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Die Stimme · 1932-12-15 · Heft 258 (15.12.1932) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
5 (1932)
Issue
Heft 258 (15.12.1932)
Date
1932-12-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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ttffe 3 DTE STIMME Nr. 258 — 15. Dezember 19» Sie,Wahr heil' übet Sen 4. Dezember Von Jaruschalm! ABCÄ sOIWt dtckl .ich die Wahrheit nicht mit jener, die uns Im Titel Und Inhalt des «u n i o «»-Blättchens zugemutet Wird* Noch nie aber klaffte der Widerspruch zwischen der wirklichen und der sogenannten Wahrheit dfifart kraß als nach dem für die Union freilich verwirrenden Debakel im Wiener Kultuswahlkampf. So nennt der Leitartikel der letzten «Wahrheit» den zionistischen Sieg nur «eine Episode». Wieso?! Erstens blieben die zuverlässigsten, die treuesten, die besten Anhänger der Heiligen Allianz von Union und Werktätigen der Uftie fern, nämlich die Indolenten. Dies Wort Ist nicht etwa von den bösen 2lonisten geprägt. Herr Oskar Hirschfeld, der als «Eigentümer, Herausgeber, Verleger und verantwortlicher Schriftleiter der „Wahrheit”» zeichnet und sohin den Seher, gleichsam den Kalchas der Allianz abgibt, preist seine Myrmidonen als Indolent, als schlankweg und diesmal ohne Gänsefüßchen Indolent. Oh, wenn diese anderen 50 Prozent der Wählerschaft, die Indolenten, die «Laxen und Lauen», «diese geistig voll zur Union gehörigen Wählerschichten», mitgestimmt hätten, welch herrlicher Triumph hätte da der Union gewinkt! Ja, die Zeiten haben sich grausam geändert. Nicht zur Wahl gehen, war doch stets eine der schönsten, von der Union sorgsam gepflegten Traditionen des Wiener Israel. Reichten nicht einst, bevor die Zionisten die verdauungsstörende Pest des Unfriedens In die Gemeinde trugen, 300 Schammosslm, Rabbonlm und sonstige Gemeindeangestellte aus, 36 Parnassim zu kürzen! Doch diesmal, fährt der Leitartikel fort, sind die Indolenten mit voller Ueberlegenheit weggeblieben. Sie waren eben nicht schlechthin, nicht gedankenlos, nicht indolent indolent, sondern — die Gründe liegen tiefer» — indolent aus Ueberzeugung. Es packte sie «ausgesprochener Widerwille» gegen die rüde Art, wie die Zionisten den Wahlkampf führten, gegen «Terror, Haß und Verleumdung“ dieser «Hitler-Buben» .... Anderswo freilich »hätten solche Wähler, vom «Gefühl des Abscheues» geschüttelt, sich zur Urne gedrängt, und die zionistische Gefahr, vor welcher die «Wahrheit» so beweglich warnte, zu bannen. Doch nein, in Wien wirkte sich Entrüstung und Ekel ganz eigenartig aus, «bodenständig» Wienerisch — als Indolenz. Gegen ' ^iese traditionelle Leididee kam nicht einmal das hinreißende Programm der vereinigten Unlonisten und ^Werktätigen auf, noch auch die vorbildlich noble Art Ihrer Kampfführung. Das heißt, so ganz indolent — orakelt Freund . Hirschfeld weiter — waren seine Leute denn doch nicht. Bei vielen von ihnen überwog eine andere Art Entrüstung, nämlich jene über den — zwecks Abwehr der zionistischen Ueberflutung docfh so nötigen — Wahlpakt der disparaten «nlchtnatiönälen» Brüder, religiöse Oeldjuden liberalen Schlags und freidenkerische Sozi. - «Die Juden ließen sich allzu sehr von weltanschaulichen Prinzipien leiten“, weint HirsChfeld, So trieb die «inen der verhinderten Indolenten Ihr Unwille den bürgerlichen, bezw. mlsrachlstlschen Zionisten zu und die anderen wieder den Zlonlsten-Soziallsten .... Alles hatte Kalchas — Hirschfeld genau vorausgesehen und vorauagewußt, wie er sich berühmt, doch diese Wirkung des von ihm gepredigten Wahlpaktes kaum; denn sonst wäre man doch nicht so indolent gewesen, den Pakt zu managen und auf allen Gassen «auszuschreien». Wozu aber dieser Unwille der fahnenflüchtigen «Trutzwähler» über die «wenig zugkräftige Kombination»? Jetzt, nach der Wahl, geht doch jeder, Union hier und Werktätige dort, schön sauber getrennt wieder des eigenen Weges, also wohl die frommen Unionisten Zum Sonntagsgottesdienst und die werktätigen Freidenker zum Oottlosenkult . . . Die Zionisten hingegen haben einen gemeinen Dreh aufgesteckt. In den Wahlkampf «marschierten sie getrennt», ln fünf «Gruppen lind Grüppchen“, und jetzt stehen sie als geschlossene Front da, mit 21 Mandaten gegen 15 nichtnationale. Auch das hat Hirschfeld vorausgesehen, aber gemein bleibt es doch! Dabei läßt er sich durch das «Gefasel vom zionistischen Sieg» nicht täuschen; denn die eigentlichen Zionisten, nämlich jene, deren Liste ohne Zusatz zionistisch heißt, haben kaum ein Drittel der abgegebenen Stimmen, lumpige 9000, erhalten, «während wir noch die große und unausgcschöpfte Reserve der Indolenten zur Verfügung haben». (Lauter wörtliche Zitate!) Kurzum, der Kultuswahlsieg der Zlonlstert btelbt Blutwallungen, Herzbeklemmung, Atemnot, Angstgefühl, Nervenrelzbarkeit, Migräne, Schwermut, Schlaflosigkeit können durch den Gebrauch des natürlichen «Franz-Jo8ef»-Bitterwaseer5 oft beseitigt werden, ln allen Apotheken und Drogerien erhältlich. ja nur Episode. Wenn die «Wahrheit» noch eine Nummer früher, vor der Wahl, zeterte, deren Ausgang bringe die endgültige Entscheidung über das Geschick des Wiener, des österreichischen, des gesamten Judentums, Rettung oder Vernichtung, war das ja nicht So ernst gemeint. Episode, natürlich nur Episode! Und warum das? Nun, da die Zionisten die Macht usurpiert haben, werden sic entweder ihre Versprechungen in klingender Münze einlösen und von den verarmten Steuerträgern Opfer verlangen müssen und durch diese Ihre «Va-banque-Polltik» die Finanzen ruinieren, oder aber sie werden Ihre Versprechungen brechen, auf jeden Fall also die Wähler und nicht zuletzt deren Indolente öardereglmenter zur Empörung und diesmal gegen Zion zur Urne bringen. Was für Versprechungen sind da gemeint? Je nun, man weiß schon: die Zionisten werden die bodenständigen Steuergroschen nach Asien verschleppen oder gar noch zuvor hierlands unterschlagen. Von Nebensachen Ist nicht mehr die Rede; auch nicht von der Gefahr, daß die Zionisten durch Ihren Unpatriotismus, durch ihren Verrat am teutsch-österrelchtschen Vaterland den Verlust der jüdischen Gleichberechtigung unausweislich provozieren. Nein, es geht jetzt ums Ganze. Das heiligste Gut des unionistischen Israel ist in Gefahr: «Geld, Geld und wieder Geld.“ Zu dessen Schutz sucht der Großmeister der Indolenz mit dem hallenden Schofar der «Wahrheit» die weichenden, fliehenden, zersprengten Helden der Union zum Stehen zu bringen. Darum soll und muß der 4. Dezember nur «Episode» sein. Wir wissen es anders; ihre «Wahrheit» Ist nicht die Wahrheit! Ministerialrat Dr. Bernhard Fuchs In Ministerialrat Dr. Bernhard Fuchs, der am 9. d. M. nach langwieriger, schwerer Krankheit das Zeitliche gesegnet hat, verliert die österreichische Publizistik einen ihrer hervorragendsten Repräsentanten. Dr. Fuchs war aber mehr als ein Publizist; er war einer der besten politischen Köpfe Neuösterreichs und unter anderen Verhältnissen hätte er sicherlich eine andere Karriere gemacht. Immerhin bot ihm die Arbeit im staatlichen Pressedienst, besonders in den letzten Jahren, da er das Amt e!ne$,Vorstandstellvertreter& des Bundespressedienstes bekleidete, ein überaus wichtiges und bedeutendes Betätigungsgebiet, auf dem er sein hervorragendes Können in den Dienst des Vaterlandes stellen konnte. Sein Ableben bedeutet daher einen schweren, geradezu unersetzlichen Verlust. Geboren am 23. Oktober 1873 als Sohn eines bekannten pädagogischen Schriftstellers, widmete sich der Verstorbene zunächst dem wissenschaftlichen Studium, besonders der Orientalistik, war auch einige Semester Hörer am Wiener Rabbinerseminär, veröffentlichte eine polemische Schrift «K a w e s Wilhelm, Prof. Delitzsch und die babylonische Verwirrung» gegen die bekannten Behauptungen des Professors Delitzsch und wollte sich ganz der Wissenschaft weihen. Infolge einer Entwicklung verschiedener Umstände trat er jedoch bald zur Publizistik über, arbeitete zunächst als politischer Redakteur im «Neuen Wiener Extrablatt» und wurde, nachdem seine hervorragenden Leistungen an maßgebender Stelle erkannt worden sind, bald darauf in das damalige offiziöse Organ des k. u. k. Außenministeriums, «Wiener F r e m d e n b 1 a 11», als politischer Leitartikler berufen. Angesichts der damaligen Verhältnisse in Oesterreich, wo die Politik des Außenamtes sehr wesentlich mit den innerpolitischen Zuständen in den beiden Reichshälften rechnen und immer darauf bedacht sein mußte, nirgends anzustoßen, erforderte diese Arbeit überaus große Geschicklichkeit, Takt und diplomatische Taktik. Dr. Fuchs zeigte sich diesen Aufgaben voll gewachsen und wurde daraufhin ln das damalige Literarische Bureau des k. u. k. Außenministeriums berufen, wo er ein seinen Fähigkeiten voll zusagendes Betätigungsgebiet fand. Auch hier erwarb er sich bald die vollste Anerkennung seiner mittelbaren und unmittelbaren Vorgesetzten. Sowohl die verschiedenen Außenminister, wie Aehrenfhal, Berchtold, Burian, Czernin usw., wie die Pressechef Jettei, Kauya, Montlong und Wiesner fanden in Dr. Fuchs einen verläßlichen, geschickten Mitarbeiter, dem oft die wichtigsten Arbeiten anvertraut wurden und der immer wieder zu den wichtigsten Besprechungen herangezogen wurde. Besonders während des Weltkrieges vermochte es Dr. Fuchs, die heikelsten Aufgaben zu erfüllen. NaCh dem Zusammenbruch der Monarchie wurde ihm der Posten eines außenpolitischen Redakteurs des «Pester Lloyd», dessen Wiener Korrespondent er mehrere Jahre hindurch war, angeboten. Dr. Fuchs zog es jedoch vor, Streng rituell Winter int Semmering• gebiet HmtrenhausRue flit $ <00*- 9 tägiger Aufenthalt inklusive Reise Wien töur-ietöur. Eigene Shi-9 RodeI-, Eistauf• bahn. Gruppen große Ermäßigung. Für Kinder geschultes Personal Auskunft: SchUlwhetm Eisenbetg (ganzjährig) (Ulen, ll., 8roie Plarroasse 8. Telephon 145-8-12 im staatlichen Pressedienst zu bleiben und wurde schließlich zum Vorstandstellvertreter des Bundespressedienstes ernannt, welches Amt er bis ZU seiner im Sommer 1931 erfolgten Erkrankung mit großer Umsicht und Geschicklichkeit ausübte. Auch Tn der Republik erfreute er sich der höchsten Anerkennung der maßgebendsten Faktoren; besonders bei Dr. Seipel stand er im hohen Ansehen und in persönlich-freundschaftlichen Beziehungen, die nicht aufhörten, als Doktor Seipel vom Amte zurücktrat. Obwjhl selbst schwer krank, unterließ es Dr. Seipel nicht, seinen Freund während seiner Krankheit wiederholt zu besuchen und ihm Mut und Trost zuzusprechen. Bei all seinen außerordentlichen Vorzügen war Dr. Fuchs das Muster der Einfachheit und Bescheidenheit. Er war stets in guter Stimmung, freundlich und entgegenkommend für jedermann; er freute sich förmlich, Gefälligkeiten erweisen zu können und wer einmal bei ihm mit irgend einem Anliegen anklopfte, konnte sicher sein, daß dieses im Rahmen des Möglichen Erfüllung finden werde. Und er konnte vieles leisten, Dr. Bernhard Fuchs. Dank seines hohen Ansehens bei allen Behörden, bei allen maßgebenden Faktoren, in politischen und finanziellen Kreisen vermochte er es, Immer und überall einzugreiferi und zu helfen. Nicht nur die Kollegen von der Presse, sondern Menschen aus allen Kreisen und Schichten wandten sich an Dr. Fuchs, und in den meisten Fällen genügte Sein telephonischer \nruf, um die erbetene Hilfe zu erwirken. Wenn es sich in charitativer Hinsicht um kleinere Beträge handelte, gab er sie oft aus der eigenen Tasche, obwohl seine finanziellen Verhältnisse nicht besonders glänzend waren. War Dr. Fuchs als Mensch eine außerordentliche Individualität, so war er es in besonderem Ausmaße als Jude. Er war Nationaljude im vollsten Sinne des Wortes, hatte großes jüdisches Wissen, war ein heißer Anhänger des Hebräischen und es freute ihn, wenn er Gelegenheit hatte, hebräisch zu sprechen. Bel allen Angelegenheiten, die Juden und Judentum betrafen, wurde Dr. Fuchs um Intervention angegangen und immer war er bereit, einzugreifen und das Möglichste zu erreichen, mochte es sich um Sachen der Allgemeinheit oder um Dinge handeln, die einzelne betrafen. Er wurde diesbezüglich so oft ln Anspruch genommen, daß er sich scherzweise als «Ex-offo-Vertreter» der Juden bezeichnete; er war sich darüber klar und bekam es wiederholt von maßgebender Stelle angedeutet, daß dieses allzu ofte Eintreten für jüdische Dinge seiner Karriere zumindest nicht nütze — aber er wollte hievon nicht aölassen. Ohne Uebertreibung kann gesagt werden: Dr. Bernhard Fuchs lebte für Oesterreich und für das Judent u m, Sein österreichischer Patriotismus war so groß, daß er lm Herbst 1918 einer tiefen seelischen Depression verfiel, als die Hiobsnachrichten, die den Zusammenbruch der Monarchie ankündigten, sich häuften* Während der vielen Monate seines schweren Leidens bewahrte er seine Zähigkeit und seine Energie. Es war nicht das Leben an und für sich, um das er mit dem Aufgebot aller seiner Kräfte rang, sondern der Wille, gesund und arbeitsfähig zu bleiben. Für seine Bescheidenheit spricht auch der Umstand, daß er sich letztwillig jeden Nachruf, jeden Pomp beim Leichenbegängnis usw. verbat. Bescheiden wie er lebte, wollte er auch seine letzte Ruhe finden. Er war davon Überzeugt — wie er sich dem Schreiber dieser Zeilen gegenüber kurz vor seinem Ableben äußerte — ein besseres Schicksal verdient zu haben; aber mit Gott wollte er nicht hadern und fügte sich ergeben seinem Schicksal. Reg.-Rat J. Kreppet.

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