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Die Stimme · 1932-10-20 · Heft 250 (20.10.1932) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
5 (1932)
Issue
Heft 250 (20.10.1932)
Date
1932-10-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Hf. 280 — 20. Oktober 1932 DIE STIMME weite 3 Claude Montefiores Seudllnge in Wien Durch die Wiener Presse ging die Nachricht, daß am 24. d. M. in Wien die Vertreterinnen der «World Union for Progressiv Judaism», Miß Rever, Lilly H. Montagiie aus London, und Frau Dr. Goldstein, Berlin, mit einer Versammlung für die zu gründende «Vereinigung für fortschrittlich-religiöses Judentum» werben werden. Das vorbereitende Komitee hielt bereits vor einigen Tagen eine Sitzung ab, in der Obermedizinalrat Doktor Haase über die Bestrebungen der neuen Vereinigung sprach und Herr Studienrat Prof. Dr. Redisch die Würde und Schönheit des Gottesdienstes in der Berliner liberalen Synagoge schilderte — als wäre der Gottesdienst in den übrigen Synagogen unschön und unwürdig! Diese Nachricht sollte das Interesse der Wiener Judenschaft wachrufen und verbieten, dieser Angelegenheit gegenüber die bewußte Passivität aufzubringen. Also, Wien wird endlich mit dem liberalen Judentum beglückt werden. Seit 1922, in welchem Jahre Claude Montefiore den Weckruf zur Gründung der Jewish-Religions-Union in England nach dem Muster der Berliner Reformgemeinde erschallen ließ, wagte es niemand in unserer Gemeinde, selbst den leisesten Versuch aufkommen zu lassen, für die Bestrebungen des liberalen Judentums einzutreten. Es erübrigt sich wohl, darauf hinzuweisen, daß an den geistigen Schäden, die das Judentum im letzten Jahrhundert in Westeuropa gelitten hat, vor allem jenes assimilationssüchtige sogenannte liberale Judentum Schuld trägt, daß unser Judentum zu einer bloßen formalen Konfession herabgewürdigt hat. Bereits im Jahre 1909 hat sich der bekannte jüdische Denker Achad- Haam in seinem philosophisch tief durchdachten Aufsatz: «AI schtei hasefim»*) mit Montefiores Ansichten auseinandergesetzt und darauf hingewiesen, daß aus seinen Schriften «ein dem wahren Inhalte des Judentums fremder Geist» weht, daß man annehmen konnte, das Judentum sei bereits seines echten Geistes und Inhaltes entledigt worden. Vor allem bekämpfte Achad-Haam Montefiores Hypothese, daß das Judentum «sobald es kein Kompromiß mit dem (christlichen) Evangelium schließen werde, so glaube ich, gezwungen sein wird, eine Religion im Winkel zu bleiben, die einen geringen Einfluß ausübt und jeder Erweiterungsmöglichkeit bar ist. Die Orthodoxie wird, so glaube ich, sagen, eines Mehr bedürfe man nicht, aber die Liberalen können sich mit dem Minimum kaum begnügen». Montefiore verkannte eben die Tatsache, daß das Judentum selbst vor dem Christentum keine Erweiterungstendenzen hegte und sie auch jetzt am allerwenigsten erstrebt. Zu solchen Anschauungen konnte Montefiore gelangen, weil er den wahren Inhalt des Judentums, seine historische F**A-vicklung zu verschleiern sucht, mit Formeln, die eben dem Judentum widersprechen und zu Konsequenzen führen, die den Abgrund des Judentums bedeuten. Aber abgesehen von diesen rein weltanschaulichen Gegensätzen, darf doch nicht vergessen werden, daß *) Haschiloach Bd. 23 (109), Heft II ,in AI Praschaflh Drachim, Bd IV, S. 40—68, das liberale Judentum selbst an religiös-formalem Inhalt so wenig bietet, daß sie nolens volens nicht nur zur völligen Assimilation, sondern sogar zu einer Art geistigen Verkrüppelung des Judentums führen muß. Für jeden Fall ist es interessant, daß man gegenwärtig auch Wien in das Gebiet des liberalen Judentums miteinzubeziehen versucht ist. Nicht uninteressant ist aber, daß seine hiesigen Hauptherolde, der Kultusvorsteher Dr. Haase und der Inspektor des jüdischen Religionsunterrichtes, Herr Studienrat Prof. Dr. Redisch sind. Wären die beiden Herren bis nun in dieser Eigenschaft nicht aufgetreten, sie würden uns wahrlich nicht interessieren. Würden und Aemter verpflichten auch deren Träger. Herr Dr. Haase ist führendes Mitglied der Union, jener Union, die seit Jahr und Tag mit der Agudah liiert ist. Die Agudah ist zu diesem neuesten Bundesgenossen wirklich herzlich zu gratulieren, Montefiores Anhänger und Bundesgenosse der Trennungsorthodoxie, ein wahrlich köstliches Bild. Noch bei der letzten Kultuswahl sprach Herr Dr. Haase mit Agudisten gemeinsam in Versammlungen. In der letzten Zeit hat er wohl eine gehörige «geistige» Wendung gemacht. Ob Herr Dr. Haase, der justament sich nach einem Sonntags-Gottesdienst sehnt, nun berufen ist, in der Wiener Einheitsgemeinde Kultusvorsteher zu sein, darüber werden die Wähler zu entscheiden haben. Aber daß dem zweiten Montefiore-Herold, Herrn Dr. Redisch, auch weiterhin die Obhut der jüdischen Erziehung unserer Jugend anvertraut werden soll, ist eine Frage, die unsere jüdischen Mitbürger etwas mehr interessiereen sollte. Es geht wirklich nicht an, daß ein besoldeter Funktionär, der den Religionsunterricht, man merke sich das, in der Einheitsgemeinde, wo unseres Wissens die liberalen Juden noch keine Mehrheit besitzen, leitet, die Gründung einer liberalen Vereinigung propagiert, die nolens volens nur zur Vernichtung der Einheitsgemeinde führen muß. Ueberdie sonstige Tätigkeit des Herrn Dr. Redisch als Religionsinspektor wäre lieber zu schweigen. Ihre Früchte und Erfolge beweist ja zurr Genüge die unermeßliche Am-haarazuth unserer unter seiner «bewährten Hand» erzogenen Jugend. Herr Dr. Redisch sollte sich viel weniger für die Schönheit des Gottesdienstes in der Berliner liberalen Synagoge — nebbich, diese Schönheit und Würde einer entjudeten Gesellschaft — begeistern, dagegen sich mehr dafür interessieren, daß unsere Jugend mit mehr Kenntnissen in der hebräischen Sprache und im Judentum ausgerüstet, die Schulbank verläßt. TEPPICHHAUS S. SCHEIN A. G. NUR WIEN, I, BAUERNMARKT 12 14 ALLES,WAS DAS HEIM BEHAGLICH MACHT Riesenauswahl zu konkurrenzlos billigen Preisen TBPP1CHB VOHHÄNGE DECKEN MÖBELSTOFFE LINOLEUM ETC. la der Schwemme: Reste und Auslagenstiicke zu Schleuderpreisen Bei Erkältungskrankheiten, rheumatischen und gichtischen Beschwerden sind Tngal-Tabletten unübertroffen. Togal scheidet die Harnsäure aus und geht daher direkt zur Wurzel des Uebels. Fragen Sie Ihren Arzt. In allen Apotheken erhältlich. — Preis S 2.40. Diese Aufgabe wäre sicherlich viel wichtiger, als seine neueste Rolle, die des Propagandisten des dem jüdischen Geiste fremden liberalen Judentums. Eine Kultusgemeinde, die über mehr «Jüdischheit» verfügte, wüßte schon auf solche Extratouren ihres Leiters des Religionsunterrichtes würdig zu reagieren. Herr Dr. Ticho. der unmittelbare Chef des Herrn Dr. Redisch, seit Jahren engster Bundesgenosse der alles andere als mit dem liberalen Judentum kokettierenden Agudah, hat nun das Wort. Delegiertentag des Ungarischen Zionisteitverbandes Aus Budapest wird der «Stimme» berichtet: Am 18. September fand in Budapest unter starker Beteiligung aus Budapest und der Provinz der diesjährige Delegiertentag der ungarischen Zionisten statt. Eine vielhundertköpfige Zuhörerschaft folgte im Herzlsaal des Zionistenheimes aufmerksam den Verhandlungen. Die gesteigerte Beteiligung an dem diesjährigen Delegiertentag war dem Interesse zu verdanken, daß die Zionisten dem angekündigten großen Vortrag von Dr. Oskar Grünbaum, Präsident des Zionistischen Landeskomitees von Oesterreich, entgegenbrachten. Nach der Eröffnungsrede von Dr. Edward I z s ä k begann Dr. Oskar Grünbaum sein politisches Referat über die Lage der Zionistischen Bewegung. Seine Ausführungen sowohl über unser Verhältnis zu der englischen Regierung, Palästina-Administration und den Arabern wie auch über Ziele und Kraftverhältnisse der verschiedenen Zionistischen Parteien wurden wiederholt mit stürmischem Applaus unterbrochen. Sehr großes Interesse wurde auch den Ausführungen Dr. Grünbaums über die Notwendigkeit einer zionistischen Gemeindepolitik gewidmet. Die Bedeutung dieses Referates kam sowohl in den Kommissionssitzungen als auch in den Beschlüssen des Delegiertentages zum Ausdruck. Von hoffentlich bleibender Wirkung werden di« Verhandlungen bleiben, die über ein engeres Zusammenarbeiten der ungarischen Zionisten mit dem österreichischen Verband gepflogen wurden. Dr. Friedrich Fried erstattete Bericht über di« erfolgreiche Arbeit des vergangenen Jahres. Die$& Arbeit bestand im wesentlichen in der Reorganisation des Zentralbureaus, einer dreiwöchigen von überaus großem Erfolg begleiteten Propaganda-Tournee durch die wichtigsten Provinzstädte mit Dr. Werner Bloch (Berlin), Herausgabe einer guten Werbebroschüre über den Zionismus in 10.000 Exemplaren, Reorganisation und Ausbau der WIZO, Gründung zweier neuer Ortsgruppen, womit die Zahl der arbeitenden Ortsgruppen sich auf 7 erhöhte, ferner in der Errichtung eines neuen und repräsentablen Lokales und eines Vortragssaales. Nachmittag tagten die verschiedenen Kommissionen, als deren Ergebnis die Beschlüsse von der Plenarsitzung am Abend gefaßt wurden. Es wurde beschlossen, außer der weiteren verstärkten Propaganda Feuilleton Vom Golem zum Flugzeug Während des nationalsozialistischen Gautages in Wien, als die Braunhemden sich in wüsten Exzessen Austobten, führte Robert K r o n f e 1 d den Wienern seine Kunststücke im Segelflugzeug vor, so der Welt beweisend, wie sich der Jude nicht nur physisch, sondern vor allem geistig über die Niederungen des heutigen Lebens zu erheben vermag. Ein paar Monate vorher hatte Deutschland das Andenken des jüdischen Fliegers L i 1 i e n t h a 1 geehrt und dieser Tage wurde vor der Wiener Technischen Hochschule das Denkmal Siegfried Markus’ enthüllt, der das Automobil erfunden und sich auch schon mit den Problemen des menschlichen Fluges befaßt hat. In diesem Zusammenhang wird die Erinnerung an andere Juden wach, die der Flugtechnik die geistigen Wege gebahnt haben. Da Ist in erster Linie Popper-Lynkeus zu nennen, dem die Aeronautik die Erfindung des Luftkondensators, die Anwendung des Gyroskops, die Anregung zur Herstellung von Landungshäfen und eine Verbesserung der Porzellanschraube verdankt. Die Juden Davidsohn und Rumpler haben Flugmaschinen, David Schwarz, auf dessen Spuren Graf Zeppelin in die Unsterblichkeit einging, hat das lenkbare Luftschiff aus Aluminium erfunden. Schließlich zeugt das Luftschiffmodell eines Wiener Kürschnermeisters namens Golds c h m i d, das 1911 in Oesterreich patentiert wurde, wie weite jüdische Schichten von dem Interesse für technische Probleme erfaßt worden sind. Ist dieses Interesse eine Folge der Assimilation an die europäische Kultur oder ist es zutiefst im Urgrund der jüdischen Seele verankert? Die geheimsten Sehnsüchte der Menschenseele offenbaren sich nach Professor Freuds Psychoanalytik im Wunschtraum. Die Wunschtärume der Völker spiegeln sich in deren Mythen. Wir müssen also in den Born der jüdischen Sagen- und Märchenwelt hinabtauchen, um zu ergründen, ob und in welchem Rahmen die jüdische Seele die allgemeine menschliche Sehnsucht teilt, die tote Materie zum Leben zu erwecken und sich dienstbar zu machen, so erst wahrhaft zum Ebenbilde Gottes werdend. Und da stoßen wir auf die Prager Sage vom Golem, dieser Lehmfigur, die vom hohen Rabbi L ö w zur Abwehr der Judenverfolger geformt, lebendig gemacht und — schließlich wieder vernichtet wurde. Den Grund dieser Vernichtung enthüllt wohl am tiefsinnigsten das Golem-Drama des hebräischen Dichters L e i w i k, das bei der Habima seine Uraufführung erlebt hat, seither aber auch schon in polnischer Sprache vor konfessionell gemischtem Publikum mit großem Erfolge dargestellt worden ist. Es zeigt, wie die zu künstlichem Leben erweckte Materie ihren Erweckern und Nutznießern zum Verderben wird, sobald sie sie zum Werkzeug tödlicher Rache, zum Instrument der blutigen Vernichtung herabwürdigen. Welch erschütterndes Symbol für den Mißbrauch der technischen Errungenschaften im Kriege! Die moderne jüdische Mentalität hat mit diesem Mißbrauch nichts zu schaffen. Was jüdischer Geist heute hervorbringt, dient nicht dem Hasse, sondern der gegenseitigen Annäherung der Menschen. So wie Auto und Flugzeug die Entfernungen zwischen Ländern und Weltteilen verkürzen, so will jüdischer Geist alles Trennende zwischen Völkern und Rassen überbrücken. Welch ein Abgrund zwischen der Seelenverfassung, in der ein von Pogromgefahr verbitterter Jude den Golem schuf, und der, in welcher jüdische Erfinder der Neuzeit die Menschheit um wertvollste Errungenschaften der Technik bereichern! Die Brücke über diesen Abgrund führt uns Juden geistig aus dem seelenvergiftenden Milieu des Ghettos in die lebensbejahende Gemeinschaft aller Erlösungsgläubigen, in denen bewußt oder unbewußt die messianische Sehnsucht unserer Propheten sich den Geist befruchtend auswirkt. Dr. Hugo S p i e g 1 e r. Koheleth-Betrachtungen Von Benzion Zangen (Lemberg) Leben? Tod? Sünde? Ein Gerechter? Ein Sünder? Wo liegt der Sinn? Wo das Ziel des Seins? Es sind schon tausende Jahre her, und das «blonde Tier» müht sich vergebens um die Auflösung dieser komplizierten Probleme. Geschlechter kommen und gehen und jedes sucht auf seine Art zu dieser Auflösung der komplizierten Probleme zu gelangen und findet sie nicht. Und es peinigt noch immer den Menschen die Frage nach dem Sinn und dem Ziel des Daseins. Kings um ihn ewiger Kampf, ewiges Toben im Streit mit der Natur und seinem Bruder, — dem Menschen, Warum? Wozu? Für wen? — Es ist ein altes Lied, und es klingt aus den Seufzern der Herzen, wenn die Menschen einsam sind, in Schwermut oder Verzweiflung. Das sphinxhafte Leben aber fand einen Weg, um den Menschen seiner schrecklichen Einsamkeit zu entreißen, seine Gedanken riiit anderem als mit diesen Fragen zu befassen. Es gab ihm die Sorge um das alltägliche Leben, den Kampf ums Da-Sein. Es hat ihn umtäubt mit dem Streitgeklirr des Lebens, daß er keine Worte dieser Fragen mehr vernehme und nunmehr auch keinen Willen hat, diese Probleme zu lösen. Ein Streich der Possenreißerin — Natur.., Es soll keiner zu viel fragen und über das Dilemma: Seil

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