Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 250 (20.10.1932)
- Date
- 1932-10-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 DIL STIMME Nr. 2öü 20. Oktober 1932 und Organisationsnrbeit sich intensiver mit Fragen d’r Jüdischen Gemeinde zu beschäftigen. In einem Beschluß wurde die Exekutive beglückwünscht und aufgefordert, auf die Einheit und Disziplin in der Organisation zu achten. Der Delegiertentag hat folgenden Landesvorstand gewählt: Präsident Dr. Edward Izsäk, Dr. Friedrich Fried, Dr. Ladislaus Gero, Dr. Theodor Lantos, Dr. Gytila Miklos, Frau Margit Ferenci, Ing. Armin Beregi, Arnold Marer, Ernst Polläk, Geza Rado. Der Delegiertentag war ein guter Auftakt für die Winterarbeit. Diese, beginnt in 21 Städten mit einer großangelegten Balfour-Feier, zu der je zwei Redner von der Budnpester Zentrale entsendet werden. I (Jüdische Mädchen (I ■ vorder Berufswahl! ■ Zweijährige Fachschule für Kleidermachen und Wäschewarenerzeugung mit öffentlichkeilsrecht Staatsguts* Zeugnisse Einjährige Koch- und Haushaltungsschule mit erweitertem Lehrplan tUr allgemeine Bildung Modistenkurs Dr. Krüger-Heim, 2., Malzgasse 7, Tel. A-48-0-77 Internat. Samstag Schulfrei Berufsberatung täglich von 11 bis 12 Uhr schau; denn England scheint augenblicks mit deren König Ibn Saud nicht mehr so gut zu stehen wie einst im Mai . . . Unsere Gesellschaft hat sich vor der Mittagshitze im Schatten der Pappeln geborgen, welche das dem Trümmerfeld enteilende Bächlein dicht umrahmen. Wie, heute reicht es kaum hin, um unsere Melonen zu kühlen, und vor Zeiten hat dieser Chrysorhoas oder «üoldfluß» all die schäumende Lebenslust dieser, nach dem Umfang Ihrer Mauern auf 30.000 bis 40.000 Einwohner zu schätzenden Stadt, genetzt und genährt? Gewiß waren damals die Wasserschätze auch besser gehütet und gewahrt. Doch, was nicht ist, kann wieder werden. Harrt nicht diese ganze fruchtbare, doch arg vernachlässigte Landschaft der Wiedergeburt? Schreit sie nicht nach ihren Söhnen, den Nachfahren der jüdischen Stämme, um Hilfe, um Erlösung? Aber man kann seinen Gedanken nicht ruhig nachhängen. Denn zw-ei fromme Reisegenossen drängen zum Aufbruch, damit sie vor Sabbatabend daheim sind. Also denselben Weg nach S u w e 1 i zurück. Hier muß der Bus ein wenig verschnaufen. Recht so. Zumindest bekommt man von den Tscherkessen etwas mehr zu sehen. Durch ihre weiße Hautfarbe, ihre slawischen und fast schon mongolischen Gesichtszüge wie auch ihre Tracht sind sie von den paar Arabern, die sich unter ihnen bewegen, deutlich unterschieden. Da stolzt ein Notabel im dunkelblauen Attila, am Schädel den schwarzen Tschako samt Federbusch und natürlich schwertumklirrt, vorbei. Und an einem Haus sind vier Tscherkessinnen, auf Leitern stehend, dabei, die aus den landesüblichen Steinblöcken gefügte Mauer mit gelblichem Mörtel zu bestreichen. Weder bei Arabern noch bei Juden läßt man die Frau zu irgendeiner Bauarbeit zu. Wohl waren die Tscherkesser in ihrer Heimat, aus der sie vor der Knute des pravoslawen Zaren flohen, just Lehmhäuser gewohnt und wollen nun, hieher verbannt, so gut als möglich dem Vaterbrauch leben, den alten Anstrich wahren. Oder sind wir gar Zeugen eines festlichen, eines religiösen Aktes? Denn die Frauen, obschon sie ohne Kelle und mit bloßer Hand die zähe Masse, verschmieren, sind heiter gestimmt und tragen buntfarbige, flitterübersäte Musselinkleider. Ein Prachtmädel schaut von der Sclimierarbeit schalkhaft lächelnd auf. Doch unsere Chassidim dulden keinen Verzugl Der arme Chauffeur zwingt seinem Motor das Letzte ab. Wir sausen, an Abgründen vorbei, dein Jordan zu. Das Fazit ist ein Pantscher nach dem anderen. Endlich bringt uns die tolle Jagd an den Grenzfluß. Stop! Ein dicker Cerberus schält sieh aus seinem Moskitonetz, hinter dem er wohl von den Houris im Paradies geträumt hht, um nun desto grimmer amtszuhandeln. Man revidiert, ob wir vollzählig sind und ob sich nicht wirklich jemand ins Emirat einschlich. Am drüberen Ufer erneut sich der Spuk. Da wird man gar nach zollpflichtigen Waren durchsucht. «Haschisch, Zigaretten...?» Doch aus leeren Sardinenbüchsen und Pfefferminzschachteln holt auch der palästinensische Fiskus nichts heraus. Vorwärts, vorwärts! Schon ist Jericho durchquert und der Bus nimmt Anlauf, nach Jerusalem emporzuklimmen. Da rufen die beiden Frommen ängstlich «Halt!». Der Sonnenbad ist bedenklich tief gesunken. Sie wollen es nicht riskieren, auch nur um e i n e Minute zu verspäten, den Schabhes mechallel zu sein. Mit Schritt und Tritt eilen sie die neue Straße auf das nahe Tote Meer zu, um dort bei den jüdischen Arbeitern der Potash Co.-Werke ein Minjan zum Abendgebet und ein karges Nachtlager zu finden. Wir andern kommen ohne weiteres Abenteuer nach Jerusalem heim und sind flugs zu Helden worden. Hatte ja schon heut’ früh der «Dawar» dem Jischuw die aus Amman telephonisch eingeholfe Freudenpost gebracht, daß wir noch leben. Und jetzt kehren wir selbst wieder und bringen den Juden als die Meraglim, als die Pioniere von Ewer Hajarden, tröstliche Kunde. Ewer Hajarden Von Dr. E. M. Zwei«, Jarusalcm Die Schilderung unseres geschätzten Mitarbeiters gewinnt durch den vor kurzem in Es Satt erfolgten arnb'schen Ueberfall auf eine große jüdische Reisegesellschaft, wobei es eine größere Anzahl von Verwundeten gab und vierzig Araber' verhaftet wurden, eine besondere Aktualität. II.*) Gerasa Mit einem Mundvurrai großer Wassermelonen versorgt, setzen wir die Fahrt fort. Zunächst nach Suweli zurück; dann nordwärts abbiegend, bis uns eine Stunde steten Abstiegs zu der rings umgrünten Sohle des Nähr es Zerka bringt. Er führt seine Wasser, die in weitem Bogen von Amman herabkommen, dem Jordan zu. Wie vertraut wirst du uns, da wir in dir den alten Jabbok wiedererkennen Ihm strebte Urvater Jakob zu, als er vom fernen Ciiaran durch die arabische Wüste mit Kind und Kegel, mit Schafen und Kamelen nach den 'Triften von Sicuem zog. Und hier, hier an der Furt, zwischen den Abenteuern mit Schwiegervater Laban, der ihm nach Gilead nachsetzte, und Bruder Esau, der ihm von Selr entgegenzog, trug Jakob jenen heroischen Ringkampf aus, der ihn und uns zu «Israel», zu Gottesstreitern, adelte. Hier scheint die Zeit stillzustehen. Jenseits der Brücke begegnen wir einer seltsamen Gruppe. Auf dem Leitkamel thront ein kühnblickender Bedui; er zieht am Strick eine schlohweiße Kamelstute nach, weiche zwei mit phantastischen Gewändern — Lila und Gold auf Schwarz — drapierte, tiefbrünette Damen trägt. Als ihr Tier vor unserer Hupe scheut, galoppieren sie — übermütig die Peitschen schwingend und lachend ihr Prachtgebiß entblößt — an uns vorbei. Führt da nicht Jakob selbst seine Kebsinnen Bilha und Zilpa in männlichem Triumph dahin?! Noch schraubt sich der Wagen längs des Wadsi Djerasch wieder aufwärts nach den Höhen von Gilead, wo einst die Krieger vom Stamm Menasseh schweiften. Und nun, o Wunder, fahren wir im Schatten wuchtiger Bäume, von Eichen, Charoben und Fichten. Auch der verwöhnte Nordländer mag das als Wald gelten lassen. War es auf diesen lieblichen Höhen, wo Jephtas Tochter, mit ihren Gespielinnen tanzend, von Jugend und Leben Abschied nahm, um des Heldenvaters vorschnelles Gelübde einzulösen? Und steht noch die Terebinthe, deren Astgewirr nach den Locken des rebellischen Königssohns Absalom griff, bis ihn Joabs Speer richtete? Niemand kann uns antworten, denn die ganze herrliche Gegend ist menschenleer. Und plötzlich, das Auto bremst, sehen wir uns in ein Schattenreich gesättigter antiker Kultur versetzt. Saxa loquntur. Ein dreifacher Triumphbogen aus Trajans Zeit empfängt ) Sieh - Die Stimmen vom 13. d. M. oder Nichtsein nachdenken. — Geheimnisse wollen nrt Schleiern verborgen bleiben. Unser Zeitalter, das bekanntlich das der Nerven und Maschinen ist, erlaubt uns nicht, nachzudenken, läßt uns keine Muße dazu. Vor vielen hundert Jahren scharte «Koheleth» das Volk um sich und beichtete und schüttete sein leidendes, verzweifeltes Herz vor ihm aus. «Koheleth» erläuterte ke’ne philosophischen Systeme, aber er sprach von Dingen, die jedem von ihnen das Herz schwer machten, um es ihnen, auch, um es sich zu erleichtern. Ein gutes Geschick meint e* rr.n dem Menschen, daß er einen Teil seiner Leiden in dem Fluß von Tränen ertränken kann. Die Beichte erleichtert. Sie kräftigt und flößt neue Hoffnung ein. Wie ist es aber heute? Welche Antwort auf diese ewigen, unlöslichen Rätsel gibt unser Zeitalter? — Unter ein Joch spannte es das Fleisch und den Geist. Der zeitgenössische Mensch will keine Zeit, die ihm so teuer wie Geld ist, mit unnützen, quälenden, matt und müde machenden Betrachtungen «verlieren» Aber wie diese Probleme in die Ewigkeit ragen, so bleibt auch ewig die Sehnsucht und das Neigen und Streben zu ihrer Lösung. Tief am Grunde der Menschenseele glimmt noch die Urflamme, die nie erliscit. Und sie entzündet eine Feuersbrunst, die von der Erde in die Himmel steigt, und es sind die Feuer der in Konvulsionen der Verzweiflung sich windenden Seele und die Flammen der nie stillbaren Sehnsucht, die um sich greifen in den Herzen der Menschen. Dann sucht der Mensch den «Koheleth* seines Zeitalters, des dürren XX. Jahrhunderts, um nrt ihm sein Schicksal und die Fügung der Welt zu beweinen. Er sucht — vergebens. Es gibt nämlich noch keinen. Unserer Zeit war noch kein Koheleth beschert. «Kc/heleth» ist nach Heine das Heilmittel für alle Leiden und Martern der Seele. We»r verstünde es heute, uns ein Koheleth zu sein? — uns. Und von da zieht eine kurze Feststraße zum Südtor von Gerasa. Diese Ruinenstadt aus der Glanzepoche Roms war seiner verschollen, bis der Türkensultan die aus dem Kaukasus flüchtigen Tscherkessen hier inmitten der Trümmer am Bacliufer siedeln ließ; ihr Dörfchen Djerasch hat den alten Namen wiedererweckt. Jetzt steht Gerasa unter Denkmalschutz. Zeichen des müssen wir Eintrittstickc s ä 25 Grüsch lösen. Die daraus entlohnten Wächter sollen verhindern, daß die antiken Steine wie früher verschleppt werden, von den Eingeborenen als Baumaterial für Stall und Hütte, und von den Touristen als Reiseandenken. Doch als ich mich wende, verschachert grad unser Wachmann eine Münze Kaiser Konstantins. Immerhin scheint tüchtige Ausgrabungsarbeit geleistet. Was sich hier auf den | ersten Blick, hochragend, dem Betrachter bietet, überwältigt geradezu. Und ist dabei von einem Hauch Originalität umwittert. Roms politische Schablone scheint denn doch den Genius dieser dem religiösen Ideal huldigenden Landschaft nicht erdrückt zu haben. Denn von jeder Schwellung des Stadtbogens schreit ein Festbau das Lob einer Gottheit aus. Da gibt es vor allem mächtige Heidentempel, dem Zeus, der Artemis usf. geweiht, hinter deren griechisch-römischer Maske die Züge der altsemitischen Lokalgötzen kaum zu vetkennen sind. Die Propyläen, etwa zum Sonnentempel, Danksagung Der Vorstand der Mensa academica judaica bringt Herrn Josef Rates, Rabbiner und Prediger, XX., Universumstraße 40, die Begeisterung und den Dank zum Ausdruck für sein an den hohen Feiertagen in der Mensa in uneigennütziger Weise abgehaltenes vorzügliches Vorbeten und Predigen und wünscht ihm ein y\ü siCntu au uiauujusuai mciii viei -iiiiuei jenen üei Akropolis von Athen zurück. Dazwischen drängt sich ein prunkvoller, mit farbenreichem Mosaik geschmückter Byzantinerdom und daneben ein bescheidenes Kirchlein mittelalterlicher Epigonen, jener Kreuzfahrer aus der Normandie und Champagne, welche da — ein Weilchen festgesetzt — mit den Sarazenen die Klinge kreuzten. Zuhöchst am Berg aber zeigt uns Judai in dichtem Schutt ein paar Säulen eines Baues, der — kürzlich ausgegraben — sich als ein Beth Haknesseth erwies. Schade, daß die Mosaiks mit hebräischen und griechischen Inschriften und einer genauen Darstellung der Arche Noah vorläufig, aus technischen Gründen, wieder mit Erde bedeckt wurden . . . Was mögen unsere Brüder, um dies Heiligtum geschart, unter dem Druck der christlichen Byzantiner, der heidnischen Parther und der muslemischen Araber gelitten haben. Doch die Bürger von Gerasa lebten nicht nur dem Gebet. Sie rühmten sich gleich zweier Amphitheater, welche nicht viel kleiner als jenes von Amman waren, ohne an edlen Maßen und künstlerischer Gestaltung hinter ihm zurückzustehen, und einer geräumigen Naumachie für Kämpfe zu Schiff. Thermen hier und dort hegten erquickendes Bad und im Nymphäon freute man sich des Spiels der rauschenden Fontänen. Das Forum, im weiten Halbkreis von Riesensäulen umgrenzt, bot dem Marktgetriebe, den vaterländischen Rednern und dem gestrengen Gericht eine würdige Stätte. Von hier aus lief durch die ganze Stadt bis zum Nordtor eine mit breiten Quadern belegte Straße, beiderseits mit Säulen, deren Kapitäle in allen Stilarten wechseln, von dorischer Schlichtheit bis zu korinthischer Ueppigkeit und darüber hinaus zu jenem Arabeskenstil, der später in der Alhambra seine Vollendung fand. Und wo die Straßen sich queren, stehen noch mit ihren Nischen für die Götterstatuen die Tetrapyia, Vorbilder des Kreuzweges von heute. O könnten alle Juden nach Gerasa, um das stolzerhebende Gefühl auszukosten, daß gegen diesen unvergleichlich starken Bund von Schönheit und Kraft die vom Ethos getragene Eigenart des Volkes Israel sich zu behaupten wußte, bis auf diesen Tag. Der Ausgleich mit hellenischem Schönheitssinn scheint auch jetzt noch nicht restlos geglückt. Wenigstens meint ein Fräulein unserer Gruppe, etwa aus Lodz oder Warschau, als sie die Säulen überschaut und die Plage ihrer Aufstellung erwägt, kurzhin «Tipschiml», das heißt mit Verlaub «Narren». Gleich darauf schwingt sie sich auf einen Säulenstumof und deklamiert pathetisch: «Quo usque tandem . . .» Das hatte der gute Antisemif Cicero kaum geahnt, daß ihn nach 2000 Jahren eine Judenschöne auf den Trümmern römischerMach* so frozzeln würde... — Doch wir haben neue Herren über uns. Hoch in den Wolken schweben zwei Flieger der Royal Air Force. Sie halten wohl nach den Wahabiten Aus- Beh. konz. Realbüro ING. N. MUHLBAUER Kauf und Verkauf von Realitäten, Hypotheken L, II. und Hl. Sätze, Bau- und Zwischenkredite, üebäudeverwaltung Büro: 2., Leopoldsgasse 26 Tel. A-49-2-47 Wohnung: 2., Vorgartenstr. 150, Tel. R-41-8-88