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Die Stimme · 1932-09-29 · Heft 247 (29.9.1932) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
5 (1932)
Issue
Heft 247 (29.9.1932)
Date
1932-09-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
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UiH 4 DIE STIMME Nr. 247 — 29. September 1932 Dev jüdische Monismus Don Dr. Friedrich amMmmmi (Lemberg) Das Judentum ist mehr denn bloße Blutsverwandtschaft. mehr als jegliche Schlcksalsgemelnschat't, es bedeutet daher zugleich mehr und weniger als Rasse und Rassenressentiment, dessen ungeachtet. ob man mit Chamberlain geneigt ist, diese Faktoren als die oberste Instanz der Weltgeschichte 'anzusprechen. Das Judentum ist alles dies und darüber hinaus ein Volkstum des Qelstes, eine besondere Mentalität, eine psychische Eigenart und Weltanschauung, die, allen Rassentheoretikern und Materialisten der Welt trotzend, den Geist und das Ethos, sowie die Wahlverwandtschaft als das wertschaffende und erhaltende Prinzip vier Jahrtausende der Weltgeschichte hindurch siegreich behauptet hat. Der Grundpfeiler der jüdischen Geistigkeit ist in dem einzigen Dogma des religiösen Judentums, in der absoluten Einheit des Weltalls in Gott, tief verankert und es ist schon deswegen von hohem Interesse, von diesem Gesichtspunkte aus den gegenwärtigen Stand des Judentums zu überblicken. Und wenn wir unbefangen darnach im Judentum Ausschau halten, müssen wir zur Feststellung gelangen. daß das gesamte Judentum, unbeschadet aller sonstigen, auch tiefgreifenden Unterschiede, im ganzen und großen am Monismus festhält, wie sehr auch der Inhalt, der tiefere Sinn und Charakter desselben sich gegensätzlich gestalten mag. Denn auch Baruch Spinoza war Monist, nicht minder als Leo Trotzki. Sie sind beide Erben unseres Volksgeistes in dessen Ringen um Wahrheit, um volle Erkenntnis und eine dementsprechende Einstellung zum All. Der Nordpol unserer geistigen Weltauffassung heißt Moses, der Südpol heißt Trotzki, Spinoza schwebt als Meridian in ihrer Mitte: der «über den Wassern schwebende Geist Gottes» ist es bei Moses, der alle Weltwunder ins Leben ruft und sie am Leben erhält, alles Physische und alles Fleischliche zumal, während der Materialist in Trotzki das Geschaffene und Sichtbare und Greifbare zum Ausgangspunkt seiner Weltgeschichte macht und deshalb alles Wunderbare und alle Wunder des Geistes verleugnet und verachtet, den Geist, die Qualität, der Masse und der Zahl opfert. Der schöpferische Geist Gottes in seiner höchsten Bewußtheit steht darum bei Moses im Zentrum aft&’Weltgeschehens, verblaßt zu einem rationalistischen Schema bei Spinoza, wird bei Trotzki im NatfüK de ti u Hadawar» ü M WH WH wmlm WHH tarbuch nach der deiktisch-phonetischen Methode aom Erlernen des hebräisch Lesen, Schreiben und die Anfangsbegriffe der hebr. Sprache in 38 Lektionen — Ueberall erhältlich und hei J. Herzberg, Wien, II., Karmelitergasse Nr. 6/9 men des «Volkes», der Masse, verpönt und vertrieben, als Ausgeburt einer kranken Phanfasfe oder vielmehr der verbrecherischen Herrschgelüste der kapitalistischen Herren und der ihnen gefügigen Pfaffen. So oder so, es bleibt Monismus, ein geistiger oder aber ein materialistischer Monismus, der das grundsätzliche Erbe unserer Volkspsyche zu bilden scheint und der sich in seiner ganzen grandiosen Gegensätzlichkeit gerade im Judentum folgerichtig entwickeln mußte, um von da aus zuerst auf dem geistigen, sodann auf sozialpolitischem Oebiete die ganze Welt in Bewegung zu setzen. Wenn rnan das liest, was Wilhelm Sombart über die Entstehung des Kapitalismus schreibt, wo er die Juden geradezu als die Väter des heutigen Kapitalismus hinstellt, und wenn man sich die große Anteilnahme des Judentums (Marx, Lassalle, Trotzki) an der sozialistischen Bewegung vor Augen hält, so muß bei aller gebotenen Vorsicht im Urteilen und Einschätzen doch zugegeben werden, daß das Judentum, welches seinerzeit den Monismus in seiner höchsten Geistigkeit zur weltbewegenden Kraft gemacht und die führenden Glaubenskirchen, das ist das Christentum und das Mohammedanertum zur Welt gebracht hat, in seinem weiteren geschichtlichen Verlaufe dem Kapitalismus sowohl als auch dem Sozialismus im weitesten Sinne des Wortes Vorschub geleistet hat limt noch leistet. Das Wesen und den Sinn dieses Kampfes kann man nur dann recht verstehen und würdigen, wenn man, vom Einheitsgedanken der monistischen Weltanschauung ausgehend, begriffen hat, daß es sich da letzten Endes um einen tiefgreifenden inneren Kampf im Judentum selbst handelt zwischen den zwei entgegengesetzten Polen der jüdischen und allmenschlichen Psyche, von denen die eine durch und durch übersinnlich, methaphysisch veranlagt ihr Heil im jenseits findet und von dort aus auch alles Sinnliche beherrscht und geleitet glaubt, indes die zweite geistlos sich selber, den Menschen und seine irdischen Zwecke in den Vordergrund stellt und ihrerseits glaubt, ohne Gott Auskommen zu können, Ihn und das Fortleben der Seele nach dem physischen Tode als Hirngespinste behandelt. Dieser Kampf um die Seele unseres Volkes, um die Vorherrschaft in aller Welt muß und wird zwischen diesen beiden Polen in Bälde ausgefochteit werden und es dürfte keine Uebertreibung sein, wenn ich sage, daß dies der eigentliche Zwecksitm der ganzen Weltgeschichte ist. der ewige Kampf zwischen Geist und Körper, zwischen Qualität und Quantität, der nunmehr seiner endgültigen geschichtlichen Lösung entgegengeht. Mag er auch aktuelle Formen annehmen und ziehende Schlagworte gebrauchen, sein wahres Wesen muß sich um so stärker geltend machen, je mehr wir uns der Lösung nähern werden. Hoffen wir hierin auf den endgültigen Sieg der guten Sache, unseres «alten, ewig jungen Gottes»! Oer Fall «halou Ankri» Zu den Vorfällen in Tunis Von unserem o. z.-Berichterstatter. Vor kurzer Zeit ging durch den jüdischen Blätterwald eine kurze Meldung über einen Pogrom in S f a x (Tunis). Bald ist aber wieder Stille eingetreten. Man geht so leicht über einen kleinen Judenpogrom hinweg. Gab und gibt es doch deren so viele. Vor einigen Wochen hörten wir auch von einer Judenmetzelei in Aden. Und schon hat man es vergessen. Obgleich soeben in London eine Delegation intervenierte, nicht nur, um die Wiedergutmachung des erlittenen Schadens zu verlangen,?$ondern'. auch unv Schutz vor Weiteren, in. Vorbereitung befindlichen Abgriffen, arfzttfordern. Auch die tunesische Jucfenheit ist hoch lange nicht beruhigt, wenn auch augenblicklich in Sfax Ruhe herrscht. Die Wühlereien der arabischen Extremisten — sie sollen von palästinensischen Führern geleitet sein — dauern an und man ist beunruhigt. Aber nicht nur diese Hetzereien, beunruhigen die tunesischen Juden. Der «Fall Lalou Ankri» lastet wie ein schwer Alp auf den Juden. Lalou Ankri, ein beherzter Jude, der sich und vor allem seine Angehörigen, Frauen und Kinder, nicht dem Mob preisgeben wollte, hat Schreckschüsse in die Luft abgegeben. Die Polizei hat dies sofort einwandfrei festgestellt. Trotzdem wurde Lalou Ankri verhaftet und ist bis zum heutigen Tag nicht in Freiheit gesetzt. Denn Inzwischen wurde eine Affäre konstruiert, um die Schuld dieses Juden zu erhärten. Es meldete sich nach einiger Zeit ein Opfer dieser Abwchrschüssc in die Luft. Ein Araber behauptete, eine Nasenverwundung durch die Schüsse Ankris davongetragen zu haben. Keine Zeugen, keine Beweise und Lalou Ankri schmachtet im Kerker. Weil er sich gewehrt hat, weil die französische Gerichtsbarkeit «objektiv» sein will, weil sie den Arabern gefällig zu sein für notwendig hält. Alle Interventionen blieben bisher, vergebens. Die jüdische Presse protestiert unentwegt. Bisher vergeblich. Die jüdische Presse der ganzen Welt soll und muß sich dieses Falles annehmen. Die Selbstverteidigung der Juden, wenn die Behörden' versagen, ist das primitivste Recht, das wir fordern, müssen. Frau Finy Glücklich ist aus PARIS zurückgekommen und bringt für Sie die schicksten Modellhlite zu kleinen Preisen — Auch Modernisierungen werden schick und billigst ausgeführt — Wien, IV., Blechturmgassc 8, Stock. Telephon U 47-6-50 Interview mit Piccard Habe :m Aufträge unserer Zeitung Piccard besucht. Chefredakteur wollte es haben. Sagte: „16.000 Meter . . . Stratosphäre .. . historisches Ereignis . . . müssen wir bringen.* Was soll man tun, bin, wie Sie wissen, Tintenkuli, setze mich also auf die Bahn und fahre. Werde vorgelassen, halte meine Visitenkarte in der Hand, stammele: «Erlaube mir zu begrüßen . . . weitverbreitetes Blatt, größte Auflage, hervorragender Anzeigenteil . . . lebhaftestes Interesse . . ., möchten bitten: ein Interview.* Der Professor dreht sich an seinem Schreibtisch halb um und guckt mich an. Ziehe Notizblock, stenographiere: Gesicht von einem pensionierten Volksschuldirektor in Zivil, sonst ganz sympathisch, Brillen verbogen, Kragen von Mey & Eidlich, nach Gebrauch wegzuwerfen. Der Professor: «Wie bitte?» Notiere seine Aeußerung und wiederhole: «Weitverbreitet .. . viele Anzeigen . . . Interesse . . . Interview.» Professor nimmt die Brillen ab, putzt sie, fragt: «Wie heißt die Zeitung?» Gestehe. Pro i-sor: «Sind doch schon Kollegen von Ihnen dagewesen. Können doch lesen, was die anderen geschrieben haben! Entschuldigen, bin nämlich sehr beschäftigt.» Sage ich: «Verzeihen Sie vielmals. Was die anderen geschrieben haben, kann ich nicht brauchen. Sagte ja schon: «Israelitisches» Blatt. Muß etwas Jüdisches von ihnen haben. Hat sonst gar keinen Wert für meinen Verleger, Ihre ganze Stratosphäre, mit Verlaub zu sagen. Bringen nämlich nur jüdische Sachen.» «Weiß keine,» sagt der Professor. «Sie verzeihen,» sagte ich und guckte ihn scharf an, «sind Sie nicht vielleicht selbst Jude? Piccard . , da gibt’s nämlich einen Synagogenvorsteher in . . Professor macht Augen wie ein Professor. «Bin Christ,» sagt er. «Natürlich,» verbessere ich, «ich meine ja nicht jetzt, aber möglicherweise . . . vielleicht Jude gewesen. Ausgetreten, wie? Gar nicht? Nicht ein bißchen? Daß ich vielleicht einen offenen Brief an Sie richten kann, Sie möchten wieder eintreten? Wie?» «Nein,* sagt der Professor, «ausgetreten —, was ist denn 4m?» Er scheint es wirklich nicht zu wissen, denke ich. Frage also nach der Abstammung. Vielleicht der gottselige Herr Vater? Wenn .auch nicht direkt Jude, vielleicht so aus Czerbowitz? Nein? Kein bißchen? Oder die Frau Gemahlin. Oder Großmutter mütterlicherseits . . .?» ' «Nein.» Wische mir die Stirn, beginne anders herum. «Entschuldigen Sie,* sage ich, .«aber Sie werden doch wenigstens Beziehungen zu Juden haben.» «Beziehungen?,» fragt der Professor, «wieso?* «Nun, ich meine Bekannte, Kollegen, Freunde.» «Nein.» «... dann vielleicht Ihr Hauswirt, Ihr Zigarrenhändler, Ihre Blumenfrau? Damit ich wenigstens schreiben kann: . . . zählt zu seinen besten Freunden eine Reihe jüdischer Persönlichkeiten . . . Wie, geht nicht? Alles keine Juden? Gar keine?» Wische mir wieder die Stirn und sage: «Dann haben Sie vielleicht einmal eine Aeußerung über Juden und Judentum getan? Vielleicht einmal einem Juden einen groben Brief geschrieben, ein Lotterielos zurückgeschickt, vielleicht einmal gesagt, die Bibel sei ein schönes Buch oder Jesus war auch nur ein Jude oder so etwas Aehnliches? Das würde uns vollkommen genügen. Sie brauchten bloß beispielsweise . . . halt,» sage ich, «da habe ich eine Idee, — haben Sie nicht vielleicht einmal einen Nationalsozialisten gesehen und Sie Waten dagegen? Sie verstehen, wenn ich schreiben kann . . . entschiedener Gegner der nationalsozialistischen Terrorniethoden oder sagen wir wenigstens Friedhofsschärulungen, clhs genügt schon. Freuen sich meine Leser.» «Friedhofsschändungen?,» sagt der Professor, «wie macht man das?» Schnappe nach Luft und sage: «Weiß nicht. Kann es auch nicht. Aber, Sie verstehen, ich brauche eine jüdische Sache von Ihnen, eine Aeußerung, ein Aeußerungchen, eine Beziehung, ein Beziehunglein-, Herrgott, Sie müssen das doch einsehen! Tun Sie mir den Gefallen, sprechen Sie sich gegen die braunen Gewalttaten aus, was senadet Ihnen das schon? Sagen Sie: Ich mißbillige das. Weiter nichts. Diese drei Worte. Sprechen Sie mir nach: Ich . . . miß . . . Meine Leser werden sich freuen.» «Nein,» sagt det Professor. «Entschieden nein. Das tue ich nicht.* «Dann tun Sie so eine Aeußerung. Ueber die Juden als Konfession. Meinetwegen al« Volk. Sagen Sie, daß Sie dafür sind. Slnd’s so gut.» «Ndu -agi'dvr Professor. «Entschieden nein. Kenne die Materie gar nicht. Wenden Sie sich an einen Kollegen von der theologischen Fakultät ...» «Aber ich muß es doch von Ihnen haben,* sage ich. «Sehen Sie, mein Verleger ist ganz versessen auf Sie! Sein’* so gut, stellen Sie wenigstens eine Hypothese auf! Erklären Sie: Ich bin zwar weder Jude, noch jüdischer Abstammung, aber wenn ich, etwa mütterlicherseits, jüdischer Abstammung gewesen wäre, würde . . .» «Nun was: würde?» «. . . würde ich jüdischer Abstammung gewesen sein . . . Sehen Sie, mehr brauche ich nicht. Das genügt. Also, auch einer von uns, werden meine Leser sagen. Einstein, Piccard, Liebermann ...» «Tut mir leid,» sagt der Professur, «weiß von alledem nichts. Habe mich niemals mit der Abstammungslehre befaßt. Kann Ihnen da keine exakten Erklärungen abgeben. Schon gar nicht so gewagte Hypothesen. Bin ein strenger Mathematiker. Beschäftige mich nur mit meiner Stratosphäre.» «Also gut,» sage ich, «sprechen wir von Ihrer Stratosphäre.» Professor taut auf. Im Nu. «Bei dem letzten Fluge, den wir unternahmen,» sagt er und putzt sich die Brille, «kam es mir vor allem darauf an, die Auswirkungen der kosmischen Strahlen gerade dort zu prüfen, wo die magnetische Linie mündet. Allerdings muß ich zugeben, daß diese Untersuchungen besser in der Nähe des magnetischen Pols . . .» «Entschuldigen Sie, daß ich unterbreche,* sage ich, «aber das ist doch nichts Jüdisches. Das wird glatt herausgestrichen.» «Warum? Was gibt’s da zu streichen?» «Nicht wahr? Meine ich auch. Aber was soll man tun, so ist das nun mal bei urts. Man streicht. Ueberall. Bei jeder Beerdigungsnotiz von jeder Vorsitzenden des Frauenvereins. Streicht die wahre Esches Chajil . . ., die vorbildliche Mutterliebe . . ., die tieftrauernde Gemeinde . . . Alles. Sein Sie so gut, Herr Professor, erzählen Sie mir etwas Jüdisches von der Stratosphäre. Dann kann ich es bringen, und Sie sind mich los.» «Da oben,» sagt der Professor, und es klingt sehr gewichtig, «da oben gibt's nichts Jüdisches.» «So? Sehr interessant. Sehr, sehr interessant. Wirklich gar nichts? Auch keine jüdischen Vereine? Wie?» I

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