Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 244 (8.9.1932)
- Date
- 1932-09-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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o\z sm: ..iE $m ) Vf. 344 — 8. SepfembcMOM Kein Geld da? Bin Dlskusstonsbeltrag zur Frage unserer Propaganda. Von Julius Berger Jerusalem. Die Geschichte des Zionismus der letzten Jahre steht Wtter dem Zeichen des Geldmangels. Eigentümlich an dieser Erscheinung ist lediglich der Fatalismus mit dem man sich damit abgefunden hat. Und während die Finanzämter aller Länder heute fieberhaft bemüht sind die Günde für das Versagen ihres Steuersystems zu erforschen und neue Mittel und Wege der Einnahmeerhöhung zu finden laßt es die ganze zionistische Oeffentlichkeit seit Jahr und Tag bei dem Bestehenden bewenden und begnügt sich mit der Feststellung «Kein Geld da!» Und mit der Begründung daß die Weltwirtschaftskrise wie an vielem andern so auch an diesem Uebel schuld sei Es ist eigentümlich daß eine so demokratische Bewegung wie die zionistische m diesem einen Punkt so sehr an traditioneller Autorität hängt. Als man mit dem Ergebnis der zionistischen Politik unzufrieden war, machte man ihren Leiter dafür verantwortlich und probierte es einmal mit einem neuen System und mit neuen Kräften. Nur bei der Propaganda scheint man ein Versagen des Systems nicht annehmen zu wollea Es wäre sinnlos zu leugnen, daß unsere zionistische und unsere Fondspropaganda Ungewöhnliches geleistet haben. Die Arbeit der beiden Fonds in den letzten zehn Jahren war in vielem ein Meisterwerk und verdient uneingeschränktes Lob. Aber das kann am der Tatsache nichts ändern, daß wir in den letzten Jahren auf propagandistischem Gebiete nur mehr Mißerfolge wahmehmen. So sehr wir das Verdienst der Propagandaleiitung anerkennen — und kein Wort ist stark genug für diese Anerkennung —- so sehr müssen wir jedoch die Frage stellen, ob das System von damals noch das richtige ist für die veränderten Verhältnisse von freute. Gerade Propaganda darf sich nie mit den Schwierigkeiten tusreden, die ihrem Erfolg entgegenstehen. Sie wird ja nur nötig, weil es gilt, diese Schwierigkeiten zu überwinden. Oder, wie mir einmal einer der erfolgreichsten Reklamechefs Deutschlands sagte: «Bei gutem Wetter Strohhüte zu verkaufen, ist kein Kunststück.» Man muß gerade umgekehrt sagen, daß die zionistische Propaganda ihre eigentliche Wirksamkeit erst erweisen kann, wenn es der Judenhat schlecht geht. Wir haben jahrelang schlechtes Wetter für die Galuthjuden voraussagt, und man hat uns Wetterpropheten nicht geglaubt. Damals war es schwer, erfolgreiche Propaganda zu machen, und daß es uns damals so g.utt gelungen Ist, spricht sehr für das System. Aber heute, wo jeder Tag den Beweis für die Richtigkeit unserer Prognose bringt, wo das Judentum der ganzen Welt von Tag zu Tag mehr verelendet und wo zudem — welch unvorhergesehenes Wunder.« — Palästina sich im geraden Gegenteil dazu einfach glänzend entwickelt und nicht mehr einen Zukunftstraum dar- Stellt sondern lebendige Gegenwart und Lösung der Judenfrage für viele hier und in unseren Tagen zu werden verspricht —- da soll es plötzlich schwerer sein als damals, die Juden davon zu überzeugen, daß der Zionismus recht hat und daß cs gut und nichtig, daß es notwendig ist!;, Palästina aufzubauen? Wenn unsere Propaganda damals, als es für den Zionismus schlechtes Wetter war, Strohhüte in ungeahnter Zahl verkaufen konnte, soll es ihr heute, wo die ganze Situation für uns spricht, unmöglich sein? Hier muß ein Fehler vorliegen. Nie mehr als heute sollte Geld für zionistische Arbeit zu bekommen sein, nie sollte es den Fonds nesser gehen als gerade heute. Da darf die einfache Feststellung nicht mehtr genügen: Kein Geld dal Da heißt es zu untersuchen, warum kein Geld da ist und ob nicht doch Geld da sein könnte. In der Tat läßt sich leicht feststelten: Nie ln den letzten zehn Jahren stand die Judenheit der zionistischen Propaganda so aufgeschlossen gegenüber wie heute, nie war sie mehr als heute bereit, ihr Schicksal mit dem des Zionismus und Viel Geld dal Palästinas zu verbinden und Opfer dafür zu bringen. Daß wir kein Geld haben, beruht lediglich auf einem grandiosen Mißverständnis der zionistischen Propaganda. Die zionistischen Fonds könnten heute mindestens ebensoviel Geld einnehmen wie in ihren besten Zeiten. Sie hätten zu diesem Zwecke nichts anderes zu tun, als sich endlich auf die Gegenwart einzustellen. Das wirksamste Mittel unserer, wie jeder anderen, Propaganda war die Kontrastwirkung. Zu einer Zeit, da Materialismus die Welt beherrschte und alles von Prosperity träumte, übte natürlich das Beispiel unserer Chaluzim eine unvergleichliche Wirkung auf die ganz anders eingestellte Welt aus, und es war nicht nur ideologisch, sondern auch propagandatechnisch absolut gerechtfertigt, daß die zionistische Propaganda von ihrem Idealismus den weitesten Gebrauch machte. Inzwischen ist die Welt verarmt. Das, was unsere Chaluzim damals geleistet haben, ist heute selbstverständliche Tagesfron für den Großteil der Welt. Und in der Tat kann z. B. die Betonung der Not der palästinensischen Schulen und Lehrer als Mittel der K. H.-Propaganda in dem Augenblick keinen Eindruck mehr machen, wo im ganzen Osten, aber auch in Amerika, die jüdischen Schulen denselben harten Kampf um ihre Existenz führen und es ihren Lehremn zum mindesten nicht besser geht als in Palästina. Es ist darum unter jedem Gesichtpunkt falsch, wenn unsere Fondspropaganda auf die ausgezeichnete Kontrastwirkung verzichtet, die in der Gegenüberstellung der guten Lage des heutigen Palästina mit der miserablen des heutigen Galuth liegt. Hier liegt der Grund des bisherigen Versagens und der Schlüssel zum zukünftigen Erfolg unserer Propaganda. Die Bejahung, die Betonung, die Unterstreichung des Palästina, wie es heute ist — dieses Tel-Awiws, dieser modernen, ganz und gar unromantischen Landwirtschaf!«* Industrie der Orangenzone, dieser hübschen, städtischen Häuser «mit allem Komfort», dieser — sagen wir es ruhig ~ bürgerlichen Behaglichkeit, die Palästina so sehr von «lern unterscheidet, was sonst in der Welt zu sehen ist, die es aber der Anschauung und der Sympathie gerade jener Kreise nahebringt, auf die wir bei der Gcldpropaganda ebenso wie bei der Auswanderungspropaganda in erster Linie angewiesen sind — das zlt Basis unserer Propaganda gemacht, würde Wunder wirken. Viel zu sehr ist Palästina in den Herzen der «Geber» als das Land verankert, dem es immer schlecht geht, für das immer gesammelt wird, das «einem auf der Tasche liegt» und von dem man «nichts hat». Aber das Gegenteil ist richtig. In diesem Augenblick der schlimmsten Not des Galuthjudentums bietet Palästina und nur Palästina die Rettung, die es allein für den jüdischen Bürger, das jüdische Vermögen, die jüdische Nation noch gibt. Sagen wir das! Schreiben wir das! Nie wirkte Palästina verblüffender, nie anziehender als heute, wo es sich verbürgerlicht zur selben Stunde, da die ganze übrige Welt sich proletarisient Und natürlich liegt in dieser Verarmung, in der glatten Unmöglichkeit, Geld zu steuern, eine schwere Hemmung für unsere Propaganda. Aber sie wird aufgewogen durch die Hoffnung, die wir verbreiten können und sollen und die jeden, den Armen wie ganz gewiß den Wohlhabenden, noch einmal zu einer besonderen Anstrengung treibt. Der jüdische Bürger bangt heute um sein Vermögen. Wohin in der Galuth er blickt, er sieht es unter seinen Händen schwinden. Nirgendwo fast gibt es noch eine Chance für das jüdische Kapital, für den jüdischen Unternehmungsgeist. Nirgendwo außer in Palästina. Es heißt nicht nur Propaganda für Palästina machen, wir üben eine Rettungsaktion am Judentum aus, wenn wir ihm zeigen, daß nicht nur die Zukunft des Judentums, daß die Gegenwart des Juden in Palästina liegt. Warum schweigt unsere Propaganda davon? Sie braucht nur zu reden, und der Jude wird ■■ ■ 1 1 — .. .«+ Streng rituell... wird Kunerol erzeugt, in modernen, appetitlich reinen Anlagen, die vom Publikum jederzeit besichtigt werden können. Kunerol ist garantiert reines, 100%iges Pflanzenfett Seine besonderen Vorzüge sind: Großer Nährwert, leichte Verdaulichkeit und lange Haltbarkeit Kunerol wird unter ständiger Aufsicht des Herrn Bezirksrabbiners S. Ehrenfeld zu Mattersburg hergesteilt KUNEROI! 100% REINES KOKOSNUSSFETT Der Judenrichter beim Kaiser Zum 200. Geburtstag des Hoffaktors Koppel Theben Von Erwin Georg Patal (Budapest) Eine charakteristische Gestalt ln den Höfen des 18. Jahrhunderts war der Hoffaktor, der Fürsprecher der Juden, Schtadlan genannt. In seine fremdartigen, dunklen Kleider gehüllt, wandelte er leise in den goldenen Sälen, der geschliffenen Spiegelgänge entlang, gebeugt brachte er die Geschenke seiner Aussender, bat um die Gnade des Herrschers für sein gejagtes Volk und entfernte sich sodann in hastiger Eile. Von keiner festlichen Gelegenheit fehlte der jüdische Hoffaktor. Des Kaisers majestätischer Blick streifte bei der Krönung zum erstenmal flüchtig seine düstere Gestalt, von der sich die bunte Gruppe der Herren spöttisch oder gar befremdet zur Seite zog, und auch später, bei jedem größeren Empfang, sah er ihn inmitten der Ehre bezeugenden Deputationen. Und allmählich gewöhnte sich das Auge des Kaisers an die stille Anwesenheit des Gesandten der Juden, bekannt schon war ihm das dunkle Gewand, das ihm zu Füßen gelegte Gold, bekannt der wogig-herabfallende, graue Vollbart, doch selten nur, oder vielleicht nie bemerkte das kaise-liche Auge, wenn dieser Bart ein neues Gesicht umrahmte. Innerhalb der Mauern des Ghettos aber blickte man mit liebevoller Bewunderung zu dem vom Palais zurückkehrenden Hoffaktor hinauf. Alte Rabbiner hoben ihre Köpfe von den Folianten empor, als sie des an ihrem Hause vorbeieilenden Schtadlans gewahr wurden, und sprachen einen Segen auf den «Mächtigen Israels». . . . Mütter führten ihre Kinder zum Fenster und zeigten ihnen mit dem Finger: «Sehet, da geht unser Beschützer! ...» Die Juden aber waren immer ein Volk des Buches. Achtend und schätzend erhielten sie nur die Erinnerung an ihre Weisen, Lehrer und Rabbiner aufrecht und vergaßen dabei in undankbar kurzer Zeit Ihre weltlichen Großen, als hätten diese nach Verrichtung ihrer Lebensaufgabe, das Hinüberhelfen ihres Volkes über die momentanen Schwierigkeiten, oft durch das Aufopfern ihres Lebens und Vermögens, nichts mehr auf der Bühne der Geschichte zu suchen. Doch einen Hoffaktor hatte das Judentum, der groß unter den weltlichen Großen war, der höher strebte als eine bedrückende Verordnung zu vereiteln, oder eine kleine Gnade zu erreichen, dessen Seele vom Freiheitswinde der französischen Revolution angehaucht, nahe ein Jahrhundert vor der Emanzipation den damals so ungeheuren Gedanken der Gleichberechtigung bereits In sich trug und der sein Leben dieser großen, heiligen Idee opferte. Wer war dieser Mann? Auf vergilbten Blättern der Preßburger und Budapester Stadtarchive finden wir den Namen Koppel Theben verzeichnet, und die Chroniker des Zeitalters besangen seine Taten in begeisterten, naiven Versen. Koppel Theben entstammte einer alten, vornehmen jüdischen Familie. Nach der Familientradition soll sein erster Urahne Jakob Mendel gewesen sein, den der König Mathhias Corvinus um 1477 an die Spitze der von ihm geschaffenen jüdischen Landesprefektur stellte. Sein Vater, Abraham Theben, selbst mehrmaliger Judenrichter und wohlhabender Großhändler in Tuchwaren, ließ den erstgeborenen Sohn, Koppel, der 1732 das Licht der Welt erblickte, in der sorgfältigsten Weise erziehen. Er ließ ihn früh neben den üblichen religiösen Studien auch in Handel und G^schäftsfächern unterrichten und nahm ihn bald zum Sozius seines Unternehmens. Das weitbekannte Haus «Abraham, Koppel Mandel» war 40 Jahre hindurch alleiniger Abnehmer der k. u. k. Linzer Zeugfabrik und duroh seine weitverzweigten geschäftlichen Verbindungen wurde der junge Koppel Theben erst gern gesehener Gast, dann Ratgeber der ungarischen Magnatenhäuser. Er gewöhnte sich an den Umgang mit den Herren, erlernte ein reines Deutsch, so daß er in Benehmen und Auftreten einem freien, edlen Herrn ähnelte. Anderseits jedoch lernte er zu früh das jüdische Schicksal und die jüdischen Leiden kennen. Schon zur Zeit seiner Kindheit hörte er traurige Berichte von den grausam vertriebenen Juden aus Dalmatien, Kroatien und Slawonien, oft sah er in seiner Jugend, wie j iden, aus ihrer Heimat verbannt, sich vor dem Hause seines einflußreichen Vaters versammelten, so die aus Böhmen, Prag verwiesenen, und zweifellos erwachte schon damals das edle Verlangen in ihm, die Beziehungen, die er sich bei den Herren ausbahnte, zum Wohl seines gehetzten Volkes zu verwenden. 40 Jahre alt, als alleiniger Chef des großen Handelshauses, wird er zum Vorstehenden der Preßburget Judengemeinde gewählt. Und bald wird der Nam« Koppel Theben ein Begriff. Nicht ist Israel Waise mehr, es hat ja wieder einen «Mächtigen», an den es sich ln aller Not wenden kann . . . Wissen arme, geflüchtete Brüder nicht, wohin sie ihre müden Körper legen, wo sich ihre gepeitschten Seelen an einer starken Vater* hand festhalten können . . .? Koppel Thebens Hau» steht jedem offen, seine weiße, gepflegte, zugleich aber kräftige und gütige Hand ist es, die sich tröstend und spendend jedem entgegenstreckt . . . Und Legenden umflechten seine hohe, selbstbewußte Gestalt. Erst jetzt noch war er da, kaum einige Minuten, daß er in seinen Reisewagen gestiegen, noch staubt hinter den dahinrollenden Rädern die nach Wien führende Landstraße und die angehitzte Phantasie der Zurückgebliebenen sieht ihn schon mit dem Kaiser debattieren . . . Der Kaiser will alle seine Völker äußerlich uniformieren und befiehlt den Juden, die Bärte, diesen einzigen Schmuck ihrer Häupter, unverzüglich abzuschneiden, was auch die antiken Völker als Beschämung und Verletzung fühlten. «Glauben denn Majestät, daß der Bart so sehr zum Wesen des Menschen gehört, daß seine Regelung Aufgabe der Gesetzgebung sei . . .?» Und wahrhaftig, das Wunder geschieht. Einem Triumphzuge gleicht die Rückkehr Koppel Thebens nach Preßburg mit der erwirkten neuen Verordnung. Gott dankend und den Hoffaktor preisend streicheln sich alte Gelehrte beruhigt über die Bärte, deren Dasein kurz vorher noch so schwer gefährdet, nun wieder gesichert ist. Wenige Tage darauf hat das Ghetto wieder eine Sensation. Diesmal aber handelt es sich um etwas Freudiges: Der Kaiser, Joseph II., hat Koppel Theben von hohem Rosse angesprochen. Wie ist das geschehen? Mit glänzendem Gefolge reitet der Kaiser durch dit Straßen Preßburgs. Da sieht er plötzlich Koppel Theben, der noch vor kurzer Zeit so tapfer die Sache der Judei