Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1932-11-24 · Heft 255 (24.11.1932) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
5 (1932)
Issue
Heft 255 (24.11.1932)
Date
1932-11-24
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3053752-3053963-3054009--3242-3058741
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

sw ft r DIE STTMMt Nr. 255 — 24. November 1932 nen, sonst könnten sie nickt von Hunderten von Millionen sprechen. Rund sechs Millionen Schillinge betragen die jährlichen Ausgaben der Kultusgemeinde und davon spendete die Kultusgemeinde für den Keren Hajessod (Palästinaaufbaufonds) im letzten Jahre (1931) sage und schreibe zehntausend Schilling und heuer bisher Oberhaupt noch nichts? Und da faselt man von Millionen! Wir Zionisten sagen den Wählern offen, wir wollen keine Berufsschnorrer großziehen. Wir arbeiten an der Erfüllung der tausendjährigen jüdischen Sehnsucht, wenn wir begeisterten jungen jüdischen Menschen, die in Europa verhungern, die Möglichkeit geben, nach Palästina zu gehen und sich dort ehrlich mit ihrer Hände Arbeit fortzubringen. Wir sind stolz darauf, daß wir aus Hausierern und Krämern muskelstarke, selbstbewußte, hebräisch sprechende Menschen gemacht haben, die fest mit dem Boden des heiligen Landes verwurzelt sind. Wir sind stolz darauf, das jüdische Palästina geschaffen zu haben. das noch für Millionen Juden Raum bietet. Tausende und Tausende von jungen jüdischen Menschen blicken sehnsüchtig nach Palästina und auch die Nichrzionisten begreifen die weltgeschichtliche Größe und aussichtsreiche Zukunft unserer Aufbauarbeit. Aber dieses Palästina wurde von unseren blutigen Sparkreuzern erbaut. Spenden der Gemeinden sind selbstverständliche Pflicht. Die Spenden der Wiener Gemeinde sind gering. Aber zu behaupten,, unter Setzung ironisch gemeinter, augenzwinkernder Anführungszeichen, wir Zionisten hätten die Absicht, der Kassa der Kultusgemeinde unter dem Titel «Subvention für den Aufbau Palästinas» Millionen «zu entziehen», ist unerhörte Infamie. Diese Beschimpfungen und Verleumdungen zeigen die Programmlosigkeit der «Nichtnationalen». Aber bei den Unionisten weiß — heute ist das buchstäblich wahr — die rechte Hand nicht, was die linke tut. So erlebt man es, daß Herr Dr. Jakob Ornstein im Kuratorium des Chajes-Realgymnasiums sitzt, das unsere Jugend im jüdischen Geiste erzieht. Der Wiener Stadtschulrat ist des Lobes voll über die Lehrerfolge. Das alles hindert aber nicht Herrn Baurat Kempler von derselben -Union» in einer Wählerversammlung zu erklären, ihm tue jeder Absolvent des Chajes-Realgymnasiums leid, denn durch das Maturazeugnis dieser Anstalt sei man mit dem gelben Fleck behaftet! Also da arbeitet demnach Herr Dr. Ornstein, der Klubgenosse des Herren .Baurats Kempler, für den «gelben Fleck». Schämt sich Herr Baurat Kempler nicht, die imposante Kultur- und Erziehungsarbeit des Chajes-Realgymnasiums in den Kot zu zerren? Die Erfolge des Herren Baurates bei der Leitung des Spitals, das seiner Obhut anvertraut war, sind nicht überwältigend. Jetzt ist er plötzlich noch Schulfachmann geworden. Es ist schwer keine Satire zu schreiben. Was überhaupt in den sogenannten Versammlungen der «Nichtnationalen» geschieht, ist mehr als grotesk. Saalschutz (3 S pro Mann) und «Wattierung» (vielleicht auch nicht umsonst) wird in alle Bezirke mitgeführt. Unbekannte Wähler werden perlustriert, müssen Name und Adresse angeben. Weigern sie sich, für den Wahlfonds zu spenden, werden sie ersucht, sich zu entfernen. Gehen sie nicht, dann holt man die Wache. Manchmal verlangt der «Saalschutz» von «verdächtigen» Wählern außerdem Quittungen über Zahlung der Kultussteuer. Wir stehen der Oeffentlichkeit gerne mit näheren Daten und Namensnennungen zut Verfügung. Gelingt es aber trotzdem hie und da Zionisten, in diese streng bewachten Versammlungen zu kommen und gar einen Zwischenruf zu machen, gleich holen die ängstlichen Herren die Polizei und lassen die «Ruhestörer» entfernen. Und in ihrem Blättchen schreiben sie dann von «terroristischen Methodep» und jammern darüber «wie die Kultusgemeinde aussehen würde, wenn sieindieHändedieser blau-weißen Nazis fallen würde.» Kein Wort ist scharf genug, um diese Beschimpfung zurückzuweisen. Da wagt man es uns Hakenkreuzler zu nennen. Die Wähler werden sich all dies merken und der «Nichtnationalen Liste» am 4. Dezember die Antwort auf diese ungeheuerliche Beschimpfung geben. Wir konnten diese Schimpforgien und Verleumdungen nicht weiter ruhig hinnehmen. Wir wollen weiter ruhig und sachlich den Wahlkampf führen und deshalb mußten wir das Lügengewebe aufdecken. Wir Zionisten haben ein Programm. Wir können sagen, was wir sind und was wir wollen. Die Gegner sind nur politische Windfahnen. Sie können uns nur sagen, was sie nicht sind. Wir aber können auf unsere Leistungen hinweisen. Wir können der Judenschaft sagen, daß Tausende von jungen Juden, die sonst dem Judentum verloren gegangen wären, in unserem Lager stehen. Wir können auch auf die Leistungen unserer Kultusvorsteher in der abgelaufenen Periode hinweisen, auf Leistungen, die um so höher zu werten sind, als wir nur die Minorität waren. Wir sagen offen, wir wollen die Kultusgemeinde erobern, wir wollen das allgemeine Wahlrecht einführen, wir wollen die Kultusgemeinde zu einer Volksgemeinde machen. Wir wollen eine sparsame Verwaltung entführen. Wir wollen, daß die Kultusgemeinde eine Schutzburg für alle jüdischen In* teressen in Oesterreich wird, nicht nur für die rituellen Interessen, deren Wichtigkeit und Pflege wir hoch einschätzen. Weg mit der schwächlichen Kultusgemeinde, heraus mit der jüdischen Volksgemeinde! Deswegen ergeht der Ruf an die jüdischen Wähler Wiens: Jüdischer Wühler, wir rufen Dich zur Urne! Hilf uns, den faulen politischen Zauber der «Nichtnationalen Liste» zu verjagen, jene politischen Ueberbleibsef aus dem vergangenen Jahrhundert, Die sogenannten «Werktätigen Juden» — welcrie Ueberheblichkeit liegt schon in dieser Bezeichnung einer unbedei lenden, von Sekretären, kleinen Redakteuren, diversen «Rihen» und sonstigen nicht gerade zu den Schwerarbeitern gehörigen Personen geführten Gruppe gegenüber der großen, sich ihren Lebensunterhalt schwer verdienenden jüdischen Masse — suchen der jüdischen Oeffentiichkeit vorzutäuschen, daß es Pflicht der sozialdemokratischen Juden sei, für die Liste der Union und der W erktätigen, dieser Koalitior des Großkapitals, der Großbourgeoisie und angeblicher Sozialdemokraten, einzutreten. Sie versuchen der Wählerscnatr einzureden, daß die öster reichische Sozialdemokratie in Gefahr ist, wenn die Zionisten die Kultusgemeinde erobern, und so rufen s;e im angeblichen Interesse der Sozialdemokraten zum Kampf gegen die Zionisten auf. Da es sich also, wie in der Wahlproklamation der Werktätigen zu lesen ist, um einen Kampf für die Sozialdemokratie handelt, ist es von Interesse, sich die Bundesgenossen der Werktätigen in diesem Kampfe etwas näher anzusehen. Und da findet man in der gemeinschaftlichen Kandidatenliste der Union und de: Werktätigen an prominenter Stelle Herrn Richard Bettelheim, der sich in dieser Liste bescheiden als «Kultusvorsteher und Prokurist» bezeichnet. Diese Firma ist aber nicht vollständig. Er ist nämlich kein gewöhnlicher Prokurist von der Art, wie sie in Wien nicht eben selten ist, I sondern Prokurist des Bankhauses S. & M. Rothschild. Und mai gla< he ja nicht, daß diese seine Eigenschaft mi‘ reiner Werbung mehts zu tun hat und daß er etwa auf Grund seines öffentlichen Wirkens auf dieser Liste auch dann zu find m wäre, wenn dieser Zusammen'lang nicht bestünde. Es ist vielmehr bei der Union ein du-rh Herkommen gerade/1.' geheiligter Brauch, daß ein Vertreter o.es Hauses Rothschild dem Kultusvorsianc! sozusagen als Vinl'st angehören muß. Er hat dort gewissermaßen Fe R nie eines stillen «Beobachte4^» . eines Verbindungsoffiziers zwischen Kultusgemeinde und dem hochvermögenden Hause Rothschild, dessen Hauptaufgabe es zu sein scheint, dafür zu sorgen, daß seinem Hause nicht allzu große Opfer zugemutet werden: und es war wohl kein Zufall, daß gerade der Ver- , treter der Werktätigen im Kultusvorstand, der verstorbene Gustav Moriz, nicht se'ter. dem Haus Rothschild und damit auch semem Vertreter im Kultusvorstand geringes Interesse an jüdischen Angelegenheiten, und eine nicht allzu offene Hand zum Vorwurf gemacht hat. Und jetzt machen die sich Sozialdemokraten nennenden Werktätigen den Kotau vor Herrn Rothschild mit und rufen die jüdische Bevölkerung zum Kampf gegen die Zionisten auf, damit mit dem Abgesandten des «Barons» auch andere Angehörige diverser Geldmächte in möglichst großer Anzahl in den Kultusvorstand einziehen. Das soll sozialistische Politik sein? Gibt es ln Wien wirklich Juden, die so töricht sind, einer derart frechen Demagogie Glauben zu schenken? Der demselben Zwecke dienende Wahlfonds der Union und der Werktätigen ist vom Bankhaus Rothschild reichlich gespeist worden. Wird man den Wiener Juden mit Aussicht auf Erfolg vormachen können, daß Herr Rothschild plötzlich sein Herz für die österreichische Sozialdemokratie dhtdeckt hat und mit seinen Mitteln einen Wahlfonds unterstützt, der im Interesse der Sozialdemokraten arbeitet? Es liegt ein Mißbrauch des Namens der sozialdemokratischen Partei vor, wenn diese sonderbaren Rothschild-Werktätigen die Wiener Judenschaft im Interesse der Sozialdemokratie aufrufen, und die «Arbeiter-Zeitung» hat deshalb in Ihrer Nummer vom 1. November diese merkwürdigen, sich gemeinschaftlich mit dem Hause tntd diese Sendllnge von Renegaten, die ln der Kultusstube nichts zu suchen haben! Wählet daher am 4. Dezember: Die „Zionistische List e“! Listenführer Dr. Desider Friedmann, Ing. Robert Stricker, Dr. Jos. Löwenherz. Rothschild als Klassenkämpfer betätigenden Sozialdemokraten sehr deutlich von ihren Rockschößen abgeschüttelt. Die «A r b e i t e r - Z e i t u n g» hat nämlich ausdrücklich erklärt, daß die sozialdemokratische Partei grundsätzlich jede Beeinflussung der Kultnsgeineindewahlen ablehnt und daß niemand das Recht hat, in diesem Wahlkampf im Namen der Sozialdemokraten für irgend eine Liste zu werben. Diese Feststellung der «Arbeiterzeitung» war offenbar auch im Interesse ihrer Partei schon sehr notwendig, denn die Werktätigen haben in ihrer Gier nach einigen armseligen Mandaten jedes Verständnis dafür verloren, wie schwer sie durch ihr Bündnis mit der Reaktion, die sich in der Union konzentriert, und dem Bankhaus Rothschild das sozialdemokratische Interesse beeinträchtigen und die politische Ehre dieser Partei gefährden. Was können also die Werktätigen nach einem derartigen Wahlbündnis im Kultusvorstand leisten? Sie werden im Kreise ihrer Brüder von der Union eine verschwindende, hilflose Minderheit bilden, und selbst, wenn sie gegen alle mit ihnen bisher gemachten Erfahrungen einen guten Willen und die Fähigkeit zu demokratischer Arbeit mitbrächten, könnten sie, durch ihren Pakt mit der Union an Händen und Füßen gebunden, sich unmöglich frei betätigen. Wer also die gemeinschaftliche Liste der Union und der Werktätigen wählt, glaube ja nicht, daß er für irgend einen Fortschritt auf sozialem oder einem anderen Gebiete eintritt. Er unterstützt nicht das Bestreben nach einem modernen Ausbau unserer Gemeinde, sondern sorgt in Wirklichkeit nur dafür, daß der Geist der Reaktion, der bisher in der Kuitusgemeinde das Uebergewicht hatte, gestärkt und die von großen jüdischen Bevölkerungskreisen gewünschten Reformen hintertrieben werden. Die bisherige Tätigkeit der Werktätigen im Kultusvorstand gibt ihnen wahrhaftig kein Recht, sich um das Vertrauen der jüdisciien Wänlerschaft zu bewerben. Sie haben sich bisher im Kultusvorstand so wenig bewährt, daß ihnen selbst ihre eigenen Parteigenossen kein Vertrauen entgegenbringen und sie nicht mehr in die Kandidatenliste aufgenommen haben; Genau so erging es den werktätigen Kultusvorstehern, die vor acht Janren gewählt wuroen. Sie wurden nach vier Jahren (mit einer einzigen Ausnahme) von der eigenen Partei wieder ausgeschifft. Man kann ohne jede Uebertreibung sagen, daß sie im Kultusvorstand eine geradezu erheiternde Rolle gespielt haben. Gelegentlich der letzten Budgetdebatte führte einer von ihnen Klage darüber, daß es in der vVahlordnung der Kuitusgeinemde noch immer eine Kurie der höliei besteuerten mit privilegiertem Wahlrecht gebe und verlangte energisch die Abschaffung dieser Kurie. Das war die einzige werktätige Kamprhandiang für die Erweiterung ues Wahlrechtes. Dieser ■ gute Junge wußte nicht einmal, daß diese reaKtionäre Bestbmnung des Wahlrechtes schon vor dreizehn Janren nach einem heftigen, von den Zionisten geführten Kamp:c beseitigt wurde. Man hat von dieser Seite niemals eine beachtenswerte Anregung gehört. Ihre Unkenntnis aller jüdisciien beige und ihre Uninformiertheit m den Geme ndeangelegenheiten verurteilte sie zur Rolle eines pass'vtn Zuhörers. Ihr Unverständnis in allen politischen Sachen ging so weit, daß sie bei der Beschlußfassung über die Ausmerzung der härtesten Bestimmung der Wahlordnung — Ausschluß der mit der Steuerzahlung* rückständigen Gemeindemitgliecer vom Wahlrecht, welche Ungerechtigkeit über Betreiben der Zionisten beseitigt wurde — unter allgemeiner Heiterkeit gegen diese Verbesserung gestimmt haben. Und so wird man in den phrasenreichen werktätigen Wahlproklamationen vergeblich nach einem Bericht über ihre bisherige Tätigkeit suchen, umsonst aber auch nach einer abfälligen Kritik über die Tätigkeit der Zionisten in der Gemeinde. Wie wäre dies auch möglich? Ist doch die Tätigkeit der zionistischen Mandatare auch in «werktätigen» Kreisen immer nur mit hohem Lob bedacht worden. Vor allem war die ordentliche FinanzwirtsctlAft Sozialdemokratische Partei und KuUuswaMen Irreführung der Jüdischen Bevölkerung durch die „Werktätigen“ - Ihre Rotte in dev Kultusgemeinde - Die Leistungen dev Zionisten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.