Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 248 (6.10.1932)
- Date
- 1932-10-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 248 — 6. Oktober 1932 DIB STIMME Seite « Der Kampf tfetien die jQdlsdten DflhncRkflnstlcr Id Deafthland Ein anisehenenegender Ariihcl Leopold lessners, des enemsilgen General- Iniendonien der Siaalildicn Schauspielhäuser ln Berlin In einem im preußischen Landtag angenommenen Antrag heißt es: ln Zukunft soll «nichtdcutschstämniigen» Künstlern das Wirken an Landestheatern unterbunden werden, das heißt «Verträge mit nicht reichsdeutschen oder nicht deutschstämmigen Bühnenkünstlern gekündigt oder nicht erneuert werden», ln der Begründung zu diesem Antrag behauptete einer seiner Fürsprecher, «daß den Juden jedes Verständnis für die deutsche Kunst fehle». Gegen solche kulturfeindliche und die zahlreichen Schöpfungen des jüdischen Genius in der deutschen Kunst verleugnende Tendenzen nimmt in dem soeben erschienenen Oktoberheft des von der Jüdischen Gemeinde in Berlin herausgegebenen Gemeindeblattes in einem mit «Der Kampf gegen die jüdischen Bühnenkünstler» betitelten Artikel Professor Leopold Jeßner, der frühere Generalintendant der Staatlichen Schauspielhäuser, Stellung. Wir finden in dem objektiven und sachlichen Artikel Jeßncrs die folgenden bemerkenswerten Ausführungen, die auch mit Rücksicht darauf, daß unter den von dem nationalsozialistischen Boykott betroffenen Künstlern zahlreiche Oesterreicher sind, das große Interesse einer breiteren Oeffentlichkeit finden werden. Aus dem objektiven und sachlichen Artikel Jeßners geben wir die folgenden bemerkenswerten Ausführungen wieder. D. Red. . . .Ehe der Sprecher behauptet, daß «die semitische Rasse niemals, im Gegensatz zur nordischen Rasse, auf dem Gebiete der Kunst schöpferisch hervorgetreten sei», müßte er sich wenigstens belehrt haben lassen, daß es Rassen in seinem Sinne nicht gibt, daß es der Jude Felix Mendelssohn war, der die schon in Vergessenheit ruhenden protestantischen Meisterwerke Johann Sebastian Bachs der Kultur wieder zuführte, müßte sich belehren lassen, daß es wiederum dieser Semit Mendels- Jüdische EHem! Kauf! Schulbücher für Eure Kinder in der lUdischen Buchhandlung HERHANN TUCHNER Wien, 2. Bezirk, Ecke Taborstraße 52 Lehrbücher für alle Lehranstalten in den richtigen Auflagen, auch antiquarisch, zu sehr mäßigen Preisen. Verzeichnisse kostenlos! Für Auskünfte: Telephon R 41-4-20 Spesenfreie Zusendung überallhin! ■aaaeBEN .■111 ■■'.■i'.'f "ggea Feuilleton Schmelz, der Nibelunge In der Vorkriegszeit gab es in Wien einmal eine sensationelle Theaterpremiere. Ein Vorstadttheater brachte ein Stück aus dem Studentenmilieu zur Uraufführung und das Ueberraschende bestand darin, daß dieses Milieu nicht nach dem üblichen Klischee (siehe «Alt-Heidelberg!») als eine sentimentale Stimmungskomponente von Lenz und Liebe gezeichnet war, sondern als eine Keimzelle sinnlosesten Hasses — des Rassenhasses. Der Dichter führte uns in das Kneiplokai der deutschnationalen «Nibelungen». Dort tauchte eines Tages ein jüdischer Hausierer auf, wird von den strammen Burschen mit Spott und Hohn überschüttet und rächt sich dafür, indem er in einem der Kommilitonen seinen — des Juden! — eigenen Sohn entlarvt. Selbstverständlich hat dieser — Schmelz, der Nibelunge — als Mitglied der antisemitischen Verbindung, als deren Zierde er bis zur Deklarlerung seiner jüdischen Abstammung gegolten hatte, ausgespielt. Er wird «cum infamia chassiert». Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie das Stück ausging; das war auch gleichgültig, denn das Aufwühlende, das der Dichter gestaltet hatte, lag hier nicht in dem Schicksal eines einzelnen, sondern in der Geißelung der Entwicklung, die das Studentenleben soeben, in den Tagen Schönerers, genommen hatte. Die Behandlung einer so hochpeinlichen Zeitfrage auf der Bühne galt damals — ein Menschenalter vor Piscator — als eine Sensation. Heute ist man derlei aktuelle Diskussionen in dramatischer Form schon gewohnt. Trotzdem wirkt der gerade in diesen Tagen publik gewordene zweite Teil des angeführten Stückes noch viel sensationeller als der längst verstaubte erste Teil. Die Aufsehen erregende Fortsetzung des Dramas stammt nämlich von einem viel größeren und raffinierteren Dichter, ja, dem genialsten Künstler aller Zeiten: dem Leben selbst. Der Verfasser des alten Bühnenstücks, Franz Adamus, war ein schlichter Gymnasiallehrer namens Friedrich Bronner, der Held des Satyrspieles, das das Leben diesem Drama jetzt folgen läßt, heißt Bronnen und steht zu Bronner in demselben verwandtsohn war, der uns Deutschen das Lied «Es ist bestimmt in Gottes Rat» geschenkt hat. Daß es der Jude Gustav Mahler war, der aus «Des Knaben Wunderhorn» seine Lieder erklingen ließ. Daß es Possart war, der während seiner Intendantentätigkeit in München die Mozart-Renaissance schuf. Daß es des Juden Angelo Neumann großes Verdienst war, den damals noch heiß umstrittenen Richard Wagner in entscheidender Darstellung mit durchgesetzt zu haben. Und sollte jüdischen Kapellmeistern «jedes Verständnis für die deutsche Kunst fehlen?» Etwa Hermann Levy, den Richard Wagner selbst und ausdrücklich dazu bestimmte, sein christlich-germanisches Weihespie! «Parsival» in der ersten Bayreuther Aufführung zu dirigieren? Dieser Vollblutjude, Sohn eines Rabbiners, der neben Frau Cosima der künstlerische Sachwalter des Wagnerschen Bayreuther Erbes wurde. Etwa Josef Joachim, Gustav Mahler, Bruno Walter, Leo Blech, Otto Klemperer, diesen hervorragenden Bruckner-, Brahms- und Beethoven-Dirigenten, die doch nach geltender Auffassung alle «Judenstämmlinge» sind. Von blamabler Unwissenheit aber zeugt es, wenn der für das deutsche Theater höchst förderliche Einfluß jüdischer Schauspieler, Regisseure, Dramaturgen und Theaterführer mit dem Hinweis in Abrede gestellt wird, Jom Kippur Bald ist Nileh . . . Abendschleier fällt schon dichter Um das Bethaus, wo in Kittels wir ermatten, Totenengel schwebt und wirft Gespensterschatten Ueber Thorarollen, blasse Seelenlichter. Bald wird Gott besiegeln seinen Urteilswillen, Wer soll glücklich leben, reich, ln Pracht und Freuden, Wer durch Feuer, Wasser, sterben soll, wer leiden, Wen sott Pest wegraffen, Hungertod umhüllen. Und der Schöpfer zählt schon edle Taten, Sünden, Al Chet-Tränen fallen in die Gotteswaage, Jeder hofft, daß Schofar wird uns Glück verkünden... Heimlich zitternd, still Ich Gott und Sterne frage: Bleiben ungestillt noch alte Heimatwehen? Adonail was wird um Israel geschehen? D r. Karl Rosenfeld. schaftliclven Verhältnis, wie Schmelz, der Nibelunge, zu seinem Entlarver, dem jüdischen Hausierer: Er ist sein Sohn. Bronner war Jude, Bronnen ist — Nationalsozialist. Aber trotz der Diskretion des alten Bronner ist die Abstammung des jungen Bronnen bekannt geworden. Dieser ist kein Lohengrin und die Wiener Leopoldstadt kein Montsalvat, «unnahbar .Euren Schritten». Es herrscht vielmehr reger Verkehr zwischen den Literatencafes an der Donau und denen an der Spree, und so konnte es in bezug auf Bronnen nicht verborgen bleiben, «woher er k'am der Fahrt und wie sein Nam’ und Art». Die Rassengläubigen, die sonst ein X für ein U nehmen müssen, brauchten sich nicht auch noch ein n für ein r vormachen zu lassen. Bronner — ein Dichter, Bronnen — auch ein Dichter, man benötigte wahrhaftig kein Kolleg bei Günther, um zu erkennen: «Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.» Und dieser Stamm ließ eine Wiederholung des tragischen Mißgeschicks von Schmelz, dem Nibelungen, erwarten. Ein schimpfliches Abrücken der Hakenkreuzler von dem ihnen sich anbiedernden Judenstämmling schien unvermeidlich. Doch das Leben schindet nicht Tragik nach der Schablone, sondern zieht überraschende Wendungen vor. Der Psychoanalytiker Freud sieht im unerwarteten Abklingen einer sich scheinbar tragisch vollenden wollenden Entwicklung das Wesen des Witzes. Und wirklich darf die Welt lachen: Schmelz, der Hakenkreuzler, nein — pardoni — Bronnen, der Nibelunge, wird amtlich mit der Aufnordung des früher von der Verjudung bedroht gewesenen deutschen Rundfunks betraut . . . Wieso konnte das bei Osafs Rassenschnüffelei passieren? Hier erstirbt jedes Lachen. Alle Mütter der Welt müssen aufschreien vor Scham und mit Arnolt Bronnens Mutter weinen. Denn Arnolt Bronnen, der Nibelunge, kaufte sich sein Entreebillett», nicht etwa «zur europäischen Kultur», von Kultur kann da keine Rede sein, aber ins «Braune Haus», durch eine niederträchtige Besudelung — seiner eigenen Mutter. Mit dem getauften, aus Oswiecim stammenden Vater kann er bei den Nazis keinen Staat machen. Aber die Mutter, die ist waschechte Christin; und so erzählt Arnolt, der Nibelunge, frisch, fromm, fröhlich, frei, sein Vater sei nur sein «gesetzlicher» Vater; sein wirklicher Erzeuger sei «daß den Juden jedes Verständnis für die deutsche Kunst fehle». . . . Unter den Theatermännern waren es gerade Juden, die in den letzten Generationen für die Entwicklung der deutschen Bühne dominierend und grundlegen gewirkt haben: Adolf L’Arronge, Otto Brahm, Max Reinhardt, wie auch nach dem Kriege der Einfluß dp» jüdischen Theaterleiters sich entscheidend geltend | machte. Die produktive Tätigkeit des deutschen Juden für das Theater liegt innerhalb der reproduktiven Sphäre. Regisseure und Kapellmeister, nicht Dichter und Komponisten, stehen in erster Reihe. Unabhängig von der damals ausgeübten Kunst Stanislawskis war die Wirkung Otto Brahms. Unabhängig von der gleichen Kunst war die Wirkung L’Arronges. Selbstschöpferisch war die Reformidee Max Reinhardts. Die schöpferische Leistung jüdischer Theatermänner galt — daran kann nicht genug erinnert werden — den teilweise noch ungehobenen Gütern germanischer Kultur. Adolf l’Arronge entdeckte sozusagen in neuer Art die deutschen' Klassiker, vor allem Kleist und QriUparzer. Otto Brahm wurde der Prophet des nordischen Henrik Ibsen und führte den urdeutschen Gerhart Hauptmann zur vollen Entfaltung. Max Reinhard war wiederum ein Neuschöpfer der deutschen Klassiker, die er auf der Bühne des Vorkriegstheaters mit Standard-Aufführungen belebte. Und auch nach dem Kriege war der jüdische Geist um das Werk des deutschen Theaters bemüht, indem er den klassischen Bestand von unzeitgemäßem Staub zu befreien suchte und die aufkommende Dichtung sprechen ließ. Früher nahm man diese jüdische Leistung hin und anerkannte sie. Wenn es auch vor dem Kriege einen Antisemitismus gab, und zur Zeit TArronges sogar eine antisemitische Welle (Stöcker), so wurde doch das Theater damals noch nicht als so wichtig erkannt, um es in das Arbeitsgebiet des Antisemitismus hineinzuziehen. Erst nach dem Kriege gehörte es zur Propaganda der antisemitischen Bewegung, auch das deutsche Theater zur Zielscheibe ihrer politischen Betätigung zu machen. Wenn der Antisemitismus es oftmals als Verjudung des Theaters bezeichnet hat, daß sich die Privattheater vorwiegend ln jüdischen Händen befinden, so ist die Erklärung für diese Tatsache gewiß nicht darin zu suchen, daß es sich hier um einen geschäftlichen Beruf Beh. konz. RealbUro ING. M. MUHLBAUER Kauf und Verkauf von Realitäten, Hypotheken I., II. und III. Sätze, Bau- und Zwischenkredite, Gebäudeverwaltung; Büro: 2., Leopoldsgasse 26 Tel. A-49-2-47 Wohnung: 2., Vorgartenstr. 150, Tel. R-41-8-88 ein echter Arier gewesen, mit dem seine Mutter Ehebruch getrieben habe; er, Arnolt, mit t bitte, sei reinrassig, pardon, rassenrein. Bestaune, o Welt, den neuesten Typ des jüdischen Assimilanten, den Hakenkreuzjuden, und sein erstes gelungenes Exemplar, Arnolt, aus dem uralten ostmärkischen Geschlechte derer von Bronnen aus Oswiecim! . . . Bronner, der Vater, hatte einen für das akademische Leben ln Oesterreich typischen Fall auf die Bühne gebracht; das Leben, das die Burleske von der Hakenkieuzler-Karriere Bronnens, des Sohnes, gestaltet hat, erscheint von dem entgegengesetzten Autoren-Ehrgeiz besessen: Es will dem originellen Einfall den Charakter des Typischen verleihen. Während sich das Publikum noch Uber die Rundfunk-Groteske amüsiert, sieht es zu seiner heitersten Ueberraschung im Konkurrenzunternehmen des Hitler-Theaters, im «Stahlhelm», ein ganz ähnliches Sujet in Szene gehen. Der «Stahlhelm» ist bekanntlich eine Gründung der ersten Nachkriegszeit, bestimmt, den deutschen Frontgeist wach zu erhalten und der Politik nutzbar zu machen. Dieser Frontgeist wurde als ein arisches Spezifikum hingesteilt, das Juden wesensfremd ist. Vergebens wurde von jüdischer Seite auf den Heldentod von 12.000 deutschen Juden, auf die vielen jüdischen Kriegsinvaliden und den auch sonst an den Tag gelegten vorbildlichen Patriotismus der Juden hingewiesen. Die Stahlhelmführer Seite und Düsterberg haben wohl mit der Zeit, des Nachwuchses wegen, auch Arier, die nie an der Front gewesen waren, niemals aber Juden, mögen sie sich auch die höchsten Kriegsdekorationen erkämpft haben, in ihre Reihen aufgenommen. Und nun enthüllte nationalsozialistische Indiskretion plötzlich die Tatsache, daß niemand geringerer, als der lW-it-Entdecker des arischen Monopols auf den Frontgeist, der Reichspräsidenten-Kandidat des «Stahlhelm», Oberst Düsterberg, der Enkel eines Vorsitzenden der Paderbomer jüdischen Gemeinde mit dem eindeutigen Vornamen Abraham Selig Ist! Dem so aus allen arischen Himmeln Gerissenen fiel im ersten Schreck nichts Gescheiteres ein, als den Vagabunden aus einer Nestroy-Posse zu kopieren, der auf die Frage nach seinem Vater den Bescheid gibt: «Ahnenstolz war nie meine Schwäche. So weit zurück habe ich daher diu Geschieht« meiner Familie nie verfolgt» Düsterberg