Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 247 (29.9.1932)
- Date
- 1932-09-29
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE SiloUit. Nr. 247 — 29. September t* Wo bleibt die Mchudbewegung des allgemeinen Zionismus? Kampf gegen Dlfferentierung, Kampf um Integrierung - ein Gebot der Stunde! Wir eröffnen mit diesem Artikel eine Diskussion über die Probleme des allgemeinen Zionis-mus. Als nächster Beitrag wird eine Abhandlung vom Professor S. Brodetskv (London) folgen. (Die Redaktion.) Die in Danzig vollzogene Vereinigung der zionistischen Arbeiterparteien Hitachduth und Poale-Zion ist, vom Standpunkte der zionistischen Weltbewegung gesehen, ein positives und konstruktives Ereignis. Der Verschmelzung des Hapoel-hazair mit der Achduth Awodah in Palästina folgte der Zusammenschluß der zwei zionistischen Arbeiterbewegungen in der Oaluth, zunächst in einigen Ländern (auch in Oesterreich) und nunmehr ist durch die Konferenz in Danzig der Integrationsprozeß der zionistischen Arbeiterbewegung fast abgeschlossen. Nur in dem gewesenen Kongreßpolen sind noch fast die ganze, offizielle Hitachduthocganisation und in anderen Ländern nur deren mehr oder weniger unwesentliche Splitter außerhalb des Ichud geblieben. Sie kämpfen noch verzweifelt, aber aussichtslos in der zerstörten Hitachduthburg um die Ehre der blauweißroten Fahne dieser Bewegung, während bereits vom Ichudkastell — die rote Fahne weht. Die Vereinigung wurde auf einem gemeinsamen Programm aufgebaut, in dem die poalezionistische Klassenideologie das Fundament und das Rückgrat bildet. Die Hitachduth trat vor vielen Jahren gegen die Klassenideologie in den Kampf. Sie verkündete den Vorrang der nationalen Forderungen vor den sozialen. Das Gegenteil predigte der Poale Zion. Er hat gesiegt. Die Hitachduth ist erlegen. Sie hat dem Kompromisse nur in national-kultureller Hinsicht ihren Stempel aufgedrückt. Nicht etwa in diesem Umfange, als ob der Poale-Zion seine jiddischistische Einstellung in der Galuth aufgegeben hätte, sondern lediglich in dem Sinne, daß von nun an beide Ideale, die hebräistische der Hitachduth und die jiddischistische der Poale-Zion nebeneinander gleichberechtigt und gleichgestellt beibehalten wurden. Das Kompromiß von Danzig hatte im Wesen nur eine deklarative, nicht aber eine konstitutive Bedeutung. Deshalb kam es auch leichter zustande. Die Hitachduth ist in der Praxis in den letzten Jahren von ihrem ursprir-liehen Uebc-klnsse.istandpunkt immer mehr abgerucÄt. Ihre Theorie der sozialen Gerechtigkeit ist auch einem überwiegenden Teile der bürgerlich-zionistische" Pannen eigen. Hiedurch wurde diese Theorie sozusagen — als charakteristisches Merkmal einer sozialistischen Bewegung — diskreditiert, ln Danzig zog die Hitachduth nur noch die formellen Konsequenzen aus dieser Entwicklung und stellte sich mit beiden Füßen auf den Boden der orthodox-sozialistischen Klassentheorie. Deshalb ist das Kompromiß nur ein deklaratives, nicht aber ein konstitutives. Bei einer sozialistischen Partei ist aber das soziale Moment ihrer Weltanschauung das ausschlaggebende. Fiel hier der Unterschied zwischen Hitachduth und Poale-Zion, so fiel auch gleichzeitig die prinzipielle Scheidewand. Die restlichen Differenzen v/aren zwar wichtig, aber dennoch zweit- oder drittrangig. In der richtigen Einschätzung und Wertung dieser Differenzen erprobte sich die politische Reife und — ich wage es zu behaupten — nationale Verbundenheit der beiden Arbeiterparteien. Gerade diese Erscheinung ist das Motiv meiner heutigen Betrachtungen. Hat sich in beiden Parteien die Erkenntnis durchgerungen, daß in der grundlegenden Frage des sozialen Kampfes eine Annäherung erfolgt ist, so schrumpfte das Problem eigentlich zu einem vorwiegend psychologischen Problem der Führerqualitäten beider Richtungen zusammen. Werden die poalezionistischen Führer so viel Sinn für Realität aufbringen, um in zweitrangigen Dingen im Dienste der Hauptsache Konzessionen zu machen? Werden die Führer der Hitachduth so viel Selbsterkenntnis lind Selbstbeherrschung besitzen, um nicht aus parteimäßigen Prestigegründen ein selbständiges — Scheinleben ihrer Partei weiterführen zu w’V Werden beide Richtungen einem höheren, gefnei.isamen Selbsterhaltungstriebe gehorchen und das Scheidende dem Einigenden, das Sekundäre dem Primären unterordnen? Werden beide Parteien den Mut aufbringen, formell einen Selbstmord zu begehen, um sachlich in einer geeinigten Partei aufzuerstehen? ln diesen Fragen lag die große Gefahr für beide Parteien. Sie haben diese Gefahr überwunden. Sie haben dem Zersplitterungsprozeß der zionistischen Arbeiterbewegung, der vor zwanzig Jahren einsetzte, GERTRUD KRAUS Idtat RHYTHM. GYMNASTIK Im MAKKABI IX ein Ende gemacht. Sie haben, ganz gegen jüdische Art, ganz gegen allgemein-zionistische Unart die Integ; :"rung der zionistischen Arbeiterbewegung fast volli. Deshalb wird die Konferenz in Danzig nicht nur vom Standpunkte der Arbeiterinteressen, sondern auch vom allgemein-nationalen Gesichtspunkte als eine konstruktive Tat gewertet werden müssen, gleichwohl, wie man sich sonst zum sozialistischen Programm dieser Bewegurig, ihrer Machttendenz innerhalb der zionistischen Bewegung und des Palästina-Aufbaues stellt. Das ist eine ganz andere Frage. Nun ein Kontrastbild: der allgemeine Zionismus. Der Grundstock der zionistischen Bewegung! Der Träger und Vollstrecker des Herzl'schen Gedankens: wir sind ein Volk! Das Spektrum der verschiedenfarbigen, nationalen Kräfte! Der Schrnelztiegel der entfremdeten Bestandteile einer atoinisierten Nation! Der Inbegriff von Gleichgewicht und Harmonie der gegensätzlichen, sozialen Kräfte! In der Theorie! Und im Leben? Ohne Führung, ohne Leitung! Zerrissen und zerfasert in vorbildlich selbstaufreibendein Kampfe. Durch eigenes Chaos will er ordnend und erzieherisch wirken! Vor vielen Jahren die Kraft der Bewegung, der Machtfaktor der Kongresse — nunmehr zu einem Tiefstand gesunken, der ihn zum Spielball der Flügel in der Bewegung macht. Radikale und Ejt-Liwnoth, Linkes Zentrum und Brith-Schalom, Revisionisten — alle sind sie vom großen, allgemein-zionistischen Lager abgebröckeit und abgesplittert. Darüber hinaus der Rest — «die Stam-stamzionisten», die um das erfreuliche Bild zu vervollkommnen, selbst noch in zwei Lager, Gruppe A und B, aufgeteilt sind. Manche von diesen Splitterorganisationen sind groß geworden, manche führen eine klägliche Scheinexistenz, aber fast alle haben sich mehr oder weniger, ja manche selbst in interterritorialen Gemeinschaften organisiert — und den allgemeinen Zionismus mit vereinten Kräften desorganisiert! V<vi einer nsvchopathischen A-irret getrieben, eine starke, disziplinierte, nationale Partei innerhalb der Bewegung zu werden, hat sich der allgemeine Zionismus —- in Parteien aufgelöst! Ohne Mut. die Tatsache anzuerkennen, daß sein Bestand als Partei innerhalb der Bewegung logisch durch die Existenz der Flügelparteien notgedrungen gegeben und bedingt ist, zieht es der allgemeine Zionismus vor, seine Ohnmacht durch eine selbstgefällige, selbstherrliche Ueberparteien-Scheinexistenz zu verdecken, und eine Mission vorzutäuschen, die er ohne innere Kraft, ohne zielbewußtes Handeln, ohne zentralgeleitete Organisation nie erfüllen kann. An diesem Größenwahn ohne Kraft geht der allgemeine Zionismus zugrunde! Ich hatte unlängst die Gelegenheit gehabt, mich mit einem prominenten, einflußreichen, allgemeinen Zionisten in London über die Zukunft des allgemeinen Zionismus zu unterhalten. Er sagte: «tut nichts, der allgemeine Zionismus soll nur ruhig untergehen! Er hat seine Rolle ausgespielt.» Das ist es! Wir sollen ein Dor-hamidbar werden. Der Selbsterhaltungstrieb des allgemeinen Zionismus sinkt und immer mehr werden wir das Parzellierungsobjekt für andere Richtungen. Ein untrügliches Symptom dieses Niederganges war das Ausbleiben jeden Nachwuchses. Der Untergang der allgemein-zionistischen Jugendbewegung. Wir standen vor dem selbstverschuldeten Todesurteil. Der innere Kampf der allgemein-zionistischen Gruppen miteinander hat die zionistische Organisation in Amerika, in Kongreßpolen, also gerade in den zwei wichtigsten Ländern, zerstört! In anderen Ländern aber immer mehr geschwächt. Es ist kein Zufall, daß gerade aus jenem Lande, in dem derallgemcine Zionismus stramm organisiert war, aus Kleinpolen der erste Ansporn zur Erneuerung des allgemeinen Zionismus hervorkam. Gerade hier organisierten sich die ersten, neuen allgemein-zionistischen Jugendorganisationen, die schon heute in Polen allein — eine Kraft von etwa 2 5.0 00 Mitgliedern repräsentieren. Derchaluzische Gedanke wurde zum ersten Mal indieReihen derallgem e i n - zionis t i schen Jugend von ihr selberhineingetragen. Diese Bewegung greift um sich, sie hatbereitseine Reihe von Ländern fürsich gewonnen und wird wieder zur Kraft! Im Dienste des allgemeinen Zionismus! Parallel mit dieser Jugendbewegung, die bereits in Palästina Fuß gefaßt hat, sind seit kurzer Zeit Kräfte am Ruder, die die zersplitterten Teile des allgemeinen Zionismus aneinander näher bringen, koordinieren, einigen und schließlich verschmelzen wollen. Der Niederschlag dieser Bestrebungen ist die Gründung des allgemein-zionistischen Weltvefb a n d e s. Das ist aber kaum der Anfang. Der Ausbau dieses Prozesses ist ein schwieriges Unternehmen, weil er Widerstände beseitigen muß, die durch zwanzig Jahre lang tiefe Wurzeln geschlagen haben. Es ist hier nicht der Platz, diesen Gedanken zu entwickeln. Ich möchte in dieser Betrachtung nur den Grundsatz aufstellen: der allgemeine Zionismus ist lebensfähig, lebensberechtigt, er hat seine klare Vorstellung über das Ziel des Zionismus und über dasZukunftsgesicht E r e /. Israels. Er hat auch seine Mission, die nicht an dem Schicksale der gemäßigten Parteien im heutigen Europa gemessen werden kann, weif für uns auch hier andere Grundsätze Geltung haben. Was ihn zerklüftet, ist — diese Erscheinung, die die Arbeiterparteien bereits überwunden haben: die Unfähigkeit, die sekundären Scheidungsmomente — den primären Einigkeitselementen unterzuordnen, den Wald u n d nicht nur die Bäume zu sehe n. Ich behaupte, daß ohne Erstarkung des allgemeinen Zionismus die zionistische Bewegung Uberhauptorganisatorisch zugrunde gehen muß. Ein fertiges, aufgebautes Land kann auch durch radikale Strömungen seine Lebensform ändern, nie aber kann eine rückständige Nation, wie wir es sind, ein rückständiges Land, wie Erez Israel es ist, durch eine einseitige radikale Strömung erneuert oder aufgebaut werden. Ich behaupte, daß die Wiedervereinigung des allgemeinen Zionismus nicht nur als Lebensbedingung der Gesamtbewegung theoretisch erforderlich ist, sondern daß sie auch praktisch und programmatisch möglich ist. Wenn, wenn — wir uns auf unsere geschichtliche Rolle besinnen. Auch diesen Gedanken will ich vielleicht bei einer anderen Gelegenheit näher ausführen. Der Zweck meiner heutigen Betrachtungen ist lediglich, dem Siege der Intergrierungstendenz der zionistischen Arbeiterbewegung — den sinnlosen, selbstzerfleischenden Differenzierungsprozeß des allgemeinen Zionismus kraß entgegenzustellen. Wir kämpfen gegen einen Fluch unserer Geschichte, wenn wir diese destruktive Differenzierungstendenz in uns selber erzieherisch niederringen. Die Haßerscheinungen, die in letzter Zeit in verschiedenen Teilen der Bewegung, das Zusammenwirken der Organisation geradezu unmöglich machen, müssen tibera 11 verschwinden, soll die Bewegung nicht an diesem Gift zugrunde gehen. Der allgemeine Zionismus muß sich, gleich der Arbeiterbewegung, zu einer I c h u d h b e w e g u n g und -Organisation aufraffen. Er muß die Integrierung seiner Bewegung proklamieren, lehren und vollziehen. Das ist der organisatorische Sinndes Zionismus. Tut er das nicht, so hat er nicht nur sich selbst, sondern auch die zionistische Bewegung zerstört! Der Träger des Herzl’schen Gedankens: wir sind ein Volk! Bis zum XVIII. Kongreß muß der allgemeine Zionismus eine klare Antwort geben: Untergang oder Erneuerung? Zerklüftung oder organisierte Vereinigung? ^ertium non datur! Dr. J. Schwarzbart. Jacob de Haas - ein Sechziger New York. Am 14. September d. J. vollendete der bekannte zionistische Schriftsteller und Politiker Jacob de Haas sein 60. Lebensjahr. Aus diesem Anlaß veranstalteten die Zionisten aus New York und Umgebung ein Diner im Fifth Avenue Hotel, dem die führenden Zionisten Amerikas beiwohnten. Arrangeure des Diners und zum Teil auch Redner waren Richter Julian W. Mack, Bernard G. Richards, Robert Szold, Abraham Goldberg, Frau Edward Jacobs, Morris Margulies, Louis P. Rocker, Nelson Ruthenberg und Carl Sherman. Die New Yorker Zionistische Vereinigung veröffentlichte eine Glückwunschkundgebung. Jacob de Haas, geb. 1872 in London, war Redakteur und Mitarbeiter verschiedener Londoner Tageszeitungen, schloß sich schon 1896 Theodor Herzl an. und war 1807 bis 1005 Mitglied des Zionistischen Aktionskomitees. 1902 siedelte er nach den Vereinigten Staaten über und war bis 1905 Sekretär der amerikanischen zionistischen Föderation. 1008 bis 1921 war er wiederum Sekretär der amerikanischen Z. O. Er gehörte der jüdischen Delegation beim Friedenskongreß in Paris 1919 an. Er veröffentlichte verschiedene Schriften, u. a. Biographien von Theodor Herzl und Louis I). Brandeis. 1930 gab er zusammen mit Dr. Stephen S. Wist* ein Buch über die englische Palästina-Politik, «The Grea: RetrayaU, heraus. SW Kosten.ose mieden Vermittlung Angestellten verl.^'ie# II des .lud 3'dien Wien, I., Jordang. 7 Wir ersuchen wiederholt. uns ireie Stellen 'auch aushilfsweise HesohüftlKUii«' zur Kenntnis , u bringen. Telephonische Anmeldungen werden unter Nr. R J7-4-80 fntgctfengenommen.