Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 256 (1.12.1932)
- Date
- 1932-12-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 0 DIE STIMME Nr. 256 - 1. Dezember 1932 Jüdische Kauf!eute, Gewerbetreibende und Angestellte Vertrauet Eure Jugend und Eure Interessen den mutigen Jüdischen Führern der ZIONISTISCHiN LISTE an. Listenftihrer Or. Desicrer Frieernenn, Oberbaurat Robert Stricker. Or. Josef l wenneri Jüdische Wühler! Schlotternde Angst hat die «Nichtnationale Liste» befallen, sie zittert vor der zionistischen Majorität. Sie liigt daher und verleumdet Jüdische Wähler! Die größten Männer des Judentums sind Zionisten und Zionlstenfreunde. Albert Einstein Ist Zionist, Lord R e a d I n g und Herbert Samuel, die großen englischen Staatsmänner, sind Zionisten, Leon Blum, der Führer der Sozialisten Frankreichs, Ist ein bewährter Förderer des Zionismus, Herbert H. Lehmann, der Gouverneur New Yorks, des größten Staates Amerikas, Ist Zionist. ■ i ■MBueeeRRRWW>'i Die jüdische Jugend steht in unserem Lager. Jüdische Wähler! Laßt euch keine Ammenmärchen erzählen! Wir Zionisten kämpfen für eure Rechte, für die Erstarkung des Judentums, das ln Oesterreich dank der Unfähigkeit der «Nichtnationalen» am Boden liegt. J a g t die Sklaven fremder Parteien davon! Wählt am 4. Dezember Männer, die keine anderen als eure jüdischen Interessen vertreten, wählt dl« Zionistische Liste Listenführer: Dr. Fried mann, Ing. Stricker, Dr. Löwen herz. Wirtschaftskrise und Muitusirahten Warum n>hhie ich zionistisch $ Von Industriellen* Josef Jolles, Obmann des Verbandes der jüdischen Kaufleute und Gewerbetreibenden in Wien Wenn ich mich heute als Obmann eines unpolitischen Verbandes ganz dezidiert für die Wahl der «Zionistischen Liste» öffentlich ausspreche, so tue ich es nicht darum, weil Ich etwa ein Gegner einer anderen Parteirichtung bin, sondern ich tue es aus der inneren Ueberzeugung heraus, daß die Zionisten durch eine fast vierzigjährige und rühmliche Tätigkeit ein grandioses Werk für das Judentum aufgebaut haben, welches sogar von unseren ärgsten Feinden respektvoll anerkannt wird. Die Zionisten sind es, die in allen jüdischen Lebensfragen, gestützt auf ihr positives, aufbauendes Programm, berufen sind, die Erhaltung des jüdischen Volkstums zu sichern und bleibende schöpferische Werke zu schaffen. Die Tätigkeit und Erfolge der zionistischen Bewegung überall in der Welt manifestieren die bewundernswerte Kraft und Fähigkeit, jüdisches Leben auf geistigem und wirtschaftlichem Gebiete zu erwecken und zu stärken. Die Aufgaben, die sich der Zionismus gesteckt hat, ist eine so hohe und für das jüdische Leben so wichtige, daß sich niemand, der das Judentum bejaht, ihrer letzten Endes wird entziehen können. Wenn ich mich heute für die zionistische Sache einsetze und zionistisch wähle, so höre ich damit gewiß nicht auf, österreichischer Patriot zu sein, wie es uns die Bekämpfer der zionistischen Liste weismachen wollen. Die ständig zunehmende Entwicklung in Palästina, wo im Gegensätze zu den anderen Ländern ein erfreulicher Aufschwung wahrzunehmen ist, veranlassen viele Staaten, ihre Handelsbeziehungen zu diesem Lande wesentlich auszubauen. Auch für uns, das muß nicht erst betont werden, ist eine engere Verknüpfung mit Palästina und von dort aus mit dem nahen Orient schon vom rein wirtschaftlichen Standpunkte eine mit großen Vorteilen für die österreichische Volkswirtschaft verbundene Möglichkeit. Aber Am 4. Dezember werden die Neuwahlen in den Vorstand unserer jüdischen Gemeinde durchgeführt. Erfreulicherweise zeigt sich eine gewisse Zunahme des Interesses für diese so wichtige Institution, die be'ufen ist, als die einzige gesetzlich anerkannte öffentliche Vertretung der Wiener Judenschaft in die Geschicke dieser durch die fast unerträglich gewordenen Verhältnisse doppelt in Mitleidenschaft gezogenen Bevölkemngsschicht zielbewußt einzugreifen. Neben der selbstverständlichen Vorsorge für die religiösen, erzieherischen und besonders karitativen Bcdürf nlsse der Ju.len in Wien ei geben sich unausweichliche Auf gaben aui duu Gebiete jüdischen Wirtschaftslebens. Au diese unausg^.lzt hingewieseti zu haben, nehmen wir fti ans das Verdienst in Anspiuch. Es gilt, den weitester Kreisen unserer Judenschaft zum Bewußtsein zu bringen, dal] es vielfache, bisher unausgenützt gebßebene Mcglichkcten der Selbstivife gibt, die zumindest eme Milderung der bestehenden Zustände heröeifüliren können. In Deutschland ist dies bereits zur Selbstverständlichkeit geworden. Besondere Ausschüsse bei den wichtigsten jüdisehen Gemeinden beschäftigen sich ernsthaft mit Fragen jüdischer Sozialpolitik. Der Wirtschaftsausschuß des Preußiauch die Tatsache, daß die Auswanderung nach Palästina von Juden, die sich freiwillig und aus Begeisterung dazu drängen, gefördert wird, kann wohl, angesichts der ungeheuren Wirtschaftskrise in Oesterreich keinesfalls als unpatriotische Handlung bezeichnet werden. Bei Erwägung des höchsten* Zieles, welches sich ein Mensch und ein Volk stellt, dürfen kleinere, persönliche Motive rücksichtslos übergangen werden, sonst gelangt man nicht zum Ziele. Eine Bewegung wie die zionistische kann heute nicht verneint und in ihrem Vorwärtsschreiten gehemmt werden. Wir sind verpflichtet, die Vertretung unserer Interessen in die Hände solcher Menschen zu geben, die jüdisch denken und seit Jahrzehnten jüdisch handeln. Ich muß gestehen, daß ich mich aufrichtig geschämt habe und in einer großen Verlegenheit war, als ich erst vor einigen Tagen einem unserer populärsten Regierungschefs auf seine Frage, warum eigentlich unter den Juden anläßlich der Wahlen in die Kultusgemeinde keine Einigkeit herrsche, die Aufklärung schuldig bleiben mußte; konnte ich doch die Argumente der anderen Parteien nicht anführen, da sie zumeist weder sachlich, noch positiv sind. Wie es mit der sonstigen Gesinnung eines jeden einzelnen Mitgliedes unseres Verbandes in allgemeinen politischen Angelegenheiten auch bestellt sein mag — wir haben uns bis heute anläßlich von Gemeinde- und Nationalratswahlen weder für die eine, noch für die andere der allgemeinen politischen Parteien exponiert — und wir haben es prinzipiell vermieden, uns in ein politisches Fahrwasser zu begeben —, aber in rein jüdischen Fragen, wenn es sich um die Erhaltung und Stärkung unserer autonomen Kultusgemeinde handelt, sind wir heute unbedingt nur für die e i n e P a r o 1 e: „Whhtet die Zionistische JEiste“ sehen Landesverbandes jüdischer Gemeinden, dem die namhaftesten jüdischen Wirtschaftsfülirer und Sozlalpoiitiker angehören, hat erst kürzlich eine bedeutsame Tagung abgehalten, in welcher über Maßnahmen zur Linderung der wirtschaftlichen Notlage der deutschen Juden beraten wurde. Ausbau der jüdischen Darlehenskassen und der Arbeitsnacnweise sowie Förderung der Selbsthilfebestrebungen von jüdischen Erwerbslosen sind die aktuellen Probleme. Dem soeben erschienenen offiziellen Tätigkeitsbericht!er Kultusgemeinde Wien zufo’ge waren Ende des Jahres 1931 unter insegsamt 53.528 Kultussteuerzahlern 26.000 (48.5 Prozent) selbständige Kaufleute. Diejenigen, auf denen :in Großteil der Lasten liegt und die auch den bedeutsamsten Teil der produktiven jüdischen Bevölkerung Wiens dar- Ieilen, haben unzweifelhaft auch das Recht und die Pflicht, nitbestimmend die Führung und Verwaltung der jüdischen Gemeinschaft zu beeinflussen. Sie sollen dies ln dem tun, daß über den engen Rahmen der Selbstverständlichkeiten alle die jüdische Gesamtheit berührenden Lebensfragen in den Wirkungsbereich unserer Gemeinde einbezogen werden. Keine lebensfremde Verwaltungsmaschine, sondern eine in echt jüdischem Geiste geführte, den jüdischen Zielen und den Nöten des Alltags Rechnung tragende Vertretung muß unsere Kultusgemeinde sein. Eine solche Körperschaft, ein wirkliches Bollwerk des Judentums, wird sich auch des innigen Zusammenhanges mit der gesamten Judenheit bewußt sein, was wir als Kaufleute und Juden vielleicht klarer empfinden als andere. Von den Gruppen, die im Wahlkampf um die Gunst der Wähler werben, weist bloß eine ein bedeutsames Merkmal auf, das entscheidend war für den Beschluß, unseren Mitgliedern und der jüdischen Kaufmannschaft und den Gewerbetreibenden dringend zu empfehlen, für deren Liste zu stimmen. Die «Zionistische Liste» (Listenführer: Dr. Desider Friedmann, Oberbaurat Ing. Robert Stricker, Mitbegründer und jetziges Vorstandsmitglied unseres Verbandes, Dr. Josef L ö vv e n h e r z, Vizepräsident der israelitischen Kultusgemeinde) hat unter den 36 Kandidaten für den Kultusvorstand nicht weniger als 20 Kaufleute und Gewerbetreibende aufgostellt, von denen fast alle unsere Verbandsmrtglieder sind, mehrere auch unserer Verbandsleitung angehören. Diese Tatsache allein würde genügen, wenn nicht der Umstand hinzugekommen wäre, daB eine andere Gruppe eine sonderbare Wahlgemeinschaft ejngegangen ist mit den sogenannten «Werktätigen», von denen eine Vertretung der Interessen des jüdischen Mittelstandes füglich nicht erwartet werden kann. Von der Ueberzeugung durchdrungen, daß im Falle eines Sieges der «Zionistischen Liste» unsere wahr:.arten und aufrichtigen Vertreter dafür sorgen werden, daß unsere berechtigten Forderungen auf Einleitung geeigneter sozial- und wlrtschaftspolitischer Aktionen durch die Wiener Kultusgemeinde erfüllt werden, daß durch Selbsthilfe für eine bessere Zukunft gesorgt wird, richten wir an die jüdischen K'u>flf>v<.’ ^-«’verbetrelbendrn den d-Eigend^n Appell: Whhtet die,Zionistische JEiste” (Listenführer: Dr. Desider Friedmann, Obeibaurat Ing. Robert Stricker, Dr. Josef Löwenherz). Der Vorstand des Verbandes der jüdischen Kaufleute und Gewerbetreibenden in Wien. Lieber Kultuswähler 1 Es war in einer der vielen Wählerversammlungen. Ueber solchen Zusammenkünften schwebt immer eine Gewitterstimmung. Man weiß nicht, wird sich ein Zwischenkäufer, ein Störer melden, wird er die Nervosität der Menschen mitzerij ausnützen wollen, um Verwirrung zu stiften Ein gewiegter Redner hatte von der Arbeit in der Kultusstube und in seinen Institutionen so sachlich erzählt, daß die Zuhörer gespannt folgten, war doch das Meiste Neuland für die Anwesenden. Glaubten Sie doch, man mache nur Politik, man sitze nur am grüner. Tisch, wenn man Mandatar geworden ist Wenige wußten, wie sehr man ins «Praktische» eingreifen muß ins Alltägliche, ins Menschliche, ins Elend und in die Sorgen der Massen Und der erste Redner hatte von der Linderung der offenen Wunden gesprochen; er war nur Arzt im Nebenberuf, aber in der Kultusgemeinde war er Arzt im Hauptberuf geworden. Viele Leiden hatte er zu lindern gewußt. Es war in jener Wählerversammlung. Da erhob sich nachher ein älterer Streiter. Er stand schon Jahre abseits vom Getriebe. Man glaubte, er se' schon m ide des Kar: es. Er wolle nicht mehr streiten und hadern und seine alten Versuche der Bekehrung nicht mehr wiederholen. Und dieser Kultuswahlkampf hat ihn wieder an der Snitze der Werber gesehen. Er fing sehr bescheiden an. Seit Jahren nicht mehr in def Kultusstube, fiele es ihm schwer, über dieses aktuelle Thema zu sprechen. Er war nicht im Getriebe, nicht am grünen Tisch: also könne er darüber nicht berichten. Aber er berichte über das, was seine Kollegen und was ihn seit mehr als zwanzig Jahren zum Kampf um die Kultusgemeinde getrieben, bewogen habe: über den Zionismus. Was habe der Zionismus gewollt und was habe er geschaffen. Immer begeisterter wurde seine Rede, glühend vor Innbrunst als er von Chajes’ Werken in der Wiener Gemeinde, sprach von seinem Pädagogium, das ein neues Geschlecht der Reiegion sieh rer geschaf en, von seinem Gymnas'mn in der C""-->■ .-rsse, das v'e!e!*m -lerte Kinder in reiner jüdischer Luft Erziehung zuteil wenden lasse; von seiner Fürsorge für den jüdischen Studenten Diese zionistischen Taten beweisen die Seßhaftigkeit des Zionismus in der Gemeinde, bedeuten den Wert und die Ehrlichkeit der zionistischen Arbeit in der jüdischen Gemeinde. Zionismus erzählen heißt für die Zionistische Liste werben: das war der wertvolle Inhalt dieser Rede. Es war in jener Wahlversammlung, da betrat ein junger Student die Tribüne. Wie anno dazumal, als ob der Zionismus erst;n 'ie Massen getragen werden mii-i• -i?* •»*., Verve des Redners, seine mit Feuereifer vorgebrachten Argumente. Der junge Mann war nur inr Tempo, in der Kraft der Stimme ein Anderer gegenüber seinem Vorredner. Gleich war er ihm in der Begeisterung zur zionistischen Idee Das ist das Geheimnis dieser Bewegung: Die Jungen macht sie ernst und die Alten macht sie jung. Sie ist eben eine Bewegung. Man kann sie nicht aufhal en. Weder mit Haß, noch mit Gleichgültigkeit Weder mit Verleumdung, noch mit Hinterlist. Sös ist wahrhaftig, sie begeistert und macht stark Bei dieser Rede der lugend, da lachte das Herz jener, die sich erinnerten, wie ihre Reden vor zwanzig Jahren gewirkt hatten; wie man damals noch lachte und höhnte. Das war b'tterer. Heute hat man gegen Haß zu kämpfen, damals gegen Hohn. Heute kann man die Begeisterung in Taten Umsetzern man kann durch die Wirklichkeit beweisen, man kann von Tel-Awiw sprechen und alles schweigt oder es applaudiert Aber damals wurde man verspottet, als Phantast angesehen und vielen kostete es Ansehen, Stellung und Erwerb! Diese Rede des Jüngsten def Redner hatte einen großen Publikumserfolg. Es war zum Schlüße dieser Wähierversammlung. Da betrat noch der Führer das Podium Einige ernste Worte an die Wähler Sie sollen wissen daß man viel und gerne Opfeif bringt für die Gemeinde und das Volk. Aber man erwartet von den Geführten, daß sie anerkennen, daß sie dankbar sind, daß sie auch ihre P lichten, die ach so geringe sind* nicht vergessen und am 4. Dezember .... Criticufc Jüdische Kaufleute und 9en>etbeiteibend t!