Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 257 (8.12.1932)
- Date
- 1932-12-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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\i. 2yj 8. Dezember 1932 DIE STIMME Seite 5 NST UND WISSEN Bella«« der „Stimme" Der Prophet Moses Von F. C. Kuc%ynsUa Wir bringt» im nachstehenden einen Artikel 'iserer geschätzten Mitarbeiterin F. C. Kuczynka. Die Ausführungen dieser nichtjüdischen titorin verdienen um so größere Beachtung, a sie zu den Aeußerungen einer von Haß und Antisemitismus vergifteten Atmosphäre von dentum ist das Reich des Bejahens, des Ergreifens, und des Bestehens geworden. Dementsprechend entwickelte sich auch die Divergenz der Richtlinien seiner jeweiligen Bekenner. , , , Mi , . , Jesus von Nazareth war trotz seines lyrischen bilden L(Die Redaktiorf)’ woh tuenden Ge&ensatz Stiles und seiner himmlischen Ziele ein Realist. Er erreichte, was er wollte, er wurde Märtyrer und gab sein Leben für die Idee hin Er hatte von Anfang an nichts anderes gewollt, als den leiblichen Todl Das jüdische Volk hat der Menschheit ein Kapital an geistigen Werten geschenkt, an künstlerischen Inspirationen, an moralischen Stimulationen und das Vermächtnis fortschrittlicher, zivilisatorischer Bestrebungen. Zwei Gestalten haben die Dichter und Künstler aller Länder immer wieder zu neuem Schaffen begeistert: Der Prophet Moses und der aus dem Judentum hervorgegangene Schöpfer der christlichen Religion. Renan sagt mit Bezug hierauf: «Das jüdische Volk ist der Urheber der schönsten und erhabensten Bewegung, des selbstlosesten Elans, von dem die Geschichte zu berichten weiß.» Kein Wunder, daß gerade Jesus einen Raffael zu seiner Verherrlichung fand, den Maler der zarten, idealen Farben und himmlischen, überirdischen Linien, und Moses einen Buonarrotti, den größten Plastiker des Cinquecento, den Uebermächtigen, Uebermäßigen, der mit wilder Leidenschaft den Stein verhauen, der ihm diente, so daß manche seiner Werke unvollendet bleiben mußten. Ueberall schreitet an Israels Seite der gewaltige Schatten des Propheten, dieses herrlichen Menschen, der Michelangelos Seele entzückte, dei aus e;ner Herde bedrückter Sklaven ein freies Volk machte, der «Menschenobelisken» schuf und der Wdt einen Gott aufrichtete, den «Einen», «E:nz’gen — einen Zeboatli», dessen Strenge das «auserwählte», in der Disziplin des Leidens geprüfte und geübte in der Disziplin des Leidens geprüfte und geübte Volk, bedurfte, um zu der Bedeutung zu gelangen und sich den Platz in der Geschichte zu erobern, auf dem es heute steht. Moses ist für die Juden was Kaiser Barbarossa für die Deutschen, der sagenhafte Wächter, der «gar nicht gestorben ist», der immer wieder zur Rettung seines Volkes erscheinen kannl So sieht ihn auch der Caprese Buonarrotti, wie ihm der Bart bis zu den Knien reicht, mächtig und lang, wie der des Kaisers im Kyffhäuser, der durch die Tischplatte hindurch gewachsen ist. Mit 190 Jahren waren seine Augen noch klar und seine Stirne hell und faltenlos. Auch trug er wie alle Großen dieser Erde eine unstillbare Sehnsucht in der Brust nach dem gelobten Lande seiner Träume, dem Symbol alles Unerreichbaren! Nicht am Kreuze verblutend, mit der Sündenlast der ganzen Welt beladen, ist er gestorben! Er verschied wie ein Mensch, ohne Aufsehen, und sein Gott legte ihm gütig die Hand über die Augen, auf daß sie erloschen . . . Wie schön ist dieses Bild!! Eine Wolke umschlang ihn, wie Rauch verschwand er . . . und keiner sah je sein Grab! Wenige, nur die Allergrößten haben sich an die Kolossalgestalt des Moses herangewagt, um ihn zu verbildlichen! Scheu und Ehrfurcht erfüllte alle vor dem Riesen. Ein Meister ohnegleichen wie Michelangelo durfte es, und seine Statue in Rom in der Kirche «San Pietro in vincoli» überwältigt alle, die sie sehen. Jesus von Nazareth dagegen war volkstümlicher unter den Menschen. Er wandelte mitten unter ihnen, unter den Aermsten, unter Bettlern und Kranken, unter Zöllnern und Kriegsknechten! Unzählige sind der Bildnisse von ihm, die Künstler in frommer Liebe geschaffen! Beide aber besaßen das Ewiggemeinsame aller Erhabenen: die suggestive magnetische Kraft, die auf die Menschen aller Zeiten wirkte. Nur gingen sie verschiedene Bahnen und hatten verschiedene Ziele und das erklärt auch die Grundverschiedenheit ihrer Glaubensanhänger und deren Evolution in der Geschichte. Moses wollte das irdische Leben, das Land Kanaan, die welthistorische Entwicklung des jüdischen Volkes. Jesus wollte das unirdische Leben! Das Christentum ist daher die Verneinung des Irdischen, das Prinzip der Entsagung und des Vergehens, das Ju- Er versprach darüber hinaus ein Reich, von dessen N i c h t e x i s t e n z nie ein Beweis geliefert wurde. Moses dagegen ist der Typus des Idealisten. Unsicheren Zielen nachjagend, in der Wüste irrend, im Affekt und Impuls handelnd, erschlägt er den Aegypter, zieh* aus dem Lande der Pharaonen aus! Er wirft donnernd die Gesetzestafeln in die Tiefe, zerbricht, was er aufgerichtet! Wird alt, sieht von ferne das Land seiner Sehnsucht, erreicht es aber niemals! Doch sein weitschauender Genius zeigt Israel die rechten Wege, um dahin zu gelangen! Das Volk wird, was Moses wollte, daß es werde. Sein jahrtausendelanger Bestand bezeugt es! Wer ein Zentrum des Lebens ist, gedeiht!! Die Juden sind die Bekenner des Lebens und das Leben lohnt es ihnen. Sie fürchten überall die Keime des Todes in Seele und Leib, sie machen es sich zum Gesetz, «man müsse», wie Altmeister Goethe sagt, «alles vermeiden, was Verwesungsgeruch an sich habe!» So galt auch der leibliche Tod bei ihnen als unrein, darum die Waschungen nach jeder Berührung mit dem toten Körper. Todessehnsucht gar ist ihnen völlig fremd. Nirgend rufen sie den Tod herbei, mit keinem Seufzer, mit keinem Wort, in keinem Lied, nicht in Bildern noch in Ge-, danken! . . . Unsere christliche Religion dagegen ist gewissermaßen eine Apotheose des Todes, eine langsame Kreuzigung, wir pflegen ihn von unserer Geburt an. Es ist dies die tiefe Erkenntnis des Hinfälligen, Wertlosen alles Irdischen, eine endgültige, mutige Schlußfolgerung noch bevor die Lebensbilanz abgeschlossen ist. Wir «lieben unsere Feinde», Entäußerung der Persönlichkeit! — wir halten die linke Wange hin, wenn die andere einen Streich erhielt, — Verzicht auf die Rechte des eigenen Ichs! Die Güter der Erde erscheinen uns wertlos, die Materie entwindet sich unseren Händen, steigt wie Rauch empor! W i r entsagen, s i e halten fest! Sie wurden zur Kraft erzogen, wir zur Schwäche! Sie leben, um zu leben, wir leben, um zu sterben! Blutleere Schatten der Askese, Vernjchtungstrieb und Klostermauern! Tränenvolles Entsagen oder überirdische Ekstase und Glorie der Auferstehung! . . . Das jüdische Volk hat dem Tode nicht gedient, weil es dem Leben diente. Aber es hat auch die Bedeutung des Todes nicht zu erfassen vermocht, wie wir sie erfassen. Nur wenn es galt, sich zu dem Gotte seiner Väter zu bekennen, schwang es sich zur Todesliebe in unserem Sinne auf. Jüdische Märtyrer sind grandios in den Tod gegangen. Die jüdische Geschichte ist voll von Beispielen davon. Nach Jahrhunderten noch klingt das: «Höre, Israel, Gott ist einzig!» den Getreuen im Ohre, das Isaak de Castro (in Lissabon 1647) auf dem Scheiterhaufen mit so schauerlicher Stimme hinausschrie, daß alle Anwesenden in tiefster Seele erschüttert wurden und es totenstill in der Stadt ward vor Grauen. Die Inquisition beschloß damals, in Lissabon keine jüdischen Märtyrer mehr lebend zu verbrennen. So starben auch in Spanien im Juli 1321 heldenmütig an die 5000 jüdische Glaubensbekenner! In Chinon ging ein Teil von ihnen laut singend in den Feuertod, nachdem die Mütter zuerst ihre Kinder in die Flammengrube geworfen hatten. Es gibt kein Volk der Erde, das mehr Standhaftigkeit gezeigt und mehr Proben der Todesverachtung gegeben hätte, als die luden! Gesinnungstreue und altehrwürdige Tradition waren hiezu der Anlaß. Das kampfesfreudige Bewußtsein noch im Tode statt der Beliegten die Sieger zu sein, rief bei ihnen die Ekstase hervor. Nicht freiwillig wie ein unnützes Gewand warfen sie das Leben fort, vor dem sie zu viel Ehrfurcht haben. Sie handeln nicht im Opferwahn, in hypnotischer Ueberspannung, in suggestivem Vernichtungstrieb ihrer selbst! Die Wirkung war die gleiche wie bei den christlichen Märtyrern, das Motiv war ein anderesl . . . Auch als Rasse durch die Merkmale ihrer Blutabstammung bezeugen die Juden ihre Kraft und prägen sich unserem Völkerleben ein mit ihren physischen und geistigen Eigenschaften. Das Leben lieben zeigt Kraft, den Tod nicht fürchten, Größe* das Leben um ein Nichts fortwerfen, ihm entsagen aus Furcht vor dessen Anforderungen und Verlockungen — zeigt Schwäche! Es im tiefsten Sinne erkennen: Uebermenschengröße! — die eisige Höhe der Gebirgsfirne mit dem Ausblick in ein blühendes T^l, das christliche Jenseits . . . Die Gestalten von Moses unef Christus haben bis in unsere Zeit hinein nichts an suggestiver Wirkung und künstlerischer Zugkraft verloren. Sie finden unentwegt ihre Dichter, Maler, Plastiker und Tonkünstler. Immer sind es die Stürmer, die Unbezähmbaren, die genialen Uebermenschen, die von der Gestalt des Moses fasziniert werden. So hat in jüngster Zeit der Dalmatiner Mestrovic den Koloß packend dargestellt, das gehörnte Haupt, die mächtigen Augen, seine gewaltige, imperative Seele. Eine christliche Dichterin, die Polin Konopnicka, *) hat in unsterblich-schönen Versen der Gestalt des Propheten und seinem Ringen ein Denkmal gesetzt. Die Dichtung schließt mit den Worten: «Bin ich nicht erhört, o mein Gott? Falle ich mit der Brust auf brennende Sande? Ueber mir fliegende Orkane, wie Geier, die um Leichen kreisen! Ich soll das verheißene Land nicht sehen, das ich mit meinen Augensternen fühle? . . . Von den verschlafenen Zelten her klingt ein Seufzer an mein Ohr . . . verirrt fällt ein Stern zu meinen Füßen, mit Sausen fährt die Adlerschar auf! Es brennt irgendwo in der Ferne der Donner Feuerrote . . * Jehova! Jehova! Ich fühle deinen Atem!» Proselyien Atofall vom Christentum war durch Jahrhunderte ein todeswürdiges Verbrechen. Ein liebetblei'bsel dieser Auffassung findet sich in einer — allerdings schon aufgehobenen — Bestimmung des allgemeinen bürgerlichen Gesetzbuches vom Jahre 1811, wonach Abfall vom Christentum einen Enterbungsgrund bildete. Das Judentum des Mittelaltens hatte andere Sorgen als Proselyten zu machen. Heute ist es nicht anders. Trotzdem ereignete es sich nicht selten, daß Christen, oft sogar katholische Geistliche, zum Judentum übertraten. Materielle Vorteile winkten ihnen nicht, der Tod stand in sicherer Aussicht, Trotzdem hielten sie am jüdischen Glauben fest. Cecil Roth, ein anerkannter jüdischer Historiker, ließ im Jahre 1931 ein Buch erscheinen (A Jewish Book of Days, London Verlag Edward Goldston Ltd.), das für jeden Tag des Jahres ein Ereignis aus der jüdischen Geschichte wiedergibt. U. a. erzählt er uns vom Leben und Sterben von 5 Proselyten. Der erste von ihnen, Robert of Reading, ein Diakon, war durch das Studium der hebräischen Sprache in die Kenntnis des Judentums eingedrungen, wunde Jude und heiratete eine Jüdin. Er wurde zum Tode verurteilt und am 17. April 1222 in Oxford verbrannt. Fawkes de Bteante, der Sheriff von Oxfordshire überlieferte ihn dem Flammentode. Der Frau des Unglücklichen konnte man nichts anhaben. Das wurmte dea wackeren Sheriff. «Schade!» meinte er, «daß der Halunke allein »n die Hölle fährt 1» Am 4. September 1557 erfüllte sich das Schicksal eines anderen Proselyten Er hieß Cornelio da Montalcino und war Franziskanermönch und bekannte sich zum Judentum. Die Inquisition bemächtigte sich seiner und verurteilte ihn zum Tode. «Ohne daß sein Blut vergossen wird», das heißt zum Scheiterhaufen, den er in Rom am Campo dei Fivr.i ohne «den falschen Glauben» abzuschwören bestieg. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts trat Diogo da Assuncaa, ebenfalls ein Franziskanermönch zumr Judentum über. Die Inquisition verurteilte ihn zum Tode, als alle Bekehrungs- Versuche scheiterten. Am 3. August 1603 bestieg er in Lissabon den Scheiterhaufen. Seine Gaubenstreue und die grausamen Folterqualen, denen er in den Kerkern der InquisTon ausgesetzt war, erweckte die Bewunderung seiner Zeit- Gedenkabend am 20. Dezember d. J. Dienstag, den 20. Dezember findet in den «Jüdischen Künstlerspielen» unter Mitwirkung des ganzen Ensembles und auswärtiger Kunstkräfte fiir den vor kurzem verstorbenen großen jüdischen Charakterdarste 1er Jonah Reißmann eh! Gedenkabend statt, dessen Reinerträgnis der Witwe zukommen soll. Karten an der Kasse der «Jüdischen Künstlerspiele», in der Redaktion der «Stimme», I. Bes,, Kärntnerstraße 28, und in allen Theaterkartenbureau*