Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 249 (13.10.1932)
- Date
- 1932-10-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 249 - - 13. Oktober 1932 DIE STIMME Seite S Philosemit Gömbös? Zu Kriegsbeginn richteten L u d e n d o r f t und Zar Nikolaus II. an die Juden flammende Aufrufe: «An meine lieben Juden.» Ludendorff und der Zar brauchten eben jüdische Hilfe. Der Pogromzar und der deutsche Rassenantisemit, entdeckten plötzlich ihr Herz für die Juden. ln Ungarn befindet sich derzeit der neue Ministerpräsident Gömbös auf einer derartigen Entdeckungsreise. Er erklärte in seiner Antrittsrede lm ungarischen Abgeordnetenhaus: «-— Ich wünsche aber auch das Einvernehmen mit den Juden. Ich habe den Juden zu sagen, daß ich meinen Standpunkt revidiert habe. (Rufe: Hört! Hört!) Jenen Teil der Judenschaft, welche die Schicksalsgemeinschaft mit der Nation empfindet, will ich ebenso als Bruder anerkennen, wie meinen magyarischen Bruder. Ich sah im Krieg jüdische Helden, die die Magyaren heldenhaft geführt haben. Ich kenne Führer des Judentums, die zusammen mit mir für das ungarische Schicksal beten. Aber jenen Teil der Judenschaft, welcher sich in die ungarische Sohicksalsgemeinschaft nicht einfiigen will und kann, diesen werde ich ausstoßen.» S>pät, reichlich spät, entdeckt Gömbös sein Herz für die Juden. Vierzehn Jahre nach Kriegsende erinnert er sich plötzlich daran, daß es im Kriege jüdische Helden gegeben hat. Und er macht den Juden eine Reverenz. Im gleichen Atemzuge aber droht er ihnen mit der Peitsche. Und die ungarischen Juden, die den Terror der weißen Detachements, gebildet aus Horthys «besten Offizieren», mitgemacht haben, die trotz allem glühende Patrioten geblieben sind, verstehen, was ihnen Gömbös sagt: «Meine lieben Juden, ich werbe um Euere Gunst, Ungarn braucht Vertrauen im Auslande und — eine Anleihe. Tut brav mit, Ihr habt nichts zu fürchten, in den Kellern des Hotels Britannia werden Juden nicht mehr gemordet, Jüdinnen nicht mehr geschändet. Die Donau, in der so viele Juden «schwimmen lernten», ist stumm und auch die Wälder von Israk und Orgovany schweigen und Hejjas handelt mit Wcir. Liebe Juden, seid brav, sonst werde ich Euch aus der ungarischen Schicksalsgemeinschaft ausstoßen!» Spät, reichlich spät kommt die Reverenz des Jüdische Eltern! Kauf! Schulbücher für Eure Kinder in der lüdischen Buchhandluna HERMANN TUCHNER Wien, 2. Bezirk, Ecke Taborstraße 32 Lehrbücher für alle Lehranstalten in den richtigen Auflagen, auch antiquarisch, zu sehr mäßigen Preisen. Verzeichnisse kostenlos! Für Auskünfte: Telephon R 41-4-20 Spesenfreie Zusendung überallhin! Feuilleton Der Prager Kaddisch Eine alte Jom-Kippur-Legende, erzählt von A. Efraimowitsch. Wenn Jom-Kippur-Abend zu Prag die Altneuschul sich füllt, wenn alle Beter ihre weißen Kittel angezogen haben und das Rauschen der Erwartung endgültig abgeklungen ist, wenn die Zeit kommt, daß der Chasan sich ans Pult stellen muß, Kol-Nidre sagen, — dann heißt ihn, Jahr für Jahr, der Rabbiner von der Ostwand her . . . schweigen. Er wendet sich von seinem Platz, tritt neben den Vorbeter und spricht den «Prager Kaddisch . Einen Kaddisch, der in keinem Fcstgebet vorgesehen ist, in keiner Stadt üblich, in keiner Synagoge Brauch. Nur hier. Jahr für Jahr ist es eine seltsame Pause, die sich so zwischen Erwartung und Kol-Nidre schiebt. Jahr für Jahr geht durch den Raum dunkle Erinnerung an ein Geschehen, dessen sich keiner mehr recht entsinnt. Alter Brauch, sagen die Leute. Kaum einer weiß mehr, warum er geübt wird. Nur in verschollenen Büchern noch findet man seine Geschichte. $ In den alten Büchern nämlich steht darüber: Im Jahre 5338 nach Erschaffung der Welt, das ist im 1577. Jahr nach der Zeitrechnung der Völker, am Jom-Kippur um die Abendstunde war zu Prag, in der Schammesgasse, eine Frau daran, zu gebären, im Zimmer stand nur ein Jom-Kippur-Licht. Dicht vor ihm saß der Herr des Hauses, ein alter Mann, und lernte. Sein Schatten fiel dunkel und groß auf die Wand und verdeckte den Winkel mit der Betttruhe, auf der die Wöchnerin lag. Schon nach der Zeit des Gebets, so wird erzählt, geschah es, daß die Frau in ihren Wehen laut aufschrie und der Mann erschreckt sich vom Tisch zu ihr hinwandte. Dabei stieß sein Arm an das Licht, es fiel herunter und verlosch. Unheimlich klang das Stöhnen der Frau ins Dunkle. Der Mann stand auf und wollte das Licht wieder anzünden. Aber er besann sich — Jom-Kippur. Da wandte er sich, in die Gasse zu gehen und einen Nichtjuden zu suchen, daß der für ihn Feuer mache. Es war schon spät am Abend, wird berichtet. Von der Schammesgasse bis zum jüdischen Rathaus war kein Mensch mehr auf der Straße. Nur im Tor, ganz am Rande der Judenstadt, dort wo die Brücke zum Hradschin hinüberführt, stand die Wache, die kaiserliche Wache. Der Mann trat in den Torbogen. An einem Erker lehnte der Wachtkorporal, ein junger Mensch. Der Jude schilderte ihm, weshalb er durchs Ghetto streife, daß seine Frau in Weben liege, daß ihm verboten sei, Licht anzuzünden, und Herrn Gömbös vor dem ungarischen Judentum. Die Söhne dieser ungarischen Juden können die Hochschulen nicht besuchen und irren in der Welt umher. Man hat ihnen alle Staatsanstellungen verschlossen, aber ihre Väter dürfen — Steuern zahlen, bis zum Weißbluten. Und nun kommt Gömbös und drückt die «stinkenden Juden» an sein magyarisches Herz. Wir wollen abwarten, was nachher kommt. Emil Ludwig für den Zusammenschluß der Juden Ein Bekenntnis des berühmten Schriftstellers In Genf begann unter der Redaktion des französisch-jüdischen Schriftstellers JosuS Jehouda eine jüdische Monatsschrift, «La Reine Juive de Geneve», zu erscheinen. Im Programmartikel erklärt Jehouda, die neue Zeitschrift solle helfen, eine moderne Synthese des jüdischen Gedankens zu finden und die internationalen Kreise über jüdische Probleme aufzuklären. Die erste Nummer der Zeitschrift enthält Beiträge von Stefan Zweig, Andre Spire und anderen bekannten Schriftstellern, sowie Begrüßungszeilen vom Oberabbiner von Frankreich Israel Levi, Minister Justin Godart, Senator De Monzie, Edmound Fleg u. a. m., schließlich einen Bekenntnisartikel Emil Ludwigs, der ausführt: «Nicht nur der Politiker, auch der Denker erzieht in sich ein Gefühl für Epochen, die Ihn mahnen. Sein Ohr gewöhnt sich den Schlag der Stunde zu erkennen, der lauter ist als gestern und als morgen. In solchen Stunden soll er vortreten und warnend auf die Uhr der Zeiten weisen. Eine neue jüdische Zeitschrift könnte kein besseres, das heißt notwendigeres Datum, zu ihrem ersten Erscheinen finden, als dieses. Rings droht Gefahr. Wenn je, so müßten sich jetzt endlich die Juden der Welt zusammensch ließen. Ich sage dies mit um so größerem Ernste, als ich in dieser Bewegung ein Neuling bin. Bis zum 40. Jahre wußte ich kaum, daß ich Jude war, weder Erziehung noch Bildung hatten mich darauf verwiesen. Die Ermordung Rathenaus traf mich als erstes Zeichen; wenige Tage darauf trat ich aus der christlichen Kirche, der ich formell angehörte, und ließ die Oeffentlichkeit wissen, daß ich mich zu einem Stamme bekenne, der mehr als früher verfolgt wird. So wenig ich mit dem Dogma zu tun habe, so sehr die Bildung meines Herzens und Geistes von beiden Testamenten entfernt lebt, so entschieden habe ich mich vor der Welt zu diesem Stamme bekannt. Was vor zehn Jahren, bei Rathenaus Ermordung, wie eine große Warnung erklang, ist heute Erfüllung geworden. Alle Kulturgüter, die die Juden zur deutschen Musik, zum Schrifttum, zum Theater, zur Malerei beisteuerten, werden von einer rohen Menge verachtet, die weder diese noch die germanischen kennt. Und all dies nur in Deutschland! So gewiß es einen gewissen Antisviitisrnus auch in Frankreich, Amerika, auch in anderen Ländern gibt, so wenig herrscht er dort. er bat: man solle ihm einen Soldaten mitgeben, das Licht anzuzünden, nach dem Festtage werde er ihn dafür entlohnen. Der Korporal trat in die Wachtstube, der Jude wartete draußen. Dann kam ein Soldat heraus und ging hinter dem Juden her in die Schammesgasse. Er stieg mit hinauf ins Zimmer der Wöchnerin, entzündete das Licht und wandte sich wieder zum Gehen. Nach ein paar Sekunden hörte inan auf der Treppe einen Fall. Der Soldat war gestürzt. Wie der Jude sich über ihn neigte, sah er: der Wachsoldat war tot. * Das bedeutet: Die Judenstadt war in Lebensgefahr. Und Rettung schien unmöglich. Am besten noch war es, sofort dem Korporal Mitteilung zu machen. Merkwürdig: der nahm die Nachricht vollkommen ruhig auf, riet, den Toten davonzutragen, ihm eine Branntweinflasche in die Tasche zu stecken und vor einem Wirtshaus der Innenstadt niederzulegen. Zweifellos sei er, auch ohnedies, nur in seiner Trunkenheit gestürzt. Die Juden wunderten sich, daß der Korporal ihnen solchen Rat gab. Aber mißtrauisch zu sein, hätte keinen Sinn gehabt. Sie nahmen den Leichnam, trugen ihn unbemerkt in die Innenstadt, legten ihn aufs Pflaster nieder und kamen zum Korporal zurück. Er werde sehen, die Gefahr abzuwenden, versprach dev. Sobald es ganz gelungen sei, wollte er dem Rabbiner Mitteilung machen. Geldangebote lehnte er ab. * Jom-Kippur war vorbei, es waren ein paar Wochen ängstlicher Ungewißheit über die Judenstadt gegangen, aber geschehen war nichts. Man hatte Montag und Donnerstag jeder Woche zum Fasttag erklärt, erzählen die alten Aufzeichnungen, man hatte sich in den Bethäusern zum Psalmenlesen versammelt, um das Verhängnis abzuwenden, aber weder hatte das Verhängnis sich ereignet, noch war vom Korporal an den Rabbiner die Nachricht gelangt, daß es nicht mehr zu befürchten sei. Bis eines Tages sich ein Soldat beim Rabbiner melden ließ und berichtete: Er sei der Korporal. Es sei ihm gelungen, alles Gerede im Keim zu ersticken, Gefahr für die Juden bestünde nicht mehr, aber — er habe eine Bitte an den Rabbiner, eine persönliche Bitte. Er sei Jude. Er stamme aus dem Polnischen. Als junger Mensch in reichem Haus verheiratet, hatte er in berühmten Talmudschulen gelernt. Und so, sagte er weiter, bin ich dann Korporal geworden: Mein Vater hatte einen Bruder in Amsterdam, von dem wir eigentlich erst erfuhren, als er — starb. Man teilte uns mit, als einzige Erben seines großen Vermögens käme nur Canaan Trasteeshlp Co., Jerusalem niDtnoiDK man ll AP# Informationen, Ideen, Vorschläge, PlänGb II VI Bl I Programme, Kostenvoranschläge, die Gründung, Abwicklung, Leitung und DCSSIwü ppB Ueberwachung von Unternehmungen odef Geschäften in Erez Israel. Vertreter für Oesterreich: Ludwig Gutmann, Wien, I* Flelschmarkt 22, II., III., 56. Mündliche Besprechung nach vorheriger schriftlicher oder telephonischer (R-25-7-79) Vereinbarung. Nachdem man eine gewisse Veranlagung mit vollem Unrecht «le vice allemand» genannt hat, sollte man so den Antisemitismus nennen, mit dem sich das deutsche Volk heute mehr als vor 50 Jahren vor aller Welt schändet. Ich habe viele große Männer der Vorzeit und der Gegenwart studiert. Nie habe ich unter ihnen einen Antisemiten gefunden. Bismarcks Worte aus dem Gespräch von 1892 sind bekannt; auch daß er fünf Jahre lang zum Arzt und 30 Jahre lang zum Bankier sich Juden wählte, also Gesundheit und Vermögen ihren Händen anvertraute. Bei Goethe finden sich vier Stellen, in denen er die Juden mit den Deutschen vergleicht; ich habe sie in einer Anthologie zitiert. Von Mussolini und Masaryk, von Briand, Nansen oder Edison habe ich nichts als Verehrung für die Gaben und den Charakter der Juden vernommen. Nur in Deutschland herrscht diese Pest... Wir können sie nur bekämpfen, wenn wir mit entscheidenden Händen die von uns abschließen, die verkünden, sie wollen sich von uns abschließen.» SCHULE FÜR KÖRPERBILDUNG 1PUDE KLEIN Diplomierte Gymnasriklehrerin der Schule Hellerau, VI., Theobaldgasse 19 (Ecke Mariahilferstraße 27,, Mezzanin), Telephon A 39-3-45 Gymnastik, Rhythmische Gymnastik, Tanz (Akrobatik, Ballett) Kurse für Kinder, Damen und Herren Kurstage: Dienstag, Mittwoch und Freitag von 9 bis 21 Uhr. An den anderen Tagen: Kurse und Einzelstunden in den verschiedenen Bezirken. Gutschein. Dieser Gutschein berechtigt für eine unverbindliche Probestunde nur Dienstag, Mittwoch und Freitag von 9 bis 21 Uhr. unsere Familie in Betracht, der Vater solle nach Holland kommen und die Erbschaft antreten. Mein Vater aber war alt. Er konnte die Reise nicht mehr wagen. Er übertrug sie mir. Ich fuhr. Ich ließ meine Frau und ein kleines Kind zurück und fuhr. Vier Wochen lang. Dann war ich in Holland und nur noch Tage von Amsterdam entfernt. Kurz vor dem Ziel hielt mich der Sabbat auf, ich mußte die Reise unterbrechen und in einem Gasthaus übernachten. In der Nacht brannte das Gasthaus ab. Mit ihm all meine Dokumente und Geldscheine. Am Morgen jenes Sabbat war ich ein armer Mann in einem fremden Land, einer, der nur noch bettelnd sich hätte zurück nach Hause schleppen können. Ich wandte mich an einen Juden der Stadt um Hilfe. Und ich bekam sie, freigiebiger und bereitwilliger, als ich je hätte hoffen dürfen. Der Mann nahm mich auf, lieh mir Geld, führte für mich die Verhandlungen um Ersatz meiner Papiere, ließ fiir mich den Prozeß um die Erbschaft austragen, machte Reisen und Interventionen, kam schließlich zum Ziel und erhielt die Anweisung auf Auszahlung der großen Nachlaßsumme, er verpflegte mich während all der Zeit, er sorgte für mich wie ein eigener Vater, er schrieb mir meine Briefe, er hielt mir meine Reden, aber — er war ein Schwindler. An dem Tage, an dem er die Erbschaftssumme in der Hand hatte, verschwand er mit ihr. Dieses ganze Hin-und-Her, die Verhandlungen die Untersuchungen, die Prozesse und Bemühungen hatten zwei Jahre lang gedauert. So einfach die Angelegenheit von vornherein ausgesehen hatte, um so verwickelter zeigte sie sich, je mehr Zeit verging. Während dieser ganzen zwei Jahre hatte ich keine Nachricht von zu Hause erhalten. Ich wußte nicht, was mit meiner Familie geschehen war, ich verstand nicht, weshalb sie auf meine Briefe nicht antwortete, ich war in so aufgeregter Unruhe, daß ich nun, als in Amsterdam für mich doch nichts mehr zu retten und zu erwarten stand, wie fiebernd zurück nach dem Polnischen reiste. Am meisten quälte mich natürlich der Gedanke an meine Frau. Kann sein, dachte ich, daß sie inzwischen mich verschollen glaubte, daß sie einen anderen geheiratet hat, daß sie aus der Stadt foitgezogen ist, wo wir zusammen wohnten. Wenn ich deshalb schildern sollte, mit welchen Gefühlen und Gedanken ich nachts in meiner Heimatstadt ankam, wie ich durch die Straßen auf mein Haus zuging, — ich müßte Engelszungen haben. Ich hatte unterwegs gehört, daß inzwischen Polen zweigeteilt worden war, aber die Nachricht war an mir vorübergegangen wie eine vom Wetter oder der Ernte, sie berührte mich nicht, ich dachte nur an meine Frau. Das Haus, in dem wir gewohnt hatten, stand offen, diü Stiege, die zu meinen Zimmern führte, knarrte nur