Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1932-09-29 · Heft 247 (29.9.1932) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
5 (1932)
Issue
Heft 247 (29.9.1932)
Date
1932-09-29
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3053752-3053963-3054001--3149-3058640
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 247 — 29. September 1932 DIE STIMME Seite 7 Zehn Jahre englisches Palästina-Mandat Erfmiuitq und Enftäuschiivi Von Dr. Jakob Rosenflial «Ich glaube, daß, wenn einmal die Geschichte des Krieges ganz unparteiisch geschrieben werden wird, man die Errichtung der Jüdischen Nationalen Heimstätte und die Schaffung des Völkerbundes als seine beiden größten Ergebnisse nennen wird. Die beiden ermangeln nicht etwa der inneren Verbindung. Sie stellen die beiden großen Ideen dar, für die wir gekämpft und durch die wir gesiegt haben — die Idee des Nationalismus und die des Internationalismus.» (Aus einer Rede des englischen Staatsmannes Lord Robert Ce eil im Jahre 1920.) Zehn Jahre sind es, seit das Palästina-Mandat auf der Londoner Tagung des Völkerbundes bestätigt wurde. Am 2, November 1917 erhielt der Zionismus seinen Charter: die Balfour-Deklaration. Die britische Regierungserklärung anerkannte das historische Recht des jüdischen Volkes auf Palästina und begründete die politische Basis der jüdischen Heimstätte. Aber fünf lange Jahre nach der Balfour-Deklaration, ungeduldigen Wartens voll, mußten verstreichen, bis das jüdische Volk von dem schweren Druck der Ungewißheit durch die Bestätigung des Mandats befreit wurde, bis Palästinas staatsrechtliche Stellung endgültig festgelegt und die i n t e r n a t i onale Sanktionierung der Jüdischen Heimstätte erreicht wurde. Der Jubel in den jüdischen Reihen über die Verkündigung des Mandats, dessen wichtigsten Bestandteil die Präambel bildet, in der der Inhalt der Bai:::ur-Deklaration verankert und ausdrücklich von einer «historischen Verbundenheit» (historical connexion) des jüdischen Volkes mit Palästina sowie von der «W iedererricht u n g der Jüdischen Nationalen Heimstätte» die Rede ist, war in jenen Tagen ungeheuer. Aber mit der Erfüllung wuchs auch die Verantwortung, wuchsen die Aufgaben auf beiden Seiten. * Das jüdische Volk trat mutig und opferbereit den Weg aus dem Reiche seines jahrhundertealten, schmerzlichen Sehnsuchtstraumes, der Phantasie und Theorie, in die kühlere, nüchterne, harte Welt der Realitäten an. Unmittelbar nach Erlangung dieser politischen Voraussetzungen setzte vor nunmehr einem Jahrzehnt eine außerordentlich intensive Aufbauarbeit auf kolonisatorischem Gebiete in Palästina ein. Alle Kräfte der zionistischen Weltorganisation wurden darauf konzentriert, durch Schaffung wirtschaftlicher und kultureller Positionen im Lande die politischen Erfolge sicherzustellen. In der Tat, das Ergebnis war verblüffend, in der Geschichte moderner Kolonisation einzig dastehend. Dies um so mehr, wenn man bedenkt, daß die zionistische Organisation über keine kolonisatorische Erfahrung verfügte, ferner die budgetäre Grundlage der Kolonisation aus freiwilliger Besteuerung der Juden in der Diaspora resultierte und schließlich die Pioniere zumeist Menschen waren, die, von Schulen und Universitäten kommend, vom Schreibtisch weg zu Spaten und Schaufel griffen und wüsten, steinigen Boden in blühende Siedlungen verwandelten. Städte und Dörfer sind förmlich emporgeschossen aus Plätzen, die vor wenigen Jahren noch Sandwüsten waren. An Stelle malariaverseuchter Sümpfe sind blühende Gärten getreten. Durch die Schaffung der Hebräischen Universität am Skopusberg in Jerusalem wurde das Werk in wunderbarer Welse gekrönt. Die Weltgeltung des Zionismus, die großen Sympathiekundgebungen für die zionistischen Bcstre- Unsere Herbst- Palästinareise 1932 welche bereits komplett war, ist in Anbei* < e.« : iteu Interesses, das ihr entgegengebraelit wird, um e i n <■ W « c he v e r- ■ e h o h e n wiiiili'ii. .so ihi'.i ii:>‘ Abreise von Wien am 1. Nov. eil uii.seicu Koi.M-iciiiH'hnieiii ist dadurch Gelegenheit geboten, am il.-in .s;iiiO-t-üampfer des „Lloyd Triestino“: ,,Itulia‘‘ Ln vler- Iici. -<>n Kabinen, also lieileuteiid besser und bequemer, als uuaprilnglieli \ ereinbart, zu fahren, ohne da LI sieh dadurch die Reisekosten erlhüi -n Auch können wir jei/.i noch einige Plätze anbieten Die Durchführung üer Reise liegt m Händen der „Pag“ r. G. ui. h. II. - Anmeldungen Dir die llcrhsin-ise in der Verwaltung unseres Blattes m ü g l i c b * t umgebend, weil nur mehr beschränkte Anzahl Plätze zur Verfügung sieben!!! Voranzeige, Am 13. Dezember gebt vou Wien eine von der „Pag“ r. ü. m. b. II. geführte lndustrlellen-öruppe nach Palästina ab, welche ausschließlich Möglichkeiten Industrieller und sonstiger wirtschaftlicher Mougründungen in Tel-Awlw, Haifa und Jerusalem studieren will. Dl« Rückreise erfolgt voraussichtlich schon Ende Dezember. Auch für diese Reise können Anmeldungen bei der Verwaltung unseres liluttc« outgegeugeiiomiiieu werden. Unsoro FrUhjahvsrelse X983 wird in Anbetracht dos Umstande*, daß wir heuer bereits zwei Ralüslina-Iteisen gemeinsam mit de.r „Pag" r. G. in. b. M. organisieren, erst im April 1933 — zu Pefftfcb — nach Palästina durchgefijlirt werden. Voranmeldungen werden scheu jetzt, ebenso wie für die sehr ermäßigte Studenten- Fwienrelse 1933 tn der Verwaltung unseres Blattes enfaregengenouj• w«nt Zablujfcsuch In Teilet.»ftgen weSgliob (bw ■rata He,rb»t 1OT6IV bungen aus Kreisen, die diesen noch vor wenigen Jahren indifferent und verständnislos gegenüberstanden, die auf keinen Fall zu unterschätzende moralische Unterstützung durch die öffentliche Meinung in Europa und Amerika verdankt der Zionismus in erster Linie dem Genius des jüdischen Volkes, der imstande war, in einer Zeit, wie sie das erste Nachkriegsjahrzehnt mit seiner allgemeinen und spezifischen jüdischen Not war, ohne jede Unterstützung der laut Mandat hiezu verpflichteten englischen Regierung die bewundernswerten Leistungen in Palästina zu vollbringen. Anders England. England hat während des ersten Jahrzehnts zionistischer Aufbauarbeit diese nicht nur nicht gefördert, die Palästina-Administration nahm vielmehr von Anfang an eine derart passive Haltung gegenüber den zionistischen Bestrebungen im Lande ein, daß sich die Araber in ihrer anfangs nur schwachen Abwehr der zionistischen Immigration durch diese Haltung der britischen Verwaltung gestärkt fühlten und in ihnen der Glaube gefördert wurde, die Regierung sei nicht für die Juden, ergo sei sie für sie. Ein Glaube, der sich in den Augusttagen des Jahres 1929 in tragischer Weise als richtig erwies. Von einer Zuweisung von Staatsländereien für die jüdische Kolonisation zwecks Schaffung einer geschlossenen Ansiedlung von Juden auf dem Lande, wie dies die M a n d a t s b e s t i mmung im § 6 ausdrücklich vorsieht, von einer stärkeren, der jüdischen Steuerleistung zu den Spesen der britischen Verwaltung entsprechenden Beteiligung von jüdischen Arbeitern bei öffentlichen, von der Palästina-Regierung zu vergebenden Arbeiten war lange Zeit keine Rede. Erst der Mac-Donald- B r i e f an Professor Weizmann vom Februar 1931 enthält gewisse Ansätze einer positiven Aenderung in dieser Beziehung. Allerdings haben sie bis zum heutigen Tage ihre Realisierung noch nicht erlebt. In diesem Zusammenhang verdient hervorgehoben zu werden, daß der jetzige High Commissioner Sir Arthur Wauchopemit seinem wahrhaft konzilianten Wesen bestrebt ist, eine Entspannung in der Beziehung zwischen der Mandatarmacht und der Jewish Agency herbeizuführen, wenngleich auch festgehalten werden muß, daß diese von seinem Vorgänger Chancellor so wohltuend abweichende Einstellung zur zionistischen Aufbauarbeit in Palästina noch lange nicht als Ausdruck eines Systemwechsels in der englischen Palästinapolitik gewertet werden kann. Nach einem Jahrzehnt der Mandatsausübung durch England gewinnt man die Erkenntnis, daß England in Palästina weder eine jüdische noch eine arabische, sondern ausschließlich eine englische, britischimperialistische Politik betreibe. Die Politik Englands wird nicht durch Erwägungen formal-rechtlicher oder gar moralisch-rechtlicher Natur geführt, sondern aus den jeweiligen Notwendigkeiten des britischen Imperiums, und zwar unabhängig davon, ob in Downing-Street Tories, Whigs oder die L a b o u r Party regieren. Es gehört zur englischen politischen Tradition, zu jener Tradition, die das britische Imperium begründen half, daß unabhängig von der parteipolitischen Gruppierung der jeweiligen britischen Regierung die Ziele des Imperiums von allen gleich hochgehalten werden. Dies zeigte sich besonders deutlich bei der Behandlung der Palästina-Frage durch die Labour-Regierung vor anderthalb Jahren, von der eine besondere Förderung des von sozialistischem Geist stark erfüllten jüdischen Aufbauwerkes doch zu erwarten gewesen wäre. Diese Politik Englands, die tief in ihrem politischen System von Jahrhunderten begründet ist und in deren Komplex naturgemäß auch Palästina fällt, macht die Problematik für jede zionistische Politik aus. Die zionistische Organisation als Jewish Agency erfüllt in Palästina staatsähnliche Aufgaben. Die budgetäre Deckung erhält sie durch die freiwillige Selbstbesteuerung der Juden in der ganzen Welt. Aber das jüdische Volk ist in seiner Gesamtheit wirtschaftlich sehr schwach. Seine Massen im Osten leben in ungeheuer großer Not. Für diese jüdischen Massen, die geistig und seelisch mit der zionistischen Palästina- Idee seit Jahrhunderten verknüpft sind, sind die Tore in alle bis vor wenigen Jahren noch erreichbar gewesenen überseeischen Staaten gesperrt. Palästina, ein freies, offenes, jüdisches Palästina, ist die einzige Rettung für sie. Hiezu gesellt sich noch ein großer Teil von Juden in Westeuropa, die infolge der politischen und katastrophalen Wirtschaftsentwicklung in ihren bisherigen Ländern jede Existenzmöglichkeit und jede Grundlage für eine solche eingebüßt f haben. Die schwere wirtschaftliche Depression und Stagnation der amerikanischen Judenlicit, die bis vof wenigen Jahren noch der finanzielle Hauptträger der Palästina-Kolonisation war, bringen es mit sich, daB nun auch große Teile des amerikanischen jüdischen Mittelstandes selbst in Erwägung ziehen, nach Palästina auszuwandern. Palästina bietet nach dem Urteil von objektiven nichtjüdischen Experten, die das Land besuchten, Raum für Millionen von Juden, ohne die geringste Beeinträchtigung der arabischen Interessen. Im Gegenteil: die jüdische Immigration bewirkt eine Steigerung der nationalen und sozialen Befreiungstendenzen der arabischen und mohammedanischen Welt ln Transjordanien, dem natürlichen Hinterland Palästinas, das willkürlich . nnd im Widerspruch zum Palästina-Mandat von dem zionistischen Kolonisationsbereich ausgeschaltet wurde und heute beinahe unbewohnt ist, liegen, ihrer Bearbeitung harrend, Bodenflächen von ungeahnten Ausmaßen. Eine zionistische Kolonisation würde dort zweifellos von größtem Erfolg gekrönt und überdies auf die jüdisch-arabische Befriedung in Palästina selbst von ungeheurem Einfluß sein. * Gewiß ist das Dokument des Palästina-Mandats, dessen zehnjähriger Bestand in diese Tage fäilt, von wirklich historischer Bedeutung. Unserer Zeit ist es leider versagt, Feste zu feiern. Zu hart, zu schwer sind die Krisen im allgemeinen, die Nöte im besonderen. Allein gerade jetzt, da das jüdische Volk in seiner Gesamtheit schwersten, rohen Anwürfen und Feindseligkeiten ausgesetzt ist, da der Antisemitismus seine giftigsten Blüten treibt, soll das jüdische Werk in Palästina, das im Chaos von heute eine Oase bildet, als Lichtpunkt des jüdischen Volkes gefeiert werden, das Werk, das mit diesem bedeutenden Dokument aufs engste verknüpft, dessen Gedeihen von den Lebenskräften des Volkes und von seinen Anstrengungen abhängt. Das jüdische Volk hat den bekannten Ausspruch des italienischen Staatsmannes Conte Cavour: «L’ltalia fara da se» variiert, zum Prinzip seiner Arbeit erhoben. Die historische Aufgabe der englischen Mandatarmacht aber bleibt es, mitzuhelfen, die papierene Realität in eine lebendige umzuwandeln. England ist der Träger des Mandats. Wie das jüdische Volk das ihm entgegengebrachte Vertrauen der Nationen untere ungleich schwierigeren Verhältnissen gerechtfertigt und erfüllt hat, so hat auch das große England das in ihm vom Rat der Völker gesetzte Vertrauen auf die restlose Durchführung und Realisierung des Versprechens der Jüdischen Heimstätte in Palästina — noch zu erfüllen. Dieser Aufgabe muß die Mandatarmacht, in ihrer historischen Verpflichtung, an diesem Tage des ersten Jubiläums ihres Wirkens im Heiligen Lande eingedenk sein. Marranenforschung Warschau. Unter der Führung des jüdischen Arztes Dr. Henryk Schpidewis begibt sich in diesen Tagen im Aufträge der «Warschauer Wissenschaftlichen Gesellschaft» eine Expedition aus Polen nach Portugal und Spanien, um unter den dortigen Marranen medizinische, demographische und anthropologische Untersuchungen zu führen. Die Expedition wird im Einvernehmen mit dem Marranenforscher Ing. Samuel Schwarz und dem Marranenflihrer Kapitän Arthur Carlos de Barros Basto arbeiten und u. a. auch die Chuetas auf den Balearen-Inseln aufstichen. Ein Preisausschreiben Haag. Die «Haager Gesellschaft zur Verteidigung der christlichen Religion» hat als neue Preisaufgabe ausgeschrieben «Eine vollständige Abhandlung der geschichtlichen Beziehung zwischen dem jüdischen und katholischen Kultus». Ablieferungstermin 1. Februar 1934, Preis 400 Gulden. Fahrt Ins Blau-Welfie Erstmalig wird am Sonntag, den 3 0. Oktober 1. J,, eine ganztägige Ueberraschuugsfabrt ins Blau-Weiße in nequemen Autobossen (Allwetter-AuB&lchtswagon) veranstaltet! Boi dieser Fahrt mit unbekanntem Ziel werden etwa 200 km zurliokgelegt uud zumindest 10 Orto besucht, die jüdisch* Sehenswürdigkeiten aus früheren Jahrhunderten bewahren. So wird diese Fahrt ins Blau-Weiße, durch schönste Land schatten führend, zugleich Gelegenheit bieten, einen Ausschnitt aus der Geschichte der Juden in Oesterre i c h vof den Augen der gleichgesinnten, das heißt ausschließlich jüdischen Fahrtteilnehmer aufzurollen. Ein fachkundiger Führer wird auf alle Sehenswürdigkeiten verweisen. Der Fahrpreis betrügt pro Person, einschließlich Führung», beitrag, ohne Verpflegung, S 11.—, für Kinder (halben Platz) S 6.&0, Die Durchführung der „Fahrt ins Blau-Weiße“ liegt in Hftuden der ,,P a g“ reg. Gen. m. b. H., Wleu, III., Landstraßer Gürtel 9, wo — ln Anbetracht der bei ohrfink'ten Teilnehmerzahl — dl* Anmeldung baldigst vorzunehmen ist! Die „Fahrten in» B 1 a u - W e i ß e“ werden — jedesmal mit audenjm Ziele — am letzten Sonntag jedes Monat« wiederholt; TeUneluneinahl stet« beschränkt, daher rechtzeitige Aaiqeldung au empfehlen. (Bedingungen wie oben angegeben.) Traut mimI propaotevl da« gemeinsame zionistische Erkennungszeichen II* blau-weiße SMnaM (Verbleit: Kcicii Kalemetb)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.