Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 246 (22.9.1932)
- Date
- 1932-09-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 DIE STIMME Nr. 246 — 22. September 193* II Jttdische Mädchen II ■ vor der Beruf swahlfis Zweijährige Fachschule für Kleidermachen und WSschewarenerzeugung mit öffentlichkeitsrecht Staatsgilltlge Zeugnisse Einjährige Koch- und Haushaltungsschule mit erweitertem Lehrplan für allgemeine Bildung Modistenkurs Dr. Krüger-Heim, 2., Malzgasse 7, Tel. A-48-0-77 Internat Samstag Schulfrei Berufsberatung täglich von 11 bis 12 Uhr Säuberungsaktion innerhalb des Judentums selbst um der Juden willen sehr vonnöten wäre.» Mit Verlaub: Säuberung wovon? Es kann dem Erteiler dieses Rates nicht entgangen sein, daß man dem Judentum auch solche Bestrebungen als Verbrechen ankreidet, die anderen Volksschichten zur höchsten Ehre angerechnet werden: z. B. das Streben nach geistig und gesellschaftlich gehobenen Berufen, nach wissenschaftlichen, künstlerischen und sportlichen Höchstleistungen und das Kämpfen für soziale Gerechtigkeit Daß die Juden die akademischen Berufe «überschwemmen», statt sich durch — Straßenkehren nützlich zu machen, hat einmal die «Deutschösterreichische Tageszeitung» ganz ernstlich als ein Kennzeichen des jüdischen «Parasitentums» gewertet. Sollen wir uns unserer besten Elemente entledigen, nur um uns des lächerlichen Verdachtes zu erwehren, daß wir nach der Beherrschung der Welt streben? Aber selbst wenn wir zu einer so absurden «Säuberungs»-Aktion bereit wären — wie sollten wir sie bewerkstelligen? Machen wir nicht täglich die Erfahrung, daß sogar solche Elemente, die von sich aus jede Verbindung mit dem Judentum gelöst haben, diesem trotzdem aufgelastet werden, sobald sich daraus für unsere Gegner die Möglichkeit ergibt, uns etwas am Zeug zu flicken? Die groteskeste Leistung in dieser Beziehung hat wohl General Ludendorff vollbracht, in dessen Schriften zu lesen ist, daß die beiden tückischen Zwerge, die den Nibelungenschatz bewachten, typische Juden darstellen. Als Gegenstück hiezu hat H. St. Chamberlain unseren König David, den Helden und Psalmensänger, sowie dessen angeblichen Naohfahren, den Gründer des Christentums, für das Ariertum in Beschlag genommen. Gegen solche «Säuberungs»- Manipulationen sind wir Juden machtlos. Ein hakenkreuzlerischer Fraktionsredner im ,deut* sehen Parlament stellte einmal fest» daß seine Partei andere Begriffe von Ehre und Ehrenhaftigkeit besäße als die Juden und deren «Söldlinge». Dazu sagen wir, Gott sei Dank! Unsere Begriffe von Ehre und Moral sind im mosaischen Gesetz fundiert und die Gegner dieses Gesetzes sohulden der Welt vorläufig noch den Beweis, daß sie der menschlichen Gesellschaft ein besseres Fundament für ihre kulturelle Entwicklung zu bieten haben. Den Nagel auf den Kopf trifft der berühmte Fachseiten einer Geldmacht... Sachen, in denen, möchte man sagen, etwas Vornehmes war... Edmund Rothschild vermeidet nicht systematisch die Ideen. Die 30 Millionen, die er für Laboratorien gegeben hat... Ganz hübsch, finden Sie nicht? Er ist Jude! Und er ist gern Jude! Einmal habe ich schlecht von Juden gesprochen, da ist er aufgestanden und hat auf den Tisch geschlagen ... Ja, Märtet, und hat gesagt: «Herr Clemenceau, das jüdische Volk ist das größte der Welt!» Und dann fing er an von seinem Judas Makkabäus... Das habe ich ganz gern, man soll sich nicht schämen zu sein, was man ist; das ist die einzige Art, es anständig zu sein.» In dieser ganzen Szene schwingt ein leichter Ton von Feindseligkeit und Verachtung dem jüdischen Element gegenüber mit, den man kaum überhören kann, selbst wenn man außer Acht läßt, daß Clemenceau, wie er selbst erwähnt, schlecht von den Juden gesprochen hatte. Interessant ist es auch, daß Clemenceau wegen der großen Summe, die Rothschild für Laboratorien gespendet hat, für diesen Achtung empfindet, aber von dieses gleichen Rothschild Aufbauwerk im Heiligen Lande nichts zu wissen scheint. Und doch wäre für Clemenceau als Politiker gerade dieses Werk von ungleich größerer Bedeutung als die noch so segensreichen Laboratorien. Fassen wir also die Eindrücke zusammen, die sich aus C16menceaus gesprächsvyeisen Aeußerungen zum Judentum ergeben, so zeigt sich bei ihm in dieser Hinsicht ein gewisser Gegensatz zwischen Verstand und Gefühl. Verstandesmäßig kennt Clemenceau keine Vorurteile, er kennt nur die Gerechtigkeit; gefühlsmäßig kann er nicht umhin, die Juden als ein fremdes und in seiner Fremdheit nicht immer sympathisches Element anzusehen. Es ist allerdings möglich, daß gerade in dem vorliegenden Buch dieser Eindruck durch die Auslese, die Ciemenceaus Gesprächspartner getroffen und schriftlich festgelegt hat, noch verstärkt wird. Jedenfalls stimmt die hier skizzierte Einstellung mit Climenceaus Gesamtpersönlichkeit, seinem instinktmäßigen, leidenschaftlichen Patriotismus, seiner tiefen Aversion gegen «Ues Nichtfranzösische gut überein. mann der Völkerkunde P a s s a r g e. Er erklärt, daß das jüdische Problem ein Erziehungs- und kein Rassenproblem ist. Hiermit ist die Schlüsselstellung der antisemitischen Front aufgerollt und begreiflich gemacht, warum gerade die Schulen zu den wüstesten Tummelplätzen rassischer Verhetzung geworden sind. Die Nutznießer dieser Hetze wissen längst um das von Passarge enthüllte Geheimnis. Sie sind intensiv damit beschäftigt, die Jugend zu dem Werkzeug jenes Hasses künstlich zu erziehen, der angeblich das natürliche Produkt instinktiv wirkender «Mächte des Blutes» darstellt. Eine entgegengesetzt gerichtete Pädagogik würde gegenteilige Früchte zeitigen. Aber wird solch eine wünschenswerte Aufklärungsarbeit durch Bücher wie das vorliegende geleistet? Aussprachen über dringlich an die Menschheit herantretende Probleme mögen nützlich sein — Diskussionen jedoch über Probleme, die gar keine sind, sondern von politischen Spekulanten erst zu solchen künstlich aufgebauscht werden, sind von Haus aus unfruchtbar, wenn diese Spekulanten als j autoritative Wortführer in die Debatte eingreifefl dürfen. Von den Staatsbürgern gilt soziologisch im allgemeinen, was ein bekanntes Wort über die Frauen besagt: «Die besten sind diejenigen, von denen man am wenigsten spricht.» Indem man von den Juden am meisten spricht, stempelt man sie künstlich zu einer Abart besonders gefährlicher Elemente im Staate. Das steht im Widerspruch mit dem gutjüdischen Bestreben, es ln der Erfüllung aller menschlichen und bürgerlichen Pflichten den anderen Bevölkerungsschichten gleichzutun. Die Juden wollen als Bürger keine Bevorzugung innerhalb der Gemeinschaft, in der sie leben, sondern wehren sich bloß gegen Benachteiligung. Daß sie diesem Selbsterhaltungstrieb immer wieder Kräfte opfern müssen, die anderweitig nützlicher zur Geltung gebracht werden könnten, beweist noch lange nicht die wirkliche Existenz einer Judenfrage, sondern nur die Schädlichkeit jener Faktoren, die auf der Existenz dieser Frage — ihre eigene auf- | bauen ... Dr. H u g o S p i e g 1 e r. ... Der Frankforter Delegiertentag Brodetsky über die politische Lage des Zionismus Gleich am ersten Tag hielt Professor S. Brodetsky, Mitglied der Zionistischen Exekutive, sein mit Spannung erwartetes Referat über die politische Lage des Zionismus. Er schilderte die Entwicklung der politischen Beziehungen des Zionismus in den letzten Jahren und stellte insbesondere die Irrtümer der verschiedenen Experten in ihren psychologischen Ursachen dar. Heute hat sich die politische Lage weit¬ Bestrenommierte Küche im neueröffneten Gassenlokal ll., Hammer Purostaiigasse 3, Tel. A 48-6*82 geltendst gebessert. Insbesondere ist es klar geworden, daß die Zahl derjenigen Fellachen, die ihren Boden verloren haben, nur ganz gering ist. Zur gleichen Zeit steht das Weltjudentum in einer Katastrophe, durch die die Existenz eines jiidi-; schert Palästina erhöhte Bedeutung gewinnt. Gegenüber dem' Revisionismus muß die Forderung'der-Einhaltung der Disziplin’erhoben werden. Lange genug haben wir geduldet, daß die Interessen der Nation durch die unverantwortliche Tätigkeit einer kleinen Minorität gefährdet werden. Trotz der Besserung der politischen Lage sind wir im einzelnen noch bei wettern nicht zufrieden. Dies gilt insbesondere von den Problemen der Einwanderung und des Bodens. Aber die Forderung, England das Mandat zu entziehen, ist utopisch. Ein Appell an das Weltgewissen ist unannehmbar als Appell gegen England, dagegen als ehrlicher Gewissensaufruf akzeptabel Auch rm Interesse der Araber Palästinas bauen wir an der Zukunft des Landes. Ruppins Aufbauplan Nachdem1 der Deiogio. teritag beschlossen hatte, eine Gemeindekommission zu bilden, hielt Dr. Arthur Ruppin, Jerusalem, sein Referat über «Neue Entwicklungsphasen des Paiästina-au baues». Ruppin ging zunächst auf den revolutionären Charakter des Zionismus ein. Die Emanzipation des jüdischen Volkes hat nur eine Befreiung des Indviduums gebracht, dagegen nicht eine solche der jüdischen Nation. Palästina muß als eine Zitadelle des jüdischen Volkes aufgebaut werden. Trotzdem sind die Schutzwälle in der Galuth zu erhalten. Aber die Hegemonie der zionistischen Idee muß durchgesetzt Werden. Der Zionismus als eine nationale Freiheitsbewegung ist mit jeder Wirtschaftsform vereinbar. Der Zionismus muß insbesondere der jungen Generation eine Hoffnung geben, in Palästina Arbeit zu finden. In den 14 Jahren seit Ende des Krieges hat sich in Palästina die Zahl der luden, die Zahl der jüdischen Landwirte und der Umfang des jüdischen Bodenbesitzes verdreifacht. Die Zahl unserer Siedlungen, der technische Fortschritt in ihnen, die Ausfuhr von Orangen sind ganz bedeutend. Die Erträge wurden gesteigert, neue Maschinen und neue Kulturen eingeführt und wichtige Positionen im Lande in Besitz genommen. Ganz besonders ist hierbei der Kauf des Emek und der Haifabucht-Ländereien zu erwähnen Auch auf dem Gebiete der Industrie sind große Fortschritte zu verzeichnen. UeberaH in den umliegenden Ländern sieht man Produkte Palästinas. Eine Enteignung von Arabern ist von uns niemals vorgenommen worden, wir haben stets nur Boden, der von Beduinen oder Pächtern au' kurze Frist besetzt war, gekauft; so werden wir auch in Zukunft verfahren. Der Uebergang zur intensiven Landwirtschaft ist auch für die arabischen Bauern nach den von uns gemachten detaillierten Vonschlägen möglich. Es ist nachgewiesen, daß 55.000 jüdische Familien in der palästinensischen Landwirtschaft noch Platz haben. In Zukunft können wir auf den heutigen Fundamenten bauen. Schon für etwa 4000 Mark kann ein Arbeiter angesiedelt werden und eine bescheidene, aber sichere Eristenz erhalten. Wir können in den nächsten Jahren 1000 Siedler jährlich aufs Land bringen, das bedeutet in 5 Jahren zusammen mit dem Neuzuwachs der städtischen Bevölkerung neue 75.000 Seelen, die eine gewaltige Stärkung unseres Werkes bedeuten würden. Hooflen Ober Privatwirtschaft in Palästina Als letzter Referent sprach H o o f i e n, der Direktor der Anglo Palestine Company, über: «Privatwirtschaft in Palästina und ihre Aussichten». Er schilderte die subjektiven Voraussetzungen, die der Einwanderer haben muß. Bewirtschaftung von Orangenkulturem werde auch in Zukunft eine günstige Existenzmöglichkeit bieten. Die Industrie bietet auf zahlireichen Gebieten Entwicklungamöglichkciten. Die Regierung hat besonders für industrielle Entwicklung Verständnis gezeigt. Mit der Arbeiterschaft ist eine Verständigungsbasis vorhanden. Kreditmöglichkeiten sind gegeben. Besonders günstig sind die Aussichten auf allen Gebieten des Handwerks. Für die Zukunft dürfte auch der Transithandel eine Rolle spielen. Im Kleinhandel bestehen Chancen infolge des steigenden Wohlstandes. Die Generaldebatte ln der Generaldebatte werden ztun Teil Blumenfelds Bemerkungen zur Analyse des Nationalismus und die Frage des Verhältnisses von jüdischem-1 und deutschem Nationalismus behandelt, zum Teil Fragen der praktischen Politik und Arbeit des Zionismus innerhalb des deutschen Judentums. Det erste Redner, Dr. Krojanker, nimmt ausführlich zu Blumenfelds Thesen über das Wesen und die Entwicklung des Nationalismus Stellung. Er betont stärker als Blumenfeld die romantische Komponente des Nationalismus, der eine Synthese der liberalen Ideen der französischen Revolution und der Gedanken der deutschen Romantik ist. Ussischkin schilderte die außerordentlichen innerzionistischen-Schwierigkeiten, die es bei den Bodenkäufen stets gegeben hat. Unser Land, sagte er, müssen wir jedoch mit allen Schwierigkeiten so nehmen, wie es ist. Auf dem Gebiete des Bodenkaufes ist keine Zeit zu verlieren. Die private Initiative hat in Palästina Großes geschaffen. Trotzdem hätte es eine solche niemals geben können, wenn die nationalen Fonds nicht vorangegangen wären. . Aus diesem Grunde müssen neben die Siedlungen entsprechende Arbeitersiedlungen gesetzt werden. Diese Arbeitersiedlungen, verbürgen urts auch Sicherheit. — Moses Goidmatin-Berlin" nahm zu der Lage der Ostjuden in. Deutschland Steilungl- Dr. Arthur H a n t k e-Jerusalem, Direktor des Keren Hajessod, erörterte die Probleme dieses Fonds. Er wies darauf hin, daß die direkte Aktion für Palästina noch immer nicht genügend im Mittelpunkt der zionistischen Arbeit steht. Ungeachtet der Wirtschaftskrise hat sich die Zahl der Keren- Hajessod-Zeichner auf der gleichen Höhe gehalten. Der Keren Hajessod ist nicht nur Sammelaktion, sondern auch der Weg zionistischer Propaganda. Palästina ist m der Krise gewachsen. In der Nachmittagssitzung wurde die Generaldebatte fortgesetzt. Dr. Grünfelder-Würzburg ermahnte die Zionisten, ihre eigeuen ideellen Grundlagen nicht zu vergessen. Er verlangte ideologische Klärung und jüdische Lebensform. Kurt Loewenstein-Frankfurt a. M. behandelte den Irrtum der Assimilation und forderte eine Ausgliederung aus der Verstrickung mit Europa und eine Besinnung auf diejenigen Güter, die wir verloren haben. Hans Klee-Berlin sprach über die Bedeutung der Genfer jüdischen Weltkonferenz und versuchte, die assimilatorischen Angriffe gegen diese zu entkräften. Zur Frage des Revisionismus bemerkte er, daß viele Revisionisten es nicht dulden werden, daß man Herzls Organisation im Namen HerzJs zerstört. Georg Pape-Berlin äußerte sich zum Problem der Auseinandersetzungen mit dem Kommunismus. Die chaluzische Forderung muß an die gesamte Jugend gerichtet werden. Dr. Egon Rosenberg-Berlin behandelte das Problem der Verteidigung unserer wirtschaftlichen und politischen Position. Er wies auf die Chancen des Zionismus in einem aufgelockerten Judentum hin. Dr. Alfred Landsberg berichtete über die Tätigkeit de» Arbeitsausschusses für praktische zionistische Arbeit. In seinem Schlußwort kam Dr. Nahum Goldmann nochmals auf das Verhältnis zwischen Zionismus und Kommunismus zu sprechen und betonte, daß heute eine kollektive Judenfrage besteht, die konkrete Antworten verlangt. Kurt Blumenfeld setzte sich in seinem Schlußwort zunächst mit den kritischen Bemerkungen Kroian^ers auseinander. Er betonte, daß unsere Argumentation stets ein« politische sein muß. Die Judenfrage und die zionistische Entscheidung muß von einem jüdischen Instinkt aus betrachtet werden. Dies güt auch für die Auseinandersetzung mit dem Kommunismus. Nur ein historisch gerichteter Zionismus wird sjch behaupten können. Immer wieder muß die Kraft der zionistischen Bewegung zum Ausdruck gelangen. Deklarationen über politische Empfänge sind nicht wichtig; es gibt keine ernsthaften politischen Erfolge der nichtzionistischen jüdischen Welt. Wir haben kein Interesse daran, Instanzen zu schaffen, die behaupten können, sie seien legitimiert, das deutsche Judentum zu vertreten. Einzig und allein der Zionismus kann dies. Bei all dem muß der Vorrang unserer Palästina-Arbeit eindeutig gesichert werden. Schön möbliertos, großes, sonniges Kabinen an Student oder Studentin mit vorzüglicher (streng koscher) Pension billigst ahzitgebon. Telephon B 46-9-74, unter „Zentral gelegen“. Expedition des Biaites <