Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 252 (4.11.1932)
- Date
- 1932-11-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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«jiie 4 Dtt STIMME \ v .. iNuvember 1932 unseren Abgesandten in der Welt draußen, in allen Landern und auf allen Meeren, bis zu den Enden der Welt, allen unseren Ausschüssen, .Mitarbeitern und Helfern, vom obersten Leiter bis zum un-oekannten Soldaten in der Arbeit für den Keren Hajessod. Sie haben die schwerste Arbeit an der Front unserer Bewegung auf sich genommen. Wir haben keine Mitarbeiter, die nur für Sold dienen. Das Arbeiten und Erobern ist unmöglich, wenn nicht Begeisterung und Pionier g eist im Herzen lebt. Sie alle haben Anteil an unseren Wünschen. Die «Nichtnationale Liste der Jüdisch-demokratischen Arbeitsgemeinschaft» — «Union österreichischer Juden'», «Vereinigung werktätiger Juden» — hat ihren Wahlaufruf an die Juden Wiens erlassen. Wer sich die Mühe nimmt, diese breitspurige und wohltönende Proklamation ihres Phrasenschwalls zu entkleiden, erkennt nur allzuleicht, daß sich dahinter nichts anderes verbirgt, als die schlotternde Angst der Union um ihre Mandate und das Bestreben der Werktätigen, nicht als Sozialdemokraten erkannt zu werden. Obgleich die Werktätigen und die Union renommieren, daß sie die größten jüdischen Vereinigungen Wiens sind und durch diese Großsprecherei das gegenseitige Anlehnungsbedürfnis nicht gerade verständlicher wird, haben sie ■s dennoch, vorsichtig, wie sie nun einmal sind, vorgezogen, lieber ihre Kräfte im Wahlkampf nicht zu messen, sondern in einer «jüdisch-demokratischen Arbeitsgemeinschaft» unterzukriechen. So werden die Wiener Juden das amüsante Schauspiel erleben, «die Starken», nicht wie das Dichterwort sagt, «am mächtigsten allein», sondern lieber vorsichtig zu zweit, als bunt zusammengewürfelten Haufen von Bankleuten, Hausherren, Arbeitersekretären, Ka listen, Sozialisten, Orthodoxen, Konservativen, Liberalen und Freidenkern unter der erborgten falschen Fahne jüdischer ’mokratie in den Streit ziehen zu sehen, um in dem «ihnen von ihren Gegner aufgenötigten Wahlkampf» die altehrwürdige Wiener jüdische Gemeinde und darüber hinaus die gesamte Judenschaft Oesterreichs vor der hereinbrechenden zionistischen Gefahr zu schützen. Vergessen ist alles, was früher war, alles Trennende ist gewichen. In den Armen liegen sich beide und das Erstaunen, das darob die Zuseher ergreift, wird sofort gemildert, wenn sie von Dr. Ornstein erfahren, «daß die Union ihr Wahlbündnis nicht mit den Sozialdemokraten, sondern mit den Werktätigen abgeschlossen hat», und daß unter «Werktätigen» jene ausgezeichneten und bewährten jüdischen Vertreter der arbeitenden Klassen zu verstehen sind, «die schon bisher bei Abstimmungen immer auf Seite der Union zu finden waren», jene bewußten Vertreter marxistischer Grundsätze, «die außerhalb, aber nur außerhalb des Vorstandes, ihre politische sozialdemokratische Gesinnung betätigen». Bravo, Dr. Ornstein 1 Besser konnten Ihre marxistischen Kampfgenossen nicht charakterisiert werden! Sie kennen Ihre Pappenheimer! «Werktätige Juden», das sind nach dem Ausspruch ihres verstorbenen Gesinnungsgenossen Hofrat Ing. Dr. Josef Löwy (wohl zu unterscheiden von Ihrem gegenwärtigen Chawer, dem werktätigen Dr. Löwy) «die jüdischen Handlanger einer nicht-jüdischen Partei, der österreichischen Sozialdemokratie», oder, wie sich die «Arbeiter-Zeitung» vom 1. November g'schamig ausdrückt, «die jüdische Vereinigung, die bei politischen Wahlen für die Sozialdemokratie Propaganda macht» und für die (Grüß mich nicht unter den Linden!) niemand das Recht hat — so schreibt die «Arbeiter-Zeitung» — in dem Wahlkampf für die Kultusgemeinde im Namen der sozialdemokratischen Partei zu sprechen und im Namen der Partei für ihre Liste zu werben.» Die «Werktätigen», das sind jene jüdischen Schlepper der österreichischen Sozialdemokratie, die, wenn sie ihre Mandate im Kultusvorstand durch grobe Täuschung und Irreführung der Wählerschaft ergattert haben, ihr Programm in die Tasche stecken und «im Gegensatz zu stark gehegten Befürchtungen», sich als lammsfromme Mandatare erwiesen haben, die bei allen Entscheidungen mit der von ihnen im Wahlkampf als reaktionär verschrienen Union durch Dick und Dünn gehen. Es ist nur schade, daß die Union erst nach achtjährigem Zusammensein das wahre Wesen ihrer werktätigen Brüder erkannt hat, daß sie so kurzsichtig war, nicht schon nach den ersten vier Jahren freundschaftlicher Nachbarschaft im Kultusvorstand die Vorzüge dieser ausgezeichneten Volksvertreter wahrzunehmen. Die Union hätte sich bei richtiger früherer Erkenntnis bei den Kultuswahlen vor vier Jahren viel an Papier und an Emotionen ersparen können. Aber damals — Ihre Hände haben da* Werk ueiie^t, und hi ihre Hände legen w'r diesen Grundstein. Nicht ein Fest dts Abschlusses leiere man heute, sunoeru ein Fest des A n f a n g e s und der Erneuerung. Groß sind mach die Möglichkeiten zur Sammlung nationalen Kapitals in der Galuth. Das jüdische Volk hat jetzt das neue K r t z Israel entdeckt. Es sieht das Wunder, das im Lande geschaffen wurde, es sieht diese einzige jüdische Stelle in der Welt, in der o-1 Schaffensfreude und Schaffenswehen gibt.-5wie konnte es nur geschehen— waren die Werktätigen noch eine politische Partei, die die Herrschaft in der Kultusstube erobern und die österreichischen Juden insgesamt Ins sozialdemokratische Lager führen wollte. Damals hatten sie uns Juden schon genug dadurch geschädigt, daß man mit mehr oder weniger Recht behauptet, daß die Sozialdemokratie von jüdischen Köpfen ersonnen und geführt wird, damals mußte es noch vermieden werden, daß durch eine von sozialistisch eingestellten Juden, von den sogenannten «werktätigen» Juden geführte Kultusgemeinde diesen Behauptungen und schädigenden Vorwurf noch weiterer Vorschub geleistet wird, damals war es noch Pflicht der Juden, die an das Wohl ihrer Kinder denken, jedes Juden, der nicht eine Schädigung seiner Glaubensbrüder herbeiführen will, gegen die werktätigen Juden zu stimmen, damals war es noch beschämend und empörend, daß die Werktätigen auf den Plan traten, um die Wiener Kultusgemeinde zu mißbrauchen und in den Dienst ihrer politischen Bestrebungen zu stellen, damals war es noch ein Irrwahn dieser «werktätigen» sozialdemokratischen Juden, die unseren konfessionellen Gegnern nur Schrittmacherdienste leisten, wenn sie nicht begreifen, daß sie den Argwohn selbst unserer loyalen christlichen Mitbürger erregen müssen, daß sie allen Juden, ob glaubenstreu oder religiös indifferent, schweren moralischen und wirtschaftlichen Schaden zufügen. Die Zeiten ändern sich und wir ändern uns.in ihnen, sagte ein lateinisches Sprichwort. Und so sind die Werktätigen aus jüdischen Sozialdemokraten nichtnationale jüdische Demokraten geworden, die, wie ihnen Dr. Ornstein attestiert, ihre politische sozialdemokratische Gesinnung, wenn sie einmal gewählt sind, zu Hause lassen, und die biederen treuherzigen Unionisten haben aufgehört die seligen, alten Manchester-Liberalen zu sein, die nach Moder riechen. Gespenster aus glücklich verschwundener Zeit, die noch nach ihrem politischen Tode keine Ruhe finden können, sie sind nicht mehr die Vertreter der Plutokratie in der Seitenstettengasse, nicht mehr die Feinde der Demokratie im Judentum. Nein! Neinl Alles das ist nicht mehr wahr! Demokraten sind sie, jüdische Demokraten, keine Sozialdemokraten, keine Reaktionäre, Brüder, die sich Hand in Hand, Euch, jüdischen Wählern, vorstellen. Hereinspaziert, jüdische Wähler! Was Sie hier sehen, haben Sie noch niemals gesehen! Neuester Schlager! Noch nie dagewesene Sensation! Lustspielpremiere «Die beiden Brüder», erstmaliges, gemeinsames Auftreten des Herrn Richard Bettelheim vom Hause Rothschild und des Sekretärs Leo Rath, ehemaligen Kommunisten und nunmehrigen Sozialdemokraten! Den Vorhang auf! Klatscht Beifall, Wählerl Die Komödie beginnt! Doch vorher noch ein Blick hinter die Kulissen. Kaum war der erste Taumel beseligender Freude darüber, daß sie sich gefunden haben, vorüber, da stellten sich auch schon die Sorgen ein: Wie sage ich es meinen Wählern? Es war nicht leicht, aber wo ein Wille ist, ist auch ein Ausweg. Zuerst das alte Firmenschild «Vereinigte Parteien zum Zwecke der Ausschaltung jeder Politik aus der Kultusstube» herunter, weg damit! Wenn Sozialdemokraten dabei sind, dann muß die Demokratie herhalten und wenn «Demokratie» allein heute nicht mehr zieht, heraus mit dem alten Wahlschlager «Nicht national». Wenn die Wählerschaft bisher noch nicht daraufgekommen ist, was wir sind, so soll sie wenigstens wissen, was wir nicht sind, und so kam, nicht zuletzt zur Freude der Buchdrucker, die für den ellenlangen Titel einen höheren Tarif zu fordern Vorhaben, die neue Firma zustande. Dann aber kamen erst recht die Schwierigkeiten. Ein Programm, das Rothschild nicht verärgert und Danneberg bei den christlichen Genossen nicht diskreditiert. Aber wozu hat man Sekretäre, die schon Programme für alle Parteien geschrieben haben, für bürgerliche Mittelparteien, für Demokraten, für die Union, für die Kommunisten, für Sozialdemokraten! Und so setzten sie sich zusammen, die Schriftkundigen „SHAAR" Co. Ltd. Für Erti'il’.im' v<>n li'.inrmatinnen uml für i ransaktionen in: Orangerien, Böden, Häusern, Bauparzellen, Industrie und Hypotheken Unsere europäisch-amerikanische Methode, die Objekte genau zu prüfen und auf ihren Wert einzuschätzen, ermöglicht uns, die richtige Auswahl zu treffen und solche Objekte zu offerieren, deren Wert- Steigerung gesichert erscheint. Wenden Sie sich an uns persönlich oder brieflich lind wk werden Ihnen Entsprechendes offerieren. TIL-AVIV. Ratsmiltf Blvtf. 11. Palcstfne P. 0. B. 484 aus beiden Lagern, und schrieben sich ihre Finger wund über Tradition, über ethisch-religiöse Grundsätze, Über Gleichberechtigung, über nationalen Chauvinismus, über Einbettung der jüdischen Bevölkerung in ihre Umwelt (Ihnen gesagt!) über Tummelplatz politischer Kämpfe, über neues Ghetto, über Gemeinschaftsbewußtsein, so wie sie es vorfanden geschrieben in den älteren und neueren Jahrgängen der «Wahrheit» und wie es seit ehedem verkündet worden war von Dr. Jakob Ornstein und anderen in den Versammlungen der Union, nur daß sie an jenen Stellen, wo früher gestanden war «die Werktätigen und die Jüdischnationalen» die Worte «Die Werktätigen» ausließen, weil diese sich seither zum Guten bekehrt hatten und eingegangen waren in die friedliche Laube der Union. Weil aber die alten Phrasen über die Gefahren, die den -jüdischen Bürgern aus der jüdischnationalen Politik erwachsen, schon so abgedroschen sind, daß kein vernünftiger Wähler daran glaubt und weil die Juden wissen, daß die gelästerten Jüdischnationalen nicht mindere Rechte, sondern den wirksamen Schutz der jüdischen Minderheit verlangen, daß die Zionisten überall auf der ganzen Welt für jüdisches Recht und jüdische Ehre eintreten, daß sie in Palästina ein bewundernswertes, von den größten Männern aller Völker anerkanntes Kulturwerk geschaffen haben, daß sie in die Herzen der jüdischen Jugend neue Hoffnung und das Gefühl der Anhänglichkeit an unsere Gemeinschaft eingepflanzt haben, daß sie, wo immer sie im öffentlichen Leben stehen, die jüdische Würde verteidigen, so mischten die Programmverfasser unter ihr bombastisches Geschreibsel auch noch ein wenig Niedertracht, indem sie uns Jüdischnationalen unterstellen, daß unser Kampf um die Kultusgemeinde nicht Selbstzweck sei, nicht aus dem tiefen Interesse für die Bedürfnisse der Wiener Judenschaft geboren, sondern daß unsere Gemeindepoütik hauptsächlich die organisatorischen und finanziellen Grundlagen für weitergehende zionistische Pläne schaffen soll. Wir möchten den vereinigten Demokraten dringend raten, sich nicht zu weit vorzuwagen und rechtzeitig «einzu lenken», insbesondere soll aber den Herren Sozialdemokraten Zurückhaltung empfohlen sein. Sie könnten sonst Kapitel aus der Verwaltung ihnen nahestehender Körperschaften und Organisationen zu hören bekommen, die etwas konkreter klingen, als die perfide Pauschalverdächtigung des Aufrufs der nichtnationalen Liste. Solchen Methoden des politischen Kampfes, die bisher im Wiener Judentum nicht gebräuchlich waren, werden wir mit aller Energie entgegenzutreten wissen. Was die Wähler sonst in dem Wahlaufruf der nichtnationalen jüdischen Demokraten, wenn von Polemiken, Redensarten und Verdächtigungen abgesehen wird, vorgesetzt bekommen, ist herzlich wenig. Das eigentliche Programm ist nichtssagend, eine Sammlung von Gemeinplätzen. Schon beim ersten Programmpunkt, der Stellungnahme zur Frage der Reform des Wahlrechtes, ist die Verlegenheit, in der sich die beiden Partner befunden haben, unverkennbar. Die Werktätigen wollen ihren unablässigen Kampf für die Einführung des allgemeinen gleichen und direkten Wahlrechtes mit aller Energie fortsetzen. Die Union verspricht vorsichtsweise nur «für die Demokratisierung des Wahlrechtes auf breitester Grundlage einzutreten,» was allerdings die «Arbeiter-Zeitung» nicht daran hindert, die Sache so darzustellen, wie wenn die nichtnationale Liste der jüdisch demokratischen Arbeitsgemeinschaft, also beide Gruppen, das allgemeine gleiche und direkte Wahlrecht proklamiert hätten. Was die Union unter Demokratisierung des Wahlrechtes versteht, und wie sie die Wählerschaft täuscht, wenn sie in diesem Zusammenhang auf die jüngst vom Kultusvorstand beschlossene Teilreform der Wahlordnung hinweist, soll an einigen Beispielen bewiesen werden. Bei den vorigen Wahlen bezeichnten die Redner der Union die Forderung nach Einführung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechtes als d e m agogisches Schlagwort, welches keinerlei reale Berechtigung besitzt. In ihrem Programm vom Jahre 1928 lehnte die Union die Erweiterung des bestehenden Wahlrechtes, «wie dies von jüdi8chnationaler Seite gefordert wird», ausdrücklich ab. In ihrem Widerstand gegen die Wahlreform ist sie die ganze Zeit hindurch Das Jrogramm'der Union lad der Werktätig«) Juden