Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 245 (15.9.1932)
- Date
- 1932-09-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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S€ttfi 4 DIE STIMME Nr. 245 — 15. September 1932 AUS PALÄSTINA Palästinensischer Erfolg auf der Ottawa* Konferenz ln der kommenden Saison zollfreie Einfuhr von Palästina-Orangen nach England Jerusalem. Der Vizebürgermeister von Tel-Awiw, Herr Rokach, Führer der Palästina-Delegation auf der britischen Reichskonferenz in Ottawa, der soeben nach Palästina zurückgekehrt ist, teilte der JTA mit, daß die Palästina-Delegation insofern einen Erfolg davongetragen hat, als von englischer Seite die Befreiung der Palästina-Orangen von dem lOprozeitigen Einfuhrzoll, der diesen Produkten bei ihrem Import nach Großbritannien auferlegt ist, in eine schere Aussicht gestellt worden ist. Herr Rokach erklärt, er habe guten Orund anzunehmen, daß die englische Regierung den Einfuhrzoll auf PaJästina-Orangen schon zu Beginn der kommenden Saison November—April aufheben wird. Er hoffe auch, daß die Einbeziehung der Palästina-Orangen in den Import Preference- Tarif, für die die Palästina-Delegat'on in Ottawa eingetreten ist, verwirklicht werden wird, was die Einfuhr von Palästina- Produkten in alle Länder des British Empire begünstigen wird. Herr Rokach teilte ferner mit, daß Kanada jetzt ein gutes Absatzgebiet für die Palästina-Orangen Ist, man erzielt dort für diese Orangen einen sehr guten Preis, und es sei zu hoffen, daß die gegenwärtige Verminderung des Absatzes auf den europäischen Märkten, die eine Folge der allgemeinen Wirtschaftsdepression ist, durch den Absatz in Kanada wettgemacht werden wird. Die Einbeziehung Palästinas in die Imerpial Preference erscheint deshalb schwierig, weil Palästina in der Klasse «A» der Mandatsländer figuriert und in die Meistbegünstigungsklausel (Most Favoured Nations Clauses), die in verschiedenen Verträgen, die die britische Regierung mit anderen Ländern abgeschlossen hat, einbezogen ist. Man ist jetzt dabei, diese Schwierigkeiten zu beheben. Paläs; inensische WirfsCi.aftsnachrichten Enorme Bautätigkeit — Neue Industrien — Im ersten Halbjahr 1932 aktive Handelsbilanz ln Tel-Awiw wurde mit dem Bau eines neuen Wohnviertels «Achva» begonnen. Vorläufig mit 18 Bauplätzen. Es werden hier Angestellte und Mitglieder der Drivers Cooperation «Hamaavir» wohnen, Im Bauplan sind kleine Häuser mit zwei bis drei Räumen im Bauwert von 280 bis 350 LP vorgesehen. hn Laufe des Jahres 1931 wurden nach dem von der Palästina-Regierung im «Commercial Bulletin» offiziell veröffentlichten Bericht 2,720 678 £P in öffentlichen und privaten Bauten in den Städten Palästinas investiert, 280.000 £P mehr als im Vorjahre. Das Hauptzentrum der Bautätigkeit war Jerusalem, wo große öffentliche Bauten und private Wohnhäuser und Läden errichtet wurden. stammt lillil™ Bestrenommierte Küche im neueröffneten Gassenlokal II., nimmer Purostaiioasse 3. Tel. A 48-6 82 Die im Jahre 1931 in Tel-Awiw investierte Summe betrug 310.000 £P, 135.000 £P mehr als im Vorjahre. Die Bauunternehmungen in Haifa werden ständig erweitert. Eine Summe von 213.000 £P wurde in 1931 investiert, eine Erhöhung von 20.500 £P im Vergleich zum Vorjahre. Unter den erwähnenswerten bereits beendeten Bauten ist das Gerichtsgebäude. Oroße drei- bis vierstöckige Mietshäuser sind im Bau. Annähernd 214.632 £P wurden durch die Regierung für öffentliche Arbeiten ausgegeben, so .Ür die Errichtung von Bauten, Straßen, Wasserversorgung gegenüber 299.336 £P im Jahre 1930. Die Militärbehörden gaben eine Summe von 83.560 £P aus gegenüber 68.246 £P in 1930. In Ramat Gan ist mit dem Bau einer Kunstseidenfabrik begonnen worden. Der E:genUimer ist Herr Sachs aus Paterson, der in den Vereinigten Staaten ein ähnliches Unternehmen hat. * Die Trikotagenfab'iik Rutlevi, Tel-Awiw, hat ihren Betrieb durch Einstellung neuer Maschinen vergrößert. * In Ramat Gan wurde ferner eine neue Eisenwarenfabrik «Barzelit» eröffnet. Es ist dies eine Vergrößerung der bereits bestandenen Fabrik von Gelstein & Hornstein aus Tei-Awiw. Man glaubt, daß diese Fabrik zusammen mit der Haifaer Nagelfabrik den gesamten Inlandsbedarf an Nägeln wird decken können. * «Sltemen» hat eine neue Toiletteseife tAdin» mit großem Erfolg auf den Markt gebracht. * Im ersten Viertel 1932 hat Palästina eine aktive Handelsbilanz zu verzeichnen. Es wurden für den Betrag von LP 1,496.222 Waren importiert und für LP 1,731.488 Waren exportiert. Den Hauptanteil am Export trägt die Orange, denn es wurden gegenüber 1931 um 53 Prozent (!) mehr Orangen ausgeführt. Grape Fruit-Zucht im östlichen Emek In den beiden letzten Jatoren wurde die Grape Fruit- Zucht im östlichen Emek (Nuris-Block) wesentl.ch erweitert. Während es im Jahre 1930 nur in En Charod ungefähr 30 Dunam Grape Fruit gab, wurden schon in 1931 in Kfar Jecheskiel 300 Dunam, in En Charod weitere 175 Dunam, in Tel Josef 3/2 Dunam. in Qpwa 15 Dunam, in Beth Alpha 11 Dunam und in Cbefzibah 6 Dunam gepflanzt. Die Pflanzungen wurden im Jahre 1932 vergrößert, und zwar in En Chacod um weitere 50 Dunam, in Tel Josef ebenfalls um 50 Dunam, desgl. in Gewa um 50 Dunam, in Beth Alpha um 30 Dunam und in Chelzibah um 121/ü Dunam. 13 Beduinen wegen widerrechtlichen Betretens der Beth Alpha-Felder verhaftet Jerusalem. Mehrere Beduinenhirten betraten am 3. September nachmittags widerrechtlich die Felder der jüdischen Kolonie Beth Alpha und mißhandelten einen Kolonisten, der sie zum Verlassen der Felder aufforderte. Der Kolonist erlitt Verletzungen. Herbeigerufet.e Polizei vertrieb die Beduinen von den Feldern und verhaftete 13 von ihnen. Eine starke Polizeitruppe wurde am 4. September in die der jüdischen Kolonie Nathania benachbarten arabischen Dörfer entsandt, um die Baumfrevler zu ermitteln, die in der letzten Zeit im Baumbestand der Kolonie Nathania Schaden angerichtet haben, ln diesen Dörfern wurde in den letzten Wochen eine Hetzpropaganda gegen die Juden betrieben. Die Polizei verhaftete zwei der Agitatoren. Eine Abordnung der Kolonisten von Nathania hatte am vergangenen Freitag den High Commissioner General Sir Arthur Wauchope besucht und ihn über die Lage informiert. 400 Chalazim aus Polen gehen nach Palästina Warschau. Am 7. September traten 400 Chaluzim aus Polen die Reise nach Palästina an. Tausende Zionisten nahmen am Warschauer Bahnhof Abschied von den Chaluzim. * Einwanderung im Juli 1932 Im Laufe des Monates Juli wurden 514 neue Immigranten registriert, dawnter 418 Juden, 78 Christen und 17 Mohammedaner, die als Touristen in« Land gekommen waren und Erlaubnis zu dauerndem Aufenthalt im Lande erhielten. Untei den jüdischen Einwanderern waren 74 Personen mit einem Vermögen von 1000 £ und darüber, mit denen 57 von ihnen abhängige Personen kamen. 60 Juden kamen zu einer bestimmten Anstellung mit 81 Familienangehörigen. Die ein gewanderten Juden stammen vorwiegend aus Amerika (88 Personen); an zweiter Stelle steht Polen mit 63 Einwanderern, aus Deutschland kamen 15 Personen und aus dem Jemen und Aden 56 Personen. Im Laufe desselben Monates durchreisten 6019 Pilger, Reisende und Touristen das Land; in derselben Zeit verließen vorübergehend 4707 Personen Palästina. Eine Kolonie «BHu» ln Palästina Jerusalem. Aus Anlaß des 50jährigen Jubiläums der «Bilu» (beth-israel-lechu-unelchu) genannten ersten jüdischen landwirtschaftlichen Pioniergruppe in Palästina haben die Allgemeinen Zionisten Palästinas beschlossen, eine Kolonie mit dem Namen «BUu» zu begründen. Saathilfe für die Beduinen — Ansiedlung landloser Araber Jerusalem. Wie die arabische Tageszeitung «Falastin» mitteilt, hat die Palästinaregierung den Beduinen von Beit Sahur in der Nähe von Bethlehem eine Unterstützung in Höhe von 2400 Pfund gewährt, um sie in die Lage zu versetzen, ihren Boden im kommenden Jahre zu bestellen. Der Zehent für das laufende Jahr wurde diesen und anderen Beduinen des Bethlehemdistriktes erlassen. Wie «Falastin» weiter meldet, hat der stellvertretende Landentwicklungsdirektor Andrews Gaza besucht und dort dem Landentwickhmgsdepartement zum Kauf angebotene Böden besichtigt. Es handelt sich um ein Gebiet von 12.000 Dunam, auf dem Araber aus der Gegend von Wadi Hawarith angesiedelt werden rollen. Durchreise zweier Sonderzii^e mit Chaluzim aus Polen durch Wien nach Erez Israel Donnerstag, den 15. d. M.f und Dienstag, den 20. d. M., reisen etwa 300 Chaluzim aus Polen über Wien nach Erez Israel. Ankunft in Wien (Ostbahnhof) um 6.40 früh, Weiterfahrt um 7.40 früh (Ostbahnhof Abfahrtseite). Beiden Chaluztransporten werden sich Palästina-Auswanderer aus Wien anschließen. |f Jüdische Mädchen|| ■■vor der Berufswahla ■ Zweijährige Fachschule für Kleidermachen und Wäschewarenerzeugung mit öffentlichkeitsrecht Staatsgültige Zeugnisse Einjährige Koch- und Haushaltungsschule mit erweitertem Lehrplan für allgemeine Bildung Modistenkurs Dr. Krüger-Heim, 2., Malzgasse 7, Tel. A-48-0-77 Internat. Samstag Schulfrei Berufsberatung täglich von 11 bis 12 Uhr Aus dem Zyklus «Aus einer verschwindenden Welt». Sittiche, der Fuhrmann*) Novelle von Rosa Melzer (Lemberg). (Schluß.) Als Simche an diesem Tage heimfuhr, wühlten jene Worte und der Blick, der sie begleitet, in seinem Hirn, wie die berühmte Fliege im Kopfe des unglücklichen Ewel Merodach. Er vertiefte sich so sehr in ihren verborgenen Sinn . . ., spann die Konsequenzen aus . . ., zitterte dann vor seinen eigenen, schauerlichen Gedanken und geriet so sehr außer Rand und Band, daß er auf den Weg nicht achtete und plötzlich bei einer rapiden Schwenkung, welche die Pferde ungezügelt ausführten, von seinem hohen Sitz herunterfiel, so unglücklich, daß er bewußtlos liegen blieb. Die nachfolgenden Fuhrleute eilten herbei, hoben ihn auf, wuschen und verbanden die Kopfwunde, so gut sie konnten, und brachten ihn schwerkrank nach Haus. Nechames aufopfernder Pflege gelang es, ihn wieder herzusteilen. «Ich bitt’ Dich», sprach sie flehend, «fahr* nicht mehr! Du hast Deine Kräfte dabei verloren ... Ich merk’, wie Du seit Monaten immer schlechter aussiehst, nicht mehr so wie früher essen und schlafen kannst. Ein Mensch ist kein Eisen. Er nützt sich ab. Du hast solange für mich gearbeitet, jetzt laß’ es mich tun — für Dicht» Und sie kam auf den alten Gedanken von der Gastwirtschaft zurück. Simche schüttelte schwermütig den Kopf: «Es ist nicht die Arbeit . . .» «Gewiß ist es das! . . ., was könnte es denn sonst sein? . . .», behauptete Nechame ahnungslos. «Oh, wenn man das sagen dürftet — Vor allem: •) Siehe Nm. 237, 238, 240 und 241 der «Stimme (An- Ntrkung <L Red.). sich selber eingestehen I» — denkt Simche, und zu seinen Liebesqualen gesellen sich wahnsinnige Gewissensbisse. «Warum ging ich ein zweites Mal über die Zauberschwelle?», fragte er sich selbstquälerisch einmal über das andere Mal . . . «Würde meine Nechame an Wiederverheiraten denken, wenn . . . wenn . . . ich — tot wäre?» Unbewußt tat er laut die Frage. Nechame wurde so leichenfahl, ihr ganzer Körper begann so heftig zu zittern, daß sie sich mitten in der Stube, wo sie gerade stand, hinsetzen mußte, und erst nach einer Weile löste ein heißer Tränenstrom ihren Schreck. «Warum redest Du so?» frug sie, außer sich. Und dann, in so innigem Tone, daß auch dem Ungläubigsten kein Zweifel an seiner Echtheit kommen könnte: «Ich bete und hoffe zu Gott, daß Er mich so etwas nicht wird erleben, sondern mich zuerst wird sterben lassen.» — Dann plötzlich umschlang sie ihn und sagte in schmeichelndem, kindlichem Tone: «Ein guter Mann läßt niemals seine Frau zurück. Und Du bist ja so gut zu mir . . .1» Simche lag da wie auf glühenden Kohlen. «Die fromme, ahnungslose Seele 1 Sollte er noch ferner ein so ganz gemeiner Heuchler und Verräter bleiben? . . . Nein! . . . Und müßte er darüber zugrunde gehen 1»... Einer plötzlichen Eingebung folgend, erhob er sich vom Lager. Der Kopf schmerzte noch, aber es würde schon gehen. «Nachame!» rief er seiner Frau. Sie eilte herbei. «Ich will beten, gib mir Thaies und Tfilim.» Sie brachte, hocherfreut, das Gewünschte. «Gott sei Dank!» Ihr Mann fühlte sich anscheinend ganz wohl. Simche betete andächtig und als er zu Ende war, legte er seine rechte Hand auf das Gebetbuch und gelobte in feierlichem Schwur: «Nie wieder die Krasnaja-Schänke zu betreten noch die Wirtin zu sprechen — mochte kommen, was da wolltet» Kaum hatte er das vollbracht, überkam ihn eine plötzliche Schwäche und er mußte wieder ins Bett Hatte er sich nicht zu viel zugemutet, nach der schweren Krankheit?! . . . Simche lächelte verächtlich über diesen Selbstbetrug ... Er fühlte nur zu deutlich, was ihm fehlte: Im Herzen war’s plötzlich so leer geworden, als ob man ihm — sozusagen mit einem Messer — das Wichtigste, Lebenserhaltende herausgeschnitten hätte. Sein Kopf dagegen war zentnerschwer. Er lag wieder im Fieber . . . Tage waren seitdem vergangen . . . Wochen . . , Der Frühling war wieder da. Ueber Simche schien Ruh« gekommen zu sein. Er wollte versuchen, wieder zu arbeiten, sein altes Leben zu leben . . . Wieder einmal einen Transport zu besorgen. Nechame sträubte sich dagegen, bat, beschwor. Es half nichts. «Die frische Luft wird mir gut tun», behauptet Simche. Nechame, die nur in ihm lebt und denkt, gibt nach und er sitzt wieder auf dem hohen Bock und treibt die lieben Pferdlein an. Die haben gründlich ausgeruht und traben munter die Fahrstraße entlang. Simche weiß selber nicht, warum er schier zehnmal den Kopf nach seiner Behausung zurückwendet . . . Nach Nechame, die von der Schwelle aus ihm liebevoll und besorgt nachschaut. Immer wieder, immer zurückblicken muß er — wie der Schiffer nach dem sicheren Hafen, da er aufs hinterhältige Meer geht . . . Nun ist das Haus . , ., das Städtchen verschwunden und der Weg liegt langgestreckt vor ihm . . H «der Weg nach dem Krasnaja-Wirtshausl . . .» Das ist Simches plötzlicher, erster Gedanke! Und wie er ihm aufsteigt, da packt er ihn auch schon wie mit eisernen Krallen, schlingt ihm ein blutiges Band um die Sinne und jagt ihn so zermartert, wund und todesmatt bis vor die «Krasnaja», zerrt ihn, ohne daß er sich wehren könnte, über die Schwelle, in die Wirtsstube hinein und schleudert ihn auf die Bank — dem Schanktisch gegen* über.