Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 256 (1.12.1932)
- Date
- 1932-12-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nf. 256 — t. Dezember 1932 DIB STIMME Sette : KUNST UND WISSEN Beilage der „Stimme" Romanze um einen Verlobunesrfno Von itnd ZanawiH Ais sich Elias Goldenberg, erster Zuschneider bei Berkowitsch, mit Fanny verlobte, der schönsten aller Maschinnäherinnen, war das ganze Ghetto damit einveistanden; ausgenommen natürlich Zukermann, der Schadchen, der immer in Wut geriet, wenn er von einer Liebesheirat hörte und ausgenommen Goldenbergs Verwandte. Sie fanden, Fanny sei flatterhaft und genäschig. «Deine Fanny paßt nur für einen reichen Mann,» meinte Elias Goldenbergs Tante. «Der Fanny heiratet, ist reich,» replizierte Goldenberg. «Vielleicht war sie dir bestimmt, ich wiH es hoffen,» antwortete kühl die Tante. Und Zuckermann, der Schadchen, übertrumpfte noch die Verwandten. «Aber ich wollte keine gesprochene Partie,» protestierte Elias. «Das hättest du mich nur sagen müssen.. Ich hätte dir auch eine Liebesheirat vermittelt,» antwortete gekiänkt Zuckermann. Goldenberg aber war zufrieden. Fannys schmelzender Bück entzückte ihn und ließ ihn wonnig erzittern. Daß er einen Monatsgehalt aufgewendet hatte, um ihr süßes, warmes Händchen zu ergreifen und einen Diamantring an den Finger zu stecken, das erschien ihm ganz in der Ordnung zu sein. Und Fanny trug dien funkelnden Ring mit Grazie. Sein Funkeln brachte Licht in die düstere Werkstätte. Sogar Berkowitscii vergaß manchmal Fanny auszuschelten. So schien alles in bester Ordnung und geradewegs auf die Chuppah loszusteuern, da brach plötzlich der Sturm los. Zunächst war die Wolke nicht größer als die Hand eines Mannes — wirklich, es war nur die Hand eines Mannes. Elias erspähte diese Hand in dem düsteren Zwischenraum zwischen zwei Nähmaschinen, wie sie nach Fannys Hand griff. Und, o Schrecken, er sah, wie sich Fannys Finger um diese Männerhand schlossen, während ihre andere Hand den Stoff weiter führte, auf dem die Nadel der Maschine auf- und abtanzte. Und Elias schien es, als ob diese Nadel in sein Herz stieße, unaufhörlich und es durch- und durchbohrte. Und er sah auch den Finger mit dem so teuer gekauften Ring gratis in der Pranke eines fremden Mannes. Diese schamlose Person, o, seine Verwandten hatten recht gehabt. «Fanny, was tust du?», stieß er endlich hervor. Fanny wurde purpurrot, ihre Hand flog zurück. «Ich dachte, du wärest neben mir,» stotterte sie endlich. Elias schnaubte ungläubig und rannte davon. Kaum hatte Zuckermann von der Auflösung der Verlobung gehö t, da rannte er schnurstracks zu Elias und aus seiner rückwärtigen Rocktasche flatterte ein riesiges blaues Taschentuch. «Wenn du zu mir gekommen wärest,» keuchte er, «hätte ich dir einen besseren Artikel geliefert. Aber macht nichts. Der Himmel gibt dir eine Möglichkeit. So ein guter Verdiener und fescher Bursche wie du, kann sogar um die Tochter des DeEkatessenhändlers anhalten.» «Ich werde nie mehr eine Frau ansehen,» greinte Elias. «Schtuß!» sagte der Schadchen. «Drei Tage nach Jom Kippur ist Sukkoth. Der Allmächtige, gesegnet sei sein Name, der Licht und Finsternis schuf, hat gehorsame Frauen und vergnüngugssüchtige Fratzen geschaffen.» Und er schneuzte sich dröhnend in sein blaues Taschentuch. «Schön, schön,» lamentierte Elias, «aber sie will mir nicht den Ring zurückgeben.» «Was?,» schrie Zuckermann. «Da betrachtet sie sich J« noch als deine Verlobte.» «Aber nein, sie lacht mir ja ins Gesicht.» «Sie hat dir doch dein Jawort zurückgegeben?» «Ja, schon, aber nicht den Ring.» «Welchen Grund gibt sie an?» «Sie sagt, ich habe ihr ihn geschenkt.» Zuckermann schnalzte mit der Zunge. «Tututu, so etwas! Besser wäre es gewesen, wir wären bei der alten Gewohnheit geblieben, daß der Bräutigam und nicht die Braut den Ver- Uibungsring trägt.» «ln der Werkstätte,» lamentierte Elias weiter, «läßt sie den Ring immer vor meiner Nase herumfunkeln. Alle lachen mich aus. O. diese Schlange!» «Ich würde sie bei Gericht verklagen.» «Das würde mich noch mehr kosten. Ich habe ihr doch den Ring geschenkt, odenicht?» Zuckermann zuckte mit den Augenbrauen. Hier versagte seine große Erfahrung. Das war ihm noch nicht vo: gekommen, daß ein Mädchen sich geweigert hatte, den Viiiobungsring zurückzugebeti. Eher war er noch dem Bräutigam an die falschen Zähne geflogen. «Ausgerechnet aus.Liebe mußt du heiraten,- schrie er endlich wütend, «nächstens wirst du gefälligt einen regelrechten Vertrag machen.» «Nächstens, nächstens,» schrie nun auch Elias. «Was, soll ich vielleicht wieder einen neuen Ring kaufen? Fanny hat mich ruiniert. Was die Schokolade trinken und Schaumkann! Und ins Theater mußte ich sie auch führen.» «Ich möchte dir meine Bedingungen nennen,» versetzte Zuckermann scharf. EHas zuckte mit den Schultern. «Meinetwegen, wenn du mir den Ring zurückbringst.» Ich bringe dir nicht den alten Ring, sondern eine neue Braut. Fünf Perzent und du bekommst die Tochter des Delikatessenhändlers.» Und schon war er davongeeüt, bevor EHas noch den Mund aufmachen konnte. Zuckermann rannte nach Hause, zog sich seinen feinen Pelz an, keuchte dunkle Stiegen hinauf und pochte an Fannys Türe. Fanny selbst öffnete. «Guten Tag, schönes Kind,» rief er jovial. «Feh komme wegen Elias Goldenberg.» «Das ist aussichtslos, ich mag ihn nicht.» Und schon wollte sie die Türe schließen. Dieses Mißverständnis warf Zuckermanns Feldzugsplan um. «Aber er will Sie ja gar nicht, er wül nur seinen Ring zurück,» rief er rasch. Fanny legte einen Augenblick den Finger, an dem der Diamant funkelte, an die Nase und wendete sich kichernd ab. «Schauen Sie sich einmal diese Photographie an,» sagte Zuckenmann rasch.» Aus Ueberraschung und Neugier drehte sie sich wieder um und sah sich das Bild an, einen Mann im Frack mit schafsartigen Gesichtszügen. «JahresansteHung, vier Pfund wöchentlich, Zuschneider bei S. Cohn,» setzte Zuckermann fort. «Gute, alte Familie, er heißt Benjamin Beckenstein und möchte in Gotöenbergs Fußstapfen treten.» «Gott, hat der riesige Füße, pfui!» und sie schnipste mit dem di am an tf unk el nden Finger die Photographie zu Boden. «Nehmen Sie ihm doch, dann können Sie den Ring behalten,» sagte Zuckermann, indem er den verschmähten Bräutigam vom Boden aufhob. «Was für eine Idee! Ein neuer Bräutigam, ein neuer Ring!» Und Fanny schlug Zuckermaim die Türe auf die Nase. «Unverschämter Fratz!», brüllte der Schadchen, «Willst du dir einen Juwelierladen aniegen? Mit finsterem Gesicht kam der Schadchen wieder zu Elias. «Nun?», fragte EHas. «Deine verdammte Sippschaft!» «Also sie will nicht?» «Nein, sie wiM nicht Sei froh, daß du diese Tochter des Satans los bist. Die Tochter des Delikatessenhändlers—» «Ich wiH nichts hören. Ich investiere keinen Ring mehr.» «Ich werde mich an einen Ratenhändler wenden.» «Wegen einer Braut?» «Nein, wegen eines Ringes.» «Nicht zu machen, ich will meinen Ring zurück haben.» «Das ist unmöglich, außer du heiratest sie. Halt! Da ließe sich etwas machen.» «Lass’ mich ungeschoren, Gott hat mir die Augen geöffnet.» «Aber schau! Sie ist doch so sparsam. Ein Mädchen, das so an einem Ringe hängt, wird sicher dein Geld nicht verschwenden.» «Du hast gut reden, du hast nicht gesehen, wie säe Schaumrollen essen kann. Mach’ endlich Schluß damit.» Da setzte Zuck ermann eine Miene auf, wie eine Sphinx und raunte: «Halt, ich weiß, wie du den Ring zurückbekommen kannst.» «Wie?» «Das sollst du erfahren. Aber eine Bedingung! Ich disponiere, wer den Ring dann bekommt» «Abgemacht!» «Morgen, in der Wertcstätte, wirf ihr Silberblicke zu, aber wenn sie dich bemerkt —» «Aber sie wird mich nicht ansehen!» «Sie wird schon. Wenn sie dich dann anblickt, mußt du rot werden.» «Das geht bei mir nicht automatisch.» «Ich weiß, es geht schwer. Also, schau wenigstens dttmn» darein. Das wird dir leichter faRett.» «Warum soll ich dumm dareinscha-uen?» «Damit sie glaubt, daß du sie trotz allem liebst.» «Also gut, ich werde dumm aussehen.» «Ausgezeichnet. Und am Abend gehst du ihr nach und wenn sie bei der Konditorei vorbeigeht, frage sie, ob sie nicht gerne wieder Schaumrollen essen möchte.» «Sie wird nicht wollen.» «Warum nicht Sie liebt ja —» «Mich nicht, nur Schaumrollen und Schokolade «Nein, sie liebt auch dich.» «Woher weißt du das?» «loh habe ihr einen anderen Bräutigam offeriert und da hat sie mir die Türe auf die Nase gebaut.» «Waaas hast du?» stotterte EHas entgeistert. «Nur um sie auf die Probe zu stellen. Also gib acht! Du darfst dich nicht lumpen lassen. Schaumrollen und Schokolade, soviel sie nur will. Dann nimmst du sie bei der Hand und sagst: «Mein Engel, mein Schatz,» oder was sonst für Blödsinn ihr junge Leute heutzutage stammelt, — die Resultate stellst du ja an dir —, dann packst du den Finger mit dem Ring, ein energischer Ruck und der Ring gehört wieder .hf.» EHas starrte den Schadchen bewundernd an: «Du bist khig wie unser Stammvater Jakob.» «Mein Gott, der Himmel hat einigen Menschen Verstand vorliehen», meinte Zuckermann bescheiden. «Gib nur acht, daß du die tüchtige Hand, die Enke, erwischest.» Elias folgte dem Rate. Er wurde sogar rechtzeitig immer rot, wenn Fannys Bück ihn streifte. Er war über sein rechtzeitiges Erröten so verwundert, daß er auch dumm aussah. Und so ging alles in bester Ordnung. Sie saßen lange in der Konditorei und Elias sammelte Mut zum Angriff. Er würde schon rasch und energisch den Ring packen. Inzwischen tranken sie Schokolade und lächelten sich gegenseitig an. EHas dachte: «Damit fängt sie mich nicht. Beim nächsten Mann wird sie es genau so machen.» Und er traktierte sie weiter mit Schaumrollen. Seine Nervosität aber wuchs. Ihre weißen Zähne knabberten unaufhörlich Süßigkeiten und tätschelte ihre rosigen Wangen. Schließlich verließen sie die Konditorei. Elias trottete neben ihr her und war von einer krampfhaften Fraulichkeit. Sie bogen in eine einsame Allee ein, die nur hie und da durch flackernde Gasflammen beleuchtet war. Elias begann an Leib und Seele zu zittern, denn der kritische Moment nahte. Er kam sich wie ein Wegelagerer vor. Er sah sich nach allen Seiten um. Niemand war zu sehen. Seine Aufregung wuchs, er wußte nicht einmal, ob er an Fannys rechter oder linker Seite ging. «Die richtige Seite ist die linke Seite,» sagte er sich im stiHen. Dabei lächelte er, um seine schwarzen Gedanken nicht zu verraten. Aber seine Pulse sprangen, Herz und Hirn klopften zum zerspringen und er konnte sich nicht darüber klar werden, ob er an Fannys rechter oder linker Seite ging. Glücklicherweise sah er an Fannys Hand ein Leuchten. Es war. der heißbegehrte Diamantring. Und rasch ergriff er Fannys Hand. Als er aber spürte, wie diese süßen, warmen Finger seinen Druck erwiderten, da steMte sich auch jenes angenehme, betörende Kribbeln in seinem Körper ein, das ihn immer in Fannys Nähe berauscht hatte. Ein Narr, der er doch war! Daß er jemals mißtrauisch gegen diese Hand sein konnte! Und sie trug doch noch seinen Ring, sie konnte sich von dem Unterpfand seiner Liebe nicht trennen. «Mein Engel, mein Schätzchen», murmelte er ekstatisch und ihre Lippen fanden sich. Wölber stammen Juden? Die große Wanderung Unter diesem Titel erschien kürzlich im Verlag Skeffington u. Sons, London, ein interessantes Buch. Der Autor ‘ /. Fitzgerald Lee stellt die kühne Hypothese auf, daß die Juden aus — Amerika herstammen. Er schildert mit viel Phantasie, wie die Kinder Israels von Mittelamerika aus nordwärts wanderten und die zugefrorene Behring-Straße überquerten. Dann sollen sie durch Asien nach Aegypten gewandert sein. J. Fitzgerald Lee stellt den Auszug der Juden unter Moses nicht in Abrede. Er meint aber, die vierzigjährige Wanderung, von dem die Bibel erzähle, beziehe sich auf die vorher gegangene große Wanderung aus Amerika nach Aegypten. Nun kommt es aber noch grotesker. Der Autor meint, das Wort Pessach (englisch Passover, überschreiten) erinnere an den Uebergang über die zugefrorene Behring- . Straße. Er identifiziert auch den Uebergang über das Rote Meer mit dem Uebergang über die zugefrorene Behring- Straße, die von den Juden €trockenen Fußes» überquert wurde, weil sie eben zugefroren war. Menasse ben Israel und die puritanischen Mystiker des 17. Jahrhunderts hätten an J. Fitzgerald Lee ihre Freude gehabt. Vom Wissenschaft liehen Standpunkte aus ist sein Buch abzulehnen. jDrci cfbrisfffcfic Gemeinden treten zum Judentum iilber Wie «The Jewish Weekly» berichtet, traten kürzlich sämtliche Einwohner der Gemeinden Kusmod, Nagyernye und Kissolmyos in Transsylvanien, 700 an der Zahl, zum Judentum über. Sie hatten bisher der Sekte der Adventisten vom 7. Tag angehört. Es heißt, daß in den Nachbargemeinden ähnliche Massenübertritte bevorstehen. Die Großväter dieser neuen Juden hatten schon vor! 80 Jahren den jüdischen Glauben angenommen, ihre Väter waren dann zu den Adventisten übergegangen. Die jetzige Generation kehrte wiederum zum Judentum zurück. Es wurden Sammlungen eingeleitet, um Geld für die Erbauung von Synagogen und jüdischen Schulen aufzubringen. Schon jetzt leben diese Neo-Juden streng nach den jüdischen Speisegesetzen. Der Gottesdienst am Samstag wird in hebräischer und ungarischer Sprache abgehalten, obwohl nur der Vorbeter hebräisch versteht. Derzeit gibt es nur eine Synagoge. Die Neubekehrten hoffen, das nächste Pessachfest schon genau nach den jüdischen Vorschriften feiern zu können und sparen schon jetzt, um genügend Geld für Mazzoth zü haben. «Eüsabeth Barrett-Browning» ist der Titel des nächst eil Vortrages, Donnerstag, den 1. Dezember 1932, pünktlich 19 Uhr, in der interessanten Vortragsreihe «Das weibliche Genie des 19. und 20. Jahrhunderts», von Dr. Martha Hofmann, Wien, IX., Freiheitsplatz 13, Mezzanin, Tilr 9. Gäste wittkommen. Anmeldung A 27-6-68.