Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 255 (24.11.1932)
- Date
- 1932-11-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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DIE STIMME Nr. 255 — 24. November 1932 Die Wiener Universltflt macht Schule Antisemitische Sturmflut über fahlreiche Während an der Wiener Alma mater seit dem «Canossagang» Rektor Abels der Lehrbetrieb einigermaßen sich in Ruhe abwickelt, wird aus den verschiedenen Auslandsuniversitäten von schweren Ausschreitungen gegen jüdische Studenten gemeldet. Eine wahre antisemitische Sturmflut hat die Hochschulen von Debrezin bis Warschau erfaßt * lm folgenden die Berichte: In Debrezin .... Die Sühne: ein jüdischer Student relegiert Debrezin. Am 17. November vormittags drang eine aus acht Hörern bestehende Gruppe einer christlichen Studentenkorporation in die Universitätsbibliothek ein und forderte die dort lernenden jüdischen Studenten und Studentinnen auf, binnen zwei Minuten den Lesesaal zu verlassen. Sie warteten jedoch diese Frist nicht ab, «ondern stürzten sich auf die überraschten jücFschen Studierenden und schlugen auf sie ein. Selbst die jüdischen Studentinnen wurden mit Fäusten bearbeitet. Zwei jüdische Studentinnen wurden so schwer verletzt, daß sie einige Zeit das Bett werden hüten müssen. Auch die Verletzungen einiger jüdischer Studenten sind erheblicher Natur. Schließlich griff die Polizei ein und besetzte die Universitätsbibliothek. Vor dem Zeiitralgebäude der Universität kam es ebenfalls zu antise tischen Unruhen, h.er wurde det jüdische Student Bela Herczeg schwer verprügelt. Die jüdischen Studenten entsandten eine Abordnung zum Bürgirmester von Debrezin und ersucaten ihn, eine strenge Untersuchung einzuleiten und die schuldigen an den Unruhen zu bestrafen. Außer J*m erstatteten sie bei der Staatsanwaltschaft die Anzeige gegen unbekannte T ater wegen Ehrenbeleidigung un-1 Kjrpeiverietzung. Der Rektor hat, um weitere Zwischenfälle zu verhüten, die Einstellung der Vorlesungen angeordnet. Der UniversitäNsenat trat nach den Unruhen zusammen und behandelte zunächst die Angelegenheit des jüdischen Hörers des ersten Semesters Bela Herczeg , der jenen christlichen Hörern, die ihn mit großer Uebermacht vor dem Zentralgebäude angrlff und schwer verprügelten, das Wort «Feiglinge» zugerufen hat. Der Senat hat deswegen Bela Herczeg für zwei Semester relegiert. Kultus- und Unterrichtsminister Dr. Homan hat an den Rektor der Debreziner Universität das folgende Telegramm gerichtet; «Die Abendblätter berichten über eine blutige Schlägerei, in deren Verlauf jüdische Studenten schwer insultiert worden wären. Erbitte dringenden telegraphischen Bericht. Im Falle der Wiederholung der Kundgebungen sind die Täter, wenn es sein muß, mit Polizeigewalt, festzunehmen, gegen sie ist sowohl bei den Universitätsbehörden die Disziplinaruntersuchung als auch das Strafverfahren unverzüglich einzuleiten.» Bis jetzt hat man, abgesehen von dem schnellen Urteil gegen den jugendlichen jüdischen Studenten Bela Herczeg, der für zwei Semester relegiert wurde, weil er es als feige bezeichnete, wenn eine große Gruppe über einen einzelnen herfällt, nichts davon gehört, daß gegen irgend einen der wirklich Schuldigen ernsthaft vorgegangen wäre; es steht noch nicht einmal fest, ob man irgendwelche Schuldigen namhaft gemacht hätte. Auslandsuniversitäten i nen anderen Stadtteilen, ln der «Dritter-Mai-Gasse; , und ln der Jaglellonska-Gasse wurden die Schaufensterscheiben fast aller jüdischer Geschäfte eingeschlagen. Di« antisemitischen Orgien an der Breslauer , Universität Ueber die schweren Ausschreitungen, deren Schauplatz die Breslauer Universität letzten Donnerstag war, liegt der «Stimme» folgender Bericht vor: Schon vor 9 Uhr waren Gänge und Vorräume von einer wild erregten Studentenmenge besetzt. Kaum hatte Professor Cohn seinen Vortrag begonnen, wurden j die Türen des Kolleg-Saales eingedrückt und die Menge stürmte herein. Der jüdische Student Goldschmidt bekam einen Fausthieb Ins Gesicht und mußte später mit einem Krankenwagen abtransportiert werden, ln den j Hörsaal wurden Tränengasbomben geworfen, so daß I die Vorlesung sofort abgebrochen werden mußte. Dann begann in den Gängen das übliche Absingen nationalsozialistischer Kampflieder. Gerüchtweise verlautet, daß sich während der Tumulte in den Gängen der Privatsekretär des schlesischen S. A.-Führers Heines aufgehalten habe. Von den ordnungsliebenden Studenten wurde allgemein bedauert, daß trotz der schweren, tätlichen Angriffe die Polizei nicht in die Universität gerufen wurde, so daß es zur Bedrohung und Verletzung jüdischer Studenten kommen konnte. Die Vorgänge haben nicht nur in der jüdischen Akademikerschaft und in der jüdischen Bevölkerung Breslaus eine ungeheure I Erregung hervorgerufen, sondern sie sind auch in all I ^QttsbertoültunQen äs?“ H» * l 91H 4 f ■ h n '»e.»*llaaf»«»Htan«a and) Sorfdjflfft o&ttt ieMotbe Sinfett, etttntueH ««4 «fen* Slnatmtlang »fctr Maate kann. (Der* gebe i., 1 .. III.. bi)poibeharif4* ®älje an S — 12n> ftealltilcnftciMtci Dr. £1. p«ls, .. Xltmtrg. 13. %cl n 21 r>30 den nlchtjüdischen Kreisen, die, unabhängig von Parteistellung und Konfessionszugehörigkeit, wahrhafte deutsche Kulturgesinnung und akademische Lehrfreiheit einer parteipolitischen Verhetzung unterzuordnen nicht willens sind, auf stärkste Ablehnung gestoßen. Prof. Cohn abermals am Lesen verhindert — Die Universität geschlossen Am letzten Donnerstag, da Universitätsprofessor Dr. Ernst Cohn seine zu Ende der vorigen Woche Infolge der antisemitischen Demonstrationen der Mitglieder des «Waffenrings» gegen Ihn unterbrochenen Vorlesungen wiederaufnehmen wollte, kam es an der Breslauer Universität abermals zu unerhörten Skandalszenen. Trotz umfangreicher Schutzmaßnahmen gelang es der antisemitischen Studentenschaft, in den Vorlesungssaal von Prof. Cohn einzudringen und durch Veranstaltung antisemitischer Radauszenen ihn am Lesen zu verhindern. Die Bemühungen von Rektor und Senat, die Radau-Studenten zu beruhigen, blieben ohne Erfolg. Die Tumulte erstreckten sich über das ganze Gebäude. Zwischen den randalierenden Studenten und der Polizei kam es zu Zusammenstößen, bei denen ein Kriminalbeamter nicht unerheblich verletzt wurde. Nachdem der Rektor keine Aussicht mehr sah, der Unruhe Herr zu werden, verfügte er bis auf weiteres die Schließung der Universität. AUS P Die Jewish-Agency-Schulen in Palästina wieder eröffnet Jerusalem. Die Gehaltauszahlungsdifferenzen zwischen den hebräischen Lehrern und der Jewish Agency sind durch einen Vergleich bei gelegt worden; die hebräischen Schulen der Jewish Agency wurden am 16. November in . ganz Palästina wieder eröffnet. I Jüdischer Boden ln der Haifa-Bucht wird Arabern übergeben 1 Jerusalem. Jüdische Arbeiter, die mit der Kultivierung von Keren-Kaiemeth-Boden ln der Haifa-Bucht beschäftigt waren, wurden am 16. November von einer organisierten Araberbande, die behauptete, der Boden gehöre ihr, vertrieben, Der Fall kam sofort von dem Haifaer Distriktskommissär zur Verhandlung, der entschied, daß von den dem Nationalfonds und der amerikanisch-jüdischen Bayside Land Corporation gehörenden 10.000 Dunam Boden 3500 üunam den Arabern, die auf ihn Anspruch erhoben, überlassen werden sollen. Ueber 12.000 jüdische Arbeiter In den palästinensischen Industrien Auf der kürzlich in Jerusalem abgehattenen neunten Jahresversammlung der Vereinigung palästinensischer Industrieller wurde mitgeteilt, daß gegenwärtig 12.000 jüdische Arbeiter in den jüdischen industriellen Unternehmungen Palästinas beschäftigt sind. Jüdische Fabrikanten in Palästina haben im Berichtsjahr Waren im Werte von mehr als 7 Millionen Dollar hergestellt. Der Durchschnittslohn des jüdischen Arbeiters beträgt einen Dollar pro Tag, man zählt im Jahre mindestens 300 Arbeitstage. Waren im Werte von mehr als einer Million Dollar wurden im Berichtsjahr von jüdischen Industriellen exportiert. Gegenwärtig gibt es ln Palästina 16 jüdische Fabriksunternehmungen, von denen 140 in Tel-Awiw sind. Das Budget von Tel-Awiw: 125.000 Pfund Der vom Stadtrat von Tel-Awiw der Regierung unterbreitete Budgetvoranschlag betrifft eine lahressumme von 125.000 Pfund und übersteigt um 20 000 Pfund das vorjährige Budget. Das Budget von Tel-Awiw ist höher als irgendein anderes Stadtbudget in Palästina und übersteigt sogar das Budget Jerusalems. Tel-Awiw zu 40 Prozent an dem palästinensischen Postverkehr beteiligt Dem von der Palästinaregierung soeben veröffentlichten Finanzbericht des Post- und Telegraphenwesens ist zu entnehmen, daß die jüdische Stadt Tel-Awiw mit ihren etwa 50.000 Einwohnern zu 40 Prozent an dem gesamten Postverkehr Palästinas beteiligt ist Zu der Einkommensumme des Postwesens in Höhe von 94 805 Pfund in den letzten fünf Monaten hat Tel-Awiw fast 38.000 Pfund, also 40 Prozent, beigetragen. Hebräische Bibliotheken auf Palästinadampfern «Lloyd Trlestino» hat auf seinen zwischen Triest und Palästina verkehrenden Dampfern hebräische Bibliotheken für jüdische Palästmareisende eingerichtet Infolge der steigenden jüdischen Einwanderungswelle sind die Scfvffsplätze auf den Palästinadampfern des «Lloyd Triestlno* so besetzt, daß Billette Monate vorher bestellt werden müssen. Ein Nachrichtenschutzgesetz ln Palästina Jerusalem. Auf eine Anregung der Jüdischen Telegrapnen-Agentur hin hat die Palästina-Regierung ein Gesetz {beschaffen, wonach es Zeitungen und Zeitschriften verboten st, Mitteilungen von Telgeraphen-Agen-turen ohne vorherige Vereinbarung mit der betreffenden Agentur ganz oder teilweise zu publizieren, es sei denn, daß seit Veröffentlichung der Nachricht dieser Agentur mindestens 72 Stunden vergangen sind. Eine Übertretung des Gesetzes zieht für jeden einzelnen Fall eine Strafe von 25 bis 50 Pfund nach sich. .... und in Warschau Auch in Warschau zunächst jüdische Studenten angeklagt Warschau. An der Warscuauer Universität kam es zu schweren antisemitischen Unruhen aus Anlaß des ersten Todestages des in Wilna während der mehrtägigen antisemitischen Exzesse von unbekannter Hand getöteten polnischen Studenten Waclawsky. Zweimal stürzten sich die nationaldemokratischen Studenten auf ihre jüdischen Kollegen, die sich tapfer ihrer Haut wehrten. Mehrere jüdische Studenten wurden verletzt. Der 19jährige Jakob Brando, der 21jährige Simon Biener und die 20jährige Ira Pusceka erlitten so schwere Verletzungen, daß sie Ins Hospital gebracht und dort verbunden werden mußten. Die Universität wurde geschlossen. — ln Lemberg veranstalteten etwa 600 nationaldemokratische Studenten nach einem Gottesdienste zum Andenken Waclawskys auf dem Ringplatz eine Hetzjagd auf jüdische Passanten, von denen mehrere mißhandelt wurden. Die Polizei vertrieb die Demonstranten und verhaftete einige. Die Ueberfälie auf jüdische Passanten wiederholten sich in verschiede- Beh. konz. Realbüro ING. N. MUHLBAUER Kauf und Verkauf von Realitäten, Hypotheken I., II. und 111. Sätze, Bau- und Zwischenkredite, üebäudeverwaltung Büro; 2., Leopoldsgasse 26 Tel. A-40-2-47 Wohnung: 2., Vorgartenstr, 150, Tel. R-41-8-88 »Wf—f«———F—1—■■■w» Augusfa Weldler-Steinberg gestorben ln Zürich verschied, wie uns von dort gemeldet wird, nach längerer Krankheit im Alter von 53 Jahren Frau Doktor Augusta Weldler-Steinberg. Die Verstorbene gehörte seit ihrer frühesten Jugend zu den aktivsten Zionismen der Schweiz. Sie gründete und organisierte den Landesverband jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina, später die Organisation zionistischer Frauen in der Schweiz (Wizo), widmete sich mit großer Liebe und Hingabe der Nationalfondsarbeit in Zürich, die sie leitete, sowie der zionistischen Jugendarbeit In den Kriegsjahren redigierte sie in Wien di« «Jüdische Zeitung», das Zentralorgan der österreichischen Zionisten, später stand sie dem Jüdischen Korrespondenzbüro in Zürich vor. Von ihren literarischen Arbeiten ist die Herausgabe der Werke von Theodor Körner und Hoffmann von Fallersleben zu erwähnen. Sehr bekannt und in mehreren Auflagen erschienen ist «Rahel Varnhagen, ein Frauenleben in Briefen» Augusta Weliler machte ferner eingehende Studien über die Geschichte der Juden in der Schweiz. Schon ihre Dissertation behandelte dieses Thema. Kurz vor ihrem Tode brachte sie ein umfangreiches abschließendes Werk über di Geschichte dr Juden in der Schweiz zu Ende. Frau Rachel Krestin gestorben Die Gattin des Malere Lazar Krestin. Freitag, den 18. d. M., ist hier Frau Rachel Lea Krestin, die Gattin des berühmten jüdischen Malers Prof. Lazar Krestin, im Alter von 62 Jahren nach langem und schweren Leiden verschieden. Sie wurde Sonntag, den 20. d., in Anwesenheit von zahlreichen Freunden und Bekannten zu Grabe getragen. Dem schwer geprüften Gatten und seiner Tochter spricht das Zionistische Landeskomitee Oesterreich« sein innigstes Beileid aus. Bei Kopf«, Lenden« und Schulterrheumatismus, Nervenschmerzen, Hüftweh, Hexenschuß wird das natürliche «Pranz- Jo$ef»-Bitterwasser mit großem Nutzen für die tägliche Rein- , waschung des Verdauungskanals angewendet.! Erzeugung und Reparatur von Herrenwir min. 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