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Die Stimme · 1932-12-15 · Heft 258 (15.12.1932) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
5 (1932)
Issue
Heft 258 (15.12.1932)
Date
1932-12-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nf. 258 — 15. Dezember 1932 DIE STIMME Seife 3 Anläßlich der fünften Wiederkehr seines Todestages Der RaMrincv seines Volkes Von Dr. David Rolhblinn Vor fünf Jahren... Von Dr. lahab Rosenthal Es ist Freitag, der 16. Dezember 1927. Schwere Schneeflocken wirbeln durch die kalte Luft des Wintermorgens. Tausende und Abertausende Menschen drängen sich in langen Kolonnen durch die engen Oäßchen der Inneren Stadt der Seitenstettengasse zu. Immer mehr schwillt die Zahl der Wartenden an, innerhalb kürzester Zeit bildet sich zu beiden Seiten der Straßen und Plätze, von der Seitenstettengasse über den Franz-Josefs-Kai bis zur Wollzeile dichtestes Menchenspalier, strömt auf der ganzen Strecke ein unübersehbarer Menschenstrom. Da stehen sie im Schneegestöber, das immer heftiger wird: Männer und Frauen, Studenten und Arbeiter, Geschäftsleute, die ihre Läden geschlossen und Angestellte, die ihre Büros verlassen, weiß bärtige orthodoxe Juden und elegant gekleidete Damen und Herren: Die Wiener Judenschaft war gekommen, um ihren toten Führer zur letzten Ruhe zu geleiten. Zwi Perez Chajes, Wiens bedeutendster Oberrabbiner, der edelste Führer des Judentums seit vielen Jahrhunderten, der letzte Fürst in Israel, wird zu Grabe getragen. Eine Bewegung geht durch die vor Kälte erstarrten Massen. Vor der großen Synagoge des Wiener Stadttempels, der nächsten unmittelbarsten Wirkungsstätte des großen Toten, sind eben Bundespräsident Doktor Michael Hain i sch und Polizeipräsident Schober, die höchsten Würdenträger der Republik, vorgefahren und ihren Wagen entstiegen. Nicht lange und ein lautes Schluchzen durchbricht die kalte, trübe Dezemberluft. Ein Schluchzen aus tausend und abertausend Kehlen, ein lange zurückgehaltenes, das nun unaufhaltsam in aufwühlendem Schmerz ausbricht. Man hat den einfachen Holzsarg aus dem Tempel gebracht und in den Wagen gehoben. Es weinen alte Frauen und junge Mädchen, es schluchzen graubärtige Kaftanjuden und manch hart gestähltes Gesicht ist tränennaß. Es trauert die Gemeinde am ihren Führer, die Jugend um ihr Vorbild, die Hilflosen Und Aermsten um den väterlichen Freund und den gütigen Helfer in ihrer Not. Es weint der jüdische Bürger um seinen großen Oberrabbiner, der Student des hebräischen Pädagogiums um seinen Lehrer, der Hilfsbedürftige um den stets Hilfsbereiten. Alle erkennen es mit schmerzlicher Klarheit, was der große Tote der jüdischen Welt bedeutet hat. Die Läden der im Umkreis liegenden Geschäftshäuser sind geschlossen, ln den Straßen, die der Kondukt passiert, brennen über Weisung des Bürgermeisters die Lampen, schwarz umflort. Bis zur Stadt grenze folgt die Menge, der Menschenstrom. Dann fährt der Wagen allein, eilig, die leere Landstraße hinauf. Draußen der Gottesacker ist wieder von Menschen überflutet. Die schneebedeckten Wege, die zum Friedhof führen, sind zu schmal, um die unübersehbare Menge zu fassen. Zwi Perez Chajes war zeitlebens Diener der Allgemeinheit. Und so trauert auch um ihn ein ganzes Volk. Angestellte und Arbeiter, denen er Arbeit verschaffte, Studenten und Schüler, für deren warme Mahlzeit er sorgte, Kinder, für die er Kinderhorte schuf und Greise, die er in liebevollen Altersheimen unterbrachte, und schließlich das Land, dessen er in keiner Minute seines großen, starken aber ach so kurzen Lebens vergaß, für dessen Werden und Gedeihen er mit allen Fasern seines Seins bis zur letzten Minute kämpfte. * Es ist Abend geworden. Freitag Abend. Der große Stadttempel in der Seitenstettengasse ist bis aufs letzte Plätzchen gefüllt. Die Betenden sind still und in sich gekehrt. Eine unsagbar schwere Trauer lagert über dem Gotteshaus. Das Lecho-Daudl ist vorüber, das Abendgebet zu Ende... Die Stimmung ist erwartungsvoll. Die so beliebte Kanzel-Rede soll beginnen, diese von seltener Weisheit und prophetischer Kraft getragenen Worte des Führet s ...Traumverloren und selbstvergessen wandert der Blick zum Almemor. Bald wird die weiche Stimme in edler Einfachheit beginnen. «Meine lieben Freunde —» Ist das Lecho-Daudi schon vorüber, das Abendgebet schon zu Ende? Scheu geht man von seinem Platze weg an dem Almemor vorbei... Das Pult an der Ostwand steht verwaist... Das Gebetbuch liegt alleingelassen wie wir. ’ I. Zwi Perez Chajes war ein Rabbiner von Berufung, lange bevor er es vom Berufe geworden ist. Unter den wenigen — o, wie wenigen! — Berufenen war er überdies ein Auserwählter. Einer der vielen Redner an seiner Bahre sagte: Chajes ist tot, die Legende Chajes beginnt! In Wirklichkeit setzte die Legende schon bei seinen Lebzeiten ein. Denn die Persönlichkeit Chajes war einmalig. In diesem Satze liegt keinesfalls Uebertreibung. Es hat größere Männer in Israel gegeben als er es war. Gewiß! Seit den Tagen Mosis aber flicht die jüdische Nachwelt ihre Kränze nur jenen Vorfahren, deren Leben sinngebend für das Volk gewesen ist. So wurde seine Erscheinung empfunden als er noch auf Erden war. Hatten wir nicht stets das Gefühl, er weile zugleich unter uns und über uns? Das war der Anfang seiner Legende. Schon das Geschlecht, das ihn noch kannte, spinnt sie fort, denn sein Leben und Wirken, das nooh lebhaft in Erinnerung aller steht, war eben sinngebend und symbolisch. Dieses Leben hat nun eine treue Freundeshand in einem Werke, das sicher sehr bald die Aufmerksamkeit weiter jüdischer Kreise auf sich lenken wird, geschildert *). Man wird Herrn Prof. R o s e n f e 1 d für dieses wunderbare Buch, in dem er dem verewigten Oberrabbiner ein unvergängliches Denkmal setzte, Dank wissen. Für alles. Vor allem für die Gedächtnisaufzeichnungen der Reden und Vorträge des Verewigten, die sonst unwiederbringlich verlorengegangen wären. Dann für die lebende Darstellung der Lebensgeschichte Chajes’, die Schilderung seiner Persönlichkeit und Tätigkeit in allen Lebenslagen und Stellung auf den verschiedensten Gebieten. Endlich für die geschmackvolle Sammlung und Ordnung der erhaltenen originellen und übersetzten Reden und Vorträge, die den größeren ersten Band dieses Werkes füllen. Nicht zuletzt aber auch für die große Liebe, Treue und Anhänglichkeit, die aus jeder Zeile des Buches sprechen, den Leser rühren und in ihm gleichzeitig das Gefühl der Bewunderung für Chajes und das der Dankbarkeit für den Verfasser erwecken. Keiner war so berufen und befähigt, das Lebensbild Prof. Chajes’ zu entwerfen, seine Entwicklung zu schildern, seinen Charakter zu beleuchten und sein Wirken und Schaffen charakterologisch und psychologisch zu erklären wie Rosenfeld. Denn er war der treue Begleiter des Oberrabbiners auf einsamen Wegen, hatte Gelegenheit wie kein Zweiter, in seine Seele zu blicken, die sich ihm in freundschaftlichintimen Gesprächen offenbart hat. Er war der Eckermann dieses großen Juden. Rosenfeld hing mit einer grenzenlosen Verehrung, die wahrlich selbst verehrungswürdig ist, an dem Munde des Verewigten in dem Bestreben, jeden geäußerten Gedanken richtig zu erfassen und in der Absicht, ihn der Nachwelt zu überliefern. Er lauschte den Worten dieses Großen sozusagen sub specie aeterni. So entstand die liebevollste Biographie, die jemals geschrieben wurde. Trotzdem bemühte sich Rosenfeld, objektiv und gerecht zu sein und Maß zu halten nach rechts und links. Des Verfassers eigene große Kenntnis der jüdischen Geschichte und Literatur, die Erfassung des Zeitgeistes, der in den letzten Jahrzehnten in unseren Reihen lebt und webt, sein waches und verständnisvolles Auge für das Ringen Jung-Judas um Erneuerung befähigte ihn, dieses lebendige, inhaltsvolle Buch zu schreiben. Es wird weit über die Grenzen der allerdings sehr großen Gemeinde der Chajes-Verehrer hinaus ein geschichtliches Dokument jener Epoche bleiben, in deren Mittelpunkt auch Zwi Perez Chajes gestanden ist. Es gibt keine Seite in dem Phänomen Chajes, die der Biograph nicht berührt oder ausführlich behandelt: Die Abstammung des Verewigten von dem Geschlechte der «Weisen aus der Provence», das Elternhaus, die Kinderstube, die Hauslehrer, die Vorbereitung für die Matura, die Neigungen des Jünglings, die Art seines Studiums, die geistige und charakterologische Entwicklung. Er führt uns durch die Lernzeit in Brody, in die Wiener israelitischtheologische Lehranstalt, nach Florenz, wo Chajes *) Rosenfeld: Oberrabbiner Hirsch Perez Chajes, Sein Leben und Werk, 2 Bände. 1. Band: Reden und Vorträge des Oberrabbiners, 343 Seiten, 2. Band: Biograpihie und Gedädibnisaufzeichnungen, 270 Seiten. als Lehrer am Rabbinerseminar tätig war, nach Triest, wo der Verewigte das Amt eines Rabbiners bekleidete, und dann nach Wien, der Stätte der höchsten Entfaltung seiner gigantischen Kräfte. Er macht uns mit Chajes, dem Gelehrten und Wissenschaftler, dem Prediger und Redner, dem Zionisten und Politiker, dem Schöpfer des großen Wiener Schulwerkes, dem grandiosen Wohltäter und dem Menschen in der Gestalt der vollendeten species homo judäus bekannt. Denn im Grunde genommen war das Menschliche die hervorstechendste Eigenschaft dieses großen Juden, weil für ihn die Moral als höchstes menschliches Gebot über allem stand. Die Moral, wie er sie verstand, gelehrt und geübt hat. Die Moral, die so unvergleichlich in seinen Reden zum Ausdruck kam und ihm die überirdische, prophetische Kraft verlieh, keinen Mächtigen zu schonen, keinem Großen schön zu tun. Ihm war Ueberzeugung Konfession. So waren es seine Worte und seine Taten und sein ganzes Leben. Diesen Chajes erleben wir zum zweitenmal aus Rosenfelds Buch. Aus allem was hier gesagt und wiedergegeben wird, erkennen wir. Das war eine Persönlichkeit von seltener Vollendung, eine geschlossene Synthese von Menschlichkeit und Judentum. Meisterhaft sind in Rosenfelds Chajes-Werk die Abhandlungen über den Redner Chajes und dessen Charakter und Persönlichkeit. Chajes hat bekanntlich die überlieferte Tempelpredigt in Form und Inhalt abgelehnt. Er, der wahr gewesen ist, vom Worte bis zur Tat, konnte die Schablone, die weder persönlich noch wahr ist, sich nicht zu eigen machen. Er redete, wie es von der Thora heißt, in menschlichen Worten. Einfach, ohne Salbung, klar, gemeinverständlich, nicht gewunden, innig, zielbewußt, liebevoll, belehrend und vor allem wahrhaft. Er kannte keine „Dreiteilung», keine Kunstpausen, ihm war das Haschen nach Effekt und rhetorischem Erfolg ganz fremd. Er behandelt in einfachen, puritanisch schlichten Sätzen Zeitfragen ebenso wie geschichtliche Ereignisse der Vergangenheit und schwere Bibelstellen. Seine Rede war von innerer Wahrheit und schwerem Ernst getragen. Der tiefe Eindruck, den seine Worte auf die Zuhörerschaft niemals verfehlt haben, hatte nicht im Glanz, sondern im Ethos des Gesagten seinen Grund. Er wirkte auf der Kanzel wie ein Gottgesandter, wie ein berufener Volkstribun auf der Tribüne. Die Herzen der Freunde schlugen ihm entgegen, die der Gegner füllten sich mit achtungsvoller Scheu. Alle aber wußten oder ahnten es: Hier stand ein Mann, der nicht anders konnte. Ein Aiann, dem eines über alles ging: Sein Judentum. Freilich, sein Judentum. Das national und menschlich war, groß, selbständig, lichtspendend in der Vergangenheit, noch größer aber in der Zukunft auf väterlicher Scholle. Dieses Judentum war ihm jedes Opfer wert. Das hat sein Leben auch bewiesen. Treffend charakterisiert Rosenfeld Chajes’ Persönlichkeit. Er ist ein Mann von e i n e m G u ß. Sein Leben war ein einziges Opferfest. Seine Richtschnur ist die leidenschaftlich gesuchte Wahrheit. Deswegen lehnt er die mystische Romantik als Grundlage der Religion im Judentum ab. Sie wurde wohl vom offiziellen Judentum nie bekämpft, aber stets auf ein Nebengeleise geschoben. Ihm war der Prophetismus Gipfelpunkt jüdischer Religion und menschlicher Weltanschauung. Daher seine demokratische Einstellung, sein Antimilitarismus, Pazifismus und die Gegnerschaft zur Todesstrafe. Daher auch der unerschütterliche Glaube an die Menschheit, an die Zukunft des eigenen Volkes und seiner Kultur. Er glaubt an die schöpferische Kraft Palästinas. Ebenso unverbrüchlich ist sein Glaube an die Kulturschätze, die das jüdische Volk von Zion aus in der eigenen Sprache den anderen Nationen noch zu geben vermag. Die Kultur, von der er träumt, ist hebräisch. Dem Schreiber dieser Zeilen sagte der Oberrabbiner einmal: Das größte Wunder seit der Zerstörung des zweiten Reiches ist die Wiederbelebung der hebräischen Sprache. Im Hause seines Freundes Dr. Feuchtwang unterhielt er sich einmal angelegentlich über dieses Thema mit# Artur Schnitzler und geriet hiebei in immer größere Begeisterung. Mit seinem Sekretär sprach er ausschließlich hebräisch. Er negierte die Volksrenaissance ia einer fremden Sprache. Im Hebräischen, sagte tfr 46

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