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Die Stimme · 1932-10-27 · Heft 251 (27.10.1932) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
5 (1932)
Issue
Heft 251 (27.10.1932)
Date
1932-10-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Die Sliitii.tc, Nr. 251 — 27. Oktober 1Ü52 Die.— ein nationales Zentrum (r) Die jüdische Gemeinde wurde in der Diaspora ium Produkt und Symbol des schöpferischen Gemeinsinns der Juden nach dem Verlust des nationalen Zentrums in Palästina. Die jüdische Gemeinde mit ihren religiösen, solialen und kulturellen Stätten — dem Bethaus, dem Armenhaus und Beth Hamidrasch — wahrte in der Totalität der jüdischen Lebensäußerungen die religiösen, sozialen und nationalen Interessen des Judentums. Begriffe wie nationales oder religiöses Judentum erhitzten in jenen dunklen Tagen des Mittelalters die Gemüter der Juden nicht. Es heißt der geschichtlichen Wahrheit und der Entwicklung des jüdischen Volkes ins Gesicht schlagen, wenn man dem Judentum ausschließlich die religiöse Existenz zuerkennt und sie von der .nationalen trennt. Dieser Dualismus wurde künstlich erst nach der Men J.:'.höhnischen Aera durch die sogenannte «Deutsche Wissenschaft des Judentums» geschaffen. Aber auch diese mußte zugeben, daß die jüdische Religion eine nationale sei, d. h. wenn sie auch den Völkern der Erde den Monotheismus geschenkt hat, so ist sie doch ausschließlich für das jüdische Volk geblieben und an dieses einzigartig gebunden. Selbst der Geschichtsschreiber Heinrich Graetz, der gewiß nicht als nationaler Geschichtsschreiber bezeichnet werden kann und den die Gegner des Zionismus so gerne für sich reklamieren, spricht immer von der Einheit zwischen Religion und Volk. Ein Volk, ein Gott und eine Religion sind auch das Grundprinzip der Graetz’schen Geschichtsschreibung. Die sich praktisch auswirkende Trennung von religiösem und nationalem Judentum ist ein «Geschenk» der Emanzipation, die man ja als zweischneidiges; Schwert für den Fortbestand eines positiven Judenj tums bezeichnen kann. Denn die aufstrebende Emanzipation forderte auch\ihren Tribut. Sie leitete den für das ganze Judentum verhängnisvollen Assimilations¬ und Abbröcklungsprozeß der westlichen Judenhelt ein. Das national-schöpferische im Judentum, das zweltautwndjährige Verfolgungen nicht zu zerstören vermochten, wurde unter den hochtönenden Phrasen allgemeiner Weltkultur zu Grabe getragen. Erst mit dem Auftreten des Zionismus, der eine Rückkehr zur national-kulturellen Eigenart des. Judenforderte und dem ..damitverbundenen; Sich- •’besinnen auf die Steifung des Volkes im Sfaatsleben *ö0fcr anderen Völkes wurde der Wunsch nach Entfaltung der schöpferischen Urkräfte des Judentums immer stärker. Es bleibt das historische Verdienst des Zionismus ln seiner richtigen Diagnostik des jüdischen Schicksals auch den richtigen Weg gewiesen zu haben und mit dem künstlichen Dualismus «Religion und Nation» aufgeräumt zu haben. Die Emanzipation brachte wohl die Freiheit des Individuums — jedoch auf Kosten der nationalen Einheit. Der Zionismus knüpfte an die Befreiung des Individuums an, Indem er die nationale proklamierte. Das Schicksal der Juden als Kollektiv liegt in ihrer ewigen Stellung als Minorität im jeweiligen Staatsleben der Völker. Völkerrechtlich hat der Zionismus seine Feuerprobe durch internationale bedeutsame Dokumente, wie Balfour-Deklaration und Palästinamandat bestanden. Praktisch Ist der Zionismus durch das neugeschaffene und — schaffende Gemeinwesen in Palästina am lebendigsten bestätigt worden. Das von skeptischen Juden und mißgünstigen Nichtjuden oft angezweifelte staatsbildende Element des Judentums Ist durch das jüdische Gemeinwesen.in Palästina aufs blendendste bewiesen worden. Daß die Ziele des nationalen Judentums nicht nationalistischer, sondern friedlicher Art sind, beweist wohl am besten die friedliche Arbeit in Palästina selbst. Dort wird praktisch größte Friedensarbeit geleistet. Zum ersten Male in der Geschichte des Menschengeschlechtes geschieht es, daß Menschen in schöpferischer und friedlicher Arbeit um die Möglichkeit einer neuen Existenz ringen. Wenn der Zionismus nur durch sein Palästinaschaffen erwiesen hat, daß die Juden nunmehr Subjekt und nicht O b j e k t in der Politik der Geschichte sind, so hat er seine historische Mission erfüllt. Palästina muß heute dem Judentum in aller Welt als einziger Lichtpunkt und Wegweiser erscheinen. Denn wohin wir heute blicken, flutet uns Chaos entgegen. So verschiedenartig das Leben und die Situation der Juden aller Welt ist, ein einziges ist es, das allen gemeinsam bleibt, den Juden des Ostens ebenso wie den Westjuden, die sich seit der Emanzipation bereits so sicher und gefeit fühlten, die T a tsachederGaluth. Rat- und Mutlosigkeit, ja Verzweiflung, insbesondere wenn man an die Situation des deutschen Judentums denkt, beherschen heute die jüdischen Massen. Und die geistigen Wurzeln dieses Nichtmelirweiterkönnens. Sie liegen ln den «Segnungen» des Januskopfes der Emanzipation. Heute müssen auch die Gegner des nationaljüdischen Gedankens erkennen — die Situation zwingt sie dazu — daß die Apologetik und Abwehrtaktik des sogenannten liberalen Judentums auf der ganzen Linie versagt und katastrophalen Schiffbruch erlitten hat. Und dies aus begreiflichen Gründen: Die in jüdischen Zeitungen erhabenen Anklagen oder Verteidigungen erreichen selten den Teil, an den sie gerichtet sind, da diese Presseerzeugnisse von diesen nicht gelesen werden. Das.Appellieren an die Behörden kann zu keinem günstigen Ergebnis führen, solange wir nicht für diese einen Faktor im politischen Sinne abgeben. Mit Recht rief: Georg Kareski auf der jüdischen Weltkonferenz ln Genf den Assimilanten in Deutschland zu: «Heute noch habt ihr die Möglichkeit, Verteidigungsschriften drucken zu lassen, die von niemandem gelesen werden, wer weiß, ob dies noch morgen der Fall sein wird. Dann werdet auch ihr nur den einzigen Weg, den Anschluß ah das Oesamtjudentum, gehen müssen». Auch für das Wiener Judentum liegen die Dinge nicht anders. In kaum sechs Wochen werden die Wiener Juden über das Schicksal der künftigen Entwicklung ihrer jüdischen Gemeinde zu entscheiden haben. Es ist ein Gebot der Stunde, auf die Aufgaben einer Gemeinde vom Range der Wiener Judengemeinde, hinzuweisen, wie sie sich insbesondere aus der heutigen Situation des Judentums ergibt. Die Wiener Kultusgemeinde ist und [ bleibt die einzige im Gesetz verankerte! Instanz innerer jüdischer Autonomie, die ungeteilt und ausschließlich nur jüdische Interessen zu wahren hat. Die Stellung der Judenschaft im Staatsleben macht es der Kultusgemeinde zur Pflicht, jederzeit für die Wahrung der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung einzutreten. Als eine alle Juden Wiens und somit den Großteil der österreichischen Juden umfassende öffentlich-rechtliche Organisation, muß die jüdische Gemeinde die Trägerin jener kollektiven Rechte werden, die nach den Verfässungsgesetzen der jüdischen Bevölkerung als ethnischer und religiöser Minderheit eingeräumt werden müssen. . Lächerlich zu behaupten r— wie es von unseren Gegnern oft geschieht — daß die zionistische Einstellung zum Mlnöfltätenprjnzip und dessen Anwendungsfordferung auch für die Judib. Qestereichs. dazu -angetan ist, die rechtliche _Situatiö6 der Juden in dies.em Lande zu gefährden, um sie zu Staatsbürgern zweiten Grades Die «F r a n k f u r t e r Z e i t u n g», die gegenüber dem Zionismus und der jüdischen Arbeit in Palästina bisher einen ablehnenden Standpunkt eingenommen hat, brachte kürzlich unter der Ueberschrift «Stimmungsumschwung in Palästina» den folgenden Bericht ihres Jerusalemer Korrespondenten: «Wer in Palästina etwa im Sommer 1931 gewesen ist und es in diesem Sommer wieder besucht hat, wird über den großen Stimmungsumschwung erstaunt sein, der in den jüdischen Kreisen sich vollzogen hat. Er ist auf zwei Umstände zurückzuführen: die völlig veränderte Haltung der britischen Regierung in Palästina zum zionistischen Kolonisationswerk und die in den letzten Monaten vor sich gehende schnelle Befestigung und Ausweitung dieses Kolonisationswerkes. Die Balfour-Deklaration enthält bekanntlich zwei Teile: der eine verspricht die Förderung der Errichtung der jüdischen Heimstätte, der zweite die Wahrung der Interessen der eingeborenen Bevölkerung. Der frühere britische Hohe Kommissar hat vor allem den zweiten Teil der Deklaration betont, der jetzige, der sein Amt im November 1931 angetreten hat, setzt sich vor allem für den ersten Teil ein. Große und kleine Forderungen der zionistischen Oeffentlichkeit, die jahrhundertelang vergebens erhoben wurden, werden jetzt erfüllt, die zwei grundlegenden Forderungen der Araber, die 1931 bereits vor der teilweisen Verwirklichung zu stehen schienen, die Verfassungs- (Demokratisierung der Gesetzgebung und Verwaltung) und Bodenfrage (Fellachenförderung und Pächterschutz) sind auf spätere, ungewisse Zeit verschoben worden. Aber mehr noch als die' Haltung der Regierung wirkt das stete Einströmen neuer Einwanderer und neuer Kapitalien. Die Einwanderung dürfte in diesem Jahr, zum erstenmal nach längerer Zeit, wieder die 10.000 erreichen oder sogar übersteigen. Die zionistischen nationalen Fonds gehen j zwar in ihren Einnahmen ständig zurück und die finani zielle Situation der zionistischen Organisation ist viel- ' iasgi«»EFgaiBsr=ssgyss „SHAAR» Co. Ltd. Fiir Erteilung von Informationen tnio tiir I ransaktionen in: Orangerien, Böden, Häusern, Bauparzellen, Industrie und Hypotheken Unsere europäisch-amerikanische Methode, die Objekte genau zu prüfen und auf ihren Wert eitizusehätzen, ermöglicht uns, die richtige Auswahl zu treffen und solche Objekte zu offerieren, deren Wertsteigerung gesichert erscheint. Wenden Sie sich an uns persönlich oder brieflich und wir werden Ihnen Entsprechendes offerieren. TEL-AVIV, Rotschild Blvd. 11, Palestlne P. 0. B. 484 zu machen. Diesem Märchen sei für allemal mit dem Hinweis entgegengetreten, daß die Minoritätsschutzgesetie in der österelchischen Staatsverfassung völkerrechtlich verankert sind und keinerlei Gefahren in sich bergen. Hingegen zeigt uns die Tragödie des deutschen Judentums, wohin die Niohtminderheits-Politik der Gesinnungsgenossen unserer Wiener «Union» des C. V. geführt hat. Der Vorwurf der zionistischen Gegner, daß wir durch unser nationales Bekenntnis Politik in die Kultusgemeinde hineintragen, wird vor der Tatsache hinfällig, daß sie selbst, indem sie nur ein konfessionelles Bündnis mit dem Judentum bejahen, im übrigen sich aber krampfhaft an das nationale Bekenntnis ihres Wirtsvolkes trotz heftigster Abwehr seitens desselben klammern, Politik betreiben, die allerdings nur den einen Schönheitsfehler aufweist, daß sie keine i ü d i s c h e i s t. Wir Zionisten sind stolz darauf, auch in der Kultusgemeinde «Politik», wie wir sie meinen, zu machen, wenn es sich darum handelt, die vitalen Interessen der jüdischen Bevölkerung zu wahren. Wir resümieren: Die Wiener Kultusgemeinde als gesetzlich anerkannte öffentlich-rechtliche Zusammenfassung der jüdischen Einwohnerschaft Wiens hat in ihrem Bereiche alle Aufgaben zu erfüllen, die sich aus der besonderen religiösen, national-kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Eigenart der jüdischen Bevölkerung ergeben. Für die Durchsetzung dieser Forderung, der Umgestaltung der Kultusgemeinde in eine wahre Volksgemeinde, für die Schaffung eines.geistigen, religiösen, sozialen und kulturellen Zentrums der Wiener J.üdenschaft in der jüdischen VolksgemeTride, müssen die Wiener- Juden, denen Erhaltung ünd FÖrtbestä'nd'eines positiven Judentums innerstes und lebendiges Bedürfnis ist, bei den bevorstehenden Kultuswahlen eintreten. leicht gefährdeter denn zuvor. Dafür strömt aber privates jüdisches Kapital in steigendem Ausmaß ins Land, sucht hier in Orangenpflanzungen und kleineren industriellen Gründungen werbende Anlage und schafft Arbeitsmöglichkeiten für zusätzliche jüdische Arbeiter. Die sehr großen Investierungen an Kapital, Arbeitseifer, Intelligenz und nationaler Hingabe der letzten 12 Jahre beginnen nach manchen Fehlinvestierungen, Opfern und Fehlschlägen heute ihre Früchte zu tragen, die Industrieerzeugnisse haben sich qualitativ sehr verbessert und quantitativ immer mehr Versorgungsgebiete erfaßt, die zionistischen Siedlungen, die jahrelang ein Sorgenkind gewesen sind, haben sich durch die mit Hilfe großer Kapitalien und hingebungsvoller Arbeit vollzogene Intensivierung der Wirtschaft konsolidiert, und der fruchtbarste Boden des Landes, die Küstenebene von Jaffa bis Akko, ist bereits zum allergrößten Teil in jüdische Hände übergegangen; in der letzten Zeit ist dort eine unübersehbare Reihe neuer Orangengärten entstanden. Sind auch die Juden heute noch zahlenmäßig eine Minderheit von etwa 17 bis 18 Prozent, so formen sie doch durch ihre außerordentliche Ueberlegenheit an Kapital, Bildung, Organisationsfähigkeit und nationaler Energie immer mehr das Bild des Landes.» Wir teilen hiemit allen Verwandten, Freunden und Bekannten mit, daß Freitag, den 28. Oktober 1. J. um 12 Uhr mittags am Zentralfriedhof, IV. Tor, die Grabfteinlegung am Grabe der Frau Rose Simmels aus Witkow Nowy stattfindet. Dlo Familie Presseschau „Frankfurter Zeitung" Uber „Stimmungsumschwung in Palästina" Nur der Keren Kajemetll befriedigt den Bodenhunger des Chaluz und des Mittelstandes 08215^77^1

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