Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 247 (29.9.1932)
- Date
- 1932-09-29
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 247 - 29. September 1931 DIE STIMME Sette 5 Zum Kutturpvoblem der Juden hi der Golirfh Don Df. Michael Steinberg Wir sind als Menschen verurteilt, in einer geistigen und wirtschaftlichen Sturzflut der Geschichte zu leben. Viel fürchterlicher jedoch sind diese Tage für uns als Juden. Als Zeitgenossen, denen naturgemäß die entsprechende Distanz zu den Zelten', die wir erleben, mangeln muß, jeder von uns überdies eingesponnen In sein sturmumwogenes Einzelschicksal, Können wir zumeist die Größe unseres nationalen Unglücks nicht ermessen. Nur hie und da kommt uns zum Bewußtsein, in welch bodenlose Tiefe wir als Volk geschleudert •wurden. Unsere nationale Bilanz der letzten zwei Jahrzehnte schließt mit einem erschreckenden Defizit ab. Das russische Judentum ist für absehbare Zeit für uns verloren; auch das zweite große Reservoir unserer Volkskraft, das polnische Judentum, liegt vollständig darnieder. Die mitteleuropäische und westliche Judenschaft ist ebenso wie die amerikanische, auf die wir so große Hoffnungen setzten, zusammengebrochen. Diese Katastrophe in Ost und West wird überall vom widerlichen Geschrei des Antisemitismus begleitet, der neben dem materiellen den fürchterlichsten seelischen Druck bedeutet, unter welchem unsere Kraft zu erlahmen droht, ln früheren Zeiten waren wir als Volk fast unangreifbar. Ging es einem Teile schlecht, so konnte doch ein anderer unter leidlicheren Bedingungen leben. Auf die Weise trug der Fluch unserer Zerstreuung teilweise auch zur Erhaltung unseres Volkes während der zweitausendjährigen Galuth bei. Wurden wir in einem Lande verfolgt und vertrieben, so ergriffen wir den Wanderstock, um ein gastfreundlicheres Land aufzusuchen. Heute ist die ganze Welt abgesperrt und so uns auch diese Möglichkeit genommen. Hiezu kommt aber noch etwas, was vielleicht noch wichtiger — unsere geistige und seelische Not. Mußte der Jude auch im Mittelalter um seine Existenz zittern, waren täglich und stündlich sein Leben und Hab und Gut bedroht, so hatte er dennoch eine Zuflucht. Die geistigen Güter der Vergangenheit, das beispielgebende Familienleben und das religiöse Erleben innerhalb der Gemeinschaft bildeten die unangreifbare Festung, in die er sich zurtickzog, wenn Haß und Niedertracht ihn umloderten. Auch diesen Schutz haben uns die Aufklärung und der mechanistische Geist des neunzehnten Jahrhunderts genommen. Wir stehen geistig und seelisch nackt da und darum ist unsere jetzige Lage so katastrophal, katastrophaler als sonst während unserer langen Verbannung. ln dieser verzweifelten Situation gibt es, wie wir inständig glauben, für die Dauer nur eine Lösung und Erlösung: Erez Israel. Aber die vollständige Verwirklichung dieser einzigen Rettung erfordert Jahrzehnte, vielleicht ein Jahrhundert ungeheurer Anstrengung, Mühe und Arbeit Inzwischen verschlechtert sich unsere Lage in der Galuth von Tag zu Tag. Auch der Zionismus hat bisher — es muß offen gesagt werden — in den Ländern der Zerstreuung seine Kulturaufgabe nicht zu erfüllen vermocht. Gewiß, er hat unser Gewissen aufgerüttelt und unsere früher auf Selbstvernichtung «Soweit meine Instrumente feststellen konnten — nein.» «Und Appells an die gesamte jüdische Oeffentlichkeit? Auch nicht?» «Nein.» «Und Machlaukes, wie? Sehen Sie, wir haben da nämlich neulich einen Artikel gebracht . . . irgendeine Rabbinerafläre . . . Leute, die dort oben sehr gut Bescheid wissen, sagen, es wäre himmelschreiend gewesen. Haben Sie gar nichts davon gehört? Muß doch da oben vernehmbar gewesen sein, nicht?» «Nein. Die Ergebnisse meiner Untersuchungen stehen zwar noch nicht ganz fest, aber ich glaube, doch so viel schon jetzt sagen zu können: Diese kosmischen Strahlen hören da oben auf.» «Und all die übrigen Sachen? Weltkonferenz ja oder nein, Arbeitsdienst ja oder nein, Reichsverband ja oder nein, Rabbinerseminar ja oder nein, Seelsorge mit oder ohne, Jabotinsky, Naumann, Halberstädter Verband? Ich meine, das sind dooh weltbewegende Sachen. Das muß dcoh da oben zu spüren sein, nicht?» «Nein,» sagt der Professor, «gar nichts... Da oben...» Der Professor macht eine weite Geste. Als ob er sagen wollte: Da oben ist’s schön. Da gibts all das nicht. Auch keine Zeitungen und keine Journalisten . . . Ich verstehe. «Nun nur noch eine Frage, Herr Professor,» sage ich, «dann sind Sie mich los. Wenn es da oben noch gar keine Juden und nichts Jüdisches gibt, also auch keinen Antisemitismus —, vielleicht ist es etwas für einen Emigrationsplan, wie? Die Zionisten werden ja dagegen sein, aber Einstein, denke ich, wird den Aufruf unterzeichnen. Vielleicht Georg Bernhard auch und dazu noch ein paar Agency-Leute. Wie, was meinen Sie? Wie beurteilen Sie zum Beispiel, Herr Professor, die Aussichten für jüdische Dentisten und Zahntechniker?» Ist der Professor aufgestanden, zu Lebensgröße sozusagen, hat sich mit dem stoppeligen Kinn überm Vatermörder festgehalten, daß er nicht wieder zusammensinkt und hat — der Wahrheit die Ehre, und rauskommen wird’s ja doch — und hat mich rausgeschmissen. Bin ich auf die Post gegangen, Verleger angerufen, klipp und klar gesagt: «Nichts Jüdisches, Herr Verleger. Gar nichts.» «Na,» hat er gesagt, «dann schreiben Sie wenigstens d a s. Freuen sich unsere Leser.» Was soll man tun, bin, wie Sie wissen, ein Tintenkuli, habe mich hingesetzt und geschrieben. E. C. (Ist. F. H.) gerichtete Gesinnung von Grund auf geändert, und das Ist sehr viel. Aber die jetzt mehr ungewollte und unbewußte Assimilation schreitet nach wie vor weiter fort. Ein starker Jischuw in Palästina wird wohl sicherlich durch seine Ausstrahlungen das Kulturleben der Juden in der Galuth ln großem Maße beeinflußen. Diese begründete Hoffnung wird aber nur dann in Erfüllung gehen können, wenn die genügende Verbreitung der hebräischen Sprache den Bestand eines aufnahmefähigen Resonanzbodens für die kulturellen Schöpfungen Erez Israels ermöglichen wird. Die Notwendigkeit der Herstellung dieser wichtigsten Verbindung zwischen Palästina und der Galuth muß in der nächsten Zeit in viel größerem Maße als bisher das Bewußtsein des nationalen Judentums ausftillen. Sie ist jetzt mehr denn je zu einer Lebensfrage unseres Volkes geworden. Die ureigenste Schöpfung des jüdischen Volkes, die Einmaligkeit seines religiösen Erlebnisses, das zum Inhalt einer nationalen Kultur wurefe, ist von der Assimilation zu einer armseligen «mosaischen Konfession» herabgedrückt worden. Aber auch wir Zionisten glaubten die Normalisierung unseres Daseins herbeizuführen, wenn wir «ein Volk den anderen Völkern gleich» werden. Es schien uns, daß ein bald zu errichtendes palästinensisches Kulturzentrum und die Wiedererweckung unserer nationalen Sprache vollauf genügen werden, um auch unser nationales Leben in der Galuth zu erhalten. In begreiflicher Reaktion gegen die assimilatorische Auffassung des Judentums als Nur- Religionsgemeinschaft, verfielen wir, den Nationalismus anderer Völker kopierend, in das andere Extrem, wollten nur das Profan-Nationale sehen und glaubten, den national-religiösen Charakter unserer Kultur ganz außer acht lassen zu dürfen. Es ist nunmehr höchste Zeit, daß wir diese falschen Gedankengänge, die auf einer offenbaren Selbsttäuschung beruhten, raschestens einer gründlichen Re- , JeHaiml Billett Bestrenommierte Küche im neueröffneten Gassenlokal il., Hammer Purgstaiioasse 3, Tel. A 48-6-82 Vision unterziehen. Der allzu dünne Faden der nationalen Gesinnung allein genügt nicht, um, die zentrifugalen Tendenzen des .Galuthlebens überwindend, ein unzerreißbares Band zwischen dem Individuum und unserer Gemeinschaft zu knüpfen. Andere Völker haben Schulen, Universitäten, Theater, Museen, und tausend andere Institutionen, die dazu beitragen, ihren Volksgenossen nationale Kultur einzuimpfen. Das Land selbst, in dem sie leben, schafft um sie eine eigene Atmosphäre. Alle diese Dinge bleiben uns in der Galuth versagt. Das Leben unter den Wirtsvölkern, das Sprechen ihrer Sprache, das notgedrungene Benützen ihrer Kulturwerte vernichten unsere Eigenart und verschütten die Grenzsteine unseres nationalen Daseins. Wie sollen wir uns in unseren Kindern geistig fortsetzen, wie wollen wir sie vor den entnationalisierenden Einflüssen der Umgebung schützen und den in unserer Jugend schlummernden jüdischen Gefühlen Inhalt und Form geben? Wie können wir die jüdische Familie, der die geistig-ethische Grundlage verlorenging, wieder zu einer Zelle unseres nationalen Lebens erheben? Die jüdische Religion ist, wie keine andere, nach ihrem Inhalt und Wesen eine nationale Religion. Ihre Feste und Trauertage, Sagen und Legenden, Gebote und Verbote, Ethik und Goitesauffassung sind die Emanation unseres nationalen Genius in seiner höchsten Potenz. Die Rückkehr zur religiös-nationalen Einheit des Judentums und zur ethisch-sozialen Sinngebung unserer Geschichte, die Wiedererweckung der kulturschöpferischen Energien im Geiste unserer großen Vergangenheit und die Verwirklichung des Judentums auch in seiner religiösen Gestalt ist ein Weg zur Erneuerung unseres nationalen Lebens in der Galuth, der beschritten werden muß, wenn wir unser Volk über diese Zeit hinüberretten wolLn. Die unzweifelhaften Schwierigkeiten und das Prinzipiell-Weltanschauliche des Problems sollen gewiß nicht übersehen werden. Aber das Gewissen der nur Gleichgültigen, Lauen und Bequemen muß wachgerüttelt und ihr Verantwortungsgefühl gegenüber der jüdischen Gemeinschaft geweckt werden. Denn unsere Religion ist eine Gemeinschaftsreligion. Alle religiösen Einrichtungen des Judentums waren immer an die Gemeinschaft geknüpft. Es gibt nach jüdischer Auffassung keine isolierte Beziehung des einzelnen zu Gott ohne Jüdische Elfem! Kail ff ScfutlbUcfccr für Eure Kinder in der tUdtschen BuchhandluiHi HERMANN TUCHNER Wien, 2» Bezirk, Icke Taborstraß« 92 Lehrbücher für alle Lehranstalten in den richtigen Auflagen, auch antiquarisch, zu sehr mäßigen Preisen. Verzeichnisse kostenlos! Für Auskünfte: Telephon R 41-4-20 Spesenfreie Zusendung überallhin! Vermittlung der Gemeinschaft. Religiöses Fühlen, Denken und Leben ist Dienst am Volke. Es soll auch nicht einer landläufigen Orthodoxie oder einem seichten und starren Ritualismus das Wort geredet werden. Die jüdische Religion ist, ihrem tiefsten Wesen nach, keine dogmatische oder mythologische, sondern vielmehr eine nationale Geschichtsreligion. Jedes menschliche Gefühl ringt nach Ausdruck und Formen und auch das religiöse kann Zeremonien, Formen und Gebräuche nicht entbehren, die mit der Zeit reformbedürftig sein mögen. Unser Blick aber muß unbeirrt das Tiefere und Wesentliche erfassen und auf den Inhalt und das Ziel gerichtet sein. Das Leben eines Volkes, noch dazu von so hoher Geistigkeit wie das jüdische, kann von einem politischen Inhalt allein nicht ausgefüllt werden. Der Zionismus, der die potentielle Kraft des Judentums wieder lebendig machen will, kann an der religiösen Grundstimmung unseres Volkslebens nicht gleichgültig vorübergehen. Er muß vielmehr auch diese ihm immanente Urkraft als Schutzwall in den Dienst unserer Gemeinschaft stellen. Die Assimilation hat das Judentum von seinem seelischen Nährboden losgerissen. Der Zionismus hat es zum Urquell seiner Kraft zurückzuführen. Mit dem Blick auf Erez Israel gerichtet, muß das Judentum in der Galuth, um sich als Volk zu erhalten, sein Kulturleben auf den drei Grundpfeilern: des nationalen Bewußtseins, der hebräischen Sprache und dem religiösen Erleben in der Familie und in der Gemeinschaft aufbauen. Ein Nationülgesclienli an den Dichter Saul Tschernichowshi Bekanntlich wurde vor kurzem an den Dichter _ Saul Tschernichowski in Palästina durch ein Komitee als Nationalgeschenk die Gesamtausgabe seiner Werke überreicht. Daß dieses Werk Zustandekommen konnte, ist lediglich das Verdienst einer kleinen Schar von Menschen, in erster Linie des Journalisten Ben-Zion Katz. Die Herausgabe von 10 Bänden ist in normalen Zeiten eine Grandleistung, geschweige denn in unseren tristen Tagen. Das bisherige grandiose Werk von Tschernichowski, sowohl seine Originalwerke als auch seine wunderbaren Uebersetzungen aus der Weltliteratur, sind einer der schlagendsten Beweise für die unerschütterliche Lebenskraft des jüdischen Volkes und seines Geistes. Wie sich das lebende jüdische Volk zu diesem Werte verhalten wird, wird die Zukunft, die nächste Zukunft, lehren. Wir wünschen, daß eine sehr bittere Bemerkung eines hebräischen Schriftstellers aus Palästina sich nicht bewahrheiten solle. Sie lautete: Tschernichowski, es grüßen dich die vergangenen Geschlechter, es grüßen dich die künftigen Geschlechter, aber nicht das Geschlecht der Wüste. Anläßlich dieses Ereignisses bringen wir die Uebersetzung eines Gedichtes von Tschernichowski. Ruinen von Saul Tchernichowsky ..»Noch erstrahlt die Abendglut aus Purpurfalten, Milde liegt die Stille, Dunkel dämmert weich, Auf dem Dniepr zieh'n gelockte Lichtgestalten, Wellentöchter schluchzen durch das Schilfbereich. Bläulich winkt es dort, wo still die Hügel halten, Ueber Tal und Büsche streicht es nebelbleich; Durch die Klippen hier geh'n strömende Gewalten Und der Dniepr schäumt, dem Wolf im Netze gleich. Urzeit ne t:l flieh.' n, ein Bild ist lebend worden: Heereslager jauchzen und Kosakenhorden, Feuer jeder Berg, im Strom glimmt Waffenglanz. Und die Welle raunt: Kannst du uns Grenzen geben?. Was verging — noch blüht es Irgendwo im Leben, Tag an Tag hält fest, wie Licht am Schattentanz. (Aus dem Hebräischen — von M. Chartiner) Der Vorstand des Jüd. Wohltätigkeitsvereines „BrUderlEchkeit“ gratuliert seinem langjährigen Obmanne Herrn Malkiel Grünwald zu seinem heutigen 50. Geburtstage und wünscht sowohl ihm, wie auch allen Mitgliedern, Freunden und Gönnern des Vereines herzlichst naiB nöwn na»ro Wien, II., a-i ilm! ■■ . I ■ ■■»■ — . ■- ..