Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 258 (15.12.1932)
- Date
- 1932-12-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Die Wahrheit über die Ereignisse in Lemberg (Eisenbericht der „Stimme“) Die polnische Regierung hat es verstanden, •durch Knebelung der Presse und die Einführung einer verschärften Zensur das Ausland über die letzten Unruhen in Lemberg, die einen geradezu pogromartigen Umfang annahmen, einige Zeit im unklaren zu halten. Indessen wurde in erschreckender Weise die Wahrheit durch die Interpellation des «Jüdischen Klubs» im polnischen Parlament enthüllt, wobei auch bei dieser Interpellation naturgemäß gewisse Vorgänge der Oeffentlichkeit verschwiegen werden mußten. Wir sind nun in der Lage, auf Grund unmittelbarer Wahrneh in u n g e n festzustellen, daß die Unruhen, die fünf Tage hindurch die Judenschaft Lembergs in. Angst und Schrecken hielt, alle Merkmale eines wo h Tb e dachten und organisierten Pogroms trugen. Fünf Tage hindurch vermochten polnische Korporanten und Radaubrüder vor den Augen der Polizei jüdische Passanten mit Waffen, Steinen und Stöcken zu überfallen, wodurch die erschreckende Zahl von sechshundert schwor- und leichtverletzten.Juden erklärlich erscheint. Drei von den Verletzten, der Arzt Dr. Rawicz, der Student Ostrower und der Student Mane Sigall schweben zwischen Tod und Leben, wogegen einer von den Verwundeten, ein Postbeamter Hartmann, seinen Verletzungen erlegen ist. A(l dies spielte sich am hellichten Tage ab, vor den Augen der Polizei und der Funktionäre der Bezirkshauptmannschaft und es wird uns von ganz authentischer Quelle mitgeteilt, daß die Polizei in geradezu unerhörter Weise diese pogromartigen Ueberfälle tolerierte. Als man sie zur Rede stellte, erklärte sie, sie hätte diesbezüglich keine Befehle der Vorgesetzten Behörde! Leiter dieser Vorgesetzten Behörde ist der Bezirkshauptmann Dr. Klimow. Dieser Herr Dr. Klimow ist zugleich Dozent an der Juridischen Fakultät der Lemberger Universität und wird allseits seine Tätigkeit an der Universität mit der sträflichen Passivität seiner Funktionäre den Unruhen gegenüber in Verbindung gebracht. Dr. Klimow wollte sich scheinbar durch eine Scharfmacherei den jungen Huligans von der Lemberger Universität gegenüber nicht den Weg zur Professur verscherzen. Ebenso wenig sah man das Eingreifen des Bezirkshauptmannes Dr. Rozniecki, der gerade während der Unruhen vollkommen versagt hat. Und nun die chronologische Darstellung der Ereignisse, wie sie sich abgespielt haben: ln der Nacht von Samstag auf Sonntag, den 26. November, wurde ein Hochschüler, der gerade mit einigen Burschen seiner Verbindung ein Nachtlokal veriieü, auf der Straße im Raufhandel erstochen. Der Täter wurde bisher nicht festgestellt. Trotzdem verbreiteten die nationaldemokratischen Chauvinisten sofort das Gerücht, daß ein polnischer Student von Juden ermordet wurde. Am Leichenbegängnis des Erstochenen nahmen korporativ die Universitätsprofessoren und der Senat aller Lemberger Hochschulen teil und der Dekan einer Fakultät verstieg sich sogar zur Behauptung, daß der polnische Student als Märtyrer seiner Idee gefallen sei. Wenn man bedenkt, daß dieser polnische Held nach dem Besuch eines notorischen Lupanars, wo die dunkelsten Elemente zu verkehren pflegen, im Raufhandel mit ebensolchen getötet wurde, so muß man über die Verblendung eines Universitätsprofessors geradezu staunen. Dieser Universitätsprofessor scheint jedoch nur der Ausdruck der polnischen chauvinistischen öffentlichen Meinung gewesen zu sein, die den Juden als willkommenen Sündenbock hinstellte. Beschämend ist, daß sich beinahe keine polnische, ins Gewicht fallende Stimme erhob, die diese barbarische Pauschalverdächtigung entsprechend brandmarkte. Diejenigen, die gegen die Unruhen aufgetreten sind, appellierten an die Staats^aisori, an die Vernunft, an die bedrohte Universitätsautonomie, keinesfalls jedoch an die Menschlichkeit; deren Opfer ein ganzes Volk werden soll. Die polnischen Behörden Lembergs haben sich mit einer unauslöschlichen Schuld beladen, da sie ohneweiters schon am ersten Tage bei gutem Willen in der Lage gewesen wären, die jungen polnischen Huligans mit Wasserstrahlen auseinander zu treiben. Als die Huligans die Passivität der Behörden gewahrten, tobten sie sich aus, wobei sich zu den Universitätsstudenten allerlei Gesindel aus den Vorstädten gesellte. Die Behörde tat nichts, um den einfachen kriminellen Fall im wahren Lichte darzustellen, wodurch es möglich war, einem verbrecherischen Raufhandel einen nationalen Hintergrund zu verleihen. Bezeichnend für diese Stellungnahme der Behörden ist folgender Umstand: Als nach dem Begräbnis des getöteten Studenten eine Petarde in der Hand eines Provokateurs vorzeitig explodierte, wurde sofort auf zwei Juden als Täter hin gewiesen. Trotzdem es sich bald herausgestellt hat, daß es sich um eine zufällige Selbstverstümmelung eines Provokateurs handelte, hüllte sich die Behörde in Schweigen, was zur Folge hatte, daß der Haß eines Großteiles der polnischen Gesellschaft gegen die Juden noch mehr aufgeschürt wurde. Die Behörde, die schließlich einsall, daß ihre Handlungsweise gefährliche Folgen haite, verschanzte sich hinter Ausreden, die kein Mensch ernst nahm. Statt die verbrecherische nationaldemokratische Hochschuljugend und andere Kreise der polnischen Gesellschaft anzuprangern, erklärte sie, daß die Unruhen von kommunistischen Elementen hervorgerufen wurden und dortselbst auch die Drahtzieher zu suchen sind. Unter diesem Deckmantel konnten nunmehr die jugendlichen Huligans um so strafloser ihr Zerstörungswerk vollziehen. Als in der Synagoge im jüdischen Viertel eine Bombe explodierte, hatte die ni.KAl5ER5TR.123 #. ALSERSTR. 6 S 16 - S18 - S 20 Behörde de» naiven Mut, in einer offiziösen Kundgebung mitzuteilen, daß die Bombe gerade während der Unruhen durch den Sohn eines Glasermeisters zu diesem Zweck in die Synagoge geworfen wurde, damit sein Vater an der Einfassung neuer Scheiben verdienen könnte (!!). Dieses zynische Vertuschen und dieses strafwürdige Handeln einer Behörde, die unter allen gesitteten Völkern dazu berufen ist, ruhige Bürger vor Verbrechern zu schützen, muß in der ganzen Welt Abscheu und Widerwillen hervorrufen! Was die Verwundungen, die selbstverständlich nur Juden zugefügt wurden, betrifft, so waren sie bezeichnenderweise zum größten Teil durch Rasierklingen verursacht. Es stellte sich heraus, daß die famosen polnischen Hochschüler an ihren Stöcken. Rasierklingen angebracht hatten, mit denen sie die Massenüberfälle durchführten. Als in der Nähe der Straße, in der sich das Hauptquartier der Huligans vor den Augen der Polizei befand, ein Jude schwer verwundet wurde, vermochten die polnischen Studenten zwei Stunden hindurch den Rettungswagen von der Einfahrt in diese Straße zurückzuhalten. Ein gewesener Hauptmann des polnischen Heeres, Dr. Karl Zipper, der die höchsten militärischen Auszeichnungen des polnischen Staates besitzt, wurde am hellichten Tage von polnischen Korporanten überfallen und schwer verwundet, wobei der Ueberfall nur auf sein jüdisches Aussehen zurückzuführen war. Der gewesene Abgeordnete Dr. Insler, der von Banditen überfallen wurde und sich in eine Straßenbahn flüchten wollte, wurde vom Schaffner gewaltsam daran gehindert. Wenn wir mit aller Sehärie die Stellungnahme und die unerhörte Indolenz der polnischen Lokalbehörden in Lemberg vor aller Welt anprangern müssen, so fällt auch eine gewisse Schuld auf die Zentralbehörden in Warschau, die erst spät den Ernst der Lage in Lemberg erkannt haben. Ob dies auf eine bewußte Irreführung oder andere Machinationen seitens der Lokalbehörden in Lemberg zurückzufiihren ist, entlastet keinesfalls die obersten Organe der staatlichen Gewalt. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Lage der Juden in Lemberg geradezu unhaltbar wird, wenn nicht der polnische Staat endlich einsieht, daß derartige Vorfälle ihn in der ganzen Welt aufs schwerste diskreditieren. Auch Juden haben in einer gewaltigen Zahl für Polens Selbständigkeit auf den Schlachtfeldern geblutet und Juden waren es auch, die während der Friedensverhandlungen ein gewichtiges Wort für die Staatlichkeit Polens an maßgebender Stelle gesprochen haben. Der eigentliche Leiter Polens, Marschall Pilsudski, wird wohl derjenige sein, der am besten über die jüdische Hilfe im entscheidenden Moment der Friedenskonferenz informiert ist. Wir erwarten, daß er sein Machtwori im Interesse der Menschlichkeit und im Interesse des Ansehens des polnischen Staates auf Grund der Berichte über die Lemberger Vorfälle in die Waagschale werfen wird* Die Juden Lembergs sollen überzeugt sein, daß di« ganze Welt den Pogrom in Lemberg einmütig ali Kulturschande verurteilt.