Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 248 (6.10.1932)
- Date
- 1932-10-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3053752-3053963-3054002--3159-3058651- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 3 DIE STIMME i\i. 240 — o. Oktober 1931 Mm hat auch Schüsse gehört Die Verantwortung der verhafteten Hakenkreuzler ist erade2u grotesk. Sie behaupten nämlich nichts anderes, als aß sie in die Große Sperlgasse fahren mußten, um einigen Kameraden, die dort vor dem Bethaus «attackiert» wurden, su Hilfe zu kommen. Sie hätten so 'ar Zeugen dafür, daß *us dem Bethaus auf ihre Leute geschossen worden sei. Diese Verdächtigung von Menschen, die an einem hohen Feiertag ihrer religiösen Pflicht nachkommen und auf den Weg ins Bethaus selbstverständlich keinen Revolver mitnehmen, scheint schon mit dem Plan des Ueberfalles selbst verabredet worden zu sein. Sie ist selbstverständlich vollkommen unsinnig. Viel wahrscheinlicher ist, daß die Hakenkreuzler gegen das Bethaus geschossen haben, da mehrere Zeugen Detonationen gehört haben wollen. Möglicherweise wurden sie auch durch den knallenden onT getäuscht, den das Zerschlagen stark gespannter Spiegelscheiben verursacht. Die polizeiliche Untersuchung hat bisher in dieser Richtung kein abschließendes Resultat ergeben. Der Ueberfall organisiert Die Polizei beschäftigt sich jetzt hauptsächlich mit den Erhebungen, wer den Ueberfall organisiert hat. Das Kommando der Hakinger, das die Verantwortung trägt, konnte bisher nicht ermittelt werden. Die verhafteten Nazi stellen selbstverständlich ein einheitliches Vorgehen in Abrede, doch neigt auch die Polizei zu der Ansicht, daß sie auf Befehl gehandelt haben. Dafür spricht nicht nur die Art des Ueberfalles. Bereits vor den Vorfällen in der Großen Sperlgasse hatten sich in der Leopoldstadt nationalsozialistische Sturmtrupps betätigt. Es ist auch sicher, daß der telephonische Anruf, den unmittelbar vor dem Ueberfall die Besitzerin des Lokals erhielt, aus nationalsozialistischen Kreisen selbst stammte. Tatsache ist, daß der Ueberfall nur deswegen so rasch durchgreifend vor sich gehen konnte, weil vor dem Bethaus kein einziger Polizist Wache stand. Daß dies der Fan war, erscheint nach den Versicherungen doppelt merkwürdig, die das Polizeipräsidium am Samstag öffentlich gegeben hatte, daß alle jüdischen Bethäuser unter besonderen Pollzeischutz gestellt und dadurch jeder nationalsozialistische Angriff unmöglich gemacht sei. Es wird daher noch zu überprüfen sein, wieso gerade vor dem Bethaus in der Großen Sperlgasse, das sich noch dazu in unmittelbarer Nähe des Poli/.eikommissariates befindet, keine Polizeiwache bereit gestellt war. 4 Berichte von Augenzeugen Die Nazi haben am Neujahrstag in der Leopoldstadt wie die Vandalen gehaust. Sie haben sich nicht nur den feigen Ueberfall auf das Bethaus in der Sperlgasse geleistet, sondern den ganzen Nachmittag über die Straßen dieses Bezirkes unter eine förmliche Terrorherrschaft gestellt. Die Polizei hat wieder mehr gegen die Ueberfallenen Stellung genommen als gegen die Rowdys. Der «Abend» erhebt Beschuldigungen gegen Wacheorgane Ein Augenzeuge des Ueberfalts gibt dem «Abend» folgende Schilderung, die eine schwere Anklage gegen einzelne Polizeibeamte bedeutet. Der Mann ist ein Geschäfts- -mann aus der Inneren Stadt und erklärt, für jedes Wort seiner Darstellung vor jedem Forum einzutreten: Er erzählt: Das Betha<us ist ein sehr kleiner Raum. Es wird größtenteils von orthodoxen Juden besucht. Vor allem waren es fast durchwegs alte Männer, welche hier ihre Andacht verrichteten. Die Nationalsozialisten schlugen in wenigen Augenblicken d''e Fenster ein, schossen in das Bethaus und hieben mit Stahlruten auf die Betenden los. Nur zwei jüngere im Bethaus anwesende Leute setzten sich zur Wehr und versuchten die Nationalsozialisten am Eindringen zu verhindern. Ich habe mir den Nationalsozialisten, der als erster einen Revolverschuß abfeuerte, genau gemerkt. Als die Wache kam, zeigte ich einem Wachmspektor den Mann und sagte: Herr Inspektor, dieser Herr hat geschossen. Bitte nehmen Sie ihn fest. Wir werden bei ihm den Revolver noch finden. Der Wachebcamte antwortete mir: Sind Sie ruhig, sonst lasse ich Sie verhaften! Er ließ den Nationalsozialisten, der die Schüsse ms Bethaus abgefeuert hatte, unbehindert Weggehen. Der größte Teil der Wache wandte sich aber nicht gegen die Nationalsozialisten, sondern gegen die Ueberfallenen. Mit dem Gummiknüttel und gezogenem Säbel ginen Wachleute gegen die Ueberfallenen vor. Ich selbst beam einen schweren Schlag mft dem Gummiknüttel über den Hinterkopf. Als ich später auf das Kommissariat ging, um vom Polizeiarzt die Verletzung feststellen zu lassen, wurde mir erklärt, es sei kein Polizeiarzt anwesend. Ich bin bereit, meine Wahrnehmungen sowohl vor der Polizei als auch vor einem gerichtlichen Forum zu bestätigen.» Völkerbundrat bedauert Einsteins Aus« scheuen aus der Völkerbundkommission (iir internationale geistige Zusammenarbeit Genf. Der Völkerbundrat hat bei der Neuorganisation der Völke.bundkomnrssion für internationale geistige Zusammenarbeit mit Bedauern von der Demission Prof. Albert Einsteins als Mitglied dieser Kommission Kenntnis genommen und ernannte an seiner Stelle den Direktor der preußischen Staatsbibliothek Geheimrat Dr. Krueß. J.gjvaz JHUii&eK und ffum II., Scherzergasse 12, wünschen allen Verwandten, Freunden und Gesinnungsgenossen ein | Nation oder Konfession— der Jude wird verbrannt Die Vorbereitungen zu den Kultusgemeindewahlen kommen allmählich in Gang. Die Parteien beginnen zu rüsten. Wahlkomitees treten zusammen. Versammlungen und Wahlaufrufe werden vorbereitet. In der jüdischen Öffentlichkeit ist allerdings vorderhand von der Wahlbewegung noch nicht viel zu merken, denn, was hinter den Kulissen vorgeht, wird sorgsam geheim gehalten. Alles ist noch im Werden, die zukünftige Konstellation des Wahlkampfes noch in Dunkel gehüllt. Trotzdem ist das eine bereits heute sicher, daß der Wahlkampf auf der ganzen Linie von unseren Gegnern, unter welcher Parteienbezeichnung auch immer sie in den Wahlkampf eintreten werden, unter der Losung: «Gegen den Zionismus» geführt werden wird und daß wir, ob nun gegnerische Koalitionen im größeren oder kleineren Umfange zustande kommen, einer einheitlichen Front gegenüberstehen werden, die in dem Ziele einig sind, nach Möglichkeit den zukünftigen Einfluß der Zionisten auf die Verwaltung der Gemeinde zu schmälern. Auf welchem geistigen Niveau sich dieser Kampf gegen uns bewegen wird, zeigt ein Artikel, den Herr Dr. Kar! Steiner, seines Zeichens Vizepräsident der Union, in der letzten Nummer der «Wahrheit» veröffentlicht. Bei seiner tiefschürfenden Betrachtung kommt er zu dem scharfsinnigen Ergebnis, «daß der Judenhaß sich nicht gegen uns als eine religiöse, sondern als eine völkische Minorität richtet, die wir nicht sein wollen, weil wir es tatsächlich nicht sind, was aber unsere jüdischen Fanatiker des nationalen Irrglaubens nicht wahr haben wollen.» Fanatiker! Irrglaube! Zwei Tage, nachdem von Herrn Dr. Steiner untrüglich nachgewiesen worden ist, daß sich der Antisemitismus «nicht in konfessioneller Richtung auswirkt», überfielen Nationalsozialisten eine jüdische Betversammlung in der Leopoldstadt und jüdische Greise und jüdische Frauen werden verprügelt und verfiel Vergiftungserscheinungen, hervorgdrufen durch verdorbene Nahrungsmittel, bildet die sofortige Anwendung des natürlichen «Franz-Josef»-Bitterwassers ein wesentliches Hilfsmittel. In allen Apotheken erhältl. wundet. Arme Opter des fanatischen nationalen Irrglaubens! Hättet Ihr Euch auf Eure Bodenständigkeit berufen, hättet Ihr Eure Angehörigkeit zu einer völkischen Minorität offen abgelehnt, hättet Ihr immer darauf hingewiesen, daß es zwischen uns und den anderen keine Scheidemauer gibt, niemals wäre Euch ein Leid zugefügt worden. Denn in konfessioneller Richtung wirkt sich nach Dr. Steiner der Judenhaß nicht aus. Wenn sie auch jüdische Friedhöfe schänden, jüdische Gotteshäuser verwüsten, Thorarollen zerreißen und besudeln. Euch des Ritualmordes beschuldigen, das Schächten verbieten, gefälschte Talmudzitate gegen Euch in Umlauf bringen, so hat das mit der Religion nichts zu tun. Das alles richtet sich nicht gegen die Juden als Religionsgemeinschaft, sondern ausschließlich gegen die Juden als Nation. Aus diesem Beispiel der letzten Tage soll selbstverständlich nicht der Schluß abgeleitet werden, daß der Antisemitismus ausschließlich oder auch nur vorwiegend religiösen Motiven entspringt. Es wäre ebenso falsch, wenn behauptet würde, daß der Judenhaß sich nur in konfessioneller Richtung auswirkt. Wer bei seiner Betrachtung nicht an der Oberfläche haften bleibt, muß erkennen, daß sich der Haß der anderen gegen uns als Minderheit richtet, daß es nicht darauf ankommt, ob wir uns als Minderheit betrachten, sondern nur darauf, daß wir von unseren Feinden als solche empfunden werden. Wir werden als Juden bekämpft aus wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, rassenmäßigen, nationalen und konfessionellen und anderen Gründen und unsere eigene Einstellung zu unserer jüdischen Gemeinschaft kommt bei dieser Gegensätzlichkeit, die sich auf alle Gebiete des menschlichen Zusammenlebens erstreckt, überhaupt nicht in Betracht. Trotzdem werden unsere Gegner, mögen noch so sehr die Tatsachen gegen sie sprechen, im Wahlkampfe das billige Argument nicht aus der Hand geben, daß an allem Unglück nur die Jüdischnationalen schuld sind, daß sie dem Antisemitismus das Stichwort geben und in ihrer Verblendung den falschen Weg, den sie gehen, nicht erkennen wollen. Sie werden sich nicht aufs «Kämpfen», sondern darauf verlegen, uns zu «bekämpfen», um darüber hinwegzutäuschen, daß sie selbst programmlos sind und keine Initiative besitzen, der fürchterlichen Judennot zu begegnen. Sie werden von ihrer Abwehr sprechen, für die sie die Kraft nicht aufbringen, die versagen muß, weil sie nicht von einem starken und bewußten Willen getragen ist, sie werden vor selbständiger jüdischer Der iOdlSCH« bUWpN JVinN Der JHm der arm mm der J11PK de* lOditChen Bodens und IttdlSCtier Ar fielt. Nur ein ganz Weines Quantum in Wien bei Rabbiner Salomon Friedmann, Verkaufslokal, IL, Große Schiffgasse 19, Hotel Baron, Tel. A 43-1-48. Politik warnen und empfehlen, unseren Schutz bei nichtjüdischen Parteien zu suchen, sie werden sich darin überbieten, der Wählerschaft das Unglück vor Augen zu führen, das sich ereignen könnte, wenn die Jüdischnationalen die Majorität im Kultusvorstand erringen. Uns kann diese Art des Wahlkampfes nur erwünscht sein. Es kann uns nur willkommen sein, die Wählerschaft vor die klare Frage zu stellen: Mit uns oder gegen uns?, sie darüber entscheiden zu lassen, ob sie die Führung der Kultusgdmelnde Männern anzuvertrauen wünscht, die einzig und allein jüdischen Interessen dienen wollen oder jenen, die aus eigener Kraft weder abwehren noch aufbauen können. Wir werden den Wahlkampf mit unseren Gegnern freudig aufnehmen und ihn mit der Losung führen: «Für eine mit mutiger Entschlossenheit geleitete, machtvolle, allen Juden dienende Volksgemeindel» Das Hakßnkrßuz in Oesterreich Feiger und heimtückischer Ueberfall auf einen jüdischen Kaufmann In Krems Der hiesige Produktenhändler Artur Rephan wurde am 27. September gegen II Uhr abends am Heimwege in der Stadt (Obere Landstraße) nächst dem Hotel «Zur alten Post» von einer Horde von zirka zwanzig Hakenkreuzlern in heimtückischer Weise überfallen und blutig geschlagen. Die feige Meute ließ ihn zunächst auf der gegenüberliegenden Straßenseite vorbei, stürzte sich sodann von rückwärts auf ihn und brachte ihm Verletzungen am Kopfe und im Gesicht bei. Der Ueberfallene konnte sich naturgemäß gegen eine derartige Ueberniacht nicht zur Wehr setzen und flüchtete in das gegenüberliegende Hotel «Zur alten Post». Von den tapferen Wegelagerern verfolgt, ersuchte er die Besitzer des Gasthofes «Zur alten Post», Karl Brunner und Frau, ihm ein Zimmer als Zuflucht über Nacht zu vermieten. Die obgenannten Eigentümer wiesen den jüdischen Kaufmann jedoch mit der Bemerkung: «Für S i e haben wir kein Zimmer» ab und überließen ihn im Vorraum der Restauration und Bar, den tapferen Hakenkreuzgesellen, die abermals Uber ihn herfieien und ihtf mit Stahlruten, besonders am Rücken, bearbeiteten. Artur Rephan, der erheblich verletzt wurde, mußte noch im Laufe der Nacht ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen. Die polizeiliche Anzeige wurde erstattet. Die beispiellose Roheit und Heimtücke dieser Hakenkreuzlerhorde gehört angeprangert, ebenso sei das offensichtlich antisemitische Verhalten des Besitzerpaares Brunner des Hotels «Zur alten Post» als besondere Empfehlung für jüdische Reisende, die in Krems Aufenthalt zu nehmen beabsichtigen, der jüdischen Oeffentlichkeit nicht vorenthalten. Jüdische Mitarbeit an der internationalen Konferenz für Wandererschutz in Genf Genf. Am 27. und 28. September hielt im Gebäude des Internationalen Arbeitsamtes die «Internationale Konfetenz der privaten Organisationen für Wandererschutz» ihre Jahresversammlung ab. Den Vorsitz führte der Delegierte der Londoner «Jüdischen Gesellschaft für Schutz von Frauen und Mädchen», Herr Salomon Cohen. Im Mittelpunkt der Beratungen stand die Frage, wie man die besonderen Schwierigkeiten, in die das Wanderungsproblem im Zusammenhang mit den wirtschaftlichen Krisen der ganzen Welt verstrickt ist, beheben könnte. Außer Herrn Cohen nahmen als Vertreter jüdischer Organisationen an der Konferenz teil: Dr. Edouard Oungre für die lewish Colonizat’on Association (J. C. A.)t Dr. Mark Wischnitzer für den Hilfsverein der deutschen luden, Doktot Kreutzberger für die Hauptstelle für jüdische WanderHIrsorge in Berlin, Herr Zaiman für das Joint Foreign Committee in London und Zewi Aberson für Emigdirect. ln die Exekutive für das kommende Jahr wurden S. Cohen und Dr. Edouard Oungre gewählt. S. Cohen übernahm als stellvertretender Präsident die Leitung der Exekutive. Jacob Wassermann spricht zur Jugend auf dem Paneuropa-Kongreß Basel. Auf dem III. Paneuropakongreß, der vom 1. bis 4. Oktober ln Basel tagte und zu dem sich Vertreter aus 23 europäischen Staaten angemeldet hatten, h;elt Jacob Wassermann eine Ansprache an die Jugend. 25.000 Warschauer jüdische Familien auf öffentliche Hilfe angewiesen Warschau. Etwa 25.000 jüdische Familien Warschaus haben sich an die jüdische Gemeinde und die verschiedenen Wohlfahrtsanstalten uni Unterstützung aus Anlaß der jüdischen Feiertage gewendet. Juden* spendet anläfil ch der hohen Feiertage be.m Thora-Aufiuf für den Keren KaJemeth