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Die Stimme · 1932-11-04 · Heft 252 (4.11.1932) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
5 (1932)
Issue
Heft 252 (4.11.1932)
Date
1932-11-04
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 252 — 4. November 1932 DIE STIMME Seite 5 konsequent geblieben. Im Wahlreformausschuß, dessen Arbeiten von dem der Union angehörigen Obmann nach Kräften sabotiert wurde, ergab sich bei der Abstimmung Uber den zionistischen Antrag, das aktive Wahlrecht allen Gemeindemitgliedern ohne Unterschied des Geschlechtes und ohne Rücksicht auf die Steuerleistung zuzuerkennen, folgendes Stimmenverhältnis: Für den Antrag stimmten vier Kommissionsmitglieder, dagegen drei. Der Obmann des Klubs der unionistischen Kultusvorsteher, gleichzeitig auch Obmann des Wahlreformausschusses, entschied mit seiner nach dem Statut doppelt zu zählenden Stimme für die Ablehnung des Antrages. In gleicher Weise wurden die Anträge der Zionisten, den Rabbinern, Religionslehrern, Beamten der Kultusgemeinde und Bethausvereine das passive Wahlrecht zuzubilligen, von der unionistischen Mehrheit niedergestimmt. Jeder Erweiterung des Wahlrechtes wurde von ihnen opponiert und einer von ihnen verstieg sich sogar dahin, mit aller Entschiedenheit die Forderung zu vertreten, daß, wenn das Wahlrecht überhaupt erweitert werden sollte, eine Differenzierung zwischen inländischen und ausländischen Staatsbürgern in Ansehung der aktiven Wahlberechtigung einzutreten habe, d. hM daß den nicht nach Oesterreich zuständigen Oemeindemitgliedern, auch wenn sie Steuer zahlen, das ihnen bisher gebührende Wahlrecht wiederum entzogen werden soll. Als bei der letzten Plenarsitzung der Sprecher der Zionisten sich dafür einsetzte, daß bei der Verabschiedung der Teilreform der Wahlordnung, auf die sich nunmehr die Unionisten zum Beweise ihrer demokratischen Gesinnung berufen, die zweijährige, praktisch dreijährige Seßhaftigkeit wenigstens um ein Jahr herabgesetzt werde, ließ die Union unter der Androhung, ansonsten die vom Wahlreformausschuß beschlossene Teilreform nicht durchzulassen, die von den Zionisten angeregte Milderung des bestehenden Wahlunrechtes nicht zu und der Obmann des Unionklubs erklärte dezidiert, «mit dem gegenwärtigen Wahlrecht stehen undfallen wir». Und so weiß man nicht, ob die Union heute noch steht oder schon gefallen ist. Das sind die Bundes- und Koalitionsgenossen der jüdischen Sozialdemokraten. Das sind die Demokraten, deren Versprechungen den werktätigen Juden, den unablässigen Kämpfern für das allgemeine Wahlrecht, genügende Unterlagen für ein Wahlbündnis sind. Wohl noch niemals haben Sozialdemokraten an ihren Grundsätzen so schnöden Verrat geübt, wie in diesem Falle. Daß ln dem Programm der Vereinigten Demokraten nach dem bekannten Worte «wer vieles bringt, wird jedem etwas bringen» den konservativen Kreisen liebevolle Pflege des Kultus, den Bethausvereinen Förderung, den Amtsleitern der Kultusgemeinde erweiterte Selbständigkeit, den kleinen Angestellten höhere Gehälter, den Steuerträgern Sparsamkeit und mäßige Steuern, dem jüdischen Mittelstand tatkräftige Unterstützung, den jüdischen Sportvereinen größere als die bisher von der Union verhinderten Subventionen versprochen werden, ist wohl selbstverständlich. Was unter dem zugesagten «zeitgemäßen Religionsunterricht» zu verstehen ist, kann man sich ungefähr vorstellen, wenn man weiß, daß der von der Union verhätschelte Dr. Redisch, der für das liberalfortschrittliche Judentum begeistert ist, an der Spitze des Schulwesens der Gemeinde steht. Es ist Immerhin bemerkenswert, daß das Programm der Union vor vier Jahren «die Pflege des jüdischen Religionsunterrichtes» als eine der Hauptaufgaben der Gemeinde bezeichnet hat und daß sich seither «der jüdische Religionsunterricht» in einen «zeitgemäßen Religionsunterricht» gewandelt hat. Wenn man mit Sozialdemokraten zusammengeht, dann muß man eben auch dem «Zeitgeist» ein Opfer bringen. Im Jahre 1928 versprach noch die Union, «ihr Hauptaugenmerk der sittlich-r e 1 i g i ö s e n Erziehung unserer Jugend zu widmen». Auch dieser Programmpunkt fehlt im neuen Programm. Sozialdemokraten und religiöse Erziehung! Was würde da der Glöckel sagen? So blamieren kann man doch die Sozi nicht. Wohl am interessantesten ist aber, daß das Wahlprogramm der Nichtnationalen von dem Aufbauwerk ln Palästina überhaupt nicht Notiz nimmt. Hieß es in dem früheren Wahlprogramm der Union: «Die Kultusgemeinde soll alle Bestrebungen nach Möglichkeit fördern, um ln Palästina, dem Lande unserer Väter, für alle jene Glaubensgenossen, die ln Ihren Heimatländern nicht bleiben können oder wollen, eine neue Heimat zu schaffen,» Und verkündeten die Werktätigen in ihrem Programm: «Die tatkräftige moralische und materielle Unterstützung der Institutionen der jüdischen Arbeiterschaft Palästinas durch die Kultusgemeinde soll von unseren Vertretern gefördert werden», so haben sich diesmal die vereinigten jüdischen Demokraten einträchtig die Sache überlegt. Mag Palästina der Stolz unserer jüdischen Generation sein, mögen dort jüdische Arbeiter in heldenmütigem Kampfe schwerste Pionierarbeit für das jüdische Volk verrichten, mag das Land unserer Väter, die Sehnsucht unserer Gebete und die Hoffnung tausender und aber tausender verfolgter Juden sein, mit dem Aufbauwerk wollen die neuesten jüdischen Demokraten von der Union ebensowenig zu schaffen haben, wie die jüdischen Sozialdemokraten mit ihren palästinensischen jüdischen Klassengenossen. Abgebrochen müssen die Brücken werden, die von dem großen jüdischen Wiener Zentrum hinüberführen zum Allweltjudentum und zum Lande der Väter. Zerrissen müssen die Fäden werden zwischen der Wiener Gemeinde und der übrigen Judenheit. Zerrtssen der Zusammenhang auch nur mit den anderen jüdischen Gemeinden Oesterreichs. Denn auch die Forderungen nach Schaffung eines jüdischen Gemeindebundes in Oesterreich haben die Werktätigen aus ihrem Programm g estrichen. Isoliert soll sie bleiben, die altehrwürdige jüdische Gemeinde in Wien, vereinsamt, damit sie leichter ein Spielball wird für die Aspirationen einzelner Ehrgeizlinge und ihrer unsichtbaren Drahtzieher. Juden Wiens! Seid gewarnt, gebt am 4. Dezember der bürgerlich-sozialistischen konservativliberalen, nichtnaHonalen demokratischen, in allen Farben schillernden Koalition, die nur eines zusammenhält, der Haß gegen das aufstrebende, junge und bewußte Judentum, die ihr gebührende Antwort! „Wählet die Zionistische Liste“ Fünfzehn Jahre BalfourDeklaration Lord Balfour der Zionist Von Dr. Jakob Rosenfhal. Am 2. November jährte sich zum fünfzehntenmal der Tag, an dem die Balfour-Deklaiairon erlassen wurde. Ueber Kanonendonner, Stacheldrahtverhaue und Schützengräben drang diese Nachricht in jenen Kriegstagen bis in die kleinsten Judenghetti von Ost und West. Ein unbeschreiblicher Jubel ergriff damals die ganze jüdische Welt; die Morgenröte der Erfüllung uralten Traumes, von Generationen seit Jahrtausenden geträumt und ersehnt, kündigte sich mit dieser Botschaft an. «Ministerium des Aeußeren am 2. November 1917. Lieber Lord Rothschild! Es bereitet mir große Genugtuung, Ihnen namens der Regierung S. M. folgende Sympathieerklärung mit den jüdisch-zionistischen Bestrebungen zu übermitteln, die dem Kabinett unterbreitet und von ihm gebilligt worden ist „Seine Majestät Regierung betrachtet mit Wohlwollen die Schaffung einer nationalen Heimstätte in Palästina für das jüdische Volk und wird die größten Anstrengungen machen, um die Erreichung dieses Zieles zu erleichtern, wobei klar verstanden werde, daß nichts geschehen soll, was die bürgerlichen und religiösen Rechte bestehender nichtjüdischer Gemeinschaften in Palästina oder die Rechte und die politische Stellung der Juden in irgendeinem anderen Lande beeinträchtigen könnte.” Ich bitte Sie, diese Erklärung zur Kenntnis der Zionistischen Föderation zu bringen. Ihr aufrichtiger gez. Arthur James Balfour.» Das ist der Wortlaut der von der englischen Koalitionsregierung akzeptierten, den Namen ihres Schöpfers tragenden Balfour-Deklaration, die am 2. N o v e m b e r 1917 erlassen wurde. Das ist der Charter des Zionismus. Das, was Theodor He r z 1 erträumt, was Max N o r d a u 20 Jahre vorher, 1897, gleich am ersten Zionistenkongreß in Basel in die präzise Form jenes berühmten «Baseler Programm» brachte: «Der Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina», wurde hier seinem Sinne, Geiste und Wortlaute nach erfüllt. Diese Deklaration aber ist nicht nur äußerlich an den Namen ihres Schöpfers gebunden. Die britische Regierungserklärung vom 2. November 1917, die die politische Basis der jüdischen Heimstätten in Palästina bildet, war, trotz der großen Sympathie mit den zionistischen Bestrebungen, auch seitens der anderen Regierungsmitglieder, wie vor allem Lloyd George, dennoch ausschließlich Balfours persönliches Werk. Wie denn überhaupt das Lebenswerk dieses Staatsmannes eigentlich durch seine Verknüpfung mit dieser historischen Tat wahrhaft gekrönt wurde. Denn was immer auch Balfour, als Staatsmann, Philosoph für sein Vaterland England bedeutet hat, Unsterblichkeit hat er wohl erst durch diese Tat erlangt. Wenn der Ruhm seines Wirkens für England längst verblaßt sein wird, wird sein Name in der Geschichte des jüdischen Volkes, mit ehernen Lettern eingeprägt, noch weithin leuchten. Und als Lord Balfour vor zwei Jahren an einem trüben Märztage, 82jährig starb, trauerte das ganze jüdische Volk um ihn. In der ganzen jüdischen Welt beklagte man mit Schmerz den Hingang dieses Mannes, der durch eine wahrhaft historische Fügung dazu berufen ward, dem jüdischen Volke das Tor in seine Urheimat Palästina politisch zu öffnen. Balfour hat im jüdischen Volke eine Popularität erlangt, wie kaum je ein nichtjüdischer Staatsmann vor ihm. Er wurde mit C y r u s, dem Perserkönig, verglichen, der einst den Juden das Dekret zur Rückkehr nach Palästina aus der babylonischen Gefangenschaft erteilt hatte. Lord Balfour war ein typischer Vertreter jener nicht-jüdischen Staatsmänner, die von der Idee beseelt waren, daß die christliche Welt die Verpflichtung habe, das seit Jahrhunderten an den Juden verübte Unrecht auf irgend eine Weise gutzumachen. Balfour selbst hat das am deutlichsten in folgenden Worten ausgedrückt: «Die Rückgabe Palästinas an die Juden ist kein Akt von Opportunismus, sondern die Tilgung einer weltgeschichtlichen Schuld.» «Die christliche Zivilisation» — äußerte sich einmal Balfour Professor Weizmann gegenüber — «ist verpflichtet, den Juden eine Schuld zurückzuzahlen, die jetzt zurückgezahlt werden kann. Unsere Religion, unsere Lehre, unsere Philosophie — in all das habt Ihr eure Werte hereingebracht, und was für große Werte!» * Bereits im Jahre 1903 schlug die englische Regierung dem Zionistenkongreß vor, in Britisch- Ostafrika (Uganda) eine autonome, jüdische Kolonie zu errichten. Lord Balfour unterstützte den Initiator des Uganda-Projektes, den damaligen Kolonialminister Joseph Chamberlai n. Dieses Angebot wurde bekanntlich vom 7. Zionistenkongreß abgelehnt. Interessanterweise war gerade der heftigste Gegner des englischen Anerbietens, dieses «Nachtasyb-Planes, wie es Max Nord au nannte, jener junge Dozent aus Manchester, der an der dortigen Universität Biochemie las, Dr. Weizmann, dazu ausersehen, Balfour in die Gedankenwelt des Zionismus einzuführen. Und in seiner Einleitung zur «H i story of Z i o n i s m» von Nahum S o k o 1 o w schreibt Balfour über das Uganda-Projekt: «Der Plan war sicherlich gut gemeint und hatte große Vorzüge. Aber er hatte einen großen Fehler: es war eben kein Zionismus.» Er fragte einmal im Anfang ihrer Bekanntschaft Dr. Weizmann, warum er so hartnäckig an der Idee der Wiedergewinnung gerade Palästinas festhalte, das doch seit Jahrhunderten wüst und verlassen daliege. Dr. Weizmann erzählt darüber: «Ich versuchte, ihm die Gründe darzulegen, aber es schien mir, daß meine Argumente ihn nicht überzeugten, und sagte schließlich: ,Angenommen, man gäbe Ihnen Paris statt London, würden Sie es annehmen?’ Er richtete seine großen, klugen Augen auf mich und entgegnete: .Wozu denn, wir haben doch London.' Meine Antwort war: ,Mr. Balfour, wir hatten Jerusalem, als an der Stelle, wo heute London ist, noch Sümpfe waren/ Darauf erwiderte er: ,Gibt es viele, die so denken wie Sie?’ Ich sagte, ich wisse nicht, ob es viele gibt, die so denken wie ich, aber man könnte die Straßen pflastern mit Menschen, die so f ü h 11 e n wie ich. Da schloß er: .Dann seid ihr eine große Macht.’» * Mit der Erteilung der Deklaration sah Lord Balfour seine Aufgabe nicht erschöpft. Im Gegenteil. Nun erst recht galt seine große tatkräftige Liebe dem zionistischen Werke. Er hatte die große sittliche, ernste Kraft des zionistischen Wollens erfaßt und von dem Augenblick an auch seine große Persönlichkeit in den Dienst der zionistischen Bewegung gestellt. Seine große Verbundenheit mit der Idee der jüdischen Renaissance kam in rührendster Weise in seiner letzten Reise nach Palästina im Frühjahr 1925 zum Ausdruck, die er als achtundsiebzigjähriger Greis unternahm, um die Hebräische Universität am Skopusberge zu eröffnen. In der Ursprache des jüdischen Volkes, Hebräisch, leitete er seine Eröffnungsrede ein. Hier konnte er mit eigenen Augen das blühende Aufgehert der Saat, die mit seiner Hilfe gesät, wahrnehmen, I ,

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