Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 257 (8.12.1932)
- Date
- 1932-12-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE STIMME Nr. 257 — 8. Dezember 1932 INc Wiener Judenqemeiitde | zionistisch l In der Eröffnungsrede zum zweiten Zionistenkongreß ln Basel — am 28. August 1898 — lenkte Theodor Herzl die Aufmerksamkeit der Delegierten auf die Wichtigkeit der jüdischen Gemeinden. Er erklärte es als unerträglich, daß diese Gemeinden von Männern geführt werden, die f ii r Zion beten, aber gegen Zion arbeiten, und forderte die Vertreter des jüdischen Volkes zum Kampfe um die Gemeinden auf. Seit diesem Tage ringen die Wiener Zionisten um die jüdische Gemeinde, und am 4. Dezember brach endlich jene gesegnete Stunde herein, in der wir, tief ergriffen von der Größe des geschichtlichen Augenblicks, sagen durften: der Auftrag unseres großen Meisters ist erfüllt, die große Wiener Judengemeinde ist in zionistischen Händen. Der Sieg ist uns also wahrhaftig nicht mühelos in den Schoß gefallen. Als die ersten zwei Zionisten in dieses unbesiegbar scheinende Bollwerk der Assimilation die erste Bresche schlugen, fanden sie ein Wahlrecht vor, das zwar von sich liberal nennenden Männern gemacht war, an reaktionären Bestimmungen aber nichts zu wünschen übrig ließ. Ein Drittel der Mandate war für die Kurie jener reserviert, die mindestens 200 K Kultussteuer zahlten, bei den Wahlen entschied das Majoritätsprinzip, und das Wahlrecht war an einen hohen Steuerzensus gebunden. Erst nach dem Kriege — im Frühjahr 1919 — fiel unter den stürmischen Angriffen der zionistischen Kultusvorsteher, deren Zahl während des Krieges auf fünf erhöht worden war, die Kurie der Höherbesteuerten, und es wurde ein Verhältniswahlrecht durchgesetzt, das den Zionisten die Möglichkeit gab, ihren Kampf mit Aussicht auf Erfolg fortzusetzen. Der Einfluß der Zionisten in der; Gemeinde wuchs, die Arbeit, die sie dort willig auf sich nahmen, wurde immer umfangreicher. Ihre Taktik, . durch hingebungsvolle, verantwortungsfreudige Arbeit neue Anhänger zu gewinnen, um dann, legitimiert durch ihr Wirken in der Gemeinde, die jüdische Bevölkerung zum Entscheidungskampf aufzurufen, brachte endlicn .den lange vorbereiteten Erfolg. Der letzte Repräsentant «Nichtnationajen», die «Union der deutsch- -ö st e r r ei c h i s ch e n J u d e n», liegt niedergerungen .-?vor der Tür der jüdischen Gemeindestube, und nichts wird sie wieder zum Leben erwecken können. Und man kann durchaus nicht sagen, daß die Union es verstanden hat, in Schönheit zu sterben. Führerlos, geradezu mit Blindheit geschlagen, taumelte sie in den Entscheidungskampf. Aufs schwerste bloßgestellt durch ein f e i g e s B ü n d n i s, das abgeschlossen wurde unter Verrat des bescheidenen Restes eigener dürftiger Grundsätze, wurde sie das allerdings nicht bedauernswerte Opfer einiger armseliger Mandatsjäger, die unter der anmaßenden Bezeichnung «Werktätige Juden» und unter Vorspiegelung der falschen Tatsache, sie seien ein beachtenswerter Bestandteil der sozialdemokratischen Organisation, und unter geradezu einzigartiger Verleugnung aller sozialistischen Grundsätze sich in die Liste der früher von ihr verhöhnten Partei «des Geldsacks und Protzentums» einschlichen, um dann gemeinsam mit ihr derart schmählich geschlagen zu werden, daß ihre Rolle in der jüdischen Gemeinde •wohl für immer ausgespielt ist. Da eine derartige Koalition notgedrungen ohne jedes Programm vor die Wähler trat und ein Produkt höchster politischer Unmoral war, mußte ihr Wahlkampf auf dem tiefsten Niveau stehen. Mit Lügen und Verdrehungen fing er an ugd mit der ebenso schäbigen als tölpelhaften Anzweiflung der Staatstreue der Zionisten endigte er. Der Haß, der sich nichtnational nennenden Gruppen gegen den Zionismus durchrieß alle Dämme politischen Anstandes. Eine Flut von Schmutz und Dummheit ergoß sich über den Kampfplatz, uns aber konnte sie nicht erreichen, und erstickt ist in ihr jene saubere Koalition, die wohl beispiellos dasteht in der Geschichte liier politischen Kämpfe. Noch in letzter Stunde veröffentlichte der Präsident der «Union», der selbst wiederholt unter Berufung auf die verfassungsgesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Minderheiten bei den verschiedenen österreichischen Regierungen eingeschritten ist, in einer vielgelesenen Tageszeitung einen, gelinde gesagt, höchst irreführenden Aufsatz Uber diese Gesetzesmaterie. Durch diesen Dolchstoß sollten wir vernichtet werden; die Waffe erwies sich aber als stumpf und diese Auslassungen wurden zum politischen Schwanengesang Ihres Verfassers. Sie werden einem späteren Schilderer der Geschichte der Wiener Judengemeinde ein wertvolles Dokument sein: sie werden zeigen, welches bescheidene Maß politischer Weisheit und aufrechter Mannesart genügte, um «nichtnationaler» Führer zu sein. Die Wiener Zionisten haben diesen Wahlkampf mit hinreißender Begeisterung, mit stürmischem Elan und Aufwendung einer ungeheuren Arbeit geführt. In Wort und Schrift wurde die jüdische Bevölkerung immer wieder über das zionistische Programm aufgeklärt. Abgestoßen von dem öden Geschwätz und j hemmungslosen Geschimpfe der Gegner strömten die! Wiener Juden in großen Massen in unsere Versamm- I hingen; das zionistische Aufbauwerk ln Palästina, über das unsere Redner immer wieder sprachen, warb für uns und der Zionismus gewann eine große Zahl neuer Anhänger. Unsere Gegner hatten gehofft, daß wir gespalten in den Kampf gehen würden. Sie hatten nicht damit gerechnet, daß zionistische Gruppen, wenn sie auch im Rahmen der Weltorganisation in manchen zionistischen Fragen verschiedene Auffassungen haben, in zionistischer Pflichttreue einig sind, wenn es gilt, dem alten gehässigen Feind des nationalen Judentums die Entscheidungsschlacht zu liefern. Die gemeinschaftliche vrbeit hat Allgemeine Zionisten und Revisionisten zusammengeführt, ihre Einigkeit brachte den herrlichen Sieg, und diese Waffenbrüderschaft wird auch in Zukunft weitere Früchte tragen. Mit aufrichtiger Genugtuung begrüßen wir den schönen Wahlerfolg der Poale Zion. Sie ebenso, wie unsere Freunde vorn- M i s r a c h i und unser mutiger Gesinnungsgenosse Dr. Landau holten sich ihre Erfolge auf Kosten unseres gemeinschaftlichen Gegners. Wir sind getrennt marschiert, vereint aber haben wir die Feinde des nationalen Judentums aufs Haupt geschlagen. Erfreulich ist es auch, daß der grandiose Sieg der Wiener Zionisten durch die Liste des «Verbandes radikaler Zionisten» in keiner Weise beeinträchtigt werden konnte; Der grandiose Sieg der zionistischen Parteien bei den Wahlen in den K u 11 u s v o r s t a n d brachte ihnen einen ebensolchen Sieg in der Vertretung der Bezirkskommissionen, der um so mehr von-Bedeutung ist, da der Aufgabenkreis der Bezirkskommissionen bekanntlich jetzt erweitert werden soll. Während die Zionieten bisher in den Vertreterkollegien der Bezirkskommissionen bloß fünf Obmännerstellen inne hatten, werden sie jetzt in sieben bis acht Bezirken den Obmann stellen. Insgesamt dürfte' es bei e:ner Gesamtzahl von 120 Vertretern 65 zionistische Mandatare geben. Hiezu kommt noch, daß die Zionisten von ihrem Renkte Gebrauch im fcen we/den, die gleiche Zahl, also 65 Mitgliedes-, in die Bezi/kskom:ni3sionen zu kooptieren. I. Wahlkreis (I. Bez): «Zionistische Liste»: 8 Manda:e. Als gewählt erscheinen: 1. Dr. Emil Krasny, Rechtsanwalt, 2. Dr. Alfred Lanzer, Rechtsanwalt, 3. Dr. Karl P o 11 a k, Zahnarzt, 4. Dr. Eduard Birnstein, Rechtsanw.V 5. Oswz.’d Reicher. Kaufmann, 6. Fedor Ackermann, Ohcrbaurat, 7. Dr. Karl E11 i n. g e r, Rech:sanwait, 8. Achim L e w i t, Buchc'.ruc'.ercibesitzer. «N i c h t n a t i o n a le Liste» 11 Mandate, «Demokratische Liste»: 1 Mandat. II. Wahlkreis (II. Bez.): «Zionistische Liste»; 8 Mandate. Ms gewählt erscheint!: 1. Dr. Dagobert R y b a c z e w s k i, Rechtsanwalt, 2. Dr. Abraham S c h m er! e r, Rechtsanwalt, 3. Jul ius K a t z, Bankbeamter, 4. Dr. David Kreppei, Rechtsanwalt, 5. Josef Singer, Kaufmann, 6. Naftali S c h e r z e r, Kaufmann, 7. S'gmund Gitter, Kaufmann, 8. Chaim Dörfler, Kaufmann. «Nichtnationale Liste»: 7 Mandate, «Demokratische Liste»: 1 Mandat, «Sozialistische Liste»: 2 Mandate. III. Wahlkreis (3. und 11. B&ziik): «Zionistische Liste»: 5 Mamdate. Als gewählt erscheinen: 1. Dr. Simon Händler, Rechtsanwalt, 2. Simon G a s p a r d, Kaufmann, 3. Dr. Gottfried Weidenfeld, Rechtsanwalt, 4. Dr. Benno Schallinger, Medizinalrat, Arzt, 5. Dr. Emil Schmitz, Rechtsanwalt. «Nichtnationale Liste»: 4 Mandate, «Sozialistische Liste»: 1 Mandat. IV. Wahlkreis (4., 5. u. 10. Bezirk): «Zionistische Liste»: 5 Mandate. Als gewählt erscheinen: 1. Dr. Chaim Wolfmann, Rechtsanwalt, 2. Dr. Josef Pollatschek, Rechtsanwalt, 3. Dr. Oskar Teller, Privatbeamter, Arbeiti-Gemeinschaft jüdischer Lehrer ermöglicht religiösen Eltern ihre Kinder in sämtlichen jüdischen Fächern gegen mäßiges Honorar unterrichten zu lassen. Der Unterricht wird von staatl. geprüften Lehrern mit — Jeschiwah-Bildung — nach modernen pädagogischen Grundsätzen erteilt. KI. Gruppen Auskunft und Anmeldungen Sonntag, Donnerstag nachmittags 3—4 Uhr T. T. MIKJum Hauptschule, n„ niaizgasse 18/17 H. Lehrer Kohn sie sind uns ohne jeden Erfolg in den Rücken gefallen. Auch hier hat es sich gezeigt, daß sich Pflichtvergessenheit nicht lohnt und daß ein Kübel Jauche kein genügendes Rüstzeug für einen Wahlkampf ist. Die Zionisten stehen ln der Wiener Gemeinde vor einer Aufgabe schwerster Verantwortung. Sie nehmen diese Verantwortung freudig und voll Zuversicht aur sich. Treu ihrem Programm werden sie ihren Fleiß und ihre Hingabe an die Sache verdoppeln. Sie wissen, was sie der jüdischen Bürgerschaft Wiens und was sie der Ehre der zionistischen Weltorganisation schuldig sind, ln Wehmut und tiefer Dankbarkeit gedenken sie heute des g r o ß em Juden und Z I o n 1 s t e n Oberrabbiner C h a j e s, der Ihrem Wirken in der jüdischen Gemeinde neue Wege gewiesen hat. Genau fünf Jahre nach seinem viel zu frühen Tod haben die Wiener Zionisten durch Ihren Sieg seinem teueren Andenken gehuldigt. Eine der größten Judengemßfhden der Welt ist in zionistischen Händen, und der Sieg der Wiener Zionisten reicht weit hinaus über die Bedeutung eines lokalen Ereignisses. von 40 Obmännevsteüen 4. Wilhelm Feldschuh, Kaufmann, 5. Isack Preminger. «Nichtnationale Liste»: 4 Mandate, «Sozialistische Liste»: 1 Mandat. V. Wahlkreis (6. und 7. Bezirk): «Zionistische Liste»: 5 Mandate. Als gewählt erscheinen: 1. Dr. Sanel Beer, Arzt, 2. Hermann Schwarz, Holzhändter, 3. Salomon G e 11 n e r, Kaufmann, 4. Ignatz G u 11 m a n n, Filialleiter, Ö.SauIHäber, Warenhaüsihhaber. «Nichtnationale Liste»: 5 Mandate, «Sozialistische Liste»: 2 Mandate. VI. Wahlkreis (8. und 9. Bezirk): «Zionistische Liste»: 7 Mandate. Ais gewählt erscheinen: 1. Dr. Georg Weiner, Rechtsanwalt, 2. Max B e 11 a k, Kaufmann, 3. Wühelm K r e 111 e r, Klavierhändler, 4. Moses Weiner, Oherrechnungsrat, 5. Dr. Alfred Grosner, Zahnarzt, 6. Samuel Kantor, Buchhalter, 7. Salo Schmerle r, Kaufmann. «Nichtnationale Liste»: 6 Mandate. «Sozialistische Liste»: 2 Mandate, «Demokratische Liste»: 1 Mandat. VII. Wahlkreis (12. bis 15. Bezirk): «Zionistische Liste»: 4 Mandate. Als gewählt erscheinen: 1. Otto Ruzek, Realitätensensal, 2. Erwin R o 11 e r, Privatbeamter, 3. Dr. Leopold Ehrlich, Wurstwarenfabrikant, 4. Artur Steiner, Juwelier. «Nichtnationale Liste»: 3 Mandate, «Sozialistische Liste»: 1 Mandat. VIII. Wahlkreis (16. und 17. Bezirk): «Zionistische Liste»: 3 Mandate. Als gewählt erscheinen: 1. Leopold Sitzmann, DelHcatesaemhändier, 2. Dr. Siegfried P o 11 a k, Kaufmann, 3. Schulim Klavier, Goldarbeiter. «Nichtnationale Liste»: 4 Mandate, «Sozialistische Liste»: 1 Mandat. IX. Wahlkreis (18. und 19. Bezirk): «Zionistisch! Liste»: 4 Mandate. Als gewählt erscheinen: 1. Beta Fränkel, Kaufmann, 2. Ing. Samuel Ehrlich, Experte, 3. Dr. Paul Diamant, Rechtsanwaltsanwärter, 4. Dr. Maurycy S e 1 z e r, Rechtsanwalt. «Nichtnationale Liste»: 4 Mandate. X. Wahlkreis (20. und 21. Bezirk): «Zionistische Liste»: 4 Mandate. Als gewählt erscheinen: 1. Emil Nim häuser, Tuchhändler, 2. Medizinalrat Dr. Samuel Ruß, Arzt, 3. Michael Zipper, Trödler, 4. Pelsach Wühl, Beamter. «Nichtnationale Liste»: 2 Mandate, «Sozialistische Liste»: 2 Mandate. Much in den Bezirhshommissionen zionistische Majorität Die Zionisten erobern 3