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Die Stimme · 1932-11-04 · Heft 252 (4.11.1932) · page 6

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Journal
Die Stimme
Volume
5 (1932)
Issue
Heft 252 (4.11.1932)
Date
1932-11-04
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite b DIE STIMME Nr. 2bi 4. November 109} Balfours Glaube an den schöpferischen Genius des Jüdischen Volkes wurde durch die Toten und Opfer dieses Volkes in glänzender Weise gerechtfertigt. Der Chaluz, der jüdische Arbeiter im Emek, in der jesreei- Ebene und in den Steinbrüchen des judäischen Gebirges, das ganze abgeschlossene erste Jahrzehnt jüdischer Aufbauarbeit in Palästina haben diesen Beweis erbracht. Die schlummernden Kräfte eines alten Volkes hat Balfour zu neuem Leben erweckt. Durch die Zauberformel, seine Deklaration, waren Zauberkräfte entstanden, die das Unmögliche möglich machten, die das Herzische Wort «Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen» realisieren halfen. * Haben auch die fünfzehn Jahre nicht die Erlösung gebricht, wie sie das jüdische Volk im ersten Freudentaumel erhoffte, so bedeutet doch die Balfour-Deklaration die stärkste Aktivpost in der sonst so traurigen Bilanz jüdischen Lebens von heute. Die Balfour-Deklaration ist und bleibt der größte politische Erfolg, den das Judentum in der großen Spanne seiner Staatslosigkeit errungen hat. All die verschiedenen Interpretationen und Einschränkungen, die sie durch eine Reihe von der englischen Regierung aus politischen Opportunitätsgründen erlassener Weißbücher erfuhr, haben, nicht zuletzt durch die jüdischen Arbeitsenergien in Palästina, die Grundfesten der Deklaration zur Errichtung einer jüdischen Heimstätte in Palästina nicht zu erschüttern vermocht. Gerade das abgelaufene Jahr mit der Kosolidierung der politischen Lage in Palästina, die zu einem gut Teil auch das Verdienst des jetzigen zionistenfreundlichen High Commissioner Sir Artur Wachaupe ist, und der stets steigenden Wirtschaftsentwicklung, die Palästina heute zu einem Lande ohne Arbeitslosigkeit macht, hat den bereits stark verdüsterten Honlzont Palästinas wieder merklich aufgehellt. 15 Jahre nach der Balfour-Deklaration ist heute, da das jüdische Volk schwersten rohen Anwürfen und Feindseligkeiten ausgesetzt ist, da der Antisemitismus seine giftigsten Blüten treibt, das Palästinawerk, das mit dem Dokument der Balfour-Deklaration aufs engste verknüpft ist, wieder ein Lichtpunkt des jüdischen Volkes geworden. SCHULE FÜR KÖRPERBILDUNG TRUDE KLEIN Diplomierte Gymnastiklehrerin der Schule Hellerau, VL Theobaldgasse 19 (Ecke Mariahilferstraße 27, Mezzanin), Telephon A 39-3-45 Gymnastik, Rhythmische Gymnastik, Tan* (Akrobatik Ballett) Kurse für Kinder, Damen und Herren Kurstage: Dienstag, Mittwoch und Freitag von 9 bis 21 Uhr. An den anderen Tagen: Kurse und Einzelstunden m den verschiedenen Bezirken. Gotscnem. Dieser Gutschein berechtigt für eine unverbindliche Probestunde nur Dienstag, Mittwoch und Freitag von 9 bis 21 Uhr. Feuilleton Otto Abeies Fahrt durch Ostgalisien (Aus einem Tagebuch ) (Schluß.) Der Bürgermeister von Droftobycz Man darf die Zwillingsstädte Boryslaw-Drohobycz nicht in einem Atem nennen. Auf der kurzen Autofahrt von Boryslaw nach Drohobycz legt man die Zeitspanne von rund 50 Jahren zivilisatorischen Fortschritts zurück. Am Stadtrand, zwischen den Jammerbuden, die auch hier — aber doch nur als Rest der Vergangenheit — wie Aussatz an der Erde haften, erhebt sich eine Synagoge, vor mehr als 100 Jahren gebaut, von ganz ungewohnten Maßen, streng, hochragend, wetterhar Zeugnis des starken Willens eines starken Geschlechts. Der Präsident der Judengerneinde, als Vizebürgermeister zugleich der anerkannte Erneuerer und Führer der Stadt, erzählte mir, daß die Drohobyczer diese monumentale Synagoge über die kleine «Schul» stülpten, die dort stand. Solange gebaut wurde, blieb der Gottesdienst im Kern des Neubaues aufrecht. Symbol der Kontinuität und der Treue. Der tätige Mann, ebenso zielsicher wie bescheiden, wollte mit dieser Erinnerung und mit manchem historischen Bericht aus dem Drohobyczer Gemeindeleben des 18. Jahr* hd;A.cii» ocin persönliches rühmliches Verdienst um die Entwicklung der Stadt und das Ansehen der jüdischen Gemeinde schmälern. Hier habe die Ueberlieferung und die Lehre gewirkt, der Gemeindrang und die Zucht der Lehre, lange bevor das Rauschgift der Gtücksgewinne die Menschen flberkam. So erkläre sich der krasse Unterschied zwischen den beiden Petroleumstädten. Aber wer das schöne, aus den Ruinen neu erstandene Rathaus besichtigt, das den Drohobyczer Hauptplatz tat* sächlich «schmückt», wer die Amtsstube der Judengemeinde besucht, ihre Organisation, Armenpflege, Waisenfürsorge kennenlernt, der weiß, daß es zunächst an dem jüdischen Manne liegt, an seiner Begabung und Verantwortung, an Zu Einsteins Berufung nach Amerika Ein Briefwechsel Einsteins mit dem preußischen Knltnsmlnlsterlum — «Spende Prof. Einstein» Blättermekhmgen zufolge sollte Prof. Albert E'mstesn einem Ruf als Leiter des Instituts für Mathematik und theoretische Physik rn Princetown (New Jersey) folgen. Wie nun der amtliche Preußische Pressedienst mitteilt, handelt es sich um folgendes: Das neugeschaffene Flexner-Institut in Princetown hat Einstein eingeladen, regelmäßig einige Monate im Jahr dort zu arbeiten. Einstein wind, wie wir bereits mitteilten, diesem Rufe folgen, ohne jedoch seinen dauernden Wohnsitz in Deutschland und seine Professur an der preußischen Akademie der Wissenschaften aufzugeben. Wie noch erinnerlich sein dürfte, ist die Stiftung m Pnincetown vor zwei Jahren von den jüdischen Warenhausbesitzern Louis Bamberger und Frau Felix Fu 1 d mit 5 Millionen Dollar begründet worden. Das Institut soll keine Lchnstätte sein, sondern — ähnlich wie das Berliner Kaiser-Wilhelm- Institut — der reinen Forschung dienen. Ein bisher unbekannt gebliebener Briefwechsel Professor Albert Einsteins mit dem preußischen Kultusministerium klärt das Verhältnis des berühmten Gelehrten zu Deutschland und der Universität Berlin. Als Einstein sich entschloß, die lebenslängliche Berufung an das neue Institut in Princetown im Staate New Jersey anzunehmen, richtete er an das preußische Kultusministerium einen Brief, in dem er seine künftigen Beziehungen zur Universität Berlin festlegt. Die Berufung nach Princetown, so schrieb er, setze voraus, daß er künftighin fünf Monate im Jahre in Amerika zubringen müsse. Für einen weiteren Monat sei er durch eine Vertragsverpflichtung für eine Reihe von Jahren an England gebunden. Er werde also nur noch das halbe Jahr in Deutschland zubringen können. Unter diesen Umständen wisse er nicht, ob die Universität Berlin auf seine notgedrungen verringerte Lehrtätigkeit noch den gleichen Wert lege, insbesondere, ob die mit seinem Professoren-Gehalt verbundene finanzielle Belastung für den preußischen Staat noch länger tragbar sei. Er stelle es daher dem Kultusministerium anheim, ob es die von ihm inne gehabte Lehrkanzel anderweitig besetzen und sein Gehalf als Professor streichen wolle. «Franz-Josefo-Bitterwasse vermindert Blutandrang nach dem Gehirn. Canaan Trasteesiilp Co.. Jerusalem niDßvwBK man war* ÖWI’ ■ 1Ä M a m ft Informationen, Ideen, Vorschläge, Pläne, 11 Q ■ V ■ Programme, Kostenvoranschläge, hoCAPflt die Gründung, Abwicklung, Leitung und BVivlvl Ueberwachung von Unternehmungen oder Geschäften in Erez Israel. Vertreter für Oesterreich: Ludwig Gatmann, Wien, L Fleischmarkt 22, tL UL 56. Mündliche Besprechung nach vorheriger schriftlicher oder telephonischer (R-25-7-79) Vereinbarung. der Persönlichkeit, die führt, eint, erzieht, schafft. Auch hier die große polnische Judennot. Doch der äußere Habitus der jüdischen Gemeinschaft und ihre innere Verfassung ist ein Hort und ein Beispiel für das ganze Land. Stanislauer Jugend Vielleicht ein Zufall: Aber ich habe nirgends im Lande so schöne, frische jüdische Jugend gesehen wie in Stanislau. So weit es nur anging, trachtete ich täglich zur Zeit der Vormittagspause am jüdischen Schulgebäude vorüberzukommen, um von der Straße aus durch den Gartenzaun die Kinder zu sehen und die Halbwüchsigen. Es waren herrliche Junitage und wie das Wunder der Baumblüte im verwahrlosten, ruinenhaften Boryslaw, wirkte diese Pracht der Heranwachsenden Generation, die sich mitten im traurigsten wirtschaftlichen Elend entfaltet. Die frohe, lebensvolle Promenade der Mädchen und Jünglinge am Sabbat draußen im städtischen Park, allabendlich der Korso im Zentrum, der Anblick der jungen Menschen in den Versammlungen — tatsächlich eine Augenweide. Die Krüppelparade vor dem Haus der jüdischen Gemeinde, dieser Aufzug der Bettler und Petenten, die wachsbleichen, in sich zusammengesunkenen Gestalten von der Straßenbörse — und diese kernige, rassige Jugend: Zwei Welten, ich habe auch nirgends so zahlreiche direkte Beziehungen zu Palästina gefunden wie bei den Stanislauern. In ao viele Stuben ich auch eintrat, fast keine Familie, die nicht Kinder oder weitere Angehörige im Emek, in der Orangenzone, in den palästinensischen Städten hätte. «Na muchil» singt der Jude mit der Krücke, der in den Gassen Fliegenpapier feitbietet. Des Morgens beim Erwachen höre ich täglich den Gesang des Hausierers, rauh, trocken, in absteigenden Terzen: «Na muchi, na muchi, na muchi». — Kein freundlicher Morgengruß, wenn die Oedanken bei dieser jüdischen Jugend weilten. Wohin mit ihr? Hier wird sie niedersinken und kleben bleiben und verkommen. Schreckliche Litanei da draußen am Pflaster, teuflisch skandiert vom klappernden Stelzfuß: «Na muchi». Nur noch bei den jüdischen Bauern in der Marmaros, diesen Erdgewachsenen, die für ihre überzähligen Söhne kein Stückchen Feld haben und die schwerste Tragödie durchstehen, welche Bauern treffen kann, daß nämlich ihre Nachkommen vom Felde weg als Schnorrer durch SroBfiaiscMiauarni SIEGM. KORNMEHL Zantrala >X, Bargta»»« 1», r«i. A I/-3-VK a. AIM4* Lieferant *llv Heilanstalten Abtoiluno«nlün^*FI«iieh untei Aufsicht des EhrwUrdlgei* rfaobiaats dar laraa* litlscnen Ku'tusgemeinde Wien autosusicituno «ooanio» IX, Bertgasse u XVlIi. WIhringeretreße 19 Auf diesen Brief erhielt Einstein eine außerordentlich ehrenvolle Antwort des preußischen Kultusministeriums. Darin wird versichert, daß man sich des hohen Wertes der Berliner Tätigkeit Einsteins voll bewußt sei und nicht daran denke, in der Besetzung seiner Lehrkanzel eine Aenderung eintreten zu lassen; wenn Einstein auf sein Gehalt als Professor ganz oder teilweise verzichten wolle, so möchte doch der preußische Staat diesen Betrag nicht ersparen; Professor Einstein möge in diesem Falle nur mitteilen, welchen Zwecken er die ihm zustehenden Beträge widmen wolle. Sie würden dann als «Spende Professor Einstein» den gewünschten Bestimmungen zugeführt werden. * Gegenüber groben Angriffen, die gegen Professor Einstein seitens des «Berliner Lokal-Anzeiger» und anderer rechtsstehender, sowie antisemitischer Blätter im Zusammenhang mit seiner Berufung nach Princetown gerichtet worden waren, stellt nun die fortschrittliche Presse fest, daß Einstein gar nicht daran dachte, Berlin und Deutschland zu verlassen, sondern im Gegenteil sich bereit erklärt hat, der Berliner Walftr Scott und Rebecca Grati Enthüllung eines Reliefs von Rebecca Gratz in ClevClatvl New York. Aus Anlaß des 100. Geburtstages des großen englischen Romanciers Sir Walter Scott wurde im Hebrew CuTtural Gardens zu Cleveland ein Bronzerelief von Rebecca Gratz, die Walter Scott als Vorbild für die Gestalt der Rebecca in seinem berühmten Roman «Ivanboe» diente, enthüllt. Washington Irving schilderte im Jahre 1817 Leben und Arbeit von Rebecca Gratz auf dem Gebiete der Philanthropie der jüdischen Erziehung und der Literatur. Als er später Walter Scott besuchte, zeichnete er vor ihm nochmal« das Bild der Philanthropin Rebecca Gratz, ihre Wirksamkeit als Gründerin und Leiterin charitativer Institutionen und ihre Hingabe an den iüdischen Glauben. Nach Erscheinen von «Ivanhoe» 1819 schrieb Walter Scott an Irving: «Wie gefällt Dir di« Gestalt der Rebecca? Stimmt meine Schilderung mit dem Vorbild überein?» Bestrenommierte Küche im neueröffneten Gassenlokal lest«! Killet Hammer rurgmaiigiue 3. lei. a 48-e-iz Transylvanien ziehen müssen, nur in den übervölkerten jüdischen Bauerndörfern bei Marmaros Szigeth, wo immer wieder das verzweifelte Verlangen laut wird, man möge doch diese beim Pflug Geborenen zunächst und sofort nach Palästina bringen, habe ich so bitter wie in Stanislau empfunden, was das langsame, das «gedrosselte» Einwanderungstempo bedeutet. Leon Reich Sie können noch immer nicht fassen, daß er nicht mehr ist, sie hängen noch immer an seinem Munde, sie wissen es wahrscheinlich selbst nicht, daß sie drei Jahre nach seinem Tode noch fassungslos sind, daß sie gleichsam noch immer Schiweh sitzen, die ostgalizischen Juden, seitdem sie Dr. Leon Reich verloren haben. Sein Bild hängt überall, sein Name ist in aller Munde, wird man intimer, ist ein anderes Gespräch als von ihm, über ihn gar nicht möglich. Hier, von diesem Stanislauer Balkon, hat er zu den Massen gesprochen, die nach dem Meeting beisammen blieben, ihm nachzogen, ihn nochmal» hören wollten. Hier an diesem Punkt von Drohobycz hat man ihn feierlich eingeholt. Und wie alles nach Lemberg eilte, als die entsetzliche Nachricht kam. Und wie alle aus den Häusern strömten. Und wie die jüdische Gasse weinte. Oh, jetzt wissen wir es, daß er für sie ein Hort wef und eine Säule, daß er ihnen in die Augen sah, seinen ostgalizischen Juden, wie vielleicht noch keiner, seit der natio* nalen Erweckung des Volkes, daß er sie mit seiner Rede an sich zog, wie keiner, daß sie sich ihm anvertrauten, wie noch keinem — jetzt wissen wir es alle. Solange er lebte, haben wir Landfremden es nicht g9» wußt, wir haben ihn als fähigen, aufopfernden Mann geschätzt, aber nicht erkannt. — Oder haben sie es seihst nicht gewußt? Geht das klagende Lied vom toten Leon Reich so hoch, weil sie erst jetzt fühlen, was sie einst besessen haben? Ist es Strafgericht, daß sie ihn in der schwersten Zeit entbehren müssen? Sie mögen das Angedenken des tätigen Mannes, der — oh, das wissen wir erst Jetzt — ein Statthalter Theodor Herzls war, nicht mit unfruchtbarer Klage verletzen, si» mögen sich aufraffen und sammeln, die Zionisten Ostgaü* ziens. Man wird ihn nicht aus der Erde holen. Seine Seali sei eingebunden in den Bund des Leben«.

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