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Die Stimme · 1932-09-29 · Heft 247 (29.9.1932) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
5 (1932)
Issue
Heft 247 (29.9.1932)
Date
1932-09-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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— 29. September 1932 DIE STIMME Seit« 3 Rösch Haschanah 5693 3693 Eine Neufahvsvede an die indische Jugend Von Rabbiner Professor Dr. K. Kupfer Die Jugend denkt nicht gern an die Vergänglichkeit der Zeiten. Aber wenn das jüdische Neujahr, Rosch- Haschanah, beginnt, wird ihr Blick auf den hohen und reichen Bau der Weltgeschichte gelenkt, wie wenn ein Treppenwerk zu dem steilen und mächtigen Berge aufwärtsführen würde. Das vergangene Jahr ist wie ein flüchtiges Notizbuch, das nicht alle Eindrücke und Ereignisse festhalten kann. Die Kritik des Jahres, wenn wir bei den verblaßten Erinnerungen verweilen, ist nicht bewundernd. Unsere Schicksale waren, abgesehen von den Pausen, 8chmerzreich und traurig, so daß zum Schlüsse keine Befriedigung klang, sondern eine Sehnsucht nach größeren Weltbildern sich regte. Euer Interesse für das Judentum, o jüdische Jugend, ist auch im vorigen Jahre vielfach geweckt, aber nicht befriedigt worden. Wie wird es im Jahre 5693 werden? Die jüdische Jugend will ganz zum Judentum zurückkehren, denn man lernt Judentum, so lange man lebt, und ailes neu Gelernte ist neue Kraft. Deshalb ist die jüdische Jugend im Tempel erschienen*), um das Herz durch ein wahres Gotteswort zu erleichtern. Die jüdische Religion hat Gutes im Gefolge mit sich. Da ertönt der Schall der Posaune und wir glauben das Wunder unserer Erneuerung zu sehen. Wir beten. Durch das Gebet wollen wir uns erheben Gottes Willen zu wollen. Mein Wille wird eins mit dem Willen des ganzen jüdischen Volkes. «Also gib Ehre, o Herr, deinem Volke ..., Hoffnung denen, die auf Dich hoffen...» So viel Sinn steckt darin. Teschuba, Rückkehr zum Judentum, Tefila, das Gebet in der alten, schönen hebräische Spraohe, und Zedakah, ein gutes Herz, sind drei gute, alte Waffen. Viele böse Geister des Zweifels, des Nörgelns, des Abfalles werden durch sie ausgetrie¬ •) Seit Jahren veranstaltet die Wiener Kultusgenieinde einen Gottesdienst für die hohen Feiertage für die reifere Jugend. Unser unvergeßlicher Oberrabbiner Dr. Chajes pflegte dort gerne zu sprechen. Auch Schreiber dieser Zeilen konnte manchmal Ansprachen halten. Bell. konz. Realbüro ING. N. Kauf und Verkauf von Realitäten, Hypotheken I., II. und III. Sätze, Bau- und Zwischenkredite, Gebäudeverwaltung Büro: 2., Leopoldsgasse 26 Tel. A-49-2-47 Wohnung: 2., Vorgartenstr. 150, Tel. R-41-8-88 ben. Seelenreinheit wird dann Körperheil wie der «Unessane Tokofo sagt. Was soll dann im Jahre 5693 geschehen? Wie soll die Jugend ihr Judentum festhalten? Wir möchten schnell, gut und neu belehrt werden. Dafür haben wir im Jahre der Schule den Religionsunterricht, oft zwei Stunden in der Woche. Schon eine Stunde echten Judentums ist mehr als alle Seligkeiten. Die Religionsstunden kommen und vergehen, vom Judentum erschnappt man in den Stunden gerade nur einen Bissen. Die Sehnsucht nach jüdischem Wissen und Können nagt in allen jungen Juden, die an ihr Judentum glauben. Wie ein glänzender Funke, der uns in der Brust liegt und die weihevollen Stunden unseres Lebens mit dem stillen Fest erfüllt. Der Funke wird dann zum lodernden Feuer, die stille Sehnsucht zum lauten Verlangen nach mehr Judentum. Früher, im Mittelalter und in der nicht assimilierten Neuzeit gaben die Alten den Jungen das Wissen, die Lehren des Judentums, Produkte einer Kultur, die das ganze Volk geschaffen hat. Heute erstarrt alles Jüdische im Vergessen. Die leichtesten Gebete werden von der Jugend nicht verstanden. Die hebräische Gemeinde wird kleiner, schmilzt zusammen. Die politische und wirtschaftliche Lage unseres Volkes ist sehr traurig, ebenso durch das erdrückende Gewicht der äußeren Mächte wie durch Mittelmäßigkeit und Nichtigkeit der handelnden Personen. Da muß die studierende Jugend selbst eingreifen. Einst, vor 50 Jahren, griff die jüdische Jugend zur Tat und zog mutig unter dem symbolischen Namen «Bilu» ins Heilige Land, um dort die erste jüdische Kplonie zu gründen und ein jüdisches Menschenheim zu schaffen. Jetzt muß wieder die jüdische Jugend selbsttätig eingreifen. Eltern und Lehrer versagen, aber der Eifer, der Schwung der Jugend schafft Sonne und Luft und oben im Himmel wohnt unser Gott, unser König, Awinu Malkenu. In k 1 e i nen Gruppen von 10 bis 20 Schülern und Schülerinnen mögen sich Lerngemeinschaften bilden, die Lehrer werden sich schon einfinden. Hebräische Kurse haben einst Wunder gewirkt. Alle gingen mit hebräischen Kenntnissen hervor. Das Studium der Bibel in der Ursprache hat seine Reize. Der Weg zur Mischna, zum Neuhebräischen, zu den schönen «Sprüchen der Väter», die ebenso errlich sind wie ihre Sprache, ist dann geebnet. «Halte iich an das, was du weißt. Lerne die Thora, das Gesetz». Die kleinen, leichten hebräischen Erzählungen, das geläufige hebräische Sprechen führt zur Lektüre Achad-Haams und Bialiks. Und die hebräische Gemeinde wächst. Das Studium der jüdischen Geschichte kann schon in der hebräischen Sprache gepflegt werden. Dubnow, Grätz haben hebräische Ausgaben. Da* hebräische Buch wird begehrt, wie es Bialik hier gepredigt hat. Die tieferen Denker unter den jüdischen Schülern beginnen sich dann mit der jüdischen Problematik zu befassen. Jüdische Probleme gehören zur Ethik. Ethik ist das Endziel der Menschheit. Dank, Glaube und Glück, das soll Judentum sein. Judentum ist Weltgerechtigkeit, wie Leo Baeck meint. So findet die Jugend von selbst Rat und Richtschnur für das Hohe und das Gute. — Wir, die Aelteren, die Lehrer, werden mitgerissen, keiner wird sich den Wünschen der Schüler verschließen. Jetzt wissen wir auch, wozu wir beten. So beginnt der Herbst 5693 und der Winter fängt an; wir zweifeln nicht mehr an dem Sinn in unserem jüdischen Leben. Die jüdische Arbeit der Jugend schlägt zum Guten aus und bringt fertig, was fortwährt. Wir wollen, wie der Psalm 90 besagt, •’aß unser*’ Werke zu allen 7-‘wf‘n *• *n. wie Hilda Dulitzkaia Wien, VII., Stuckgasse Nr. 13, entbietet allen Verwandten, Freunden und Bekannten, den zionistischen Organisationen und allen israel. Wohlfahrtsvereinen nme nawi rnvo die Pyramiden bestehen, die einst unsere Vorfahren gebaut haben. Und kann die Jugend bei der Ungunst und Krise der Zeit keine großen Werke vollbringen, so lebt.sie dennoch in der Zukunft. Das Jahr 5693 ist ein Teil dieser Zukunft. Möge es ein Jahr werden der starken Worte und der guten Handlungen. Sieg und Frieden sammelt sich um Euer Haupt. Nach dem Winter wird der Frühling kommen, mit Sonne und mit lieben Lüften. Alles Leben erwacht in der Natur. Die hebräische Jugend faßt Mut und wird froh. Da wir jüdische, hebräische Kenntnisse erworlD^ haben, besitzen wir mehr, um den Anfeindungen zuwiderstehen.. . . Ihr betet mit, Awinu Malkenu, unser Vater, unser.' König gewähre uns ein gutes Neues Jahr! Erez erwacht! Wie tränenschwer, wie lange noch Wird blutig drücken uns das Joch Der heimatlosen Knechte? Wie lange noch wird Stumpfsinn hier Auf wüster Jagd, wie nach dem Tier Uns rauben Menschenrechte! Wir sind wie Blüten windverstreut, Wie Vögel ohne Nester — weit Vertreibt uns Neid der Hasser, Doch Schrei verhallt und Lauf entgleist, Zermürbt von Makkabäergeist Erlahmter Ruhm wird blasser ... Feuilleton J. L Pwo: Geschichten fiiv Kinder Moischele Moischele möchte gar zu gern ein Voglern haben! Doch wie fängt man ein Vöglein? Es hüpft über die Gasse, und kaum rührst du dich — lutsch! Weg ist es. Sein Freund macht sich über ihn lustig: «Nimm etwas Salz und streu es ihm auf den Schwanz!» Moischele, nicht fairi, geht in die Küche, schüttet das ranze Salzfaß in seine Tasche aus und eilt hinaus, Vöglein fegen. Eir hört: Zip-zip — ein Vöglein! Schnell wirft er eine Handvoll Salz hin, doch das Salz hat das Vöglein nicht getroffen, Vöglein ist früher fortgellogen. Moischele überlegt: Vöglein hat scharfe Ohren, es hört mich schon von weitem. Versucht er’s auf den Fußspitzen; hilft alles nicht. Moischele zieht seine Schuhe aus, stellt sie an die Wand ■nd läuft dem Vöglein barfuß auf den Zehen nach. Eine, vielleicht zwei Stunden — umsonst. Bis Moischele Hüde und verdrossen ist. Schüttet das restliche Salz auf die Straße und geht heim. Er kommt an die Stelle, wo er seine Schuhe gelassen hat — keine Schuhe da! Und es waren neue Schuhe! Vater wird ihm das nicht •tfcenken. Moischele hat Angst, das Haus zu betreten... Steh heute, steh morgen — einmal muß man doch hinein! Wie er ins Zimmer tritt, hört er das Dienstmädchen zu Mutti oagen: «Ich wHI das Fleisch aussalzen, es ist aber kein Salz da.» «Unmöglich, das Salzfaß war doch ganz voll», antwortet Mutti. «Muß wohl jemand gestohlen haben,..» Oj! packt es Moischele ans Herz: Ich dachte, man hat Mich bestohlen, jetzt bin ich gar ein Dtebl Serele meint Serele weint «Warum weinst du, Serele?» «Ich habe schon so lang mein Gesicht nicht gesehen, ich will mein Gesicht sehen, mein schönes Gesicht!» Mutti hat aber keinen Spiegel. «Weißt du was, Serele? Wenn du dein Gesicht sehen willst, so komm mit mir spazieren. Gleich hinter der Stadt fließt ein Fluß, klar und rein wie Kristall; du wirst dich ans Wasser steilen und dein Gesichtchen sehen ...» Serele verzieht das Gesicht: So weit will sie nicht gehen, die Füße werden ihr weh tun. Aber ihr Gesicht will sie sofort sehen, sofort! Und weint noch mehr: Sagt Mutti: «Wenn du nicht so weit gehen willst, Serele, so komm hinaus in den Hof. Dort ist ein tiefer Brunnen. Wenn du dich an den Rand stellst und lange, lange hinuntersdiaust, wirst du dich an die Finsternis gewöhnen und auf dem Wasser in der Tiefe dein schönes Gesichtchen erblicken ...» Nein! Zum Brunnen will sie auch nicht. Im Brunnen sind Frösche, das weiß sie. Und ein Frosch wird nochaus dem Wasser springen, gerade ihr ins Gesicht und ihr das Näschen abbeißen... Und weint noch mehr: Das Gesicht, sie muß ihr Gesicht sehen! «So will ich dir einen besseren Rat geben,» sagt Mutti. Sie holt aus der Küche eine Messingtasse und einen Wollfetzen. «Da», sagt sie, «nimm den Fetzen und. reib die Tasse so lange, bis sie wie ein Spiegel glänzt und blinkt, dann wirst du darin dein schönes Gesichtchen seihen...» Doch Serele weint noch mehr und verkrümmt noch mehr das Gesicht: Sie will nicht! Sie wird sich die Händchen wund reiben, die sohönen, feinen Händchen. Sie will nicht und nicht! Aber ihr Gesichtchen muß sie nun gerade sehen. «Wenn nun gerade», sagt Mutti, «gut!» Sie läuft zur Nachbarin hinüber, borgt sich ein Spieglein und bringt es Serele Doch da begann Serele eist recht und heiß zu weinen: Solch krummes, dummes, verweintes Gesicht sah. sie! — lUebersetzt von A. AL) Dem Sturmwahn weichen wir nicht mehr Und greifen mutig, stolz zur Wehr Bis Zion wir erstreben! Dort dämmert schon nach langer Nacht Und Erez aus dem Traum erwacht Zum neuen, freien Leben! Und Karmel strahlt im Morgenglüh’n Und Sarons Rosen duftend blüh*n, Chaluzim Schaaren ziehen! Sie singen froh zum Sensenklang Und atmen Glück so lebenslang ln ihren Kolonien. Ihr Mut und Fleiß und Seelenkraft Erlösung dort uns allen schafft, Sie schmieden was wir wollenl Aus Glut in Pracht dort auferstand Ein freies Volk im freien Land, Auf alten Heimatschollen! Dr. Karl Rosenfeld Herr Julius und Frau Olga KBUPKIK KPien, DII», Kaiserstraße 448, wünschen allen Verwandten, Freunden und Bekannten ein glückliches Neues Jähe! D07D

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