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Die Stimme · 1932-10-20 · Heft 250 (20.10.1932) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
5 (1932)
Issue
Heft 250 (20.10.1932)
Date
1932-10-20
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 250 — 20. Oktober 1932 DIE STIMME Ovl L - Gemeinde und Nlsrachl Von Kultusvorsteher Viktor Baumtager Die misrachistische Auffassung über Aufgaben und Pflichten der Wiener Kultusgemeinde ergibt sich aus der in der konstituierenden Sitzung des Vorstandes vom 29. Dezmber 1924 abgegebenen programmatischen Erklärung. Nach der misrachistischen «Jüdischen Wochenschrift» vom 2. Jänner 1925 hatte diese Erklärung, welche ich bei meinem Eintritt in den Vorstand namens meiner Gruppe abgegeben habe, folgenden Wortlaut: Religion und Nation Das Programm des Misrachi lautet; «Ich bin ein Hebräer und fürchte den Herrn, den Gott des Himmels.» (Jona 1, 9.) Die jüdische Religion setzt sich aus zwei Elementen zusammen, aus dem nationalen und dem religiösen, und beide sind voneinander untrennbar und miteinander so innig verbunden, daß mit der Zugehörigkeit zu einer jüdischen Gemeinschaft, mit dem Bekenntnisse zur jüdischen Nationalität die Anerkennung und Bejahung der Religion erfolgen muß. Eine Gemeinschaft ohne Religion ist auch eine Gemeinschaft, eine Nationalität ohne Religion ist auch eine Nationalität, aber keine jüdische, keine jüdisch-historische. Wir Vertreter des Misrachi stehen auf dem Boden unserer heiligen Thora. Diese Thora beruht auf Gott, Volk und Land, auf Glauben, Nation und Boden, und in diesem Sinne wollen wir in dieser uns teuren und lieben Gemeinde wirken. Sicherang der Jugend In unserer Gemeinde gibt es aber '-'auch eine beträchtliche und sehr ansehnliche Anzahl von Juden, welche weder national noch religiös sind, die sich aber auf anderen sehr wichtigen Gebieten verdienstvoll betätigen und auch sonst an allen jüdischen Aktionen regen Anteil nehmen. Die Erfahrungen unserer Geschichte hat darüber längst ein Urteil gefällt, daß die Nachkommen dieser sehr verdienten Juden in der Regel nicht einmal diesen minimalen Zusammenhang mit unserer Gemeinde aufweisen, welcher uns im Interesse der Erhaltung und des Fortbestandes unserer Gemeinde und des Gesamtjudentums geboten erscheint. Es wird Aufgabe und Pflicht des Kultusvorstandes sein, dieser Tatsache ein besonderes Augenmerk zu widmen, der Jugend mehr Judentum einzuflößen, mehr Religion zu bieten, um die Zukunft der Gemeinde und des Judentums sicherzustellen. Einheit der Gemeinde Der oberste Grundsatz unserer Religion ist die' Einheit, auch die Einheit des Volkes. Wenn wir unserer Aufgabe gegen Gott und Volk gerecht werden sollen, müssen wir auf die unbedingte und absolute Einheit der Gemeinde bestehen. Der Kultusvorstand darf in seiner Mitte keinen Separatismus dulden, vielmehr muß er bemüht sein, alle Kräfte zusammenzufassen, um die Bedürfnisse aller Schattierungen und Richtungen im eigenen Wirkungskreise befriedigen zu können. Der Kultusvorstand muß solche Aufsichtsmaßnahmen treffen, welche geeignet sind, das Vertrauen aller, auch der strengsten Konservativen, zu erwecken, muß aber stets souverän bleiben. Ost und West Unsere Thora kennt keine Landkarte. «Einerlei Gesetz sei dem Einheimischen, und dem Fremdling, der unter Euch wohnet.» (Exodus XII, 49.) Es gibt nur eine jüdische Religion. Es gibt weder polnische noch ungarische Juden; es gibt nur Juden, und alle Juden, auch die Wiener Juden, müssen sich zu unserer einheitlichen Kultusgemeinschaft restlos bekennen. Das Ost-Judentum ist ein wichtiger Faktor in unserer Gemeinschaft; seine jüdische Schaffenskraft soll der Befruchtung und Belebung unseres Gemeindelebens zunutze gemacht werden. Wir beanspruchen nicht nur volle Gleichberechtigung für unsere ost-jüdischen Brüder, sondern vielmehr eine entsprechende Einschätzung und Nutzbarmachung dieser Kraftquelle jüdischen Lebens. Wir Vertreter des Misrachi sind bereit, unser Bestes für das Gedeihen und die Entwicklung unserer Gemeinde herzugeben. Wir wollen positive und sachliche Arbeit leisten. Unsere Devise ist:. Ein Gott, ein Volk, ein Land, eine Sprache und eine Kultusgemeinde!» Seit dieser Erklärung sind beinahe acht Jahre verflossen. In diesem Zeiträume ist es gelungen, die Arbeitsbasis der Gemeinde bedeutend zu erweitern und eine andere «jüdischere» Atmosphäre innerhalb des Vorstandes zu schaffen. Die Wiener Kultusgemeinde ist heute nicht mehr eine Trauungs-, Bestattungs- und Unterstützungsanstalt, sondern ein jüdisches Zentrum und eine Trägerin jüdischer Gesamtinteressen. Durch die Wahrnehmung jüdischer Rechte und Anteilnahme an allen jüdischen Weltaktionen ist ein Verhältnis zwischen der Wiener Judengemeinde und dem großen Klal-Israel hergestellt worden. Die direkte Förderung des Palästinawerkes hat eine Brücke zwischen Wien und Jerusalem gebaut. Eine reichlichere Subventionierung der Tempelvereine hat zur Hebung des Gottesdienstes wesentlich beigetragen. Der fortschreitende Ausbau des Kaschrus-Wesens und die restlose Ritualisierung der Gemeindeanstalten haben die rituelle Lebensführung bedeutend erleichtert. Für die spezifischen Bedürfnisse des Ost-Judentums ist ein besseres Verständnis erzielt worden. Das Verhältnis zwischen West- und Ost-Juden hat sich wohlwollender gestaltet. Die religiös-kulturellen Wünsche unserer ost-jüdischen Brüder sind durch eine weitherzige Legalisierung von Minjanim nach sephardischem Ritus, durch die Bestellung von Bezirks-Dajanim und Subventionierung der kleinen Bethäuser und ihrer Rabbiner teilweise befriedigt worden. Nach wie vor bestehen jedoch innerhalb unserer Gemeinschaft die separatistischen Tendenzen, welche unter Auspizien des Vorstandes einen Staat im Staate unterhalten. Trotz des politischen Lippenbekenntnisses zur Einheit der Gemeinde wird der Separatismus durch die maßgebenden Faktoren unserer Gemeinde stark favorisiert. Noch hat sich die Erkenntnis nicht durchgesetzt, daß die hebräische Sprache der Lebensnerv des Judentums ist, daß selbst die anerkennenswerte Ausgestaltung des Judengottesdienstes nicht ausreicht, um die nächste Generation für die Gemeinde sicherzustellen. Die zweitgrößte Judengemeinde Europas hat noch immer kein eigenes Schulwerk. Für hebräische Sprache und Kultur, die einzige jüdische Basis, auf der Vergangenheit und Zukunft sich begegnen, war trotz erkämpfter Subventionen kein lebhafteres Interesse und kein innerliches Verhältnis abzuringen. Vieles ist erreicht worden, vieles muß n o c h erkämpft werden. Einheit der Gemeinde und Sicherung unserer Jugend müssen die nächsten Ziele jüdischer Gemeindetätigkeit sein. Den Großen wie den Kleinen muß die Pflicht zur Anhänglichkeit und Treue zur II.*) Zehn Jahre nach dem Kriege war die Politik der Allgemeinen Zionisten losgelöst vom Parteistandpunkt., Sie wandten nahezu ihre ganze Kraft darauf an, die Arbeiter im Jischuw zu ermutigen. Diese Politik hat sich nicht geändert, und die Allgemeinen Zionisten müssen auch weiterhin bis aufs äußerste Männer und Frauen unterstützen, denen sie verdanken, was aus Palstina geworden ist. Die Chaluzimkolonisation bleibt die wesentliche Grundlage unseres kolonisatorischen Werkes, und was der Allgemeine Zionismus zur Entwicklung von Ein Charod und Dagareia beigetragen hat, das hat er zur Erweiterung seiner eigenen Interessen in der gemeinsamen Sache des Zionismus beigetragen. Aber man kann dann fragen: Wie verhält es sich mit der Erweckung des Interesses des jüdischen Mittelstandes für Palästina als Mittel zur Lösung seines persönlichen Problems? Was geschieht mit der Jugend der Allgemeinen Zionisten, mit ihrem Streben nach Chaluziuth auf Palästina- Boden? Bedeutet das nicht einen Wechsel der Politik auf seiten der' Allgemeinen Zionisten, die bis jetzt für andere arbeiteten, aber jetzt für sich selbst arbeiten wollen? Die Antwort ist die, daß die Allgemeinen Zionisten niemals «für andere» arbeiteten und nicht in Betracht zu ziehen brauchen, eine neue Politik einzuschlagen, indem sie «für sich selbst» arbeiten. Der Begriff der Klasse im jüdischen Leben ist erst ganz neuen Ursprungs und von sehr geringer Anwendbarkeit, besonders in den Ländern der Galuth, aus denen die meisten jüdischen Einwanderer nach Palästina kommen. Es mag sein, daß sich im Westen, besonders in den Vereinigten Staaten von Amerika, scharf umrissene wirtschaftliche Klassen im Judentum herauskristallisiert haben, obwohl sogar hier die Zahl derer, welche die Grenzen zwischen manueller Arbeit einerseits und Unternehmertum und dem übrigen Kleinbürgertum andererseits überschreiten, verhältnismäßig größer ist als bei anderen Völkern. In Ost- und Zentraleuropa jedoch hat nicht einmal diese gesellschaftliche Unterscheidung Platz gegriffen. In Polen, Rumänien, Litauen und ebenso in den deutschsprechenden Ländern gehören die Juden hauptsächlich dem Kleinbürgertum an; aber dieser Stand ist fast überall von Armut bedrückt und in einem fortwährenden Kampf um die nackte Existenz begriffen; im Vergleich mit diesem Elend sind die nichitjüdischen manuellen Arbeiter reich zu nennen. Die Entwicklung der letzten Jahre hat eine immer größer werdende Verarmung der jüdischen Mittelklasse gezeigt. Zu behaupten, daß der durchschnittliche polnische Allgemeine Zionist ein «Bourgeois» gegenüber dem polnischen Arbeiiterzioreisten ist, wäre lächerlich. Die Chaluzim der letzten zehn oder zwölf Jahre waren Mark und Knochen der Massen der Allgemeinen Zionisten, es *) Siehe «Die Stimme» vom 13. d. M. SCHULE FÜR KÖRPERBILDUNG IIRUDIE MEIN Diplomierte üyu.uastiklehreriii der Schule Hellerau, VI., Theobaldgasse 19 (Ecke Mariahilferstraße 27, Mezzanin), Telephon A 39-3-45 Gymnastik, Rhythmische Gymnastik, Tanz (Akrobatik Ballett) Kurse für Kinder, Damen und Herren Kurstage: Dienstag, Mittwoch und Freitag von 9 bis 21 Uhr. An den anderen Tagen: Kurse und Einzelstunden in den verschiedenen Bezirken. Uuiscnem. Dieser Gutschein berechtigt für eine unverbindliche Probestunde nur Dienstag, Mittwoch und Freitag von 9 bis 21 Uhr. nEUHiDtESEUscmn Canaan In ^tecshlp Co., leru aiem mosiiB'iBX man rens liftf APt Informationen, Ideen, Vorschläge, Pläne» 11 ™ “ ■ Programme, Kostenvoranschläge, Gründung, Abwicklung, Leitung und B«ivl9I Ueberwachung von Unternehmungen oder Geschäften in Erez Israel. Vertreter für Oesterreich: Ludwig Gutmann, Wien, I- Fleischmarkt 22, II., in., 56. Mündliche Besprechung nach vorheriger schriftlicher oder telephonischer (R-25-7-79) Vereinbarung. Gemeinde als Zentrum jüdischen Seins und Schaffens immer wieder eingeschärft und eingehämmert werden. Es muß eine natürliche, gefühlsmäßige Liebe zur Gemeinde entstehen, eine Liebe von Kindern zu ihrer einzigen Mutter. Und die Gemeinde ist eine Mutter und soll eine zärtliche und rührige Mutter werden, die ihre Kinder mit Gefühl und Herz, mit Umsicht und Tatkraft betreut, um.ihnen das Dasein zu verschönern und die Zukunft zu sichern. Natürliche Liebe, aufgebaut auf dem natürlichen Gefühl, daß man nur eine Mutter hat und haben kann, soll die G e m e i n d e- Mutter ihren Kindern abringen. Und die Kinder werden lieben und geliebt sein, wenn sie verstanden werden. «Ich will geliebt sein oder ich will begriffen sein, das ist eins.» waren ihre eigenen Söhne und Töchter. Durch einen natürlichen Prozeß sind diese Ansiedler mit dem jüdischen Bestreben identifiziert worden, einen kräftigen Stand manueller Arbeiter durch die Histadruth, die Gewerkschaft des neuen nationalen Lebens, zu schaffen. Die Frage, ob alle jüdischen Arbeiter in Palästina mit der Histadruth identifiziert werden sollen, ist ein großes zionistisches Problem geworden, worüber unter den zionistischen Parteien ein heftiger Kampf entbrannt ist, während es doch auch ein Problem aller zivilisierten » Länder ist, ob die Gewerkschaften, welche für alle arbeitenden, den Männer und Frauen gebraucht, eine gemeinsame Notwendigkeit sind, mit der politischen sozialistischen Partei identifiziert werden können und sollen. Aehnliche Betrachtungen verdient das misrachistische Werk. Viele Jahre hat das Budget der zionistischen Organisation Posten für religiöse Zwecke enthalten. Es wäre absurd, würde der Allgemeine Zionismus diese Aufgaben als «für andere» bestimmt und nicht als für sich selbst bestimmt betrachten, denn im allgemeinen ist sowohl der Allgemeine Zionist im Westen als auch im Osten vom Werte religiöser Arbeit durchdrungen. . Wenn wir also versuchen, den Allgemeinen Zionismus zu definieren, so müssen wir sagen: Der Allgemeine Zionismus ist ein Zionismus, der sowohl hi der Vergangenheit und zweifelsohne auch in der Zukunft mit den Interessen der Arbeiter am Palästina-Werk und mit dem religiösen Leben des jischuw verknüpft ist; er ist ein Zionismus, der nationale Kolonisation mit großem Aufwand gepflogen hat und sich auch für Prlvatuntemehmungen interessiert; er ist ein Zionismus, der keine Beschränkungen für seine Interessen kennt und es ablehnt, auf die Einschränkungen, die in allen Definitionen zu lesen sind, einzugehem Grenzenlosigkeit des Interesses und Fehlen einer einschränkenden Definition machen das Wesen des Allgemeinen Zionismus aus. Allgemeiner Zionismus ist Zionismus ohne Bindestrich. Er kennt keine Bedingungen und Begrenzungen. Er wünscht den Aufbau des jüdischnationalen Heimes unter allen Bedingungen und unter allen Umständen des wirtschaftlich, sozial und politisch wechselvollen Lebens. Arbeiterzionismus bedeutet eine Negation, nämlich daß Zionismus ohne Sozialismus unerwünscht oder unmöglich ist. Der Allgemeine Zionismus verwir t diese Negation. Br ist bereit, alles nur Erdenkliche für die sozialen und wirtschaftlichen Prinzipien des Arbeiterzionismus zu tun, aber lehret es ab, irgendeine andere Art der Palästina-Arbeit unter Acht und Bann zu tun, solange sie mit dem grundlegenden Ideal des Zionismus konform geht. Der Revisionismus bedeutet eine Negation, nämlich, daß ein Zionismus, der nicht bestimmte endgültige Forderungen aufstellt und praktische Politik macht, kein Zionismus ist. Der Allgemeine Zionismus lehnt es ab, sich in die Fesseln einer akademischen Definition von Forderungen zu verwickeln und arbeitet für die schnellste und vollkommenste Realisierung des Zionismus, die zu jeder Zeit erreichbar ist. Misrachizionismus bedeutet eine Negation, nämlich daß Zionismus ohne orthodoxen traditionell jüdischen Kultus von geringerem Wert ist, daß der Zionist, der nicht völlig religiös ist, kein vollendeter Zionist ist, daß jüdische Aufbauarbeit in Palästina, die reicht auf den Gesetzen der Thora beruht, minderwertig ist. Der Allgemeine Zionismus hat ein vitales Interesse an jüdischer Tradition sowohl in religiöser, ethischer und kultureller Beziehung, hat viel getan und wird noch mehr turi, um die traditionelle Form des jüdischen öffentlichen und Privatlebens zur Erreichung des zionistischen Ideals in Palästina zu pflegen. Die Allgemeinen Zionisten wollen diejenigen Formen im jüdischen Leben Palästinas und der Galuth erhalten, die zoir Erlangung nationaler Stabilität und historischer Kontinuität beitragen. Aber die Allgemeinen Zionisten lehnen es ab, ihr Interesse und ihre Billigung auf irgendeine besondere Type von Intensität des jüdisch-religiösen Leben* zu beschränken. Allgenii ec; "ion Ismus ist daher ein voilkom c .i . i z, : j ui_ ni us, vielseitig uu4 Allgemeiner Zionismus — Eine Analyse Von Prof. S. Brodefskv (London)

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