Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 243 (1.9.1932)
- Date
- 1932-09-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3053752-3053963-3053997--3104-3058591- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4 DIE STIMME Nr. 243 — I. September 1032 Die S. Wettkonfevenx dev Revisionisten in Wien Vorbemerkung in Anwesenheit von Delegierten, unter denen Jugendliche in Braunhemden hervorstachen, eröffnete der Führer der Revisionisten, Wladimir Jabo- ‘!"w'ky, Sonntag, den 28. August, im Zirkus Renz die V. \\ eltkont'erenz der Zionisten-Revisionisten. Ueber diese Konferenz wird noch so manches zu sagen sein. Vorderhand begnügen wir uns mit folgenden Bemerkungen : Die V. Konferenz der Revisionisten zeigt einen offenkundigen Niedergang dieser einst homogenen Gruppe. Die Waffe, mit der diese Gruppe die zionistische Organisation und insbesondere deren Leitung seit Jahr und Tag bekämpft hat, beginnt sich nunmehr an ihrer eigenen Organisation zu rächen. Worte wie «Verräter«, die seinerzeit von den verantwortlichen Führern der Revisionisten gegen Weizmann in weniger verantwortlicher Weise geschleudert wurden. ertönen nunmehr in den eigenen Reihen auf dieser Konferenz, nur in umgekehrter Richtung, indem sie sich gegen die Revisionistenführer richten, die einen Ausweg aus dem eigenen Chaos zu finden versuchen. Bezeichnenderweise fehlt bei dieser Konferenz einer der besonnensten Revisionistenführer, L i c h t h e i m, der endlich die Schädlichkeit der revisionistischen Bewegung für die gesamte zionistische Organisation einzusehen beginnt. Die Zerklüftung in den Reihen der Revisionisten ergab sich insbesondere bei der Generaldebatte. bei der bereits drei Gruppen ihre Sonderinteressen in eindeutiger Weise und durch Schaffung von neuen Gruppen zum Ausdruck gebracht haben. Die palästinensische Gruppe organisierte sich als R e v isionislen - Maximalisten und trat in schärfster und gehässigster Weise sowohl gegen die revisionistische Leitung wie auch gegen die zionistische Exekutive auf. Der sattsam bekannte Dr. Wolfgang von Weisl, der als Vertreter dieser Gruppe an der Generaldebatte teilnahm, erging sich in maßlosen Ausfällen gegen d'o Chaluzim, die er als «Volksfeinde und Dielg Jüdische Mädchen II ■ ■vor der Berufswahl!! Zweijährige Fachschule für Kleidermachen und Wäschewarenerzeugung mit öffentlichkeitsrecht Staatsgttltlge Zeugnisse Einjährige Koch- und Haushaltungsschule mit erweitertem Lehrplan für allgemeine Bildung Dr. Krüger-He m, 2., Malzgasse 7, Tel. A-48-0-77 Internat. Samstag Schulfrei Berufsberatung täglich von 11 bis 12 Uhr ner des internationalen Sozialismus» bezeichnete, und forderte nach bewährtem Muster der militanten Radaumacher die militärische Organisierung derjüdischen Jugend. Natürlich wieder Legion und dergleichen- Die rumänische Gruppe, die ebenfalls Sonderinteressen in geschlossener Front auf der Weltkonferenz vertritt, wendet sich gegen den Beschluß von Calais und verlangt das bedingungslose Verbleiben der Revisionisten in der Organisation. Die dritte Gruppe umfaßt die polnischen Delegierten und die Wiener Revisionisten, welche für die Beibehaltung des Beschlusses von Calais eintreten. Bezeichnend für den Geist, der auf dieser Konferenz herrscht, sind die Ausführungen eines Delegierten, Dr. Meir, der nicht mehr und nicht weniger als die Militarisierung der Jugend verlangt, wobei er «Kampf, Blut, Eisen- und Barrikadenkämpfe» als letzten Schluß revisionistischer Weisheit vor der ganzen Oeffentlichkeit vorbringt. Dieser kämpferische Geist beherrscht auch die ganze Generaldebatte, die sich in allgemeinen Redewendungen, wobei bei jedem zweiten Satz «Judenstaat» und «Herzl-Zionismus» sich wiederholt, ohne daß auch nur e i n produktiver Gedanke aufgekommen wäre, auf welche Weise man den wirklichen Zionismus in die jüdischen Massen trägt und den schwerringenden Jischuw, wenn auch nur um einen Schritt vorwärts bringt. Diese Reden, die von Temperament und erfrischender Unverantwortlichkeit überschäumen, werden es bestimmt nicht tun. Im übrigen wäre noch hervorzuheben, daß die revisionistische Ideologie als solche seit Jahren krampfhaft nach irgend einem Schlagwort sucht. Bei jeder Konferenz wird nun etwas anderes als Heilmittel in die Reihen der Gläubigen geschleudert. Seinerzeit genügte der Kampf gegen die Jewish Agency. Bei der vorletzten Konferenz in Prag wurde plötzlich als Allheilmittel «Tozereth Haaretz» erfunden, wobei selbstverständlich dieses Schlagwort längst Gemeingut aller Zionisten gewesen ist. Bei der diesjährigen Konferenz prägte Jabotinsky plötzlich eine Phrase von der Proklamierung einer «Petitionsbewegung». Was diese Petitionsbewegung bedeuten soll und welche Wirkung von ihr im praktischen Leben erhofft wird, darüber ging der Führer ebenso wie die Generaldebatte, die dieses Wort prompt aufgegriffen hat, glatt hinweg. Diese impressionistische «Petition», die auf die Wirkung des Tages berechnet ist, um bald zu verpuffen, scheint auch für diese ganze Konferenz bezeichnend zu sein- Wie sich die Dinge gestalten werden, ist vorderhand in diesem geradezu bestürzenden Chaos der Generaldebatte schwer vorauszusehen. Eines jedoch ist sicher: Der Revisionismus beginnt nunmehr den Sturm zu spüren, den er in zionistischen Kreisen entfacht hat. Im Namen des Zionistischen Landesverbandes begrüßte die Konferenz Dr. Michael Stein berg, der «. a. folgendes ausfiihrte: Ihre Konferenz tritt in einer Zeit zusammen, in der das Judentum die schwerste Prüfung seit der Zerstörung der jüdischen Staatlichkeit mitmacht. Die Juden in der ganzen Welt sind in eine bedrängte Lage geraten. Wir sehen bisher ratlos zu, wie die Grundlagen unseres Daseinskampfes sich rasch verengen, die Gefahren, die unsere Existenz bedrohen, sich zusehends vermehren. Bedroht sind gleichzeitig Ost und West, und dabei ist die übrige Welt vor uns abgesperrt. Der diesjährige Sommer hat uns viele jüdische Konferenzen und Tagungen gebracht, was an sich sehr erfreulich ist, weil es Zeugnis für eine verstärkte jüdische Aktivität ablegt. Das jüdische Volk wird sich — das beweist die jüdische Weltkonferenz in Genf — dessen bewußt, daß die Entscheidung über das Schicksal eines Volkes beim Volke selbst liegt. Auch das jüdische Volk wird die wirksamen Waffen zur Verteidigung seiner Menschenrechte und zu seiner Befreiung nur durch Sammlung seiner Gemeinschaft schmieden können. Sollen aber alle diese Tagungen einen bleibenden Wert haben, zum Aufbau Erez Israels beitragen und für das jüdische Volk von dauerndem Nutzen sein, so ist das nur dann möglich, wenn wir immer daran denken, daß Uneinigkeit, blinder Fanatismus und Rechthaberei dem jüdischen Volke im Laufe seiner langen Geschichte viel mehr Wunden geschlagen haben, als es jemals seine grimmigsten Feinde vermocht hätten. Dem jüdischen Volke tut Einigkeit not, wenn es dieser schweren Zeit gewachsen sein will. Wir Zionisten, der aktive Teil des jüdischen Volkes, die wir nach wie vor seine Bannenträger sein wollen, müssen da beispielgebend sein und über alle Differenzen und Meinungsverschiedenheiten hinweg, die unvermeidlich sind, jede überflüssige Zersplitterung und jede Zerstörung des mühsam Aufgebauten vermeiden. Nur wenn wir einig sind, wird sich das jüdische Volk unserer Führung überlassen. * Jabotinsky gab der Konferenz ihre politische Linie in einer Rede, in der er die folgenden Gedanken entwickelte: Die heutige Lage des Weltjudentunrs bedeutet den endgültigen Zusammenbruch aller erdenklichen Pläne, die Judenfrage außerhalb des Zionismus zu lösen. Es bleibt nur die eine Lösung übrig: der Judenstaat. Einige Millionen Juden müssen in absehbarer Zukunft die Hauptzonen des jüdischen Elends verlassen und in Palästina ein nationales Staatswesen bilden. Mit dem Traume, das jüdische Leben im Ghetto zu normalisieren, haben auch die ghettohaften Mißdeutungen des Zionismus Bankrott gemacht, so z. B. die Ideen von einem «geistigen Zentrum» oder «binationalen Staat». Gegenüber der tragischen Lüge der Galuth, wie sie heute vor uns entblößt dasteht, bleibt nu*r ein Hilfsmittel als reell und der Anstrengung wert: konzentrische Massen Wanderung nach Palästina; Judenstaat auf beiden Seiten des Jordan. Zionismus ist wieder das geworden, was er in Herzls Tagen war: nicht nur nationale Renaissance, sondern auch humanitäre, beinahe messianische Rettungsidee für große Massen Juden. Das aktuellste Hindernis der Verwirklichung dieser Aufgabe ist heute die Politik der Mandatarmacht. Ueber die Tragweite dieser Tatsache herrschen noch in unserer Mitte verschiedene Auffassungen; angefangen mit den Auf as«nJiTen rar Vom 5. September bis 4. Oktober finden die Ziehungen «er v.xiasse der XXVII. Lotterie statt. Lose zu haben bei der Geschäftsstelle der österr. Klassenlotterie J. M. Neufeld, Wien, II. Krummbaumgasse 16, Telephon A 45-9-65 bene frühere Obeirabbiner aus Kopenhagen, Prof. Dr. Dawid Simonsen hinterließ der königlichen Bibliothek seine umfangreiche judaistische Privatbibliothek, die unter anderem auch Handschriften von Maimonides enthielt. Dem zionistischen Leben in Dänemark — Kopenhagen — sind natürlich enge Grenzen gezogen. Nichtsdestoweniger arbeitet die erprobte Zionistenschar unentwegt, um die einheimischen Juden unseren Idealen näher zu bringen. Dies geschieht unter Führung des Gesinnungsgenossen Leopold Landau, Mitglied des Aktionskomitees, dem ich auch meine Informationen verdanke. Während das jüdische Dänemark eigentlich nur die Gemeinde Kopenhagen umfaßt, kann Schweden mehrere Gemeinden aufweisen: Stockholm mit 3000 jüdischen Seelen, Göteborg und Malmö mit je 700 Juden und mehrere kleine Gemeinden. So hat auch die Universitätsstadt Lund eine kleine Gemeinde, die abgeschlossen, gleichsam ein kleines Ghetto bildet. Die Seele der Gemeinde ist deren Seelsorger, der auch alle rituellen Funktionen versieht und von dem es übrigens heißt, daß er ein wohlsituierter Mann wurde, indem er den Großteil der jüdischen Bevölkerung Schwedens mit rituellem Fleisch versorgt. Auch hier besteht das einheimische Judentum zum größten Teil aus eingewanderten Ostjuden, die natürlich in ihrem Rahmen jüdisch arbeiten. Unter den einheimischen Juden spielt bloß der Dozent Hugo Vallentin von der Universitätsstadt Upsala, der Präsident der *ionistischen Organisation Schwedens ist, eine Rolle im jüdischen Leben. Allgemein rechtlich sind die Juden in Schweden den übrigen Landesbewohnern gleichgestellt. So finden wir in der Verwaltung zahlreiche Juden tätig, ebenso auch auf allen Gebieten des Geisteslebens, ln diesem Zusammenhang seien zwei Namen erwähnt, und zwar Prof. Martin Lamm, einer der 18 Mitglieder der schwedischen Akademie der Künste, der über den Nobelpreis entscheidet, und der berühmte Maler Isak Grunewald, dessen kürzlich in Paris veranstaltete Ausstellung der schwedische König mit seinem Besuch beehrte. Das Gebiet, auf dem die Juden hier besonders hervortreten, ist die Kunst. Das Theater und vor allem das Konzertleben Schwedens ist undenkbar, ohne die jüdischen Mäzene und Enthusiasten. Die jüdische Gesellschaft ist selbst musikausübend und spielt im Konzertverein eine große Rolle. Jüdische und nichtjüdische Künstler, die in Schweden gastieren, finden in kunstliebenden jüdischen Häusern gastliche Aufnahme. Gesellschaften uncl eheliche Verbindungen zwischen Bühnenkünstlern und Juden schaffen einen ständigen Kontakt. Auffallend ist, daß die Juden in Schweden größtenteils keine Kaufleute sind, sondern den intellektuellen Berufen angehören. So finden wir zahlreiche Aerzte, Rechtsanwälte, Professoren etc., während in den Großbanken fast keine Juden in führender Stellung tätig sind. Der von gewissen Kreisen als Jude bezeichnete Ivar Kreuger beschäftigte in seinem Konzern — wie mir erzählt wurde — keinen einzigen Juden. Der jüdische Anteil bei Kreuger erstreckte sich auf jüdischen Aktienbesitz von Kreugers Unternehmungen. Das zionistische Leben in den Ortsgruppen Stockholm, Göteborg, Malmö entwickelt sich dank der führenden Rolle des bereits erwähnten Dozenten Hugo Vallentin, der im Verein mit Hilfe des Oberrabbiners Ehrenpreis das Wenige herauszuholen sucht, was hier eben möglich ist. Während in Dänemark und Schweden die ersten Juden gegen Ende des 17. Jahrhunderts auftauchten, ist in dem dritten skandinavischen Lande, Norwegen, Vorhandensein von Juden erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts zu entdecken, da das bis zum Jahre 1854 gegen Jesuiten und Juden bestehende Einwanderungsverbot hinsichtlich der Juden aufgehoben wurde. Die 2500 Juden Norwegens wohnen zum größten Teile in Oslo und Trodtheim. Die jüdische Gemeinde in Oslo feierte erst ihren 40jährigen Bestand. Von einem jüdischnationalen Leben kann keine Rede sein. Daran konnten auch die in der letzten Zeit zugewanderten Ostjuden nichts ändern, da diese in verschwindend kleiner Anzahl sind und den proletarischen Schichten entstammen. Da die jüdische Siedlung in Norwegen, wie erwähnt, überhaupt sehr jung ist, kann man von einer Teilnahme am Geiste des Lebens des Landes nichts berichten, mit einer einzigen Ausnahme, und zwar des Juden Henrik Wegland, der den Klassikern Norwegens zugerechnet wird. In der letzten Zeit entstand in Oslo ein jüdischer Klub, Menorah. Von einem richtigen zionistischen Leben kann hier nicht gesprochen werden. Eine jüdische Zeitschrift, «Hatlkwah», erscheint einmal monatlich in Oslo. So verheißungsvoll die wenigen Ansätze der zionistischen Bewegung in den skandinavischen Ländern auch sind, darf man doch nicht an der Tatsache vorübergehen, daß die Assimilation hier üppig gedeiht. Nicht zuletzt ist dies auf die hier übliche Mischehe zurückzuführen. Wir begegnen auf einer Reise in den Nordländern gut gewachsenen, schönen, blonden Menschen, von denen wir nicht ahnen können, daß sie Juden sind. Durch die Mischehen werden eben die Juden mit den einheimischen vornehmsten Familien versippt und verschwägert. Sven Hedin ist jüdischer Abstammung, ebenso der frühere Außenminister Freiherr Palmstierna. Auch die Beamten- und Offizierfamilien von Reis und Elliot sind jüdischer Abkunft und viele andere. Auch die Religion bietet der fortschreitenden Assimilation keinen Einhalt. In den Synagogen wird ein Teil der Liturgie in schwedischer Sprache verrichtet. So wird z. B. in Göteborg an 6 Sonntagen im Jahre (im Winter) ein rein schwedischer Gottesdienst mit Predigt abgehalten. Nichts vermag daher dem objektiven Beobachter die Meinung zu nehmen, daß den sich vielleicht persönlich hier wohlfühlenden Juden in den skandinavischen Ländern bis auf einzelne rühmliche Ausnahmen der Kontakt und das Verständnis für das übrige Weltjudentum vollkommen fehlt. Durch die eigenartigen Verhältnisse ist auch in absehbarer Zeit keine bedeutsame Wendung zu erwarten, wenn diese nicht von den ein-gewanderten ostjüdischen Familien herbeigeführt wird. *