischen Parias. Täglich tritt man unser Recht mit Füßen. Täglich wirft man jüdische Existenzen auf das Pflaster, weil die Machthaber in diesem Staate durch unsere politische Untätigkeit der Meinung sind, daß man eben mit dem Judentum machen könne, was man will. So ist es heute dahin gekommen, daß es in Oesterreich von der Gnade eines Staatsanwaltes abhängt, ob bei unerhörten Aufreizungen und Beschimpfungen des Judentums eine Anklage erhoben wird oder nicht. Wir können straflos beschimpft und besudelt werden. Wir sind in Oesterreich Freiwild geworden. Der zionistische Sieg bei den Kultusgemeindewahlen hat gezeigt, daß das Wiener Judentum es satt hat, sich von Menschen vertreten zu lassen, die es zugelassen haben, daß wir heute politisch ohnmächtig sind und daß wir wie Bürger letzter Kategorie behandelt werden. Als jüdische Geschäfte in der Mariahilferstraße mit antisemitischen Flugzetteln beklebt wurden, da fanden sich mutige jüdische Männer, die diese Hakenkreuzzettel mit anderen Flugzetteln tiberklebten, durch welche die Bevölkerung aufgeklärt werden sollte. Da Ist die Polizei energisch eingeschritten und hat Verhaftungen vorgenommen. In einem Falle wurde ein jüdischer Geschäftsmann am vergangenen Samstag verhaftet und erst am Goldenen Sonntag in den Nachnzittagsstunden freigelassen. Und es bedurfte erst einer energischen Intervention, um der Frau des Verhafteten zu ermöglichen, die Geschäftsschltissel, die der Verhaftete bei sich hatte, abholen zu dürfen. Das ist nur ein kleines, aber lehrreiches Beispiel. Aber es zeigt uns, daß jenen Männern, denen die Vertretung des Judentums in Wien bei den Wahlen am 4. Dezember anvertraut wurde, eine ungeheure Arbeit bevorsteht. Es geht heute um die Existenz jedes einzelnen von uns. Wir stehen einer kompakten antisemitischen Mehrheit gegenüber und wir müssen uns unserer Haut wehren. Das Wiener Judentum hat am 4. Dezember bewiesen, daß es uns die Führung anvertrauen will. Sollen wir aber Erfolge haben, dann ist es notwendig, von unseren Gegnern das eine zu lernen: daß nur eine gute und starke Organisation und nur Opfermut imstande sind, uns den Weg in eine bessere Zukunft ztr bahnen. Wenn uns das Judentum, treu zur. Seite stehen wird, dann wird es uns gelingen, die Machthaber li» diesem Staate dazu zu bringen, daß sie den bestehenden Gesetzen auch dann Geltung verschaffen, wenn es sieh um Juden handelt. Es wird die Aufgabe der zionistischen Mandatare sein, unserem Recht zum Durchbruch zu verhelfen. Wir sind auf uns allein gestellt, aber wir sind nicht verlassen. Gerade das Makkabäerfest, das wir in diesen Tagen feiern werden, muß uns Trost und Mut für unseren Kampf geben. Es wäre falsch, zu sagen, daß wir auch diesen Kampf überstehen werden, weil wir Pharao, HamanundTorquemada überlebt haben. Wir haben diese Männer überlebt, weil zu ihren Zeiten das Judentum geschlossen, glaubenstreu und opfermutig seine Fahne verteidigte. Wir werden auch Hitler überleben, wenn e* uns gelingt, dem Judentum das Rückgrat zu stärken, wenn wir das Judentum lehren, daß es Ewigkeitswerte zu verteidigen ha\ und wenn wir es zur Erkenntnis bringen, daß nur die blau-weiße Fahne mit dem Zionsstern es einer besseren Zukunft entgegenführen kann. Verlautbarung desZion istischen Landeskomitees für Oesterreich Am 1. Jänner 1933 um Uhr abends findet.im Saale des Hotels Continental, II., Taborstraße 4, ein öffentlicher Vortrag des Herrn Prof. S. Brodetsky, Mitgliedes der Zionistischen Exekutive, statt. 2. Anläßlich der Anwesenheit des Herrn Professors S. Brodetsky in Wien findet eine Sitzung de« Parteirates statt, zu welcher nur die Mitglieder de« Parteirates Zutritt haben. 3. Das Landeskomitee gibt in der nächsten Woche eine Broschüre unter dem Titel «Probleme de« Allgemeinen Zionismus» heraus. Der Preis pro Exemplar wird 20 g betragen. Die Betirkssektionen und Ortsgruppen werden ersucht, die yon ihnen gewünschte Anzahl der Exemplare sofort anzufordern. Die Broschüren können ab 28. Dezember 1932 gegen Barzahlung übernommen werden. #‘Eer,üi/ i CcSCH^A m KÄI5ER5TR. 123 PC. ÄLSERSTFL 4 S J6- S13 - S 20 -

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