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Die Stimme · 1932-12-08 · Heft 257 (8.12.1932) · page 6

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Journal
Die Stimme
Volume
5 (1932)
Issue
Heft 257 (8.12.1932)
Date
1932-12-08
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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beite ö DIE STIMME i\r. 2o/ - - 8. Dezember 1932 genossen umi in Portugal gründeten Marannen eine Brüderschaft, che seinen Namen trug. Dioholas Antoine war Jesuit und trat im Alter von 20 Jahren zum Protestantismus über. Durch Bibel Studium wurde er zum Judentum bekehrt. Mehrere jüdisch« Gemeinden lehnten es ab. ihn ins Judentum atif/.unelimen. Er ging nach Italien und war Ge:st!icher in der Nahe Genuas. In seiner Kirche bemühte er sich den Nanren Christus möglichst selten auszusprecheni. ln seinem Hause lebte er streng nach den Vorschriften der jüdischen Religion. Schließlich wurde er denunziert und am 20. April 1632 erfolgte seine Hinrichtung, ln «The Jewish Chronicle* vom 29. April d. J. erzählt Cccil Roth die Geschichte seines Todes. Auf die Bekehruagsversuche am Fuße des Scheiterhaufens rief Antoine: «Kommt raßr uns sterben für den Ruhm des großen Gottes Israels, dem kein Gott gleicht. Nun wurde er erdrosselt. Dabei sprach ein Geistlicher ein Gebet und erwähnte dabei die «heilige Du ie i igkeit». Da schüttelte Antoine, schon sterbend, die Reisigbündel ab. die man auf ihn gelegt hatte und gab durch B’icke und Gesten seinen Unwillen kund. Dann wurden die Reisigbündel angezündet und entset/t sah die Menge, daß Antoine noch immer lebte und die L'ppen bew >gte bis ihn du Flammen eintoüflten. Noch von einem Prosetyten erzählt uns C. Roth, von Lope de Vera. Ihn hatten die Grausamkeiten der Inquisition zum Judentum gebracht. Im Kerker der Inquisition nahm er mit einem scharfen Knochen an sich selbst die Beschneidung vor und nannte sich «Juda der Gäubige». Nach fünfjährigen Kerker- und Folterqualen wurde er als hartnäckiger Häretiker zum Tode verurteilt, und am 25. Juni 1644 in Valladolid in seinem 25. Lebensjahr verbrannt. Seine Leidensgeschichte machte tiefen Eindruck auf seine Zeitgenossen, darunter auch auf Spinoza. Lope de Veras Märtyrertod zeigt, daß die Greuel der Inquisition eine von der Inquisition nicht gewollte Wirkung hatten, indem sie bei echten Christen Sympathien für das verfolgte Judentum hervorriefen, die sich bis zur Selbstaufopferung steigerten. o. g. Antisemitische Unruhe wette in Polen Knebelung der jüdischen Presse Aufrufe zur Wahrung der Ordnung in Lemberg Lemberg, 4. Dezember, Die offizielle polnische Telegraphenagentur (PAT) veröffentlicht einen Aufruf der Rektoren aller Lemberger Hochschulen, in dem die Studentenschaft aufgefordert wird, die Ruhe zu bewahren, andernfalls würden die schärfsten Maßnahmen zur Anwendung gelangen. Die höchste katholische Geistlichkeit Lembergs fordert die Studentenschaft zur Wahrung der Ruhe im Geiste der katholischen Ethik auf, die den Grundsatz «Auge um Auge, Zahn um Zahn» verneint. Die letzten Meldungen aus Lemberg besagen, daß die Stadt sehr stark durch Polizei, die aus Warschau sowie aus der Umgebung von Lemberg zusammengezogen wurde, besetzt ist. Abgeordneter Dr. Rosmarin intervenierte bei der Lemberger Leitung der Bank Polskie wegen Verlegung der Wechselzahlungstermine für die jüdischen Kaufleute, die infolge der Unruhen ihre Läden geschlossen halten müssen und darum über keinerlei Barmittel verfügen. In Lemberg laufen täglich Hunderte von Depeschen von Verwandten Lemberger Einwohner aus Deutschland, Palästina, Amerika usw. ein, In denen sich die Absender über das Schicksal ihrer Angehörigen erkundigen. In der Nacht zum Donnerstag, den 1. Dezember, explodierte vor der Synagoge in der Dziulkiewskagasse eine Petarde, wobei sämtliche Fensterscheiben der Synagoge und der benachbarten Wohnhäuser in Trümmer gingen. In der gleichen Nacht explodierte eine Petarde auf dem Lemberger jüdischen Friedhof, ohne viel Schaden anzurichten. Der jüdische Parlamentsklub hat beschlossen, in der kommenden Sitzung des polnischen Sejm eine Anfrage an die Regierung, betreffend die antisemitischen Ausschreitungen in Lemberg, Warschau und in den anderen polnischen Universitätsstädten, Sowie in Czenstochau, zu richten. Der jüdische Parlamentsklub wird seine Anfrage durch ein umfangreiches Material belegen. Am Freitag, den 2. Dezember, wurden der jüdische Student Anselm Friedländer, der Setzer Karl Briller und der Handelsangestellte Stein durch Studentenhuligans überfallen und erheblich verletzt, so daß sie mit blutenden Wunden in das Krankenhaus eingeliefert werden mußten. Am vergangenen Mittwoch, der verhältnismäßig ruhig verlief, wurden — wie nachträglich festgestellt wurde — 63 Juden in Lemberg bei Ueberfällen durch Huligans verletzt. Aus den kleineren Städten der Umgebung Lembergs treffen beunruhigende Nachrichten ein. ln dem Städtchen Grudek wurden in zahlreichen jüdischen Wohnungen und Geschäftsläden die Fensterscheiben eingeschlagen. Mehrere jüdische Einwohner wurden schwer mißhandelt und verletzt. Die UeberfäUe auf jüdische Passagiere in den von und nach Lemberg verkehrenden Zügen dauern an. Die Lemberger jiddische Tageszeitung «Neuer Morgen», die ln den Unruhetagen gleich den anderen jüdischen Zeitungen wiederholt beschlagnahmt worden ist. veröffentlicht einen «Mit ungebundenen Händen» überschriebenen Leitartikel, in welchem dem Gefühl der Qual, in solcher Zelt schweigen zu müssen, Ausdruck gegeben wird. Es heißt ln dem Artikel: «Unsere Glieder sind in Ketten geschmiedet, unser Mund ist durch einen Knebel zugestopft, wir müssen schweigen. Aber wenn einmal unsere Zunge gelöst sein wird, dann werden mir reden und verkünden, wie wir den Huligans ausgeliefert waren. Man hat uns nicht hinreichend geschützt, wir waren Freiwild, unser Eigentum war Freibeute. Man schlug {Juden in allen Ecken und in allen Gassen der Stadt; wen es nur gelüstete, der durfte Juden überfallen | und Fensterscheiben in jüdischen Wohnungen einschlagen.» Große Aufmerksamkeit erregt ein Plakat des «Verbandes der jüdischen Kämpfer für Polens Freiheit», auf welchem u. a. zu lesen ist; «Wir fordern euch polnische Akademiker auf, in dieser Zeit schwerer Prüfung für das Vaterland sich nicht durch Leidenschaft den Blick für die Wirklichkeit trüben zu lassen. Dies liegt im Interesse Polens, für dessen Schutz wir mit euch Hand in Hand gekämpft haben.» Der Verband der jüdischen Kriegsinvaliden, -witwen und -waisen veröffentlicht einen scharfen Protest gegen die UeberfäUe auf die wehrlose jüdische Bevölkerung. Immer wieder häufen sich in Lemberg die Fälle, daß christliche Passanten jüdischen Aussehens von Studenten überfallen und brutal niedergeschlagen werden. Unter den Ueberfallenen befinden sich öfter hohe polnische Beamte. Zu den Forderungen, die die Lemberger Studenten als Bedingung für Wohlverhalten in der Zukunft aufgestellt haben, gehören u. a. auch die, daß der jüdische Selbstschutz aufgelöst und der gesetzliche Numerus clausus eingeführt wird. Bis jetzt sind 165 Studenten verhaftet, zumeist aber wieder aus der Haft entlassen worden. Am Freitag und am Sonnabend wagten es LembergerundjüdischeEinwohnerzum ersten Male, dieStraßenzu betreten. Man sah viel Juden und Jüdinnen mit verbundenen Köpfen und Händen. Die Hochschulen sind wieder geöffnet, allein die jüdischen Studenten wagen es bis auf wenige nicht, zu den Vorlesungen zu kommen. Sämtliche jüdischen Synagogen und Bethäuser Lembergs stehen unter polizeilicher Bewachung. Während sich der Zustand des schwerverletzten früheren jüdischen Sejmdeputierten Dr. Insler etwas gebessert hat, ist der Zustand des bei den Unruhen ebenfalls schwer verletzten jüdischen Arztes Dr. R a w i c z nach wie vor hoffnungslos. Sensationelle Wendung in der Affäre Zamorski In der Affäre des bei den Zusammenstößen in der Kopernikusgasse zu Lemberg sehr schwer verletzten polnischen antisemitischen Studenten Zamorski ist eine sensationelle Wendung eingetreten. Es hat sich herausgestellt, daß Zamorskis Verletzungen nicht von Schüssen, die auf ihn abgegeben worden seien, herrühren,, sondern von einer Handgranate, die er in seinen Kleidern versteckt hielt, um sie gegen die Juden zu schleudern, die aber durch die eigeneUnversichtigkeit Zamorskis vorzeitig explodiert war. Zamorski hat ein diesbezügliches GeständnisbereitsabgelegL Bekanntlich hat die Verletzung Zamorskis nicht weniger als die Ermordung Grotkowskis Anlaß zu schwerster antijüdischer Hetze und zu einer neuen Welle der Unruhen gegeben. Als des Attentats gegen Zamorski verdächtig wurden die Juden Schönfeld und Blaustein in Ketten geschmiedet in das Gefängnis eingeliefert, sie wurden nun wieder freigelacscn. Die Sonnabend-Ereignisse in Warschau Warschau, 4. Dezember. In Anschluß an einen am Sonnabend in Warschau abgehaltenen Trauergottesdienst für den in Lemberg ermordeten Studenten Grotkowski fanden ungeachtet der scharfen polizeilichen Bewachung antijüdische Unruhen statt. Es wurden in Massen antijüdische Proklamationen verbreitet, in denen zum Boykott der Juden aufgefordert wurde. Gegen Mittag zogen etwa 3000 Studenten gegen das Warschauer jüdische Viertel. Auf dem Wege wurden in mehreren jüdischen Wohnungen, aber auch in einigen nichtjüdischen Hotels und Bureaus, sowie im Hause der regierungstreuen Zeitung «lllustrowani Kurjer» die Fensterscheiben eingeschlagen. An vielen Stellen kam es zu Zusammenstößen zwischen Studenten und Polizei, der es gelang, den Strom von dem jüdischen Viertel abzulenken. 20 Studenten wurden verhaftet. Der jüdischle Student Kasriel Griin und der Jude Salomon Heidenwafm wurden schwer verletzt. Minister Jendzejewicz über die antisemitisch« Unruhewelle Warschau, 4. Dezember. In einem Gespräch mit Vertretern ausländischer Presse erklärte der polnische Unterrichtsminister Jendzejewicz, es bestünden in vielen Ländern Europas antisemitische Strömungen, in Polen gewinnen diese einen gewissen Beigeschmack dadurch, daß sie den Zweck verfolgen, die Arbeit der Regierung za stören. Der Vorfall, bei dem der Student Grotkowski getötet wurde, trug den Charakter einer Schlägerei zwischen betrunkenen Studenten und einigen Individuen der Unterwelt. Es bestand keinerlei Grund, hieraus eine politische oder nationale Affäre zu konstruieren. Die Studentenschaft hätte sich nach Bekanntgabe des wirklichen Sachverhaltes beruhigt, aber nationalistische und kommunistische Jugendorganisationen suchten die Geschehnisseinein politisches Fahrwasser za leiten. Die Unruhen haben keineswegs einen Pogromcharakter angenommen, kein einziger Jude wurde getötet, Verwundete gibt es auf beiden Seiten. Schulbehörden und Polizei gingen entschlossen vor. Die Mehrheit der polnischen Jugend hat nun von den Geschehnissen genug und wird den Versuchen, weitere Unruhen hervorzurufen, aktiven Widerstand entgegensetzen. Die jüdische Presse Polens kommentiert diese Erklärung des Unterrichtsministers mit Skepsis. Der Eindruck im Ausland New York, 4. Dezember. American Jewish Committee, American Jewish Congress und Föderation polnischerjüden erörterten gemeinsamdie Lage der Juden in Polen im Zusammenhang mit der neuen Unruhewelle und gaben eine Erklärung heraus, in der festgestellt wird, daß ungeachtet gewisser Anstrengungen der polnischen Regierung, der Unruhen Herr zu werden, die Ordnung noch nicht wiederhergestellt ist. Es wird der Ueberzeugung Ausdruck gegeben, daß, wenn die Regierung eine festere Hand zeigen wollte, sie die Unruhen sofort unterdrücken könnte. In der Erklärung, die der polnischen Gesandtschaft in Washington übergeben wurde, wird B e s o rgnisumdasSchicksalderJudengeäußert Ein Sonderkomitee aus Vertretern der drei beratenden Organisationen wurde eingesetzt, um die Angelegenheit weiter zu verfolgen. In Jerusalem wird für die Juden Polens gebetet Jerusalem, 4. Dezember. Während des Gottesdienstes am Freitagabend vor der Kiagemauer wurden Gebete für die durch die Unruhen in Polen gefährdeten Juden gesprochen Efiiuwriclitsliliige gegen den revisionistischen Sonderverband und gegen Dr. Soskin London, 4. Dezember. Wie das Zionistische Zentralbureau meldet, hat der Kongreßanwalt, Herr Rechtsanwalt Dr. A. Bart h, Berlin, gegen den Sonderverband der Zionistenrevisionisten sowie gegen Herrn Dr. S. E. S o s k i n beim Vorsitzenden des Ehrengerichts, Herrn Rechtsanwalt und Notar S. Gronemann, Berlin, die Ehrengerichtsklage erhoben. Die Juden in Bulgarien Im Jahre 1905 gab es in Bulgarien 37.653 Juden (18.903 Frauen und 18.750 Männer). Davon waren 36.476 Sefardim und 1524 Aschkenasim. Im Jahre 1908 gab es 239 Schulen mit 5499 Schülern und 140 Lehrern. Am 31. Dezember 1920 gab es in Bulgarien 43.209 Juden und Ende 1930 bereits 49.000 Juden. 95 Prozent der jüdischen Bevölkerung sind Sefardim. 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