Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 248 (6.10.1932)
- Date
- 1932-10-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Tischrt S693) Nummer 248 Nationalsozialistisdte Temnelsdiäntter Der Kazisturm auf das Bethaus am Neuiahrstage Roher Vandalismus - Nit Stahlruten gegen alle betende Juden - Die Polizei gegen die Ueberfallenen? — Bund iiidischer Frontsoldaten verhindert einen Pogrom Es Ist immer sehr schmerzlich, feststellen zu müs- ’&etv, ä$tB gewisse Vorfälle, selbst im finstersten Zeitalter der Monarchie nicht denkbar, heute in Erscheinung treten/ ohne auf energische Abwehrmaßnahmen durch die maßgebenden und verantwortlichen Stellen zu stoßen. Was sich am zweiten jüdischen Neujahrstage in dem kleinen, ad hoc zum Bethaus adaptierten Kaffeehaus, abspielte, ist trauriger Anlaß zu dieser Behauptimg. Was sogar unter den Klassikern des Antisemitismus, unter Lueger und Schönerer, nicht möglich war, blieb den Helden des Hakenkreuzes unserer Tage Vorbehalten. Zu den zahllosen, zur neuen deutschen Kultur gehörenden Schändungen jüdischer Friedhöfe im Reich, die sie seit Jahr und Tag ungesühnt verüben, gesellt sich nun logisch ihre jüngste Kulturtat der Tempelschändung. Gewiß wird man auch, wie bei früheren Anlässen, versuchen, — und es sind bereits Kräfte am Werk, die das tun —, die empörenden Vorfälle des Sturmes auf ein Bethaus während der Andachtsübung an einem geheiligten jüdischen Feiertage als Affekthandlung «unverantwortlicher Elemente» hinzustellen. Aber die Behörden, die verantwortungsvollen Stellen, können und dürfen sich mit solchen und ähnlichen feigen Verdrehungen keineswegs begnügen. Zu oft haben die Verantwortlichen, die heute hinter den Kulissen agieren, In Wort und Schrift, in offenen oder versteckten Drohungen gegen Leben und Sicherheit der jüdischen Bevölkerung gehetzt Nun ist die Saat in solch’ widerlichem und abscheulichem Exzeß, wie ihn Wien in solch’ brutaler Form nie gesehen, aufgegangen, mögen sie nun auch zur Verantwortung gezogen werden! Wir sind die letzten, die nach dem Staatsanwalt rufen. Aber es rächt sich bitter, daß in den letzten Monaten offen und frei gegen die Juden gehetzt wurde, ohne daß es die Behörden für nötig befunden hätten, dagegen auch nur im geringsten einzuschreiten. Es rächt sich das monatelange, stille Dulden von offenen oder versteckten Drohungen gegen die jüdische Gemeinschaft, dieses achsetzuckende Hinweggehen zur Tagesordnung über Plakate und Flugblätter, die zu offenem Mord an einer politisch und konfessionell mißliebigen, vor dem Gesetze gleichberechtigten Bevölkerungsschicht aufreizten. Die blutrünstigen Zeitungsartikel sind dem Rotstift des diesmal so nachsichtigen Staatsanwalts entgangen. Was Wunder, daß das Machtbewußtsein die heldenhafte Brust schwellte und auf Milde und Schutz, ja Verständnis und Entgegenkommen rechnete. Aber wir sind jetzt auf der Hut. Wir warnen die Behörden, hier Milde zu üben und Vorschub zu leisten Jenen verantwortungslosen Elementen, die geeignet sind, Ansehen und Kultur unserer Stadt schwer zu schädigen, die alten Fundamente von Sicherheit und Glaubensfreiheit zu untergraben. Diese politischen Desperados mit den vielen Nutznießern einer politisch und wirtschaftlich ungeklärten, geladenen Situation, möge nur die volle Strenge des Gesetzes treffen, um ein Exempel zu statuieren, daß die jüdische Bevölkerung, “der jüdische Mitbürger nicht vogelfrei sind, daß Juden, die ihre Staatsbürgerpflichf stets unbedingt und restlos erfüllen, auch des ganzen Schutzes des Gesetzes teilhaftig werden. Man bagatellisiere solche Vorfälle nicTit, die das Gefüge des Staatsganzen erschüttern, und trete ihnen beizeiten mit aller abschreckenden Schärfe und Energie auf Grund der in diesem Lande für solche Kulturschändungen geltenden Gesetze entgegen. Zum erstenmale erlebte Wien das Schauspiel, daß der jüdische Gottesdienst zu Neujahr unter Polizeischutz stattfand. Die systematische Verhetzung der Nationalsozialisten ließ das Aergste befürchten. So war es kein Wunder, daß die Haganah und der Bund Jüdischer Frontsoldaten alle Vorkehrungen trafen, um etwaige Angriffe auf Gotteshäuser abzuwehren. Es muß mit Bedauern festgestellt werden, daß seitens vieler Polizisten rücksichtslose Härte, nicht etwa gegenüber attackierenden Hakenkreuzlern, sondern gegenüber Mitgliedern der Haganah und des Bundes Jüdischer Frontsoldaten an den Tag gelegt wurde. Es muß weiter hervorgehoben werden, daß das Bethaus in der Sperlgasse keinen polizeilichen Schutz hatte, und das es nur der energischen Abwehr jüdischer Frontsoldaten zu danken ist, wenn es den Hakenkreuzlern nicht gelang, den beabsichtigten Pogrom zu veranstalten. Die Polizei kam zu spät. Die um Intervention angegangene nächste Wachstube hatte keine Mannschaft zur Verfügung! * Ueber den beispiellosen Exzeß liegen der «Stimme» folgende Berichte von Augenzeugen vor: Wählend der letzte Tag des nationalsozialistischen Gautages in ganz Wien ziemlich störungslos vertief, kam es am zweiten Neujahrstage gegen Va2 Uhr nachmittags in der Großen Sperlgasse zu einem großen Exzeß von beispielloser Roheit. Eine aus ungefähr 40 Mann bestehende Naziabteilung stürmte dort das Caf6 «Sperl». das sein Besitzer gestern als Bethaus zur Verfügung gestellt halte, zertrümmerte dfie Fensterscheiben und drang schließlich auch in das Innere des Lokales ein. „Ihr Lokal muß sofort geräumt werden44 Die Nationalsozialisten hatten den Ueberfall auf das Bethaus vorher telephonisch angekündigt und den Kaffeesieder bedroht. Während sein Bote noch auf dem Weg zum nahegelegenen Kommissariat war, um dort die Anzeige zu erstatten, erschien auch schon ein Auto mit Hakenkreuzlern, die sofort im Lau schritt gegen das improvisierte Bethaus vorstürmten. Das Cafe «Sperl» in der Großen Sperlgasse 35, war erst vor ungefähr acht Tagen von seinen jetzigen Besitzern Willy Rind und Frau Emma Weikl übernommen worden. Anläßlich der jüdischen Feiertage wurde es zu einem Bethaus umgestaltet; ein paar hundert Menschen verrichteten dort ihre Andacht. Der Gottesdienst war noch in vollem Gang, als kurz nach 1 Uhr das Telephon läutete. Frau Weill ging selbst zum Apparat und meldete sich mit der Nummer. Der anonyme Anrufer fragte zuerst, ob er richtig mit dem Cali «Sperl» verbunden sei. «Ich mache Sie aufmerksam,» sagte der Anrufer, «daß Ihr Loka! sofort geräumt werden muß, sonst wird es in den nächsten zehn Minuten von den Nationalsozialisten gesäubert. Das will ich Ihnen bloß nritteilen.» Die Kaffeehausbesitzer hielten den Anruf zunächst für einen dummen Witz, entschlossen sich aber schließlich doch, einen Boten auf das Kommissariat in der Leopoldsgasse zu schicken, damit er dort den Vor all melde. Der Bote konnte sein Ziel noch nicht erreicht haben, als plötzlich aus der Großen -Pfarrgasse her im Laufschritt ungefähr 10 Nationalsozialisten mit geschwungenen Gummäknütteln und Stahlruten heranstürmten. Gleichzeitig erschien in der Großen Pfarrgasse ein Lastauto mit ungefähr 30 uniformierten Hakenkeuzlern und hielt an der Kreuzung. Die Leute sprangen ab und stürzten ebenfalls auf das Bethaus los. Zuerst die Fensterscheiben Mit dem Kriegsruf «Juda verrecke» gingen die Hakcnkreuzier in einem "geschlossenen Knäuel gegen das Kaffeehaus vor und hieben noch auf dem Weg den Besitze: des gegenüberliegenden Weinhauses, einen Italiener, den sie für einen Juden hielten, mit Wucht über den Schädel. Dann zerschlugen sie im Nu sieben große Fensterscheiben und versuchten schließlich in das Lokal selbst einzudringen. Schon auf das Geschrei der anstürmenden Nazitruppen hin und erst recht nach der plötzlichen Zertrümmerung dec klirrenden Spiegelscheiben, bemächtigte sich der Betenden große Erregung. Alles sprang auf und wandte sich der Tür zu, in der mit geschwungenen Knüppeln bereits einige grölende Hakenkreuzler zu sehen waren. Sie hieben wahllos auf die Leute dn, die sie gerade vor sich 6ahen, machten dabei keinen Unterschied zwischen Mann und Frau und glaubten wahrscheinlich, das Bethaus mit einem Handstreich «nehmen» zu können. Damit hatten sie sich aber sehr kräftig geirrt. Beherzte Männer, darunter einige Mitglieder des Sportklubs Hakoah, setzten sich sehr energisch zur Wehr und gingen, mangels anderer Waffen, auf die Hakenkreuzler mit geschwungenen Sesseln los Das Chaos war unbeschreiblich. Alte Männer mit weißen Haaren flüchteten laut schreiend durch die Küchentür des Kaffeehauses in den Flur und baten die durch den Lärm alarmierten Hausbewohner förmlich händeringend, um Aufnahme in ihre Wohnungen. Eine alte Frau wurde in der Panik niedergetreten und mußte dann förmlich nritgeschleoot werden, ein« andere verfiel in einen hysterischen Krampf. Mittlerweile ging der Kampf am Kaffeehauseingang weiter. Acht Hakenkreuzler hatten die Schwelle überschritten, während ihre Parteigenossen auf der Straße draußen aus Leibeskräften «Juda verrecke» und Aehnliches brüllten, was zum Wortschätze der neuen deutschen Kultur gehört. Aber auch die acht Mann konnten sich nicht lange halten und mußten schließlich, ziemlich hart mitgenommen, den Rückzug antreten Mittlerweile war auch bereits Sicherheitswache erschienen, zog einen Kordon um das Kaffeehaus und nahm ungefähr 30 Hakenkreuzler mit. Hi KÄI5ER5TR. 123 A ÄLSGRSTR. 6 S16~S18~S20~