Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 251 (27.10.1932)
- Date
- 1932-10-27
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 DIE STIMME Nr. 251 27. Oktober 1932 Netkfli wühlt ln Palästina „Dia Hand Moskau* ln Palästina" Unter der Ueberschnft Die Hand Moskaus in Palästina*« veröffentlicht der bekannte palästinensische Schriftsteller M. Y. Ben-Gavriel in mehreren deutschen Tageszeitungen einen Artikel, in welchem er über die kommunistische Tätigkeit in Palästina ungefähr ausführt: Zwischen die beiden noch immer ziemlich verbindungslos nebeneinanderstehenden Gruppen in der Politik Palästinas, zwischen das arab'scho und das jüdische Lager also, hat sich in der letzten Zeit in verstärktem Maße ein Keil geschoben. E>n Keil, dessen programmatische Punktion es ist, jeden Versuch einer Verbindung zwischen Arabern und Juden zu stören. Diese Gruppe, der es darum zu tun ist, den Kriegszustand zu verewigen, ist die kleine, aber agile Gruppe der bolschewistischen Emissäre — in Palästina nach den Anfangsbuchstaben ihrer, übrigens illegalen, Gruppe «Mopsen-- genannt —. die sich in den letzten Wochen wieder durch erhöhte Tätigkeit bemerkbar macht. Diese Tätigkeit ist geeignet, den Aufbau im Land zu stören. Nach dem vollendeten L>ebakel der bolschewistischen Propaganda unter den Juden kam von Moskau die Weisung, die Bewegung «zu arabisieretr. Die Gelegenheit schien günstig. Der Mufti von Jerusalem und seine radikalnationalen Parteigänger näherten sich Moskau aus Gründen, die mehr oder weniger allen asiatischen Nationalsozialisten eigen sind. Man sprach in diesem Zusammenhang von verschiedenen Bindungen mit Moskau, was aber nicht bewiesen wurde, und die Mopsen führten ihre Propaganda wohl gegen die Zionisten, ein wenig auch gegen England, nicht aber gegen die großen arabischen Feudalherren, welche die Partei des Muftis bilden. Allmählich aber näherte sich der Mufti England und die Bolschewisten mußten sich wieder nmorientieren. Sie wandten nun ihre Anstrengungen vornehmlich den «Massen der arabischen Arbeiter- und Bauernbevölkerung > zu. Handzettel, die bewußt in nationalistisch-arabischer Phraseologie gehalten sind, rufen die Fellachen und die Beduinen auf, des Jahres 1929 — das Juden und Arabern ein paar hundert Tote gekostet hatte — zu gedenken. Diese Gewaltagitation richtet sich in erster Linie gegen den jüdischen Arbeiter, der das Land aufbaut. Sie scheuen sich nicht, zu l.’eberfällen aufzurufen, und schreiben: «Ueberfällt jüdischen Boden, besetzt ihn und schneidet die reiche Ernte ab! - In den allerletzten Tagen nun wurde ein neuer Befehl aus Moskau entdeckt, der ganz klare und nicht mißzuverstehende Anweisungen für den Kampf gegen den jüdischen Aufbau des Landes gibt. So heißt es besonders, daß es nun Zeit ist, «eine agressive Front mit den arabischen Arbeitern gegen den jüdischen Arbeiter zu bilden», und wenn in einem jüdischen Dorf die jüdischen Arbeiter mehr Arbeitsplätze für sich verlangen, die arabischen Arbeiter dagegen aufzuhefzen und r mit physischer Gewalt einzugreifen. Generalversammlung der Bezirkssektion VllI/lX Am 5. d. M. fand die Generalversammlung der Sektion VIII./IX. statt Dem durch Herrn Apotheker 1. Groß erstatteten Arbeitsbericht entnehmen wir folgendes: Neben einer größeren, gemeinsam mit der Wizo im Handelsmuseum durchgeführten Veranstaltung («Gesprochene Zeitung») und der Makkabäerfeier fand eine Reihe von Vorträgen statt, die zionistische und allgemeine Probleme behandelten. Referenten waren die Herren Dir. Max Birnstein, Doktor Tulo Nussenblatt, Dr. Salomo Rappaport, Prof. Wilhelm Stein und Dr. Hanns Wachtel. Besonderer Dank gebührt Herrn Dr. Leo Goldhammer, der in einem 12 Abende umfassenden Vortragszyklus die Geschichte des Zionismus von Manuel Noah bis zu den ersten Kongressen entwickelte. Die Erhaltung des Heimes absorbierte einen großen Teil der Arbeitskraft des Ausschusses; doch ist es, wie dem Bericht des Kassiers, Herrn Max Schreier, zu entnehmen ist, nunmehr saniert. Die Engländer nehmen die kleine Gruppe blutig ern?( aber es scheint, als würde dieser ewige Kleinkrieg gegen die Agenten vorsichtig verborgener Zentralen zu keinem Ergebnis führen, so lange die erbärmliche Lage des Fellachen nicht verbessert und solange nicht ein ehrlicher arabischjüdischer Ausgleich durchgeführt ist. Der Moskauer Versuch der Arabisierung der Bewegung in Palästina ist nichts anderes als der Versuch, sich der Mehrheit anzuschließen und die Minderheit zu opfern. Die Ethik aber, welche die ewigen Rechte der Minderheit proklamiert. wird als «bürgerliche Ethik» abgetan. Oie kommunistische Verschwörung in Palästina ln letzter Zeit wußte die allgemeine Presse über die Aufdeckung einer kommunistischen Umsturzorganisation in Palästina zu berichten. Wir erfahren hiezu noch folgendes: Polizei, die in einem arabischen Haus in Jerusalem eine Haussuchung durchführte, entdeckte dort das Hauptbureau der kommunistischen Partei in Palästina. Man fand in dem Hause Aktionspläne und Instruktionen der kommunistischen Internationale in Moskau, die den gewaltsamen Sturz der Palästina-Regierung zum Gegenstand hatten. Ein Araber mit Namen Kamel Odeh und ein jüdischen Mädchen mit Namen Rachel Fuchs, die in dem Hause dabei getroffen wurden, wie sie kommunistische Literatur vervielfältigten, wurden von der Polizei verhaftet. Die Polizei fand in dem Hause auch eine Liste der für die kommunistische Partei tätigen Personen in Palästina nebst einer Geheimkorrespondenz zwischen der kommunistischen Partei in Palästina mul kommunistischen Organisationen und kommunistischen Emissären im Auslände, darunter auch einen Briefwechsel mit der kommunistischen Partei Deutschlands. Rachel Fuchs, die^ polnischer Staatsangehörigkeit ist, wurde zu drei Monaten Gefängnis mit nachfolgender Landesverweisung verurteilt. Die Phantasien des «Falastin» Jerusalem. Die arabische Presse kommentiert in scharfer Form die Bewilligung von 4500 Arbeitereinwanderungszertifikaten durch die Palästina-Regierung. «Falastin», das Organ der arabischen Exekutive, das seit Mitte Oktober in verstärktem Umfang, täglich 12 Seiten, erscheint, erblickt in dieser neuen Maßnahme des High Commissioner, General Sir Arthur Wauchope, die unausgesprochene Absicht, junge Juden zu militärischen Zwecken nach Palästina kommen zu lassen. «Falastin» schreibt: Wenn Tausende von Zertifikaten für junge Leute von IS bis 36 Jahren bewilligt werden, so ist dies der beste Beweis dafür, daß die Regierung darauf abzielt, «in Palästina ein jüdisches Nationalheim, das über bewaffnete jüdische Stru'tkräfte verfügt, zu erbauen.. Weiters referierte Frau Rat Weiner über den Keren Kajemeth — das Kontingent gelegentlich der Jubiläumsaktion wurde fast erreicht —, Herr Apotheker L Groß über den Kindergarten, der sich zu einer für den Bezirk äußerst wichtigen Institution entwickelt hat, und Herr Schau! Keßler über die hebräische Schule, die im Vorjahr drei Kurse mit 30 Schülern umfaßte. Ueber Antrag des Herrn Dr. Alfred Löwy wurde dem abtretenden Ausschuß Dank per acclamationem abgestattet und nach Bericht des Herrn Revisors, Kultusrat Moses Weiner, das Absohltor-ium erteilt. Die hierauf erfolgten Neuwahlen ergaben die Wiederwahl des Hern Apothekers I. Groß als Obmann und von Frau Rat Weiner und Herrn Dr. Josef G r ü n b e r g er als Obmannstellvertreter. In der anschließenden Debatte wurde die unbedingt notwendige Einigung sämtlicher zionistischer Gruppen zu den bevorstehenden Kultuswahlen betont. Herr Dr. Alfred Löwy forderte tatkräftige Unterstützung der «Hag a n a h». Hierauf folgte ein aufschlußreicher Bericht des Herrn Dr. Isidor KI a b e r über die Arbeit der zionistischen Mandatare in der Kultusgemeinde, aus dem deutlich hervorging, wie wichtig die Eroberung deT Kehila und deren Umwandlung in eine wahre Volksgemeinde ist. Generalversammlung der Organisation Zion. Frauen (W. I. Z. O.) Oesterreichs Ani 17. Oktober fand die Generalversammlung der Zionistischen Frauen Oesterreichs statt, die unter zahlreicher Beteiligung der Mitglieder eine gute Uebersicht über die Tätigkeit dieser Organsation im verflossenen Jahre bot. Die Präsidentin, Frau Sofie Löwenherz, eröf?- nete die Tagung mit einer Begrüßungsansprache, in der sie auf einige besonders hervorzuhebende Ereignisse im Laufe des Jahres zu sprechen kam. ihren Ausführungen schlossen sich die einzelnen Referate an. Frau Dr. Kantor berichtete als Sekretärin über die Gesamtarbeit der Organisation und die Tätigkeit ln den einzelnen Be/irksgruppen. Sie hob dabei als besonders erfreulich hervor, daß die Organisation trotz de* Wirtschaftskrise in der Lage war, alle von ihr übernommenen Verpflichtungen gegenüber den diversen Fonds sowie der Zentralorganisation in London gegenüber voll zu erfüllen. Auch auf kulturellem. Gebiete konnte Ersprießliches geleistet werden. Den Kassabericht legte Frau Sabine Weiß vor, worauf dann Frau Dr. Kestenbau m über Keren Hanaschim und Frau Tartakower über Keren Kajemeth referierten. Weiters machte Frau Berta Berger ihre Mitteilungen über die Chaluzfürsorge und richtete die dringende Aufforderung an die Mitglieder, diese Aktion noch mehr als bisher auf das tatkräftigste zu unterstützen. In einer kurzen Begrüßungsansprache zollte namens des Zionistischen Landeskomitees für Oesterreich Dr. S t e i n b e r g den Arbeiten der Organisation vollste Anerkennung. Der zurückgetretenen Leitung wurde das Absolutorium erteilt und die neue Leitung gewählt, der Frau Sofie Löwenherz als Präsidentin vorsteht. Balfour-Feler in der Zionistischen Sektion VIII/IX. Mittwoch, den 2. November, 8 Uhr abends, veranstaltet die Zion. Bez.-Sekt. VIII/IX, Bennoplatz Nr. 1, anläßlich der 15. Wiederkehr der Erlassung der Balfour-Deklaration (2. November 1917) eine Balfour- Feier. Im Rahmen dieser Feier wird der Vizepräsident der Kultusgemeinde, Dr. Josef Löwenherz, über «Die Bedeutung der bevorstehenden Kultuswahlen» sprechen. Anschließend an die allgemein zugängliche Feier findet von den Gesinnungsgenossen und Freunden des Herrn Barth, der zu seinem 70. Geburtstag auch ins Goldene Buch eingetragen wurde, eine intime Feier statt. Durchreise von Sonderzfigen mit Cfmluzim durch Wien nach Palästina Das Palästina-Amt Wien teilt mit: ln den nächsten Wochen reisen vier Sonderzüge mit Chaluzim aus Polen durch Wien—Triest nach Palästina. Der erste dieser Sonderzüge, die vom Palästina-Amt Warschau abgefertigt werden, trifft am 1. November d, J. gegen 7 Uhr früh auf der Nordbahn in Wien ein und wird die Weiterfahrt nach einem Aufenthalt von etwa 15 Minuten fortsetzen. Der zweitnächste Sonderzug dürfte am 15. .November durch Wien fahren. Zionistisches Leben in Wien Dr. N. M. Gelber: Eine mißglückte Judenstaatsgründung im Midjangebiet (Ein Kolonisationsversuch Karl Friedmanns in den Jahren 1891/1893) (Nach unbekannten Archivmaterialien) In der «Stimme» Nr. 238, 239 wurde der Versuch des Deutschen Paul Friedmann, im Midjangebiet eine jüdische Kolonisation in Angriff zu nehmen, geschildert. Im Nachstehenden wird die diplomatische Fehde, die aus diesem Anlasse entstanden ist, dargestellt. Kap. (11. Frledmann verursacht diplomatische Fehde In Konstantinopel erlebte Friedmann bittere Enttäuschungen. Die privaten Pour-parlers der österreichischen Diplomaten, denen er vom Wiener Ballhausplatz empfohlen wurde, nützten ihm bei der damaligen politischen Sachlage der türkisch-ägyptischen Beziehungen gar nichts. Seit dem Jahre 1887 verfolgte die Türkei ganz offen die Tendenz, den ganzen Küstenstrich an der Grenze der Hedjas bei Res Churkuma bis Akaba an sich zu reißen. Aegypten mußte sogar die Festsetzung einer türkischen Garnison in El- Widju1) dulden. Mitte 1890 wurde in diesem Gebiet sogar ein türkischer Zivilgouverneur namens Mohamed Bey eingesetzt, um auf diese Weise auch äußerlich die Machtergreifung in diesem Landstrich zu manifestieren. Es war daher bei dieser Sachlage klar, daß die Türkei Friedmanns Kolonisationspläne nicht billigen werde, dies um so weniger, J) Bericht des österr. Generalkonsuls in Kairo, Frh. von Heidler-Eggereg an den Grafen Kalnoky v. 25. Jänner 1892, als sie hinter Friedmanns Projekt sogar «die Gefahr der Errichtung eines jüdischen Reiches auf osmanischem Territorium»2) witterte. Die Türkei befürchtete nämlich, wie aus Aeußerungen der türkischen diplomatischen Mission in Kairo ersichtlich war,3) daß Friedmann «immer mehr Juden an sich ziehen und vom Lande Madjan sich nach Palästina ausdehnen wollte.» Friedmann konnte also in Konstantinopel nichts erzielen. Er beschloß daher, auf eigene Faust seine Expedition zu verwirklichen. Im Oktober 1891 warb er in Krakau und Mislowitz, wo er mit dem Lt. von Seebach eingetroffen war, ungefähr 50 Familien jüdisch-russischer Flüchtlinge, die in jenen Tagen haufenweise über die russische Grenze flüchteten, um nach überseeischen Ländern zu emigrieren, in der Erwartung, hier bessere Daseinsbedingungen zu finden. Vor allem suchte er nach Handwerkern, da er bei den arabischen Beduinen ein Absatzgebiet zu finden hoffte. Während seines Aufenthaltes in Krakau erklärte er, daß er Baron Hirsch seinen Plan vorgelegt, der es jedoch abgelehnt habe, mit der Begründung, daß eine Kolonisation in Madjan große Gefahren berge, da die Kolonisten von den Beduinen ermordet oder von Hyänen aufgefressen werden könnten. Dessenungeachtet habe er beschlossen, seine Kolonisationsidee ohne Hirsch’s Mithilfe zu verwirklichen, denn «ich strebe, ein kleiner Hirsch zu sein».4) Die Organisierungsarbeiten für die Expedition nahm er 3) Bericht des österr.-ungar. Generalkonsuls in Kairo Heidler an den Außenminister Grafen Kalnoky vom 21. März 1892, Nr. 9 C (W. St. A.). 3) ibidem. *) Bericht in der «N. Fr. Presse», 1892, Abendblatt Nr. 9881 v. 27. Februar 1892. in Wien in Angriff. Hier kaufte er alles ein, selbst Spielzeug für die Kinder der Kolonisten. Er engagierte auch den Wiener Arzt Dr. Ernst Landmann, einen jüdischen Unteroffizier der österreichisch-ungarischen Armee, ferner zwei rituelle Schächter. Er besorgte sogar koscheres Essen und verausgabte für die Vorbereitungen einen Geldbetrag von einigen Tausend engl. Pf. Sodann kaufte er ein kleines Dampfschiff, das er mit dem Namen «Israel» benannte und unter österreichisch-ungarischer Flagge segeln ließ. Mit den Angeworbenen schloß er regelrechte Verträgt ab, mit denen sie verpflichtet wurden, Waffendienst auszutiben. Zu diesem Zwecke wurden sie von Lt. Seebach und den Unteroffizieren täglich militärisch ausgebildet und einexerziert. Im Sinne der Verträge stand Friedmann unbedingt« Strafgerichtsbarkeit und das Recht zu, die Kolonisten im Falle einer Gehorsamsverweigerung oder Widersetzlichkeit aus der Kolonie auszuweisen. Die Kolonisation wollte Friedmann weniger auf Ackerbau und Viehzucht, vielmehr aber auf Gewerbe, Handel, und Verkehrsdienst stützen, indem er vom Standpunkte ausging, daß die Beduinenbevölkerung gerne mit seinen Kolonisten in einen Austauschverkehr treten und für Erzeugnisse, ihr« Landesprodukte wie Schmalz, Vieh, Mandeln, verschieden* Früchte, Gummi arabicum u. dgl. hergeben würden, wodurch sich mit der Zeit ein reger Handelsverkehr sowohl im Innern des Landes, als auch mit dem Auslande entwickeln könnt«. Schon die Ausrüstung der Kolonisten, Beschaffung nebst landwirtschaftlichen Maschinen, von Maschinen für verschiedenartige Gewerbe, Errichtung eines chemischen Laboratoriums wiesen darauf hin, daß Friedmann vor allem dit Gründung von Handwerkerkolonien, allerdings unter Berücksichtigung einer teilweisen landwirtschaftlichen Betätigung Im Auge hatte. (Fortsetzung folgt)