Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 255 (24.11.1932)
- Date
- 1932-11-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 255 24. November 1833 DIE STIMME Seite 3 Zum 500. Gcburfslaa Spinozas Spinoza im lichte der indischen Mystik Von Simon Ernst, Tel-Aviv Rationalismus und traditioneller religiöser Glaube sind eigentlich zwei einander ausschließende Standpunkte: der erste verwirft den zweiten auf Grund einer rein logischen Gedankenarbeit, als etwas Irrationelles. Aber in der jüdischen religiösen und philosophischen Literatur finden wir die scheinbar ganz abnormale Erscheinung, daß diese beiden Standpunkte einander durchdringen. Dies ist dadurch zu erklären, daß reiner Rationalismus nur in einer Atmosphäre ruhiger Bodenständigkeit sich entwickeln kann, die eben dem hin- und hergetriebenen jüdischen Volke stets fehlte. Anstatt der physischen Heimat als festen Ruhepunktes mußte sich dieses Volk eine-geistige bei seinem unwandelbaren Gott suchen, und von diesem seelischen Bedürfnis war sogar keiner der rationalistisch veranlagten jüdischen Philosophen frei. M a i m o n i d e s, der als größter Rationalist unter den jüdischen Philosophen betrachtet wird und als Denkmal seines freien forschenden Geistes der jüdischen Welt den «Führer des Irrenden» gegeben hat, war gleichzeitig so von jüdischer Religiosität durchdrungen und so um deren Erhaltung besorgt, daß er schon in der Vorrede zu diesem Buche selbst diese, dessen aristotelische Grundstimmung eigentlich fremde Tendenz durchscheinen läßt und außerdem in seiner «Starken Hand» («Jad Chazaka») ein System starrer jüdischer dogmatischer Teologie geschaffen hat, das nicht übertroffen werden kann. Auf diesen merkwürdigen Widerspruch weist S. A. Horodeczki in seinem Buche «Religiöse Strömungen im Judentum» hin. (Erschienen: «Philadelphia», 1932.) Auch der große jüdische Denker Rabbi Levi iben Gerschon (Ralbag) sucht in der Vorrede zu seinem von Rationalismus stark durchtränkten Buche «D i e Kämpfe Gottes» («Milchamoth Haschern») diesen Rationalismus dem religiösen Gedanken dienstbar zu machen. Ebenso geht Spinoza, der im Judentum als «der große Abtrünnige» bezeichnet wird, bei seinen scheinbar ganz rationalistischen Gedankengängen nicht, gleich den hellenischen Philosophen, von dem physischen Prinzip, von der Natur aus. sondern von dem geistigen, göttlichen Prinzip aus. Er steht immer im Banne der Ethik, von dem ihn keine Logik befreien kann; deshalb wird, diesem Grundzuge seines Wesens gemäß, sein Hauptbuch mit Recht «Ethik» genannt, obgleich es das ganze System seiner Philosophie umfaßt. Auch sein ganzes Leben ist nicht dasjenige eines kalten, philosophischen Denkers, sondern eher das eines gefühlvollen Mystikers, eines Chiassid. Seine Größe zeigt sich nicht im Kampfe gegen die Hindernisse, die ihm das Schicksal in den Weg stellte, sondern gerade in einer ruhigen Ergebung in dies Schicksal, in einer asketischen Bedürfnislosigkeit, die ihn über diese Hindernisse emporhob. Mit gleicher Ruhe ertrug er den gegen ihn geschleuderten Bann der. Amsterdamer Rabbiner, die ihn langsam aufzehrende Schwindsucht und die Armut. Ohne Zögern schlug er das so ehrenvolle Anerbieten einer Universitätsprofessur in Heidelberg im Jahre 1673 ab, um nicht die volle Freiheit der Meinungsäußerung einzubüßen. Lehre und Lebensweise waren bei ihm, wie bei echten Chassidim, unzertrennbar verbunden. Wenn wir tiefer forsche^ dann sehen wir, daß auch seine Lehre ebenso von mystischem Gefühlsleben durchdrungen ist wie sein Leben. Die Grundlage seiner Philosophie bildet der kabbalistische Gedanke, daß die göttliche Herrlichkeit alle Dinge der Welt durchdringt, so daß Gott und Welt nicht von einander getrennt sind, sondern — wie sich der berühmte Kabbalist Rabbi Mosche Cordovero ausdrückt — Gottes Leben ist mit unserem Leben innig verbunden und Gott existiert uns in allen Sphären der Wett. Ganz ähnlich ist die in einem Briefe an seinen Freund Oldenburg ausgedrückte Anschauung Spinozas, daß Gott die innere (immanente) und nicht die äußere (transzendente) Ursache eines jeden Dinges sei, daß alles in Ihm sei und Er alles bewege. In diesem Sinne ist sein «Deus sive SCH Ul E FD^ KORPE PBILDUNG TRUDE HIEIN Diplomierte Gymuastiklehterin der Schule Hellerau, VI., Theobaldgasse 19 (Ecke Mariahilferstraße 27, Mezzanin), Telephon A 39-3-45 Gymnastik, Rhythmische Gymnastik, Tanz (Akrobatik Ballett) Kurse für Kinder, Damen und Herren Turstage: Dienstag, Mittwoch und Freitag von 9 bjs 21 Uhr. An den anderen Tagen: Kurse und Einzelstunden m den ver«Hve't<*nen B»‘v:rt't*n. jutsc.iun. uteser Gutschein berechtigt tür eine unverbindliche Probestunde nur Dienstag, Mittwoch und Freitag von 9 bis 21 Uhr. natura» zu verstehen. Es zeigt sich da auch seine tiefe Geistesverwandtschaft mit Rabbi Israel Balschem, welcher in seinem Buche «Kether Schem-Tov» sagt: «Die belebende Kraft Gottes ist zu finden in allen Dingen der Schöpfung. — Die Welt und ihre ganze Mannigfaltigkeit ist nur ein Teil der Gottheit, von der man sich nicht trennen kann.» Spinoza geht aber über die jüdische Mystik hinaus, wenn er die Natur als ebenso ewig betrachtet wie Gott und die Willensfreiheit des Menschen leugnet. Vorbildlich scheint für Spinoza der Monismus des Sohar gewesen zu sein, nach welchem Stoff die Ausdehnung das letzte Emanationsprodukt ist, am weitesten von Gott entfernt, aber doch aus der göttlichen Idee hervorgegangen; die menschliche Seele bringt den menschlichen Körper hervor, indem sie sich den Stoff einprägt. Am klarsten erkennen wir den Einfluß des Sohar auf Spinozas System der Philosophie, wenn wir dasselbe mit der etwas modernisierten Bearbeitung des Sohar in Hereras «Himmelspforte» vergleichen, welch letzteres Buch in Spinozas Jugendzeit eine Lieblingslektüre der Amsterdamer Juden bildete; wir finden schon dort den Gedanken, daß nur eine, die göttliche Substanz mit unendlichen Eigenschaften existiert, welche sich zu vielen und endlichen Wesenheiten determiniert, die aber nur ihre Modifikationen sind. 1 Auch in Spinozas «amor dei intellectualis» sind kaballistische Anklänge zu finden. Er sagt in seinem Theologisch-politischen Traktat, daß der Glaube an die Sündenvergebung durch die Gnade und Barmherzigkeit Gottes eine inbrünstige Liebe zu Gott erzeugt. Denselben Gedanken in fast gleicher Stilisierung finden wir auch im Sohar im Abschnitt «Wuetchanan». Dem spinozistischen Gedanken «der Lohn der Tugend selbst» entspricht der Ausspruch des Sohar: «Wer Gott wahrhaftig liebt, begehrt dafür keine Belohnung». Ohne von Spinoza jemals gehört zu haben, spricht der Zadik Rabbi Schneur Salman von Ladi in seinem Buche «Thora Or» denselben Gedanken aus, den Spinoza in seinem Briefe an Oldenburg (Briefwechsel Nr. 21) ausdrückt, nämlich, daß die Liebe Gottes aus der Erkenntnis Gottes mit Notwendigkeit herausf-ließt. Ebenso tritt in merkwürdiger Weise die tiefe Geistesverwandtschaft zwischen Spinoza und dem Zaddik Rabbi Nachman von Bratzlaw hervor, wenn wir deren enthusiastische, auf Gefühlspantheismus beruhende Diesseitsbejahung vergleichen. Dies beweist am besten die Vergleichung der Stellen über die Bejahung der optimistischen Freude in Spinozas «Ethik» (4. Kap. 1 und 12) und in Rabbi Nachmans «Likutei Maharan»; der Unterschied besteht nur darin, daß Spinoza die Freude definiert (als Uebergang zur höheren Vollkommenheit — transition a minore ad majorem perfectionem) und als Tugend preist, während sich die Freude bei Rabbi Nachman als lebensdurstiger Aufschrei durchbricht. Wenn wir uns nun fragen, wie man die so große Uebereinstimmung der spinozistischen mit kabbalistischen und chassidischen Ideen einerseits und anderseits den so großen Unterschied zwischen der so scheinbar nüchternen, intellektualistischen Behandlung der gleichen Probleme durch Spinoza und der mystisch-gefühlvollen Stellungnahme der Kabbalisten und Chassidim erklären könne, so müssen wir bedenken, daß der junge, von den messianischen Hoffnungen seiner Zeit fortgerissene Spinoza den Zusammenhang später äußerlich mit allem Mystizismus brach, ohne sich jedoch innerlich ganz davon befreien zu können. fpinoxa und die ‘ftiicfärfteffcr der Juden nadii {Fatidsiina Ueber die Idee der Wiedergewinnung Palästinas, über die Hoffnung auf die Wiedererrichtung eines jüdischen Staatswesens, hat sich Spinoza auf seine Art mit aller Deutlichkeit ausgesprochen. Die Aeußerung Spinozas gewinnt dadurch an Wert und Gewicht, daß sie zu einer Zeit getan wurde, da die Frage der Wiedererrichtung des jüdischen Staates sehr aktuell war und in aller Welt Juden und Christen in gleichem Maße interessierte. Es war zu der Zeit, als der falsche Messias aus Smyrna, Sabbathai Zwi, auftrat und überall in Europa, Asien und Afrika, in allen Städten, wo Juden wohnten, begeisterte Anhänger gewann. Die Sabbathai-Zwi-Bewegung war ein Zionismus, angemessen den mystischen Strömungen des siebzehnten Jahrhunderts, ein Zionismus, wie er nur in jenen Tagen entstehen konnte, da die mystische Kabbala eines Luria und eines Chaim Vital allenthalben im Schwünge war, ein Abravanel die Ankunft des jüdischen Messias mit Jahreszahlen genau bestimmte und da von christlichen Mystikern in England das Jahr 1666 als das apokalyptische Jahr, in dem die Juden nach Jerusalem zurückkehren würden, bezeichnet wurde. Welche Bedeutung diese Bewegung damals hatte, ist daraus zu ersehen, daß sich hervorragende nichtjüdische Persönlichkeiten für sie interessierten. Unter den an Spinoza gerichteten Briefen Heinrich Oldenburgs, eines seinerzeit bekannten deutschen Ge• lehrten, befindet sich ein Schreiben, datiert vom 8. Dezember 1665, aus dem wir einen Passus wiedergeben wollen, der sich auf die Sabbathai-Zwi-Bewegung bezieht. Oldenburg schreibt: «Aber um auf die Politik zu kommen, so ist hier in aller Munde ein Gerücht, von der Rückkehr der mehr als zweitausend Jahre zerstreuten Israeliten in ihr Vaterland. Nur wenige glauben es hierorts, aber viele wünschen es. Wollen Sie Ihrem Freunde mitteilen, was Sie darüber hören und was Sie davon halten.» Wie die Antwort Spinozas auf diese Anfrage ausgefallen ist, ist leider unbekannt geblieben, denn die Antwort Spinozas auf die Anfrage Oldenburgs hat sich nicht erhalten; mit dem erwähnten Brief bricht die rege Korrespondenz zwischen Oldenburg und Spinoza auf volle zehn Jahre ab. Doch bezeugt eine Stelle im «Theologisch-politischen Traktate, daß Spinoza die Möglichkeit der Rückkehr der Juden nach Palästina nicht für ausgeschlossen hielt, ja sogar mit ihrer Wahrscheinlichkeit rechnete. Es heißt dort: «Das Zeichen der Beschneidung halte ich für so bedeutungsvoll, daß ich überzeugt bin, dies allein werde das Volk für immer erhalten. Ja, wenn die Grundsätze ihrer Religion ihren Sinn nicht verweichlichen, so möchte ich ohne weiteres glauben, daß sie einmal bei gegebener Gelegenheit, wie ja die menschlichen Dinge dem Wechsel unterworfen sind, ihr Reich wieder aufrichten und daß Gott sie von neuem auserwählt.» fpino«a-Xileralur vSpinoza, Bildnis eines geistigen Helden» von Rudolf K a y s e r (Ph a i d o n - Verlag, Wien 1932) Zum 300. Geburtstag Spinozas bietet Rudolf Kay s e r eine Lebensdarstellung dieser wohl reinsten Gestalt des neuen abendländischen Denkens, des geistigen Lebens Baruch Spinozas, wie es in dieser Vorbildlichkeit, dieser Fülle von Leiden und Kämpfen und dieser unerbittlichen Folgerichtigkeit kaum noch einmal da war. Die in den früheren Büchern des Verfassers bewährte Darstellungskunst zeigt sich hier nach der Größe des Gegenstandes noch gesteigert. Kayser hat die Fülle des Stoffes zu eindringlicher Einfachheit gezwungen und sein überall fesselndes Werk wirkt wie ein üb er geschichtlicher Roman, der Sehnsucht und Abenteuerlichkeit unseres eigenen Wesens deutet. tfcfiafovn ./Iteiefaem - x?I»emf in den Jüdischen Jjfiinsf Ierspielen Gastspiel Morris Lampe — Genia Schutt. In den Jüdischen Künstlerspielen eröffneten Morris Lampe und Genia S c h 1 i 11 mit einem Schalom Alejchem-Abend ihr Gastspiel. Die Premiere, die Schalom Alejchems berühmte Novelle «T e w j e der Milchig es in neuer, von den früheren in Wien gesehenen Aufführungen völlig abweichender Bühnenfassung brachte, sicherte dem Regisseur und Schauspieler Morris Lampe sowie Genia Schütt einen vollen, wohlverdienten Erfolg, in den sich die bewährten Kräfte des einheimischen Ensembles teilten. Das Publikum fand an Stück und Aufführung großen Gefallen und folgte den Vorgängen auf der Bühne mit einem nassen und einem heiteren Auge, wie sichs für einen echten Schalom Alejchem-Abend gebührt. _thal. Eine Sehenswürdigkeit Wiens u die Cale-Confiserie Karl Neumann II.9 Gredtersirape 2 (N&chsi d*m Dianabae) die Samstag, n. Novem« ber, neu eröffnet wurde. Sie präsentiert sich nunmehr in prächtigstem Stil, so daß sie zu tien schönsten unserer Stadt gezählt werden kann. Von der» Z. V. Architekten Fritz Judtmann und Egon R i ß wurde hier ein interessanter Typ geschaffen, der das Problem «Kaffeehaus und Konditorei» in ganz origineller Weise löst, so daß die Caf6-Confiserie Karl Nenmann, mit ihrer wunderbaren Portal- und Innenarchitektur, als eine Zierde Wiens bezeichnet werden muß. Diese ent* zückende Neuschöpfung entstammt durchaus den Ideen Kart N e u m a n n s, der jedes kleinste Detail künstlerisch durchdachte, wobei ihm seine in langjähriger Erfahrung gewönne* nen reichen Facbkenntnisse in hohem Maße zustatten kamen. Der vielen, vielen Stammkunden der beliebten Konditorei harrt aber noch eine besondere Ueberraschnug, da ihnen von jetzt ab auch ein Büfett von Sandwich-Pikanterien erlesenster Art in zahlreichen Gourmand-Variationen zur Verfügung steht, den Anhängerinnen der «schlanken Linie* sicher hoch willkommen. Aber auch sämtliche Kaffeehausgetränke werden geboten sowie eine reiche Auswahl von Zeitungen und sonstiger Lektüre Es wird sich um so mehr verlohnen, das Etablissement zu besuchen, in dem sich mondäne Eleganz und Wiener Gemütlichkeit in seltener Harmonie vereinen« als die den gegenwärtigen Verhältnissen angepaßten Preise die Cafö-Confiserie Neumann nunmehr erst recht zum Mittel* punkt der guten Gesellschaft machen werden.