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Die Stimme · 1932-09-22 · Heft 246 (22.9.1932) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
5 (1932)
Issue
Heft 246 (22.9.1932)
Date
1932-09-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Hf. 246 — 22. September 1932 PtB STIMME Seite 3 Diskussion übet die Judenff<hk Disputation Nach dem wenig geglückten Versuch, den Rundfunk in den Dienst der «Bereinigung» der Judenfragc zu stellen, in dem man vor reichsdeutschen Sendern, Antisemiten und Verteidigern des Judentums einen Diskurs über diese Frage abhalten ließ, sucht man dem Problem statt mit dem gesprochenen Wort, das ln beiden Lagern enttäuscht hat, nunmehr mit dem gedruckten Wort beizukommen. Der «Zinnenverlag» hat ein Buch herausgebracht, das auf die im Titel gestellte Frage: «Der Jud ist schuld?» Antworten von repräsentativen Feinden und Freunden des Judentums liefert. Wie bei einem mittelalterlichen Ritterturnier oder einem modernen Fußballmatch hat man für gleichmäßige Verteilung der Streitkräfte, sowie von Wind und Sonne auf beiden Seiten gesorgt. Alle sportlichen Voraussetzungen für einen fairen Verlauf des Wettkampfes der Meinungen wurden getroffen — nur das wichtigste: ein Schiedsrichter, der am Ende ein autorisatives, beiden Lagern maßgebendes Urteil über Sieg und Niederlage zu fällen hätte, war leider nicht aufzutreiben... Dieses Manko kam durch das Versprechen des veranstaltenden Verlags, daß dem Buche ein Gratisnachtrag mit Stimmen aus dem Leserkreis folgen soll, keineswegs ausgeglichen werden. Denn es entspricht durchaus nicht den Vorstellungen von einer regulären Austragung eines Turniers, wenn man an dessen Ende die Zuschauer in die Arena eindringen und an der letzten Phase des Kampfes mitbestimimend teilnehmen läßt. Eine allgemeine Keilerei ist das einzige, was dabei herauskommen kann und statt einer Stimmung der Versöhnlichkeit und gegenseitigen Duldsamkeit, die der «Zinnenverlag» doch hoffentlich anstrebt, wird nur eine größere Verbitterung, eine Ausdehnung der Kampfstimmung auf immer breitere Schichten die Folge sein. Und sogar dieses Resultat — das ist das ausschlaggebende für die Beurteilung des Wertes der ganzen Sache — wird nur auf der einen Seite: der des Judentums als unerwünscht empfunden werden. Auf der anderen, die sich in der Mehrzahl aus bewußten und absichtlichen Nutznießern uralter Vorurteile und Haßinstinkte rekrutiert, die nur an der Schtirung dieser Instinkte und keineswegs an deren Eindämmung interessiert sind, wird ein solches Ergebnis mit Freuden begrüßt werden. Darum sind auch die duroh den «Zinnenverlag» vermittelten Stimmen aus dem Hakenkreuz-Lager nichts weniger als auf die Friedensschalmei abgetönt, sondern vielmehr auf die wilde Kriegsdrommette, der in einer Welt, in der der konfessionelle Hader vergangener Jahrhunderte längst schon entschlummert wäre, dessen künstliche Wacherhaltung obliegt Nur ein ganz Naiver wird sich daher wundern, daß der «wissenschaftliche» Autor des nationalsozialistischen Programms «G o 111 i e b Feder» die Gelegenheit benützt, um die antisemitischen Punkte dieses Programms mit Feuereifer zu vertreten. Natürlich nicht etwa aus Rassenhaß gegen die Juden, sondern — man höre und staune: — wegen des Rassenhasses der — Juden gegen die Nichtjuden... Die Rasseninzucht des Judentums ist ihm ein Greuell Man sollte meinen, daß gerade ein Vorkämpfer «nordischer» Rasseninzucht, die doch eine der möglichsten Forderungen des Nationalsozialismus darstellt, in diesem Punkte zu einem anderen Werturteil kommen sollte. Ja, wenn die Schlußfolgerungen antisemitischer Hetzapostel auf Logik beruhten und von der ehrlichen Sucht nach einer objektiven Wahrheit getragen würden. Graf Rewentlow, der frühere Chef einer selbständigen «deutschvölkischen Freiheitspartei», der aber mit rechtzeitiger Witterung der Hitler-Konjunktur sich diesem erfolgreichen Konkurrenten restlos assimiliert und seinem Oberkommando unterstellt hat, tadelt «die» Neigung des Judentums zur Assimilation. Dagegen erscheint dem deutschnationalen General Friedrich von Lettow- Vorbeck neben der Tatsache der Verschiedenheit von Deutschen und Juden das eine klar, daß man an dem gegenwärtig Bestehenden nichts wesentliches ändern und sich irgendwie aneinander gewöhnen und vertragen lernen müsse. Diese Gegensätzlichkeit der Anschauung vom Werte der Juden entspringt der Wesensverschiedenheit zwischen dem Geschäftspolitiker und dem ehrlich mit ethnologischen Problemen ringenden Patrioten. Lettow- Vorbeck, der mit einem preußisch gedrillten — Neger heere Ostafrika den ganzen Weltkrieg hindurch erfolgreich behauptet hat, kann erfahrungsgemäß in der Verschiedenheit der Rasse von Bürgern des deutschen Staates nicht so etwas so grundlegend Trennendes erblicken wie ein Hetzapostel, der in der Betonung alles Trennenden sein trauriges Handwerk gefunden hat und am ständigen Zündeln der Bürgerkriegsgefahr seine Suppe warm hält. Sehr diplomatisch behandelt Hermann Josef Weh r 1 e die Stellung des gläubigen Katholiken zur Judenfrage. «Er stellt fest, daß eine Für Festgerichte das reine Kunerol... Kunerol ist 100% reines Fett aus Kokosnüssen und deshalb für Fleisch- und Mehlspeisen ganz besonders geeignet. Kunerol wird in mustergültigen Betrieben auf einwandfrei hygienische Art erzeugt — es kommt während der Herstellung nie mit Menschenhand in Berührung. Kunerol wird unter ständiger Aufsicht des Herrn Bezirks* rabbiners S. Ehrenfeld zu Mattersburg hergestellt KUNEROL 100%REINES KOKOSNUSSFETT 0 Feuilleton Clemenceau spricht über Juden Von Dr. Henriette Lichtenstein Für den jüdischen Leser, der die literarischen Erscheinungen seiner Zeit verfolgt, ist es immer von unwiderstehlichem Interesse, aus jedem Buch, aus jedem Artikel, den er liest, jene Stellen, die sich mit Juden und Judentum befassen, herauszugreifen und ganz besonders zu untersuchen. Das Interesse steigert sich noch, wenn es sich um ein bedeutendes Werk oder um einen bedeutenden Menschen handelt, der in dem Werke Stellung zur Judenfrage nimmt. Alle diese Voraussetzungen treffen bei einem Buche über Clemenceau zu, das seinen langjährigen Sekretär Jean Märtet zum Verfasser hat *). Das Buch ist wert, nicht nur von jenen gelesen zu werden, die Sinn und Interesse für zeitgenössische Politik und historisches Geschehen haben, sondern mehr noch von jenen, die die psychologische Eigenart einer Persönlichkeit fesselt, die eine bedeutende Gestalt voll erfassen und somit in einem tieferen Sinne neu erschaffen können. Diesen bietet Martets Buch, das scheinbar ohne systematische Ordnung Gespräche mit Clemenceau über die verschiedensten Themen wiedergibt, eine Fülle von Anregungen. Aus den zwanglosen Gesprächen entsteht plastisch und lebensvoll die Persönlichkeit Ctemenceaus mit ihrem Fanatismus, ihrer Leidenschaftlichkeit, ihrer absoluten Bejahung oder Verneinung, ihrer Begeisterung, ihrem Selbstbewußtsein, ihrer fast unglaublichen Vielseitigkeit Wie äußert sich nun Clemenceau Über Juden und Judentum? Es ist im Grunde recht wenig, was er dazu zu sagen hat, und vor allem, es ist nichts Prinzipielles, das Anspruch auf Ailgemeingültigkeit, wenn auch im Rahmen der Meinungsäußerung eines einzelnen, erheben könnte. Es sind nur Gesprächssplitter, leicht hingeworfene Bemerkungen, die aber dennoch oder *) «Ctemencau spricht». Unterhaitun?.n mit seinem Sekretär Jean Märtet. Ernst Rowohlt Verlag. Berlin 1930. vielleicht gerade wegen ihrer Ungezwungenheit tief blicken lassen. Auffallend z. B. ist eine Aeußerung über Leon Blum. Mitten in einer etwas wehmütigen Klage über die Einsamkeit, die den alten Mann umgibt, meint Clemenceau: «... Zur Zeit schwanke ich zwischen dem Wunsch, leben zu bleiben, um den Ozean zu betrachten, und dem Wunsch, zu sterben, um L6on Blum nicht mehr sehen zu müssen... Wer hat bloß den Leon Blum erfunden, Märtet?» — Märtet: «Der Gott der Juden.» — Clemenceau: «Seltsame Erscheinung! Man muß an die Isis- und Mithrareligionen denken, die allmählich in die römische Gesellschaft eindrangen und sie zersetzten... Nur weg, nur weg, Märtet!» Die Ablehnung Blums als Juden und weil er Jude ist, kann kaum krasser ausgedrückt werden, wobei keineswegs übersehen werden soll, daß bei dieser Feindschaft gegen L6on Blum auch dessen politische Stellung als Führer der Sozialisten eine maßgebende Rolle spielt. Daß der Jude ein Element der Zersetzung und Zerstörung bildet, wird mit dem einen Satze gleichsam unter historischen Beweis gestellt. Dieser Ausspruch ist im Munde Clämenceaus um so gefährlicher, als er nur beiläufig erfolgt, ohne Erklärung und ohne Schlußfolgerung bleibt. Denn darin zeigt es sich, daß er nicht so sehr Ausdruck einer wohlbegründeten Ueberzeugung als vielmehr einer bestimmten Geisteshaltung, einer gefühlsmäßigen Einstellung ist. Einen ähnlich peinlichen Eindruck erweckt eine Bemerkung über den Autofabrikanten Citroen. C16menceau erzählt, er habe bei Citroen ein Auto kaufen wollen, aber Citroen habe ihm den Wagen überlassen, ohne Bezahlung anzunehmen, denn «ein Mann, der für das Vaterland das getan hat, was Sie getan haben, ist kein gewöhnlicher Kunde; es ist mir unmöglich, ihn einen Heller bezahlen zu lassen». Anschließend an dieses Erlebnis meint Clemenceau: «Citroen ist ein Jude, aber ein guter Jude. Es gibt auch gute Juden.» Also auch hier zeigt sich jene Einstellung, die den «guten Juden» aus der Masse der Juden heraushebt und geneigt ist, ihn als Ausnahme anzusehen Wenn man Clemenceaus Verhältnis zu den Juden betrachtet, drängt sich selbstverständlich die Erinnerung an seine Stellungnahme im Prozeß Dreyfus auf. Was aber Clemenceau dazu veranlaßte, für Dreyfus Partei zu ergreifen, stand letzten Endes in keinem Zusammenhang mit Judentum oder Antisemitismus, sondern war lediglich der Ausfluß reinen Gerechtigkeitssinnes, der ohne innere Beziehung zur Person oder Sache seiner Ueberzeugung ungestümen Ausdruck verleihen mußte. Rein objektiv beurteilt bedeutete diese Angelegenheit mit ihrer Korruption und ihrem Intrigenspiel eine Gefährdung der französischen Psyche. «Die Sache hat ihr Gutes gehabt» — äußert Clemenceau zu Märtet — «sie hat aufgeräumt. Mit diesem Krebs im Leibe konnte Frankreich nicht in den Krieg ziehen.» Clemenceau spricht weiter von den Dreyfus-Gegnern, denen er in seinem Leben begegnet war. Da gab es solche, die sofort in Wut gerieten, wenn man von der Affäre Dreyfus nur zu sprechen begann. «Das waren alberne Gesellen, meint Clemenceau, «aber es gab auch andere,» setzt er fort, «das ist merkwürdig, Leute von Verstand, gute Köpfe... aber die liebten die Juden nicht. Aus Judenhaß und Liebe zu einer Art Vaterland, das sie sich unwillkürlich außer allem Zusammenhang fabriziert hatten, meinten sie, man könne Vernunft, Gerechtigkeit und Menschlichkeit mit Füßen treten ... Das ging denn doch ein bißchen weit.» In diesen letzten Worten erkennen wir in Clemenceau den Anhänger einer liberalen Weltanschauung: Vernunft, Gerechtigkeit, Menschlichkeit sind ihm oberstes Prinzip, das die Ergänzung und zugleich auch eine höhere Entwicklungsstufe der Parole der Revolution: «Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit» bedeutet. Sehr bezeichnend für zwei hervorragende Menschen ist eine Szene zwischen Clemenceau und Baron Edmund Rothschild, die Clemenceau selbst erzählt. Es ist die Rede von einem Besuch Rothschilds bei Clemenceau, den dieser mit folgenden Worten schildert: «Edmund von Rothschild ist unter den Juden ein guter Jude... Er blieb eine Weile hier und hat mir Sachen gesagt dl« recht verständig waren, und das ist selt$iLJout

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