Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 255 (24.11.1932)
- Date
- 1932-11-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Mf. 255 — 24. November 1932 DIE STIMM. Seife 5 KUNST UND WISSEN Befluae du „Stimme" Ein indischer Papst Legende und Geschichte Von Harris Cohen Die vatikanische Bibliothek enthält eine reichhaltige Sammlung hebräischer Manuskripte. Es ist nicht schwer, zu erraten, wie sie ihren Weg in den Palast des Papstes fanden; manche sind Schenkungen katholischer Gelehrter, manche, wie die zirka 300 Exemplare zählende Palatin-Sammlung, gehörten einmal Juden am Rhein und wurden von dort geraubt. Schon im Jahre 1550 wurde im Vatikan ein «Scrittorio» angestellt, der die hebräische Sprache beherrschte. Er hieß Bartolocci und wurde «Scriptor hebraicus». Er konnte aber ohne jüdische Mitarbeit nichts Rechtes leisten. So wurde ihm der Täufling Batista Jona als Mentor beigegeben. Nach ihm kamen andere Apostaten, u. a. ein gewisser Guiles Morosinl, der seinen Stammbaum direkt vom Propheten Nehemia herleitete. Einer seiner Vorfahren hatte sich taufen lassen, kehrte aber später zum Judentum zurück und war unter dem Namen David Baal Tescluiwa bekannt. Es gab also Judenstämmlinge int Dienste des Vatikans. Lange Zeit erhielt sich auch der Glaube, daß ein Jude auf den päpstlichen Thron gelangte, daß ihm Könige und Fürsten huldigten und daß er trotzdem nie an sein Judentum vergaß und es offen hervorkehrte. Wer war nun diese außerordentliche Persönlichkeit? Legenden haben immer einen historischen Hintergrund. Die Legende über den jüdischen Papst erlebte viele Variationen und drei berühmte Rabbiner wurden nach und nach als Väter des jüdischen Papstes bezeichnet. Es waren dies Rabbi Simeon ben Isaak von Mainz, der berühmte Rabbi Salomon ben Adret (Raschba) von Barcelona und Rabbi Simeon Kavarra, der babylonische Halachist. Während bezüglich der zwei Letztgenannten nur vage Angaben über die Vaterschaft sich in der Tradition erhalten haben, gibt es bezüglich des Erstgenannten eine Pessachhymne, die von Simeon selbst geschrieben sein soll und das Verschwinden seines Sohnes Eikanaan behandelt. Simeon war in der ersten Hälfte des II. Jahrhunderts Vorsteher der jüdischen Gemeinde von Mainz. Er war sehr reich und ein großer Wohltäter und intervenierte oft und erfolgreich bei Königen und Fürsten für seine Glaubensbrüder. Noch lange nach seinem Tode wurde in der Großen Synagoge von Mainz jeden Samstag ein Gebet gesprochen zum Gedächtnis von «Rabbi Simeon Hagadol, der für die Gemeinden arbeitete und schlechte Gesetze verhindertem. Simeon war nicht nur ein Weltmann, er war von tiefer Frömmigkeit und verdiente seinen Namen «Simeon der Großem. Er schrieb ein Werk über den Talmud, bekannt unter dem Namen «Jessod» und verfaßte viele liturgische Gedichte, von denen manche auch heute noch in den Gebetbüchern enthalten sind. In diesen Hymnen erscheint sein Naine oft als Akrostichon. In einer seiner Hymnen, die am 7. Pessachtage gelesen wird, kommt außer seinem Namen auch der seines Großvaters (Abun) vor. In den Tagen Rabbi Simeons machten die Juden in Mainz viele Krisen mit, da Heinrich II. seinem Judenhaß die Zügel schießen ließ. Ein Edikt ordnete die Taufe aller Juden an und die Vertreibung derjenigen, die sich nicht taufen lassen wollten. Eine beliebte antisemitische Maßnahme waa damals auch der Kinderraoib und die christliche Erziehung der geraubten jüdischen Kinder. Rabbi Simeon wurde selbst ein Opfer dieser Grausamkeit, sein kluger und vielversprechender Sohn wurde geraubt und dem Klerus überantwortet. Ein berühmter Zeitgenosse Simeons war der berühmte Rabbi Gerschon, bekannt als «Meor Hagola» (Licht des Exils). Auch ihm wurde ein Sohn geraubt. Als den vertriebenen Juden die Rückkehr nach Mainz gestattet wurde, kehrten viele Zwangsgetaufte zum Judentum zurück. Efkanaan wurde in einem Kloster erzogen. Er war außerordentlich begabt und brachte es bis zum Kardinal. Schließlich wurde er sogar Papst unter dem Namen Andreas. Das Geheimnis seiner Herkunft blieb in seinem Herzen verborgen. Aber er vergaß nicht sein Volk und den Glauben seines Vaters und sehnte sich nach dem Tage, wo es ihm möglich sein würde, die Maske abzuwerfen. Er unterdrückte oft antisemitische Revolten, wählte sich seine Freunde unter den Juden. Da er ein passionierter Schachspieler war, lud er sich Juden zum Spiel ein. Aber wie konnte er seine unauslöschliche Sehnsucht stillen? Darüber grübelte er lange. Er wußte, daß sein Vater noch lebte. Würde er ihn noch einmal sehen? Er wollte ihm sagen, daß sein Eikanaan noch lebte, daß er trotz seines Christentums in seiner tiefsten Seele Jude geblieben war und daß es sein sehnlichster Wunsch war, öffentlich das Christentum abzuschwören und zum Glauben der Vätei zurückzukehren. Er entwarf einen Plan. Er würde den Erzbischof von Mainz auffordern, eine kleine Judenverfolgung zu arrangieren Die Juden in Mainz würden sofort eine Deputation an den Papst senden, um Abhilfe zu erbitten. Und wer würde die Deputation führen, wenn nicht sein Vater als Haupt der Gemeinde? Er führte seinen Plan aus. Als die Juden in Rom hörten, daß eine Deputation aus Mainz komme, weit dort eine Judenverfolgung auf Grund einer päpstlichen Verordnung ausgebrochen sei, wollten sie das gar nicht glauben. Der Papst war doch ein glühender Verehrer der hebräischen Literatur und intimer Freund angesehener Juden. Niemals lebten die Juden in Rom glücklicher als unter Papst Andreas. Als die Deputation das Zimmer des Papstes betrat, erkannte dieser sofort seinen Vater. Und der Vater fiel vor ihm ins Knie und bat um Schonung für seine Gemeinde. Da hieß der Papst die Mitglieder der Deputation das Zimmer zu verlassen und ihn mit Rabbi Simeon allein zu lassen. Als sie allein waren, versprach er ihm, die Juden in Mainz zu schonen. Dann ließ er sich mit ihm in eine theologische Diskussion ein und Rabbi Simeon war des Staunens voll über die Kenntnisse des Papstes im Hebräischen. Wie der Papst seinen wahren Namen und seine Herkunft offenbarte, wird verschiedenlich berichtet. Die einen erzählen, der Papst habe sich sofort zu erkennen gegeben, seinen Vater um Verzweiflung gebeten und seinen Entschluß offenbart, öffentlich das Christentum abzuschwören und zum Judentum zurückzukehren; aber er habe den Vater gebeten, einstweilen noch Stillschweigen zu bewahren. Andere wieder erzählen, der Papst habe seinen Vater zu einer Partie Schacn eingeladen. Während des Spieles habe Rabbi Simeon seine»* Sohn an einem Muttermal am Unterarm erkannt. Die weiteren Geschehnisse sind in verschiedenen Variationen überliefert. Eine Version lautet dahin, der Papst habe seine Anhänger zusammengerufen. Er habe von der Plattform eines Turmes aus sich vom Christentum losgesagt, den einigeinzigen Gott Israels gepriesen und, während die Menge erschüttert und ratlos dastand, habe er sich vom Turme herabgestürzt und sei tot liegen geblieben. Eine andere Version besagt: Rabbi Simeon sei nach der Unterredung mit seinem Sohne auf geheimnisvolle Weise aus Rom verschwunden, sei dann wieder in Mainz aufgetauoht, wo er bis an sein seliges Ende als frommer Jude lebte. Und eine andere Legende erzählt uns: «Es gelang dem Vater, seinen Sohn zum Judentum zurückzuführen. Um den Namen Eikanaans in der hebräischen Liturgie zu verewigen, habe er die Hymne geschrieben, in der sein Name und der seines Sohnes enthalten ist.» Am zweiten Tag des Neujahrsfestes singt der Chasan diese Hymne. Soweit die Legendenbildung. Was ist aber historische Tatsache? Es ist erwiesen, daß im Zuge der unter Heinrich II. stattgefundenen Judenverfolgungen jüdische Kinder ihren Eltern geiaubt und getauft wurden. Richtig ist auch, daß der große Rabbi Simeon in Mainz einen Sohn namens Eikanaan hatte, der geraubt und als Christ erzogen wurde. Riclrtig ist auch, daß es einen Papst gegeben hat, der jüdischer Abstammung war und die Juden Roms beschützte. Aber Rabbi Simeon lebte um das Jahr 1000, während Papst Analectus II., der Jiidenstämmling, auf dem päpstlichen Throne von 1130 bis 1138 saß. Aber unsere Legende kümmert sich nicht um chronologische Daten und sie entstand außerdem erst im 14. Jahihundert. Die Entstehung der Legende kann unschwer rekonstruiert werden. Analectus II. war der Gegenpapst Innozenz II. Analectus II. hatte von seinen Ahnen scharfen Ver- Es ist wenig bekannt, daß es in Rom in der Nähe der christlichen Katakomben auch jüdische Katakomben gibt. Es wird oft angenommen, daß es sich bei den christlichen Katakomben um eine spezifisch christliche Art der Beerdigung handelt. Das ist falsch. Die Juden haben diese Beerdigungsart nach Europa gebracht. Zu Beginn der christlichen Aera war in Rom das Verbrennen der Leichen üblich. Die Juden, die nach Rom kamen, hielten an der Beerdigung der Leichen fest, um so mehr, als die vulkanische Tuff-Eormation der Campagna ihnen die Möglichkeit bot, Felsengräber ähnlich wie in Palästina anzulegen. Die ersten Christen Roms lehnten ebenfalls die Verbrennung ab, da doch auch Christus begraben wurde und der Körper der Toten nur im Grabe liegt, um den Tag der Auferstehung abzuwarten. Sie beerdigten daher ihre Toten in den jüdischen Katakomben. Als der Fall Jerusalems Tausende von Juden nach Rom brachte, nahmen die jüdischen Katakomben an Umfang zu, und es wurden neue Katakomben nur für Juden angelegt. Fünf Katakomben wurden bisher entdeckt. Im 16. Jahrhundert entdeckte Bosio die Katakomben der großen jüdischen Gemeinde von Trastevere am Monte Verde und begann sie auszugraben. Die Grabsteine stand und große Reichtümer geerbt. Das hätten seine Gegner gerne in Kauf genommen. Aber Analectus II. hatte von seinen jüdischen Ahnen noch ein anderes Erbteil mitbekommen, eine ausgesprochen jüdische Physiognomie, und das konnten ihm seine Gegner nicht verzeihen. «Nigruni et pallidum adolescentum, magis Judaeo quam Christiano Similem» (ein schwarzer und bleicher junger Mann, mehr einem Juden als einem Christen ähnlich). So wird er uns beschrieben, als er 1119 an der Synode von Reims teilnahm; und als er den päpstlichen Thron bestieg, nannte man ihn ironisch «Judaeo-Pontifex» (jüdischer Hohepriester). Analectus II. hatte durch sein jüdisches Aussehen viel zu leiden. Bernand von Clairvaux, ein berühmter Bischof, protestierte heftig gegen ihn in einem Briefe an Lothar IL Er schrieb: «Ut enim constat Judaicum sobolem sedem Petri in Christo occupasse injuriam». (Es ist eine Schmach für Christus, daß ein Judenstämmling den Stuhl Petri besetz» hat.) Trotzdem ha-tte Analectus in Rom einen mächtigen Anhang, der ihm treu zur Seite stand. Außerhalb Roms und im Auslande aber bestand erbitterte Gegnerschaft gegen den Juden auf dem Throne des heil. Petrus. Die geklönten Häupter Europas, mit einer oder zwei Ausnah^n, waren seine Gegner und unterstützten Innozenz II. Aber König Roger von Sizilien, sein Schwager, und der Klerus von Rom hielten zu ihm. Denn schon seine Vorfahren hatten in Rom eine große Rolle gespielt. Sein Urgroßvater Baruch, der im römischen Judenviertel Trastevere gelebt hatte, war zu großem Reichtum gelangt, hatte sich taufen lassen und den Namen Benedictus erhalten, dem er noch den Namen Christianus hinzufügte. Sein Sohn Leo heiratete in die höchste römische Aristokratie ein und mengte sich in den kirchlichen Streit ein. Er schloß sich der Reformpartei Hildebrands an. Leos Sohn Peter Leonis, oder Pierleoni, wie er genannt wurde, erlangte in Rom große Macht und war immens reich. Er baute sich in Trastevere, nahe der «Jüdischen Brücke», ein Kastell. Dort besuchte ihn auch Papst Urban II., der seine Protektion zur Unterstützung des Kreuzzuggedankens benötigte. Gregorovius, der Autor der «Geschichte Roms im Mittelalter», schreibt: «Die Freundschaft der Päpste, ihre ausgezeichneten Familienbeziehungen und ihr Reichtum verdunkelten so sehr die jüdische Abstammung der Pierleoni, daß sie zu den angesehensten Fürstengeschlechtern gezählt wurden.» Es gab auch eine Zeit, wo man munkelte, die Pierleoni seien Nachkommen der römischen Adelsfamilie der Anicii; zwei Mitglieder dieser Familie seien nordwärts gewandert und einer von ihnen sei der Stammvater des Hauses Habsburg geworden. Peter Leonis starb 1128. Einer seiner Söhne wurde Patrizier, eine Tochter wurde Königin von Sizilien. Und seil» Sohn Petrus bestieg als Analectus II. den päpstlichen Thron. Er batte in Paris studiert und wurde Kandinaldiakon in Rom. Im Jahre 1121 finden wir ihn als päpstlichen Legaten in England, wo ihn König Heinrich I. mit großem Pomp empfing. Am selben Tage, an dem er zum Papst gewählt wurde (23. Februar 1130), wählte die Gegenpartei Innozenz II. zum Papste. Als Analectus II. im Jahre 1138 starb, wurde Innozenz II. allgemein als Papst anerkannt. Als Innozenz II. zum Gegenpapst gewählt wurde, kam es in Rom zu Kämpfen. Die Partei des Analectus siegte und der Chronist berichtet uns: «Und mitten in der tumultuösen Prozession, die ihn als Papst begrüßte, marschierten die Vorsteher der Synagoge unter Anführung ihres Rabbiners, der eine Thorarolle in seinen Händen hielt.» wurden später ins Lateranmuseuni geschafft und 1« einem eigenen Saal «Sala Judaica» ausgestellt. Heute ist ein Besuch der jüdischen Katakomben am Monte Verda wegen Einsturzgefahr nicht ratsam.! Drei jüdische Katakomben befinden sich in der Nähe der Via Appia in der Vigna Rondanini. Sie wurden im vorigen Jahrhundert von Garucci entdeckt und sind sehr weitläufig. Die fünfte Katakombenanlage wurde erst vor wenigen Jahren nahe der alten «Alta Semita» entdeckt. Ihr Besuch ist mit Schwierigkeiten verbunden, I weil sie sich in der Nähe der Villa Mussolinis befindet. Unser Besuch muß sich daher auf die Katakomben in der Vigna Rondanini, oder wie sie auch heißen «di San Sebastiano» beschränken. Mitten zwischen der Kirche des heiligen Sebastianus und den christlichen Calixtus-Katakomben an der Via Appia steht ein Bauernhaus mit einer Inschrift aus dem vorigen Jahrhundert. Sie erzählt uns, daß hier die «neuen* jüdischen Katakomben zu sehen sind. Wir überqueren den Hof und steigen über eine Treppe in eine dunkle, dumpf-feuchte Grube. Die Gänge, Gräber und Kammern (ambulaera, loculi, cubicula) sehen genau so aus wie in den christlichen Katakomben und mit Ausnahme de» Wortes «Schaloin» ist kein hebräisches Wort zu sehen* Hie und da sieht man die Abbildung einer Menorah* Jüdische Katakomben in Rom Von Uavry Zimmermonn