Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 245 (15.9.1932)
- Date
- 1932-09-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 245 — 15. September 1932 DIE STIMME Seite 5 Beh. konz. Realbüro ING. M. MUHLBIUER Kauf und Verkauf von Realitäten, Hypotheken 1., II. und III. Sätze, Bau- und Zwischenkredite, Gebäuileverwaltung Büro: 2., Leopoldsgasse 26 Tel. A-49-2-47 Wohnung: 2., Vorgartenstr. 150, Tel. R-41-8-88 1Z 3alire in Tel-flwiw Von Ing. J. Ornstein (Tel-Awiw) Als im September 1920 sich die erste Möglichkeit ergab, die Reiseerlaubnis von Wien nach Palästina zu erlangen, entschlossen sich einige Unentwegte zur Reise. Es schien uns damals ein Entschluß nicht nur von größter Tragweite, sondern auch voll Romantik und Abenteuer. Die Nachrichten und Informationen, die damals aus Palästina gelangten, hatten den Zauber, aber auch den Ueberschwang von Räubergeschichten. Der Begriff Palästina war erfüllt von der Vorstellung blutiger Kämpfe und schwerster Entbehrungen. An alles dachten wir, alle Möglichkeiten wurden erwogen, nur eines wurde außer Acht gelassen: der Broterwerb. Die Wirklichkeit belehrte uns rasch eines anderen. Kaum hatten wir uns im Lande ein wenig umgesehen, waren es gerade die Bedingungen des Broterwerbes, die uns Entschlüsse aufzwangen, Eignung und Neigung verteilten uns in Stadt und Land. Von beiden bestan len ja nur die ersten Anfänge, deren Entwicklungsmöglichkeiten von uns mehr gewünscht als geplant werden konnten. Im Rückblick auf diese kurze Spanne von zwölf Jahren erscheint uns aber heute die Entwicklung, die wir selbst miterlebt und an der wir mitgearbeitet haben, wunderbarer, abenteuerlicher und überraschender, als wir seinerzeit geträumt hatten. Wenn wir auch damals von der Einwanderung Hunderttausender sprachen, so ist dennoch die Gegenüberstellung des damaligen Tel-Awiw mit seinen 2000 Einwohnern gegen das heutige mit mehi als 50.000 Einwohnern einfach wunderbar! Und wenn ich mich erinnere, welch gewaltiges Maß von schwersten Anstrengungen einzelner es dazu gebracht hat, so muß ich sagen, daß es erschütternd ist, erschütternder als manch große Erlebnisse des großen Jahrzehnts. Wenn ich mich darauf besinne, daß ich zur damaligen Zeit in stundenlangen Wanderungen in der Umgebung der Stadt durch brachliegendes, unbebautes Land ging, ohne Wege und Straßen, ohne Haus und Baum — und heute die Autos auf asphaltierten Straßen viele Kilometer durch unsere Orangenpflanzungen und Kolonien mit blühenden Gärten fahren, so ist es wie ein Traum, aus dem ich zu erwachen fürchte. Dieses heute Selbstverständliche, diese heutige Wirklichkeit ist mein Erlebnis, ich habe sie durchlebt. Als wir vor zwölf Jahren ins Land kamen, spielte Geld keine Rolle. Doch nur zu bald stellten sich die schweren Folgen der Verschwendung ein, man lernte wirtschaften. Es gab damals eine Bank und noch eine. Es war kein Geschäft in Tel-Awiw, kein einziges. Von Industrie und Gewerbe wurde kaum gesprochen. Enge und schlechte Straßen führten zwischen den wenigen Häusern durch, der Meeresstrand war von Tel-Awiw «Gott mit Euch . . . wie seht Ihr aus!» . . . Mit letzter Kraft reißt Simche die Augen auf und blickt in das schmerzlich erstaunte, mitleidsvolle und darum tausendmal schönere Gesicht der Witwe. «Ich war lange krank», murmelt er und fühlt, wie ihn der Peiniger allmählich losläßt — unter dem süßen Blick der Rehaugen. «Ich hab’ davon gehört und immer nach Euch gefragt!» ... sie hat sich zu ihm gesetzt, «es ist gut, daß ihr nach der „Krasnaja” gekommen seid, hier werdet Ihr erst ganz gesund werden!» Ihr schönstes Lächeln begleitet verheißungsvoll die Worte. «Das glaube ich auch», sagt Simche leise und schauert leicht zusammen. Er ißt fast gar nicht, trinkt nur, gegen seine Gewohnheit, erst ein Gläschen Schnaps, dann Bier. Er schaut dem Kommen und Gehen der Wirtin zu und ihm ist so seltsam zu Mute! So wie, als er einst, noch ein Knabe, des Ortsrichters kleinen Kahn für eine Stunde gestohlen und auf dem Fluß hinter dem Städtchen eine herrliche Fahrt gemacht hatte. Nie vergaß er jene Empfindung: frei und schön! Jetzt mußte er daran denken. Er begann sich immer wohler zu fühlen. Sollte die Wirtin wahr gesprochen haben? . . . In demselben Augenblick öffnete der Schankbursche die Seitentüre und in dem Gaststüberl nebenan erblickte Simche einen alten Mann — den Vater der Wirtin — in Thaies und Tefilim betend. Um das Gebetbuch festzuhalten, hatte er die rechte Hand auf die Selten gelegt. — Ein tödlicher Schrecken erfaßte Simche bei dem Anblick. Wie ein Blitz ging es durch sein Erinnern. Wie eine dichte, schwarze Hülle legte es sich plötzlich um seine Sinne ... Er hörte noch den Lärm, der entstand, dann wußte er nichts mehr . . . Als er — anscheinend aus tiefem, bleiernen Schlaf erwachte, in den die Ohnmacht übergegangen war, war es Nacht. Er lag im Bette des Gaststüberls. Neben ihm stand auf dem Holzstuhle ein Glas Milch. Um die Stirne hatte er ein feuchtes Tuch. aus nur zu Fuß und unter Mühen erreichbar, ein Bad im Meer ein Wagnis — und heute? Längs der Meeresküste erstreckt sich kilometerlang eine kleine Weltstadt, auf guten Straßen strömt Verkehr, vornehmlich Jugend erfüllt die breiten Gehsteige, Autobusse, Lastautos, seltener Fuhrwerke, Motor- und Fahrräder eilen durch die Straßen. Hell erleuchtete Geschäftsläden! säumen die großen Straßenzüge ein. Industrien, Hand-! werk und Gewerbe jeder Art, Banken, Gesellschaften, j Unternehmungen füllen die Häuser der Geschäfts- ■ straßen. Wohnsiedlungen umsäumen im weiten Umkreis das Zentrum der Stadl. Theater, Kinos, Kunstausstellungen, Schulen, Kindergärten, Gaststätten und alle übrigen Erfordernisse an Kultur und Zivilisation stehen bereit und erfüllen ihre Funktion. Und dies alles haben wir erbaut, wir selbst, wir Juden, die wir aus allen Ländern der Galuth hier zusammenkamen, einander nicht kannten, einer mit dem anderen im zähesten Konkurrenzkampf stehend. Mit Ehrlichkeit, List und Gewalt, mit Idealismus, Geschäftssinn, Wucher, mit allen guten und schlechten menschlichen Fähigkeiten und Eigenschaften sind wir am Werk. Nicht seit Jahrhunderten, zwölf kurze Jahre! JUdisdtc Eltern! Kauft Sdiulbüdiu für Eure Kinder in der indischen Bwhhandliina HERMANN TUCHNER Wien, 2. Bestrk, Ecke TabersfraRe 52 Lehrbücher für alle Lehranstalten in den richtigen Auflagen, auch antiquarisch, zu sehr mäßigen Preisen. Verzeichnisse kostenlos! Für Auskünfte: Telephon R 41-4-20 Spesenfreie Zusendung überallhin! Vielen begegnete ich in den letzten Tagen, die mich fragen, hundert Dinge wissen wollen. Ich versuche, ihnen zu erzählen, was ich weiß, doch muß ich eingestehen, daß ich es nicht kann, und immer wieder muß ich sagen: Kommt und sehet! Aber noch keinem bin ich begegnet, der mich ob meiner Mühen, ob dieser Erlebnisse bedauert hätte. na Die Tatsachen lehren, daß der volle Aufbau von Erez Israel Die Tatsachen beweisen, daß in Erez Israel allein in der innerhalb kurzer Zeit nur durch das Privatkapital erfolgen ganzen Welt die wirtschaftliche Lage gut ist und die Zukann. kunftsaussichten noch besser. Daher ist es vom nationalen und individuellen Standpunkt das Richtigste, jüdisches Kapital in Erez Israel zu investieren, dem einzigen Lande, das dem Juden volle Sicherheit bietet, und seine Familie zu arbeiten. Wenn Sie absolut verläßliche Informationen über einen beliebigen Zweig der palästinensischen Wirtschaft usw. wünschen, Wenn Sie welche Unternehmung immer dort gründen wollen, Wenn Sie Boden kaufen und bepflanzen, Wenn Sie Häuser In Stadt oder Land bauen oder kaufen, Wenn Sie auf welche erdenkliche Art immer Ihr Kapital in Erez Israel fruchtbringend unterbringen wollen: eine freundliche Atmosphäre und die Möglichkeit, für sich Wir stehen mit voller Verantwortlichkeit und gegen ein* mäßige Entlohnung zu ihrer Verfügung, Wir dienen Ihnen mit Informationen, unterbreiten Ideen, Vorschläge, Pläne, Programme, Kostenvoranschläge, Wir besorgen für Sie die Gründung, Abwicklung, Leitung oder Aufsicht Ihrer Unternehmungen oder Geschäfte, Wir haben eine sich über die ganze Welt erstreckende Organisation und verfügen über die besten Fachmänner des Landes. KANAAN- TRIWIANDÖES Canaan Irnstceship Co. Jerusalem mDSrnaiBN man fwa Vertreter für Oesterreich: Ludwig G u t m a n n, Wien, I., Fleischmarkt 22, II., HL, 56. Mündliche Besprechung nach vorheriger schriftlicher oder telephonischer (R-25-7-79) Vereinbarung. Ein Lämpchen brannte matt im Raume. Simches erste Bewegung war, den Umschlag herunterzureißen — er schleuderte ihn weit weg. Dabei war er ganz ruhig und ganz klar im Denken: «Also erst sein treues Weib und dann — Gott, den Allwissenden und Allgerechten hatte er hintergangen ... verhöhnt... gröblich betrogen! So weit hatte er es gebracht!...» Simche stellte dies fest, wie etwa der Staatsanwalt das Verbrechen, die Schuld des Angeklagten. Er sah klar, was geschehen war und — was kommen würde, ob er nun wollte oder nicht! «Ist es wirklich so weit mit mir?!» Eine Zornesröte überflutete das erst leichenfahle Antlitz und mit einer Hast, als gelte es Heil oder Verdammnis und jede nächste Minute könnte die erwünschte Entscheidung hindern — sprang Simche aus dem Bett und in die Kleider... Leise, mit verhaltenem Atem, öffnete er die Türe, trat in die leere, finstere Schankstube... von da hinaus in den langen Flur. Dort brannte bei den Pferden eine Stallaterne. Sie warf einen fahlen Schein auf die steile Leiter, die, an die Decke gelehnt, zu dem Dachboden führte. Wie ein Schatten huschte Simche die Sprossen hinauf und verschwand durch die Falltür oben... Bauern, Juden... Weiber... Kinder... alle drängten sich vor dem Krasnaja Wirtshaus, dessen Wirtin stumm und starr auf der Schwelle stand und auf keine Frage Antwort gab... Drinnen aber lag steif und entstellt der Zlotniker Fuhrmann Simche, den der Schankbursche des Morgens auf dem Dachboden an dem Balken aufgeknüpft gefunden... «... Seitdem er im Herbst so schwer auf den Kopf gefallen, war es mit seinem Verstand nicht mehr ganz richtig...» so erklärten sich die Zlotniker Simches schreckliches Ende. Ende. ■s Konsulat Rzeczypospolitej Polskiej w Wiedniu Consulat de la republique de Pologne ä Vienne Wien, am 9. September 1932. ZI. 24956/32 Das Konsulat der Republik Polen in Wien gibt folgende! bekannt: Gemäß Art. 25 des Gesetzes über die allgemeine Wehrpflicht und § 90 der Durchführungsverordnung zu diesem Gesetze werden alle in der Republik Oesterreich wohnhaften, im Jahre 1912 geborenen polnischen Staatsangehörigen männlichen Geschlechtes, ferner alle vor dem Jahre 1912 geborenen, hier ansässigen polnischen Staatsangehörigen, welche das Alter von 50 Jahren noch nicht überschritten und sieh aus irgendwelchen Gründen bisn-un zwecks Eintragung in die Militärassentverzeichnisse nicht gemeldet haben, aufgefordert, sich in der Zeit vom 1. Oktober bis 30. November 193 2 im Konsulat der Republik Polen in Wien, III., Rennweg 1, zur Eintragung in die Verzeichnisse der Stellungspflichtigen persönlich zu melden. Die aus wichtigen Gründen am persönlichen Erscheinen verhinderten Meldungspflichtigen, ferner die in Albanien wohnhaften polnischen Staatsangehörigen haben in der obbezeichneten Frist ihre Meldung schriftlich vorzunehmen. Personaldokumente, Identität«- und Meldenachweise sind mitzubringen, bezw. einzusenden. Die Nichterfüllung der Meldepflicht wird gemäß Art. 97 des bezogenen Gesetzes geahndet. D u n a j e 11 k y, Generalkonsul. PALÄSTINAAMT Org. Hechaluz Hechaluz Hamisrachi Samstag, den 17. September 1932, halb 8 Uhr abends findet im Theatersaal Reklam, 11., Praterstraße 34, eine große •bschlcdskundgebUBg lür die OLIM anläßlich der Abfahrt von 20 Chawerim nach Palästina statt. Es sprechen: BEN AH ARON (Haifa) und die Vertreter der verschiedenen Organisationen Hebräische Volkslieder Freier Neschef