Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 251 (27.10.1932)
- Date
- 1932-10-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 231 - 27. Oktober 1932 Olt STIMME Seite 3 Reformiertes oder nationales Judentum fiiM Werbeversammtung für Soniag•• goiiesd ettst wird zu einer zionMiechen Kundgebung — Der Wiener Donrog Hiß Lliy Montague Die Bestrebungen, auch in W i e n die Basis für die Vereinigung eines fortschrittlich-religiösen Judentums zu schaffen, erfuhren in einer zu diesem Zwecke letzten Montag im Ingenieur- und Architektenvereinssaale veranstalteten Werbeversammlung eine derart scharfe Abfuhr, wie es selbst Juden strengster, orthodoxer Observanz kaum erwartet hätten. Schon seit einiger Zeit wurde von dieser beabsichtigten Werbekampagne, die durch den Wiener Aufenthalt der Miß Lily Montague, als Sekretärin der Jüdischen Reformpartei in England, und Frau Doktor Gold stein aus Berlin eingeleitet werden sollte, in der allgemeinen Fresse berichtet. Montag hatte man nun bei dem öffentlichen Vortrag Gelegenheit, über die «Ziele» dieses fortschrittlich-religiösen Judentums Näheres zu erfahren. MIß Lily Montague, eine Persönlichkeit von eigenem Charakter, bezeichnete als Zweck und Ziel des liberalen Judentums «alle diese, die aus Indifferenz und Antirelegiösität vom Judentum sich abgewendet haben und in religiöse Negation verfallen sind, insbesondere aber die Jugend, zum Judentum zurückzuführen. Zu diesem Zwecke sei allerdings die Reformierung des bestehenden jüdischen Gottesdienstes sowie eine Anpassung desselben an das moderne Leben, wie größtmögliche Eliminierung des hebräischen Gebettextes und Ersetzen desselben durch eine in der jeweiligen Landessprache, unbedingt notwendig. Frau Dr. G o 1 d s t e i n ergänzte den Bericht von Miß Montague, sprach von der großen religiösen Sehnsucht der Jugend und richtete schließlich einen Appell an diese, sich dem liberalen Judentum anzuschließen und dessen Bestrebungen zu unterstützen. Dieser Appell freilich löste gerade die entgegengesetzte Wirkung aus, als es die Referentin beabsichtigte. Denn nun meldete sich eine Reihe von Rednern, insbesondere Vertreter der zionistischen Jugend, die in recht stürmischer und unverblümter Weise zu verstehen gaben, daß das religlöseStreben der jüdischen Jugend keine sw egsnach liberalen Reformen gehe, da es für die jüdische Jugend von heute keine Trennung zwischen nationalem und religiösem Judentum gebe. Ein junger Zionist rief unter stürmischem Beifall aus: «FürunsistTheodor Herzl der zweitgrößte Jude, den nach Moses das jüdische Volk hervorgebracht hat.» Der ganze Verlauf des Werbeabends, der eigentlich zu einer stürmischen zionistischen K u n d g e b u n g wurde, zeigte sowohl den Gästen, die sicherlich von den besten Intentionen beseelt, als auch den in Wien aus wahltaktischen Gründen spärlichen Anhängern der Reformidee, daß Wien jenseits aller Politik und nationalen Einstellung, für Gedanken eines reformierten Gottesdienstes und fortschrittlich-religiösen Judentums kein Boden ist. Selbst ein Gesinnungsgenosse des Vorsitzenden Kultusrat Obermedizinalrat Dr. H a a s e, der Nichtzionist Dr. F e 1 d s b e r g, warf in der Diskussion die Frage auf, ob und wozu in Wien überhaupt eine Reform des jüdischen Gottesdienstes zwecks Heranziehung dem Judentum entfremdeter oder von dem Judentum abgefallener Elemente notwendig sei. Die Wiener Kultusgemeinde steht nach wie vor auf dem Boden des traditionellen und konservativen Judentums. Die Reformbedürftigkeit aus Motiven, wie sie von den Referentinnen angeführt wurden, stehe hier überhaupt nicht zur Diskussion. Anlaß zu der mitunter stürmisch verlaufenen Diskussion, die über das Religiöse hinaus auch den politischen Hintergrund dieser liberalen Strömungen klarlegte, gab die Verlesung eines Briefes des Präsidenten DAMPFBAD wimssmst GEGEN RHEUMATISMUS ui DANPFBUER DIANABAD sind weltberühmt, unerreicht an Größe, Eleganz u. Zahl der Räume u. Bassins, Komfort u. Hygiene und trotzdem BILLIG lm Abonnement (5 Karten) nur S 2.— per Bad HÖH BNSON N EBKSTKAHLUNG gegen S 1.— Zuschlag «Franz-Josef»*Bitterwasser durchaus zuverlässiges DarmrelnigungsmitteL der Berliner jüdischen Gemeinde, Dr. Stern, der als Führer des liberalen Judentums und der Berliner jüdischen Reformgemeinde durch seine scharfe Bekämpfung der Zionisten sich auch politisch exponiert hat. Mit Recht wiesen die Diskussionsredner auf die von den Referentinnen nicht widerlegte Tatsache hin, daß diesen fortschrittlich-religiösen Tendenzen auch politische Intentionen zugrunde liegen. Der innere Zusammenhang zwischen der Berliner Reformgemeinde mit ihrem Sonntagsgottesdienst und der rein politischen Organisation des «Zentralvereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens» sei offenkundig. Und dies gibt genügend Anlaß zu Befürchtungen, daß mit diesen liberal-religiösen Bestrebungen auch bestimmte politische Tendenzen verbunden sind, die vom größten Teil des Judentums heute entschieden abgelehnt werden müssen. TE PPICH HAUS S. SCHEIN A. G. NUR WIEN, I, BAUERNMARKT 12 14 ALLES.WAS DAS HEIM BEHAGLICH MACHT Kiesenanewahl zu konkurrenzlos billigen Preisen TEPPICHE VORHÄNGE DECKEN MÖBECSTOEEE LINOLEUM ETC. In der Scbwemme: Reste und Auslafcenstllcke zu Schleuderpreisen testet Ury — ein ittdisdtes KttiullcrKhicksal Zur ersten Wiederkehr seines Todestages Von Dr« JakOb Rosenlhal Tragische Duplizität! Knapp vor Vollendung ihres 70. Geburtstages hat vor Jahresfrist zwei große jüdische Künstler das grausame, unerbittliche Schicksal des Todes ereilt. ln Wien stirbt plötzlich Arthur Schnitzler, der eine ganze Epoche in seinen Dichtungen mit künstlerischer Eigenart schöpferisch festgehalten. Ueber dem Schreibtisch gebeugt, noch in den letzten Minuten an seinem Werke schaffend, wird der große Dichter vom Schlage gerührt, verfällt er in eine tiefe Ohnmacht, aus welcher er nicht mehr erwacht und versetzt so eine ganze Welt in tiefste Trauer. Die Feier zum bevorstehenden 70. Geburtstage des Dichters, zu der sich die große Verehrergemeinde bereits zu rüsten angefangen und die diesmal besonders glänzend hätte werden sollen, wurde zu einer schmerzlichen Trauerfeier für den unvergeßlichen, geliebten Dichter. Nichts in ihrem Leben gemein — außer ihrem Judentum und den daraus für sie sich ergebenden Kämpfen und der Eigenart ihres künstlerischen Schaffens, war der plötzliche Tod des großen jüdischen Malers Lesser Ury ein tragisches Pendant zum Tode Arthur Schnitzlers. Auch seine Freunde und Verehrer hatten bereits Vorbereitungen für die Feier des bevorstehenden 70. Geburtstages Lesser Urys getroffen. Der Kunsthändler Dahlheim weilte gerade bei ihm im riesengroßen Atelier am Nollendorfplatz, um mit ihm die große Jubiläumsausstellung zu besprechen, die die Nationalgalerie zu Ehren des Siebzigjährigen vorbereitet hatte, als dieser plötzlich von einer Ohnmacht befallen wird, aus der ihn nur mehr der Tod befreite. Ein Leben eines Einsamen, eines großen Künstlers und Kämpfers hatte ausgelitten. Im Tempel der Palettekunst hat das Judentum später als manches andere Volk und reichlich spät im Verhältnis zu seinen Leistungen auf anderen Kunstgebieten seine Visitkarte abgegeben. Dann aber trat es mit außerordentlichen Talenten hervor. So stehen an der Spitze der Moderne fast durchwegs jüdische Maler, In Deutschland Max Liebermann und Lesser Ury, in Frankreich Pissaro, Pascin und Chagall — Namen, die man nennen muß, nennt man die besten Namen. Ein typisches Künstlerlos, um nicht zu sagen ein typisch jüdisches Künstlerlos war Lesser Ury auf Erden zuteil worden. Viel bekämpft und abgelehnt, ging er unbeirrbar seinen Weg, ein Eigener, ein Eigenwillige!, uer er bis zu seinem Lebensende geblieben. Keinen Konzessionen des Kunstbetriebes zugänglich, keinem Kompromiß sich beugend, nur dem eigenen, schöpferischen Gesetz in sich gehorchend — so lebte Lesser Ury, so ging Lesser Ury seinen Schaffens- und Leidensweg. Seine künstlerischen Anfänge stehen bereits im Zeichen des eben erwachenden Impressionismus. Zu Brinbaum in Posen geboren, verläßt er als Siebzehnjähriger Berlin, wo er als Lehrling in einem Konfektionshaus untergebracht worden war. Nach sechsjährigem Studium in Düsseldorf kommt er nach Paris, wo auch seine ersten Straßen- und Biumenbilder entstehen. Von Paris zieht er nach Belgien. Im flämischen Dorfe VoIIuvet malte er seine ersten bedeutenden impressionistischen Landschaftsbilder. Aber weder in München noch in Berlin, wo er sich im Jahre 1887 endgültig niederließ, wird er verstanden. Im Gegenteil, seine erste Ausstellung im Jahre 1889 erregt großes Befremden, ja spöttischen Widerspruch. Denn Lesser Ury wagte es, die alten, hergebrachten Kreise zu stören. Es begann der große Leidens- und Kreuzzug Lesser Urys. Zu neu, zu ungewohnt war die Art seines Schauens, die künstlerische Wiedergabe dessen, zu ungewöhnlich die Themen, die er anpackte, die er mit revolutionärer Kraft und ungeheurer Wucht behandelte. Die Großstadt, der regennasse Asphalt, der Strom der Menschen und Wagen, die ganze lebensnahe Wirklichkeit der Stadt, in dem ihr eigenen Rhythmus, in ihrer ungeschminkten, starken Farbe, in ihrem grellen Licht, aber auch In ihren Stimmungen, in ihrer feinst nuancierten Atmosphäre malt er und erregt — man schrieb damals 1889 — Mißfallen und heftigste Gegnerschaft. Es bedeutete damals ein ungeheures Wagnis, dem klar und scharf Beobachteten, der lebensnahen Wirklichkeit ehrlichen, künstlerischen, klaren, natürlichen Ausdruck zu geben. Lesser Ury galt denn auch als revolutionär und erlebte das Schicksal des Menschen, der seiner Zeit weit voraus ist. Hungernd und darbend, in geradezu erbärmlichen Verhältnissen lebend, schuf er seine einzigartigen Bilder der modernen Großstadt. Das war für sein Schaffen, noch mehr aber fast für seinen Lebensgang entscheidend geworden. Die Strenge gegen sich selbst, di« Unerbittlichkeit seines Wesens, die sich nie dem Betriebe mit den profanen Bedürfnissen des Tages beugte und in absoluter künstlerischer Treue zu sich selbst,.an den Prinzipien der als wahrhaft empfundenen Kunst festhielt, ließen ihn zum Einsamen werden, zum Menschen- und Weltverächter. Ein Eigenbrötler, verbringt er seine letzten Tage im selbstgeheizten Riesenatelier, verbittert, eigensinnig, jedem Zuspruch seiner Freunde nach Aenderung dieser mehr als puritanischen Lebensweise unzugänglich, mit verbissenem, heiligem Ernst seiner Lebensaufgabe, der Kunst, dienend. Heute — nach so und so vielen Jahren — erscheint es fast unglaublich, wie die Themen dieser Bilder so aufrührerisch wirken konnten. Aber der Impressionismus war eben erst im Entstehen begriffen. In Frankreich, dem Ausgangsland des Impressionismus, war Camille Pissaro einer der ersten, der unbekümr ' "t um die unfruchtbare, starre Tradition seine neuen Wege geht — in Deutschland waren die beiden jüdischen Künstler Liebermann und Lesser Ury die mutigen Vorkämpfer der neuen Richtung. Nach den wundervollen Großstadtbildern Berlin, Paris, London, deren typische Atmosphäre Lesser Ury wie kaum jemand so stark und zart zugleich festgehalten, sind es wieder Landschaften, in die er sich versenkt. Blumen, Sonne, Seen, mit gleicher Innigkeit und Hingabe malt er sie und erreicht dabei eine unendliche Feinheit des Ausdruckes, eine leuchtende Kraft entströmt diesen Landschaften, wie wir sie nur selten noch finden. Eine wundervolle Auslese von Bildern ist das Resultat dieser lyrischen, den Schönheiten der Natur abgelauschten Impressionen. Aber Lesser Ury, der Jude, bleibt nicht im Lyrischen, Landschaftlichen, Stimmungshaften stecken, Probleme der Menschheit, die Gedankenwelt erfassen, beschäftigen ihn. Es beginnt seine heroische, bewußt jüdische Epoche: Die Darstellung biblischer Themen. Im Jahre 1896 entsteht das Monumentalgemälde «Jerusalem», das er bereits im Jahre 1881 skizziert hatte. Hier gibt er der Tragik der Heimatlosen, dem Elend und der Armut der Vertriebenen erschütternden Ausdruck. Auch «Jerusalem» bleibt nicht unwidersprochen. Aber unbeirrbar läßt Lesser Ury bald darauf seinen «Jeremias», die tragischeste der Prophetengestalten, folgen. Es kommt das Tryptichon «Der Mensch», «Adam und Eva» und die «Sintflut», «Mose beschwört die Finsternis» und schließlich im Jahre 1928 «Der sterbende Moses» dieses Thema ewiger menschlicher Tragik: Der Blick in das zugleich verheißene und zugleich versagte Land. Hier in der Gestaltung dieses biblischen Stoffes — wächst er, der schon auf anderem Felde Unvergängliches geschaffen, zu seiner eigentlichen Größe, gibt er sein Wesentlichstes, erfüllt er sich selbst. Im ewigen Selbstkampf blieb Lesser Ury bis zuletzt ein sich Vollendender, ein Suchender, ein ewig Ringender. So zeigen ihn auch seine zahlreichen Selbstporträte in allen Phasen menschlichen Lebens und Leidens, den jungen und den alten, hoffnungsfrohen und stürmenden, den oft bitter enttäuschten, verbitterten, stolzen Menschen und Künstler.