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Die Stimme · 1932-12-15 · Heft 258 (15.12.1932) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
5 (1932)
Issue
Heft 258 (15.12.1932)
Date
1932-12-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nf. 258 — 15. Dezember 1932 DIE STTMMB Seife 9 KUNST UND WISSEN Bcilaac der „Stimme" Eine imferirdisdie Judeiutadt Der afrikanische Reisekorrespondent des Budapester «Pesti Naplö» schildert einen Besuch in der unterirdischen Judenstadt Hcrian (Garian) in Libyen (italienische Provinz in Nordafrika). Die Zahl der Einwohner dieser sonderbaren Stadt erreicht 10.000, sie haben zwei Synagogen, einen Rabbiner und alle religiösen Einrichtungen. Ihr Leben und Treiben spielt sich ganz unter der Erde ab, an die Erdoberfläche kommen sie nur, um ihr Vieh auf die Weide zu führen ©der in ihren Oelbaumpflanzungen zu arberten. Ihrer Ueberlieferung zufolge soll diese einzigartige Judensiedlung nicht weniger als 2000 Jahre alt sein. ... Als wir uns der Stadt näherten — erzählt der Korrespondent — erklärte uns unser Führer mit Stolz, daß unsere Füße vor dem Tor der «Unterwelt» stünden. Wii sahen im Boden vor uns zwei große viereckige Löcher, es wurde uns erklärt, daß durch diese «Fenster» die Luft in die Straßen der unterirdischen Stadt gelange. Wir traten an den Rand eines dieser «Fenster», neigten uns darüber und sahen in einer Tiefe von vier, fünf Stockwerken ein Stück Straße, lebhaft wie ein Ameisenhaufen. Unser Führer brachte uns an den Pfad, der in die Stadt führt. Wir stiegen hinab und gelangten zunächst in einen schmalen Gang, der auf einen breiten Platz mündete. Schon hatte sich unts eine große Kinderschar an die Fersen geheftet, die dem fremden Besuch staunend folgte. Die Männer begrüßten uns mit tiefer Verneigung. In den Wänden bemerkten wir dunkle Löcher: Haustore. Holztüren hingen davor, mit Stricken festgebunden. Die Menschen waren hochgewachsen, hager und braun wie Araber. Ich fragte einen: «Wo ist euer Tempel?» «Welcher?» antwortete er. «Wir haben zwei. Ich kann dich hinführen.» Und er ging uns voraus. Ich fragte ihn: «Warum habt ihr solch sonderbares Leben gewählt, wo euch doch das grüne, sonnenuni- »trahlte Libyen umgibt?» Der zweifüßige Menschenwurm zuckte mit den Schultern: «So lebten unsere Väter und die Väter unserer Väter . . .» Die unterirdische Straße wurde mehrere Male von Plätzen unterbrochen, die dem Krater eines Vulkans ähnlich sahen und schmale Seitengäßchen nach verschiedenen Seiten ausstrahlten. Auch die Hauptstraßen waren sehr eng und oft mußten wir uns an die Wand drücken, um einer auf einem Esel vorbeireitenden, in Fetzen gekleideten Frau Platz zu machen. Schatten tauchten auf, wenn wir näherkamen, huschten sie zur Seite und tauchten in dem geheimnisvollen Labyrinth wieder unter. Wir kamen zur Wohnung des Rabbiners. Unser Begleiter ging ihn bitten, uns den Eintritt ins Bethaus zu erlauben. Nach einer Weile erschien der Rabbiner selbst in der Oeffnung seines Hauses. Ein hochgewachsener Mann mit langem Bart, in wallendem weißen Ueberwurf und weißem Tarbusch. Er nickte uns zu und führte uns in den Tempel, der nur ein paar Schnitte entfernt stand. Das Gotteshaus dieses Erdjuden hat keine Decke, oben, durch ein Loch im Erdboden blickt ein Stück blauer Himmel herein. In dem Raum stehen roh zusammengezimmerte Holzbänke, in der Mitte der Almemor mit einer Holzbalustrade. Alles ist uralt und droht bei der leisesten Berührung auseinanderzufallen. Die Wände sind vom Zahn der Zeit zerfressen, die Tragbalken zittern bei jedem unserer Schritte. Dagegen überrascht der Thoraschrein durch seine Pracht und seine herrlichen Türflügel. Davor hängt ein uralter Seidenvorhang. Die Bevölkerung der Stadt zählt 10000 Seelen, und der Rabbiner versichert uns, daß das seit 2000 Jahnen so sei, die Zahl werde nicht größer, noch kleiner ... Mit der Außenwelt haben diese Menschen fast gar keine Berührung. Es gibt natürlich Händler, aber ihr armseliges Gewerbe ist auf die Grenzen der Stadt beschränkt. Es gibt keine weltlichen Behörden, die Kehilla verwaltet alles. Tatsächlich sei auch jede Verwaltung unnötig, meint dei Rabbiner. Das Leben geht seinen trägen Gang wie vor tausend und zweitausend Jahren. Es gibt kein Gefängnis und wer sich gegen die altübernommene Ordnung vergeht, wird von der ganzen Gemeinschaft gerichtet, aber Gefängnisstrafe ist unbekannt. Das einzige, was von der neuen Zivilisation in dieses Reich eindrang, ist — das Grammophon. Die Menschen leben in unbeschreiblicher Not. Jede Familie bäckt sich ihr Brot selbst, Fleisch essen sie nicht. Ihre Sprache ist hebräisch, nur die Alten können etwas arabisch und italienisch. Im Weltkrieg, als die Eingeborenen sich gegen Italien erhoben, waren auch die Einwohner von Herian den Angriffen der Oberwelt ausgesetzt. Sie wehrten sich zwar heldenmütig ihrer Haut, mußten sich aber schließlich der Uebermacht ergeben, und die Sieger veranstalteten einen wahren Pogrom. Die Straßen der unterirdischen Stadt flössen von Blut. Später schlossen sie mit den Arabern Frieden, aber die grauenvollen ProgrombUder haben sie noch nicht vergessen. Sie meiden jede Berührung mit den Arabern. Auch mit den italienischen Behörden haben sie nichts zu tun, da keiner von ihnen so wohlhabend ist, um Steuern zahlen zu können. (Rotew Jttagen David In Palästina wurde eine €Gcsellschaft vom Roten Magen David» gegründet. Sie ersetzt die in anderen Ländern übliche «Gesellschaft vom Roten Kreuz*. Die Gründung erfolgte in Tel-Awiw. Auch in Jerusalem soll eine Zweigorganisation geschaffen werden. Schon vor einigen Monaten haben jüdische Aerzte in Jerusalem die Initiative zur Gründung einer «Ersten Hilfe» ergriffen. Es wurden auch bereits Samariterkurse eingerichtet, die sich eines großen Zuspruches erfreuen. Es wurde auch bereits eine Sammlung zur Aufbringung eines entsprechenden Fonds eingeleitet. Carry van Brüggen gestorben Die Schwester Jacob de Haans Amsterdam. In Apeldorn verstarb in d:esen Tagen die populäre holländische Schriftstellerin Frau Carry van Brüggen im Alter von 51 lahren. In ihren vielgelesenen Rmiinen und Novellen hat sie jüdisches Leben in Holland gestaltet. Sie war eine Schwester des hervorragenden Rechtsgelehrten, Politikers und Dichters Jacob Israel de Haan, der an 1. Juli 1924 in Jerusalem von unbekannter Hand ermordet wurde. Jonah Reissmann-Gedenkabend Mit Jonah Reissmann, der siebzigjährig vor einigen Wochen starb, ist ein Künstler von ganz eigenem Zauber dahingegangen, einer, dessen Kunst ein halbes Jahrhundert lang das Jüdische Publikum mit unvermindert starker Wirkung erfreut hat. Aus der Fülle des jüdischen Volkslebens in Freud* und Leid schöpfte Jonah Reissmann seine prachtvolle Menschendarstellung, und mit unnachahmlicher virtuoser Künstlerchaft schuf er Gestalten voll köstlichen Humors, die als echte «Jonah Reissmann-Qestaltem> bekannt und berühmt geworden sind. Im Leben hat es Jonah Reissmann gleich vielen Dienern des jüdischen Theaters reichlich schlecht gehabt. Er spielte und lachte und hungerte zwischendurch. Wie ein echter Komödiant und ein jüdischer Schauspieler obendrein. Nicht immer wurde Jonah Reissmann für den Genuß der köstlichen Stunden, die seine Kunst geboten, entsprechend gedankt. Und so steht heute seine Witwe in dieser schweren Zeit auch gänzlich mittellos da. Ueber Initiative unserer Redaktion hat sich vor kurzem eine Schar von Anhängern und Verehrern des verstorbenen Künstlers zusammengefunden, die am 20. ds. einen Qedenkabend für Jonah Reissmann in den «Jüdischen Künstlerspielen» veranstaltet. Jetzt hat die jüdische Oeffentlichkelt die Gelegenheit, die Dankesschuld an Jonah Reissmann teilweise abzutragen. Der Zweck dieses Abends ist ein doppelter: Er soll dem Gedanken des unvergeßlichen Darstellers Jonah Reissmann gewidmet sein und helfen, den Lebensabend der Witwe des Nestors des jiddischen Theaters ein wenig zu erleichtern. Wer Jonah Reissmann auch nur einmal eine seiner schnurrigen und lebensechten Gestalten verkörpern gesehen hat, wird gewiß nicht verfehlen, an dem Gedenkabend für diesen großen jüdischen Schauspieler teilzunehmen und für das volle Gelingen dieses Abends zu sorgen. J. R. Ein jüdischer Gandhi Viel Teilnahme erweckt das Schicksal des Samuel Bloch in Zloczow bei Lemberg, der während des diesjährigen Jom Kippur-Fasttages in der Gebetsekstase das Gelübde tat, keinerlei Speise zu sich zu nehmen, bis der Ewige den Juden Erlösung bringen werde. Nach zwölftägigem Fasten bekam Bloch einen Blutsturz. Trotz der Zureden seiner Angehörigen nahm er auch weiter keine Speisen zu sich. Am 25. Oktober morgens fand man ihn an der Schwelle der Synagoge in Zloczow tot auf. D. N. M. Gelber: Eine mißglückte Judenstaatsgründung im Midjangebiet (Ein Kolonisationsversuch Paul Friedmanns in den Jahren 1891/1893) (Nach unbekannten Archivmaterialien) (Fortsetzung) Die Türkei erklärte, daß mit dem Begriff «terrifolres annexes» nur der Sudan, Massana und Zeyla gemeint gewesen seien, nie aber die Halbinsel Sinai und der schmale Küstenstrich Arabiens von Akaba bis an die Grenze von Hedjas. Diese Gebiete wurden dem Khediven «Mehemed Ali» nur auf seine Bitte provisorisch überlassen, um die Pilgerstraße von Aegypten nach Mekka, welche damals über Land ging, sichern zu können.1,1) Da nunmehr die Pilgerzüge in den Häfen von Djedda und Jambo landen, entfalle jedweder Grund zur Sicherung der Pilgerstraße, damit auch die Verlängerung der provisorischen und «jederzeit revocablen Administrationsbewilligung». Aegypten schlug hierauf vor, als östliche Grenze Aegyptens die Linie El—Arish—Akaba zu fixieren, wobei es von der Erwägung ausging, daß dieser unfruchtbare Landstrich ohnehin nur von Beduinen bewohnt und für den Khediven ohnehin von keinerlei Vorteil sei. Ungeachtet der großen Kosten bringe er keine Erträgnisse. Im Gegenteil, die ständigen Unruhen der Beduinenstämme und die Nähe der Pilgerstraße nach Mekka bergen in sich nur die Gefahr internationaler Verwick- ,4) Bericht aus Kairo vom 21. März 1892, Nr. 9 C IW. St. A.). lungen, in welche auch indirekt England, seiner Stellung in Aegypten zufolge, hineingezogen werden könnte. Die Linie El—Arish—Suez dagegen hatte das Gute, daß England es nie zulassen würde, daß die Türkei an den Suez-Kanal herankomme. Aus diesem Grunde allein lag es im Interesse Englands, die Sinai-Halbinsel unter ägyptischer Verwaltung zu wissen. Anderseits hätte auch Rußland nicht zugelassen, daß das altberühmte griechische Kloster auf Sinai unter türkische Oberhoheit käme. Nicht minder ausschlaggebend war vom ägyptischen Standpunkt die Frage der Sanitätsstation in Tor, die unter einer «trostlosen Administration» der Türkei zugrunde gehen mußte. Auf diese Motive gestützt hoffte nun Aegypten für seinen Standpunkt nebst England auch andere Großmächte zu gewinnen. Ungeachtet dessen stieß sein Vorschlag auf den entschiedenen Widerstand des Sultans und sowohl Aegypten als auch England mußten sich schließlich «dazu bequemen, theoretisch die Grenzen von 1841 zü akzeptieren», wobei aber beide verlangten, daß die Pforte sich sowohl in London als auch in Kairo schriftlich verpflichte, «das Territorium zwischen der Linie El—Arish —Suez und der Linie El—Arish—Akaba bleibend unter ägyptischer Verwaltung zu belassen». Wohl fand dieser Vorschlag die Zustimmung des türkischen Großveziers16), aber keinesfalls die des Sultans, der erklärt haben soll, er beabsichtige gar nicht die Grenzlinie El—Arish—Akaba von seiner Administration überschreiten zu lassen, könne aber nicht zugeben, daß ihm von seinem Vasallen für die Rückgabe türkischen Territoriums (Madian) Bedingungen gemacht werden, die er bei einer fremden Regierung schriftlich festlegen solle. i5) ibidem. Auch die Zusicherung Aegyptens, daß man die Festung von Akaba der Türkei überlassen wolle, konnte keineswegs den Sultan umstimmen. Schließlich delegierte der Sultan Achmed Eyoub Pascha mit speziellen Vollmachten nach Kairo, um die Grenzfragen zu erledigen. Im April 1892 traf er in Kairo ein, wo nun langwierige Verhandlungen begannen. England verlangte die Festhaltung der Grenzen von 1841. In diesen Zeitpunkt fiel die Zeremonie der Uebergabe des Investitur — Fermans an den Khedive. Obwohl schon sämtliche Vorbereitungen getroffen und die Einladungen zur Uebergabsfeier verschickt worden waren, unternahm der englische Gesandte beim Khediven und der ägyptischen Regierung die nötigen Schritte, damit die Entgegennahme des Investiturdokumentes nicht eher sfattfinde, bevor nicht die Pforte bindende Erklärungen abgegeben hauen wird, daß das Territorium zwischen El—Arish—Suez und El—Arish—Akaba, somit die Halbinsel Sinai, dauernd unter ägyptischer Administration verbleibt. Insolange diese Erklärung nicht erfolgen wird, werde England di« Entgegennahme des Investitur-Firmans nicht gestatten.16) Da Aegypten in dieser Forderung auch von den übrigen Vertretern der Großmächte unterstützt wuiue und die ägyptische Verwaltung, Armee und Polizei, ohnedies unter englischer Führung stand, konnte von einer Oktroierung des Firman keine Rede sein. Der Türkei blieb somit nichts anderes übrig, als Englands Forderung zu erfüllen. (Fortsetzung folgt) ,#) Bericht Heidier vom 4 April 1892 Nr. 12 B, fermf Telegramm« vom 6. April und 8. April 1892 (W. St.

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