Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 257 (8.12.1932)
- Date
- 1932-12-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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t ><. /.Uill.V, DIL STIMME iv iiO Chajes-Giabaaiiq 18. Dezember 1932 1 a11 Uhr vormiffaus Xenfralffricdhof (1. Tot) Glückwünsche aus aller WeU Dem «Zionistischen L a n d e s k o in i t e e;- sind aus dem In- und Auslande zahlreiche Glückwunschtelegramme zugekammen, von denen wir einige veröffentlichen: Die Exekutive London telegraphiert: «Wir beglückwünschen die Wiener Zionisten aller Richtungen zum glänzenden Wahlerfolge, der ein Beweis des nationalen Erwachens der Wiener Judenschaft ist. Wir erwarten von den zionistischen Mandataren schöpferische Tätigkeit im Sinne der Parole Herzls zum Wohle des Volksganzen, sowie die brüderliche Zusammenarbeit im Interesse der Volkserweckung und des Aufbauwerkes in Erez Israel. Zionistische Exekutive London.» * «Herzliche Gratulation zum Wahlsieg. Klub zionistischer Kultusräte, Graz.* * Hocherfreut gratuliert zum großen Wahlsieg herzlichst OrtsgruppeGraz.» * * sHocherfreut über den Wahlsieg beglückwünschen v:ir Sie aufs herzlichste und erhoffen von Ihrer Tätigkeit einen imponierenden Aufschwung unserer Bewegung. Mit Zionsgruß Ortsgruppe Linz a. D * «Namens jüdischer Gemeinde Cernauti übermittelt herlichsGlückwünsche großen Wahlsieg Zionisten Wiens.* Dr. Karl G ut her z, Präsident:» Namens Jüdischer Reichspartei übermitteln Glückwünsche zum Wahlsieg Ebner-R eif er.* * xHerzlichste Gratulation zum errungenen Sieg sendet Zion. Exekutive f. Ostgalizien, Lemberg.* «Bukowinaer Zionistische Landesorganisation gratuliert zum Wahlsieg. Weissetbergc r.» Sbmth an die füdisdke Wütklersdhaft Wiens! Nach mehr als dreißigjährigem Ringen ist es gelungen, das Gebot Theodor Herzls, des großen Sohnes des jüdischen Wiens, zu erfüllen. Die Leitung der Wiener Judengemeinde ist von nun an einer Zionistischen Mehrheit anvertraut. Der jüdische Willen zum Leben, zur Erhaltung des jüdischen Volkes und zu seiner Erneuerung hat den Geist kleiner Verzagtheit, der Mutlosigkeit, der Resignation überwunden. Jahrzehntelanger Aufklärungsarbeit und aufopferndster Arbeit der am Wahlkampfe aktiv beteiligten treuen Streiter hat es bedurft, um diesen Sieg, der für die ganze jüdische Welt von höchster Bedeutung ist, zu erringen. Aber alle Mühe, alles Kämpfen wäre vergeblich geblieben, ohne die unvergleichliche Haltung der Wiener jüdischen Wählerschaft. Wohl noch nie ist versucht worden, eine Wählerschaft mit solcher Brutalität und solch dreister Entstellung der Wahrheit einzuschüchtern und irre zu machen, wie diesmal. Man hat in raffinierter Art der jüdischen Wählerschaft einen zionistischen Erfolg als Schrecken aller Schrecken dar gestellt. Er bringt Verlust der staatsbürgerlichen Rechte! Er führt ins Ghetto! Er entfesselt Pogrome ...In skrupelloser Weise vjar man bemüht, die heute so schwer bedrohte, so schwer leidenden Judenschaft noch härter zu bedrücken, mit Angst und Verzagtheit zu erfüllen. Der gesunde und mutige Geist der Wiener jüdischen Wählerschaft hat all diese Versuche zuschanden. gemacht. Er hat das bleiche Gespenst der Ghetto-Angst aus der jüdischen Gasse vertrieben. Dafür gebührt der Wählerschaft dieser großen Judengemeinde voller, herzlicher Dank der zionistischen Weltbewegung, voller herzlicher Dank der gesamten jüdischen Welt. Wie in den Tagen seines großen Sohnes Theodor Herzls, so geht jetzt wieder der Ruf zur nationalen Erneuerung des alten Volkes vom jüdischen Wien aus. Die Zentral-Wahlleitung der «Zionistischen List e». Wiener Pressestimmen «um zionistischen Kutiuswahtsiea Welch großes Interesse in der breitesten Oeffentiichkeit den diesmaligen Kultuswahlen entgegengebracht wurde, kam deutlich auch in der Wiener Presse sum Ausdruck. Fast alle großen Tagesblätter widmeten den bevorstehenden Kultuswahlen in der der Wahl vorangegangenen Woche spaltenlange Artikel. Noch am Sonntag, am Wahltag, erschienen Kultuswahlartikel inder«NeuenFreienPresse» und im «W i e n e r T a g», in dem insbesondere auf den prinzipiellen und weltanschaulichen Charakter dieses Kultuswahlkampfes hingewiesen wurde. Womöglich noch stärker war aber das Echo, das der Ausgang der Wahlen in den Montag-Früh-und -Abendblättern fand. Das Montagblatt «Der Morgen» hebt in seinem mit «SiegderZionisten beiden Kultuswahlen» betitelten Bericht die Bedeutung dieser Wahl hervor und stellt fest, daß «die nahezu unbesiegbare Vorherrschaft der sogenannten liberalen Judenschaft im Wiener Kultusvorstande nach dreißigjährigem Kampf durch die Zionisten gebrochen worden ist*. Das Blatt stellt ferner fest, «daß Wien heute die erste jüdische Großgemeinde ist, in der die Zionisten im Kultusvorstand die Führung haben». Ueberdies veröffentlicht dieses Blatt ein Interview mit Dr. Löwenherz. Besonders bemerkenswert erscheinen uns die Ausführungen in der «Reichspost», dem Österreichischen Regierungsblatt. Unter der Ueberschrift «Eroberung der Kultusgemeinde durch die Zionisten — Sieg des Nationalismus in der Wiener Judenschaft», schreibt das christlichsoziale Parteiorgan u. a.: . . im übrigen bedeutet das Wahlergebnis, daß die M e h rh e i t der Wiener Judenschaft den Uebergangvom Assimilationsjudentum zum nationalen Judentum vollzogen und ein Bekenntnis der Einheit von religiösem Mosaismus und jüdischem Volkstum abgelegt hat». Die «Neue Freie Presse» weist darauf hin, daß der «Zionistische Klub», dem auch die Misrachi angehören wird, mit 15 Mandaten d,e stärkste Vereinigung im Vorstande sein wird und stellt den tiefgehenden Wandel fest, der sich duich dieses Wahlergeb.rs in der Wiener Kultusgemeinde vchzogen har. «Di» zionistischen Gruppen» — heißt es hier — «die von 26.159 abgegebenen Stimmen 14.500 erhalten haben, sind nun in der Lage, ihr Programm durchzuführen. Sie erklären aber, daß sie niemanden, der außer ihren Reihen steht, von der Mitarbeit ausschließen und hindern wollen, an der Erhaltung und Ausgestaltung der Kultusgemeinde mitzuwirken. Die «Allgemeine Zeitung» (6 Uhr-Blatt) schreibt: «Das gestrige Wahlergebnis in die Wiener Kultusgemeinde, in dem sich der Erfolg der zionistischen Richtung ausdrückt, geht weit über die interne Bedeutung einer häuslichen konfessionellen Angelegenheit hinaus. Es werden dadurch auch Probleme berührt, die sich auf die staatsrechtliche und völkerrechtliche Stellung der Juden beziehen.» Das Blatt bringt auch ein Interview mit Dr. Desider Friedmann, dem Führer der «Zionistischen Liste», in dem sich dieser über die Aufgaben der Kultusgemeinde als öffentlich-rechtliche Repräsentanz der Judenschaft äußert und erklärt, daß die Zionisten sich bemühen werden, das Interesse für die Kultusgemeinde in weitere Kreise zu tragen und sie zum Mittelpunkt des jüdischen Wiens auszugestalten.» Das zionistische Wien im Wahtfiebev Dü: strafte zionistische Organisation in Wien hat, wie es auch ihre Gegner zugeben mußten, an dem grandiosen Wahlsieg des letzten Sonntags ihren beträchtlichen Anteil. Die Zionisten erfüllten ihre Wahlpflicht in gewohnter Disziplin. Es bedeutete für sie mehr als eine bloße Pflicht, die man bei ähnlichen Anlässen erfüllen muß. Es war ihnen diesmal eine Herzenssache. Rührend und erhebend war der Elan der zionistischen Jugend. Jeder einzelne Zionist fühlte die große Verantwortung und wußte um den großen Einsatz, um den hier gekämpft wurde, und danach war sein Handeln. Das durch die Bemühungen der zionistischen Minderheit im letzten Kultusvorstande verbesserte Wahlrecht, das nun im Gegensätze zu 37.000 bei der letzten Wahl diesmal über 50.000 Juden die Wahlmöglichkeit gab, hat letzten Sonntag seine Feuerprobe bestanden. Das aktive Wahlrecht wurde diesmal von den Zionisten im vollsten Sinne des Wortes ausgeüfbt. ln einer Reihe von Bezirken konnten die Wahllokal« die Massen der Wahlfreudigen kaum fassen. Ja, vor manchen Wahllokalen bildeten sich am Sonntagvormittag und am späten Nachmittag ganze Schlangenreihen von Menschen, die im Umkreis nicht wenig Aufsehen hervorriefelt. Im Prater, diesem judenreichen Wiener Stadtteil, betrug die Wahlbeteiligung an die 90 Prozent, wobei sie durchwegs zionistisch war. Noch knapp vor 5 Uhr war die Straße, in der das zum Wahllokal adaptierte Bethaus sich befand, menschenvoll und es bedurfte erst der Intervention des Vorsitzenden der Wahlkornimission beim Präsidium der Kultusgemeinde, um all den Wartenden die rechtzeitige Ausübung des Wahlrechtes zu ermöglichen. Wie das Wahlergebnis aulgenommen wurde Dem Ausgang der Wahlen wurde diesmal von der gesamten jüdischen Bevölkerung, ja sogar von großen Teilen der nichtjüdischen Oeffentlichkeit mit besonderem Interesse entgegengesehen. Dies kam besonders deutlich /.um Ausdruck in den unzähligen telephonischen Anrufen im Zentralwa/hlikomitee der «Zionistischen Liste», das Sonntag iS den eigens zu diesem Zwecke von einem begeisterten Gesinnungsgenossen zur Verfügung gestellten Bureauräumen untergebracht war. Hier befand sich auch der Generalsfab mit Dr. Oskar Grünbaum, Dr. I. H. Körner, Oberbaurat Stricker und Ignaz Müller und einer Reihe von Verbindungsoffizieren und nicht zuletzt der Mathematiker Dr. Egon Michael Zweig. Hier liefen die ersten Resultate der diversen Wahlsprengel ein. Bereits um 9 Uhr war es dien Rechenkünstlern Dr. Grünbaum, Dr. Körner und Dr. Zweig gelungen, auf Grund der vorhandenen Zahlen ein Resultat zu errechnen, das fast genau dem endgültigen Resultat entsprach. Inzwischen kamen immer wieder stürmische Telephonanrufe um Bekanntgabe der Resultate. Aus dem «Atlashof», dem Hakoah-Heim, wo sich eine vielhundertköpfige Menschenmenge angesammelt hatte und bereits eine Siegesfeier improvisierte, wurde diese Forderung immer ungeduldiger und lauter. Dorthin begaben sich denn auch Dr. Grünbaum, Ing. Stricker und andere, gefolgt von hunderten Zionisten. Ing. Stricker verkündete unter stürmischem Jubel das Wahlresultat. Hier hielt nun der neugewählte Kultusvorsteher Dr. Oskar Grünbaum, stürmisch begrüßt, eine zündende Ansprache, in der er auf die historische Bedeutung des heutigen Kampfes hinwies und alle an der Peripherie stehenden Zionisten zum Eintritt in die Organisation aufforderte. Gleichzeitg war vor dem Amtsgebäude der Kultusgemeinde eine ungeheure Menschenmenge erschienen, die stürmisch nach den zionistischen Mandataren verlangte. Als hier die ersten authentischen Resultate von dem grandiosen zionistischen Sieg bekannt wurden, lösten sie eine unbeschreibliche Begeisterung aus. Die blau-weiße Fahne wurde von einer Gruppe jugendlicher Zionisten auf dem Giebel des Gebäudes der Wiener Kultusgemeinde gehißt. Diese Manifestierung des siegreichen zionistischen Gedankens wurde von der Menschenmenge mit stürmischer Begeisterung aufgenommen. Aber noch immer war das endgültige Resultat nicht bekannt. Denn oben im Saale des Kulfcuspräsidiums, wo die Hauptwahlkommission amtierte, war das Skrutinium noch in vollem Gange. Pressevertreter eilten durch die Räume und belagerten das Telephon, um ihren Zeitungen Bericht zu erstatten. Endlich, gegen halb 12 Uhr, trafen die letzten Mohikaner in der Seitenstettengasse ein, die die Resultate der noch ausständigen Sprengel mitteilten. Um 12 Uhr Mitternacht wurde das endgültige Resultat verkündet. Die zionistischen Führer Dr. Friedmann und Dr. Löwenherz, die von Pressereportern um Interviews förmlich bestürmt wurden, begaben sich bald darauf ins Caf6 «Atlashof», wo die Spannung den Höhepunkt erreicht hatte. Die Führer der «Zionistischen Liste»: Dr. Friedmann, Dr. Löwemherz und Oberbaurat Stricker, wurden hier stürmisch gefeiert Doktor Friedmann hielt eine fulminante Rede, in der er die Bedeutung des heutigen Tages dahin kennzeichnete, daß er den Beginn einer neuen Aera für die Wiener Judenheit inaujph'