Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 244 (8.9.1932)
- Date
- 1932-09-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE STIMME Nr. 244 — 8. September 1932 l;?ite 4 sich dankbar erweisen. Wenn wir ihm die Chance leigen, wie er seine Existenz in Palästina neu aufbauen oder wie er sein Kapital in Palästina sicher und produktiv anlegen kann, dann wird er — oh wie gerne! — bereit sein, uns seine Dankbarkeit zu zeigen, und uns behilflich zu sein, die Einichtungen zu schaffen und zu erhalten, die die Sicherheit Die trostlosen Verhältnisse in Europa und die minimalen Möglichkeiten, nach Nordamerika auszuwandern, veranlassen viele Juden, ihr Hell in Südamerika zu suchen. So gibt es heute in Buenos Aires eine sehr starke Judengemeinde. Auch Brasilien hat mehrere Judengemeinden, die kürzlich in einer feierlichen Sitzung den Rabbiner von Rio de Janeiro, Dr. Rafailowics, als Oberrabbiner von ganz Brasilien anerkannten. Wißt Ihr aber, daß es auch in Honduras Juden gibt? Man erfährt darüber interessante Einzelheiten von der Hias (Hebrew Sheltering and Immigrant Aid Society — Jüdische Gesellschaft für Schutz und Einwanderung). Vor vier Jahren wanderten fünf Juden aus Polen nach Honduras aus, In dessen Hauptstadt Tegucigalpa sie einen bereits ansässigen Juden fanden. Dieser Jude beherbergte sie und war ihnen in jeder Weise behilflich. Sie brachten sich als Hausierer fort. Schließlich Ubersiedeite jeder von Ihnen in eine andere Stadt. Einer von ihnen, namens Moses Katz, ging nach San Pedro, brachte sich zuerst als Hausierer fort und betreibt jetzt ein Textilwarengeschäft. Jetzt gibt es in San Pedro schon sechs Juden und In ganz Honduras 150 Juden, darunter nur eine einzige Frau. Herr Katz, der kürzlich in Polen weilte, hat eine Gruppe von zwölf Juden organisiert, die mit ihm nach Honduras geht; einer davon wird als Schochet und Rabbiner fungieren. Die Lebensverhältnisse sind gute. Die Miete eines Monatszimmers kostet 6 Dollar, Verpflegung 2 bis 3 Dollar wöchentlich. Eine Masseneinwanderung kommt wegen der Krise nicht In Betracht. Ein eigenartiges jüdisches Leben gibt es in T a nger. Wißt Ihr, wie dort die Juden leben? In Tanger gibt es zirka 40.000 Mohammedaner, 10.000 marokkanische Juden und 12.000 Christen. Die Stadt wird von vier Administratoren verwaltet, je einem Engländer, Franzosen, Spanier und Italiener. Es gibt in Tanger einen Gerichtshof, der aus je einem Beisitzer der die OMier Darein „ffliflias Slarfl" in Züri-’ sucht für die hohen Feiertage einen erstklassigen Vorbeter (Bai Misef). In Frage kommt nur ein großer D3PI “PO^m D’D» Kl’- Eilschriften erbeten an Adresse A. Ch, Stein, Zürich, 4, St. Jakobetraße 0. Photographie erwünscht, ebenso Höhe der Ansprüche. ihm gegenüber vertreten hat, jetzt in einer Markthütte stehen, die mit einem großen Kreuze beschlagen ist. «Wie, handelst du auch mit Schnaps?» — ruft er ihm zu — «so schenk denn auch mir eines ein!» Da erzählt Koppel Theben dem Kaiser, daß die Bude einer armen Christenfrau gehört, die er hier jammernd traf, weil sie nicht ihr zu Hause liegendes krankes Kind versorgen kann. «Ich übernahm es, sie zu vertreten.» Nun legt der Kaiser ein Goldstück hin und spricht: «Auch wir wollen gefällig für jene sein, für die mein Jude so viele Gefälligkeit hatte.» Dem Beispiel folgte die Suite des Kaisers und die zurückkehrende arme Frau wurde mit einem Haufen Gold überrascht. Doch die Freundlichkeit des Kaisers zu «seinem Juden» vermochte nicht das Herz der Preßburger Stadträte zu erweichen. Sie lassen einen doppelten «Brücken- Kreuzer» auf die Juden auferlegen. Daraufhin nimmt Koppel Theben die Donaubrücke selbst in Pacht, damit seinen Brüdern diese Demütigung erspart bleibe und legt die beträchtliche Summe der Differenz aus Eigenem zu. Die Stadt Preßburg versperrt aus Gehässigkeit die Straßen, in denen die Juden die Gewölber mieteten. Koppel Theben ist eben aus Pest angekommen und hört die Klagen der ruinierten Existenzen. Ohne den Staub der dreitägigen Reise abzuschütteln, fährt er sofort zum Hof und kehrt baldigst mit dem ermittelten Gegenbefehl zurück. Doch während dieses ernsten Spiels, bei dem es sich oft um das Dasein zahlreicher jüdischer Familien handelte, tauchte immer wieder und immer öfter die schicksalsschwere Frage der Militärpflichtigkeit der Juden auf. Die Frage des Militärdienstes! Dies war ein Punkt, der einzige vielleicht, in dem die Juden gleich mit den Edelleuten waren, ein Privileg, das die Inhaber aller Rechte mit den völlig Rechtlosen seit Jahrhunderten schon teilten: beide waren sie der Militärpflicht enthoben. Und die Reformverordnungen Josephs II. nahmen nun die Kürzung dieses einzigen Rechtes der Juden vor. Und, ein merkwürdiger Zufall, eben in Zusammenhang mit dieser Frage, tauchte zum ersten Male in der Seele Koppel Thebens der gewagte Gedanke auf: Wäre es nicht möglich, die Gleichberechtigung zu erkämpfen, seines Kapitals, die Entwicklung seiner Fxistenz, die Erhaltung seines Volkstums, die den Aufbau der nationalen jüdischen Heimstätte verbürgen. Wenn unsere Propaganda Vertrauen in Palästina zeigt, wld das jüdische Volk Vertrauen in unsere Propaganda haben. Verwaltung bildenden Nationen zusammengesetzt Ist, und ein Parlament, welches aus 26 Mitgliedern besteht, die acht verschiedenen Nationen und drei Religionen angehören. Für Juden und Moslem gibt es eigene religiöse Oerichte. Alle Bevölkerungsklassen leiden unter der Rivalität zwischen Spanien und Frankreich. Das Ist vielleicht mit ein Grund, warum die verschiedenen Religionen, die alle unter der Krise leiden, sich leidlich gut vertragen. Noch vor wenigen Jahren hätte es kein Jude gewagt, am Tage der Geburtstagsfeier Mohammeds die Straße zu betreten. Heuer war das anders. Als die mohammedanische Prozession eine Gruppe von jüdischen J| Jüdische Mädchen II ■vor der Berufs wahlia Zweijährige Fachschule für Kleidermachen und Wäschewarenerzeugung mit öffentlichkeitsrecht Staatsgültige Zeugnisse Einjährige Koch- und Haushaltungsschule mit erweitertem Lehrplan für allgemeine Bildung Dr. Krüger-He m, 2., Malzgasse 7, Tel. A-48-0-77 Internat Samstag Schulfrei Berufsberatung täglich von 11 bis 12 Uhr Pfadfindern traf, jubelte sie ihnen zu. Hoffentlich ist diese Freundschaft von Dauer. Arabische Hetzer aus Palästina sind am Werk. Ihrer Agitation schreibt man auch die Unruhen in Sfax (Tunis) zu. Nun von etwas anderem. In der Vorkriegszeit stammte ein erheblicher Teil der in Oesterreich erhältlichen Dollars aus Sendungen ausgewanderter Juden an ihre in Galizien lebenden Verwandten. Wißt Ihr, wie viele Dollars im letzten Jahre an Zuwendungen für Verwandte nach Europa gingen? Nicht weniger als 173 Millionen Dollar. Dabei ist eine Abnahme von 13 Prozent zu verzeichnen. Nur die Geldsendungen nach Rußland nehmen zu. Wißt Ihr schon, wieviel Juden es in K a n a d a gibt? Auf Grund der letzten Volkszählung leben in Kanada 155.606 Juden, der größte Teil von ihnen ln den Provinzen Quebec und Ontario. Schließlich noch zwei interessante statistische Daten aus Palästina. Das Telephonbuch von Tel-Awiw weist nur zwei Juden namens Cohen und gar nur einen Juden namens Levy auf. — Im Jahre 1930 wurden aus wenn sie als Preis dafür freiwillig ihr Leben und Blut dem Vaterlande anbieteten? Langsam reift die große Idee zur Tat. Vor allem will er sein eigenes Ansehen am Hofe befestigen. Bei der Krönung Leopold II. führt er die festliche Aufwartung vor den Kaiser und überreicht ihm, ein Zeichen vornehmer Aufmerksamkeit, zwölf kunstvolle, meisterhaft bearbeitete, goldene Küchlein, ein Symbol der Huldigung der zwölf Stämme Israels. Als Gegengunst beschenkt der Kaiser Koppel Theben, der weder Auszeichnung noch Titel annehmen wollte, mit einer großen, goldenen Gedenkmünze. Im Frühjahr 1790 ruft Koppel Theben gemeinsam mit Naftaii und Elijah Rosenthal jene große Versammlung der jüdischen Gemeinden nach Ofen zusammen, die den ungarischen Landtag von 1792 in einer ausführlichen Petition um Freiheit und Rechte angeht. Dieser Schritt blieb erfolglos und mußte auch infolge jener Stimmung erfolglos bleiben, die damals unter den ungarischen Herren herrschte und die sich am besten in der Aussage des Kardinalprimas Batthyänyi zu erkennen gibt: «Juden seien gar nicht würdig, unter der ungarischen Fahne zu dienen.» Koppel Theben schlägt nun wieder den alten, oft erprobten Weg ein, auf dem er so manches für sein Volk ausgekämpft hat und klopft wieder an den Türen des Kaisers. Oft hatte Koppel Theben die Gelegenheit, im Kampfe mit den Großen die Wunder des Geldes und Goldes zu sehen und dennoch blieb er ein tief fühlender, gläubiger, religiöser Mensch, der nie auf eine Reise ging, ohne seine Totengewänder mit sich zu führen. Vor einer kaiserlichen Audienz fastete er und forderte die Daheimgebliebenen in seinen, in klassischem Hebräisch abgefaßten Briefen zum Fasten und Beten um ihn auf. Bei seiner letzten Audienz frug sich der Kaiser vergebens, warum Koppel Theben so blaß war, durch welche geheime Kraft gestützt wagte er seine Stimme wider ihn zu erheben, die Gleichstellung der Juden zu erbitten, ja zu fordern, und mit prophetischer Wucht die Kündigung vom Untergange aller Feinde Israels ihn in die Augen zu schleudern . . . Empört fuhr der Kaiser ihn an: «Was schreist du, Koppel?» dem Toten Meere 12.000 Tonnen Pottasche gewonnen. — Der Voranschlag dar Stadt Tel-Awiw sieht Ausgaben von 127.200 Pfund (Im Vorjahre 105.500 Pfund) vor. Jerusalem gibt derzeit nur 70.000 Pfund aus. Im Jahre 1912 war das Budget Tel-Awlws nur 550 Pfund. — An der hebräischen Universität haben für das Jahr 1932/33 bisher 181 Studenten inskribiert, von denen 91 ihre Schulbildung in Palästina und 90 in 16 verschiedenen Ländern der Diaspora erhielten. Urteil des Revisionsgerichts im Prozeß Wulfin — Zwei Monate Gefängnis Das Wilnaer Kreisgericht als Revisionsgericht nat soeben das Urteil im Prozeß gegen den jüdischen Studenten Samuel Wulfln verkündet Das erstrichterliche Urteil, welches auf zwei Jahre Gefängnis gegen Wulfin lautete, wurde aufgehoben und Wulfin zu twei Monaten Gefflngnls verurteilt. In der Begründung heißt es, ln Wilna seien weder antiJUdische noch antipolitische Unruhen vorgekommen, es hätten bloß Zusammenstöße zwischen chauvinistischen Gruppen stattgefunden. Man hat den Eindruck, daß das Revisionsgericht bestrebt war, ein Kompromißurteil zu fällen, um die polnische Justiz aus jener peinlichen Lage herauszubringen, in die sie das monströse erstrichterliche Urteil versetzt hat. Das Erstgericht ging von dem Standpunkt aus, daß, da die Juden einen natürlichen Haß gegen Polen hegen, sie für die Ausschreitungen verantwortlich zu machen seien. Der Dichter Molsche Leib Halpertt gestoben New York. Im Alter von 45 Jahren verstarb hier an Herzschlag der hervorragende jiddische Dichter Molsche Leib Halpern, Führer der «Jungen» in der modernen jiddischen Literatur. Seine Gedichte werden zu den schönsten in der jiddischen Literatur gezählt. Warum Togal? Mehr als 6000 Aerzte, darunter viele bedeutende Professoren, anerkennen die hervorragende und zuverlässige Wirkung der Togaltabietten bei gichtischen, rheumatischen und nervösen Schmerzen sowie Erkältungskrankheiten. Die Schmerzen werden meist sofort behoben. Togal ist in jeder Apotheke des In- und Auslandes zu haben. Bestrenommierte Küche im neueröffneten Gassenlokal IL Hammer rurastanoasse 3. Tel. A 48-6-02 «Nicht ich schreie, das Weh des ganzen Volkes Israel schreit aus mir!» — gab Koppel Theben selbstbewußt zurück und fuhr dann immer aufgeregter fort: «Geld geben wir, opfern gern alles, ja auch unser Blut, aber was haben wir zu hoffen? Wir bitten Eure Majestät um gleiche Rechte. Als siebenundsechzigjähriger Greis, als Vater von neun Kindern trete ich dann selbst mit allen meinen Söhnen in den heiligen Dienst fürs Vaterland, in den Militärdienst. Ja ich wiederhole es, Betteljuden wollen wir sein, wollen bereitwilligst alles hergeben, aber unsere Kinder nur dann, wenn wir gleiche Rechte mit den übrigen ungarischen Insassen genießen dürfen ...» Ohnmächtig fiel Koppel Theben nach dieser großen Ueberspannung dahin. Mit Fasten und Beten bereitete er sich auf diese Audienz vor und jetzt zur letzten Minute verließen ihn Selbstbeherrschung und Kräfte. Behende trugen die zur Audienz anwesenden Herren den ohnmächtig Daliegenden hinaus und ließen ihn nach Hause bringen. Und kaum eine Stunde später überbringt ihm der kaiserliche Gesandte den Entscheid seiner Majestät: Die Juden sind auch weiterhin vom Militärdienst befreit! Eine ganze Welt bricht nun in der Seele des alten Koppel Theben zusammen. Dem Rate seiner Aerzte folgend, läßt er sich nach Karlsbad bringen. Unterwegs aber verschlimmert sich sein Zustand so sehr, daß seine Begleiter es für ratsam halten, in Prag einen Aufenthalt zu machen. Und am 25. des jüdischen Trauermonats Ab starb Koppel Theben In Prag und wurde Im alten Judenfriedhof begraben. Nicht gelang es Koppel Theben, sein großes Ziel, die Gleichberechtigung der Juden, zu erreichen. Er starb ohne Rechte und ohne Rechte lebten auch seine bunne und Enkel noch. Aber trotzdem hat Koppel Theben, der Vorkämpfer der Gleichberechtigung im 18. Jahrhundert, große Verdienste. Der erste war er, der den Odem der Freiheit vernahm, der erste, In dem der Gedanke aufkeimte und der es wagte, nicht nur sich zu sehnen, sondern auch zu handeln. Er nahm den Kampf mit dem starren Widerstand der alten Herren auf und impfte in die Seele des Judentums die Hoffnung, das Erwarten der Freiheit, ein. Sein ist das unsterbliche Verdienst des Anbahnens und sein ist die ewige Tragik des Anbahner* IDifU Ihr schon?