Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1932-09-01 · Heft 243 (1.9.1932) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
5 (1932)
Issue
Heft 243 (1.9.1932)
Date
1932-09-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3053752-3053963-3053997--3103-3058590
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Nr. 243 — 1. September 1932 DIE STIMME Sette 8 Meine Bekehrung Von Felix M. Warburg (New York.) Ein Zufall erweckte mein Interesse für Palästina. AI» Juda Magnes, mit dem ich in New York im Joint xusammengearbeitet hatte, nach Palästina übersiedelte, lud er mich ein, ihn zu besuchen. Ich sagte zu. Während meiner Reise nach Aegypten erinnerte mich meine Frau an das Magnes gegebene Versprechen. Ich muß gestehen, daß ich mein Versprechen nur ungern erfüllte. Aber ich fuhr nach Palästina. Es war fünf Uhr und ein wunderschöner Morgen, als ich in Palästina eintraf. Bevor ich noch Magnes traf, kam ein alter Mann auf mich zu, eine Patriarchengestalt, und sagte mir: «Ich sehe, daß Sie heute zum erstenmale nach Erez Israel gekommen sind. Ich lebe hier schon viele Jahre als Farmer und ich bringe Ihnen liier die ersten Früchte dieses Jahres.» Und er übergab mir einige Früchte. Ich war gerührt und überzeugt, daß meine bisherige Haltung Palästina gegenüber ein Unrecht war. Ich war bekehrt. Mein Bestreben war nun, alles zu sehen. Das nächste, was ich sah, war ein militärisches Lager auf einem Hügel. Die Soldaten lebten da seit drei Jahren in größter Eintracht mit der jüdischen Bevölkerung. Aus den Gesprächen mit den Soldaten hörte ich, daß dieselben für die zionistischen Aspirationen große Sympathie hatten. Wir näherten uns Jerusalem, das im Abendscheine vor uns lag. Als wir in unserem Zimmer waren, sprachen wir noch lange von den tiefen Erlebnissen des Tages. Wir konnten kaum den Morgen erwarten. Zeitlich früh gingen wir auf den Berg Scopus zur Hebräischen Universität. Wir genossen den wundervollen Blick bis zum Toten Meere und die Geschehnisse unserer alten Geschichte wurden in uns lebendig. Dann gingen wir zur Klagemauer. Für mich ist diese Mauer viel zu traurig, als daß sie ein Schauobjekt für Touristen sein dürfte. Einen mächtigen Eindruck machte auf uns die Hebräische Universität, die in der kurzen Zeit ihres Bestandes bereits ein wichtiger Faktor im jüdischen Leben Palästinas bildet. Es ist unsere Hoffnung, daß die Hebräische Universität blühen und gedeihen wird und nicht nur das Leben Palästinas, sondern auch das Judentum der ganzen Welt beeinflussen wird. Am nächsten Tage besuchten wir einige Kolonien und trafen mit Burschen und Mädchen zusammen, die in ihren Geburtsländern die Universität besucht hatten. •Jetzt saßen sie am Straßenrand, klopften Sterne und .Jeslmil Inf™ Bestrenommierte Küche im neueröffneten Gassenlokal IL Hammer Purostallgasse 3. Tel. A 48-6-82 rMMKHHaNNHUMRNÜNHNRNÜiaNNRUÜÜNÜMmiUHi Die Juden im Norden Quer durch Skandinavien. Reiseeindrücke von Dr. Mair Pais. Nur einige Fahrtstunden von Deutschlands Grenze beginnt Skandinavien. Wenn man Deutschland einen kurzen Besuch abgestattet hat und dort als Jude alles das wahrnehmen müßte, wovon in den letzten Wochen in der ganzen Weltpresse die Rede war, wirkt eine erste Begegnung mit Skandinavien, mit dem Norden, fast umwälzend. Es soll hier nicht in allgemeinen Naturschilderungen die Schönheit dieser in einem gewissen Sinne einzigartigen Landschaft Europas geschildert werden; es seien hier nur einige Zeilen wiedergegeben, die unser verstorbener Führer Max Nordau über eine der schönsten Städte des Nordens geschrieben hat: «Gott nahm eines Tages ein Stück des schottischen Seedistriktes, ein Stück des neapolitanischen Strandes, einige der lyrischen Inseln, etliche Bergknorren aus der Granitkette des Urals, ein Stück kanadischen Fichtenforstes und einige Stadtvierteln von Paris, rüttelte das Ganze in einem Gefäß tüchtig durcheinander und goß es ohne Ordnung an das Ufer eines Ostseemeerbusens, wo es heute die Hauptstadt des Königreiches Schweden bildet und Stockholm genannt wird.» im übrigen soll nur von Juden und Jüdischem in diesem Erdenstreifen kurz gesprochen werden, insoferne es sich dem Besucher, der zum ersten Male hieher kommt, offenbart. Wenn in Deutschland, das auch nicht mehr als ca. ein Prozent seiner Einwohnerschaft als zum Judentum gehörig bezeichnen kann, doch infolge der Entwicklung der letzten Jahre das Problem der Juden sogar ein Kampfobjekt gewisser aus der Not der Zeit geborenen politischen Parteien geworden ist, so war doch immerhin auch zu früheren Zeiten Deutschland ein Land, wo man Judentum in seinen verschiedensten Auswirkungen verspüren konnte. Es ist wohl überflüssig, in diesem Rahmen auf Einzelheiten hinzuweisen, die deutsangen frohe Lieder. Unauslöschlich ist der Eindruck, den diese Steinklapfer und Arbeiter auf den Feldern auf uns machten. Nicht alles in den Kolonien ist schön. Schlechte Häuser, Zelte, schlechte Pflüge, schlechten Boden, aber der Geist der Kolonisten ist wundervoll und spottet jeder Beschreibung. Mit Tränen in den Augen sagte meine Frau zu mir: «Du wirst glauben, daß ich verrückt geworden bin, aber ich möchte ein Stück von diesem Boden haben.» Aber ich hatte auch den gleichen Wunsch, ein Stück von diesem Boden zu besitzen. Wir kauften Boden und sind heute stolze Besitzer eines schönen Orangengartens. Ich fühle mich als Farmer und so oft ich nur kann, fahre ich nach Palästina, das mich immer aufs neue entzückt. An Lord Melchett bewies der jüdische Geist am deutlichsten seine Stärke. Melchett war dem Judentum entfremdet. Er sah Palästina und war bekehrt. Er kaufte einen schönen Grund in der Nähe von Tiberias und ließ ihn bepflanzen. Melchett war ein nüchterner Kaufmann, aber wenn er von Palästina sprach, hatte er Tränen in den Augen. Ich bin sicher, daß er als besserer Jude starb als viele andere, die alle religiösen Vorschriften peinlich beobachten. Sein Sohn und seine Tochter sind heute glühende Zionisten. An Melchetts Beispiel sieht man, wie es einem Mann mit jüdischem Herzen ergeht, der Palästina besucht: Palästina läßt ihn nicht mehr los. Ich will nicht eine lange Beschreibung der Schwierigkeiten geben, die Palästinas Entwicklung entgegenstehen, denn ich weiß, daß Palästina viele Entwicklungsmöglichkeiten hat. Für Menschen mit Geschäftsgeist ist Palästina sehr verlockend. Es gibt in Palästina wunderbare Organisationen, so z. B. die Palestine Economic Corporation, die ihre Geschäfte ausgezeichnet und auf die honorigste Art und Weise führt und so mithilft, den Grundstein für die finanzielle und kommerzielle Entwicklung Palästinas zu legen. Die Gründung industrieller Unternehmungen, der Ausbau von Wasserwerken, die Pflanzung von Orangerien, die Entwicklung der Elektrizitätsindustrie legen den Grundstein für eine gesunde Entwicklung des Landes. Meine Orangenpflanzung wirft einen Reingewinn ab. Ich will aber die Juden nicht auffordern, des Profites wegen nach Palästina zu gehen. Ich hoffe, daß das in Palästina investierte Geld den Juden innere Befriedigung und Stolz bereiten wird, am Aufbau mitgearbeitet zu haben. Ich kann mir nur denken, daß Erez Israel auf jeden Juden den Einfluß haben wird, den es auf mich hat. Ich würde wünschen, daß jeder junge Rabbiner zumindest ein halbes Jahr in Palästina zubringen müßte. Er würde seiner Pflicht mehr bewußt sein, die Brücke zu schlagen zwischen der Diaspora und Palästina. Ob wir nun Zionisten sind oder nicht, ob wir mit allen Phasen der Entwicklung Palästinas einverstanden sind oder nicht, uns leitet alle derselbe Wille. Vereinigen wir uns, reichen wir uns die Händel Machen wir Palästina so schön, daß uns alle Völker darum beneiden! Was wir für Palästina tun, wird unseren Kindern zum Segen gereichen. Wer Geld nach Palästina schickt und dann das Land besucht, wird die größte Genugtuung seines Lebens empfinden. sehen Juden trugen immer — in welcher Form es auch zum Ausdruck gekommen sein mag — ihren Teil an der Entwicklung des Weltjudentums bei. Für die Lage in den skandinavischen Ländern ist die Aeußerung des Lektors Thuneil über die Nazi-Bewegung charakteristisch, daß diese sich in einer Ideenwelt bewege, die der Wirklichkeit ferntöegt, während die Jungschweden gleich Bismark-Politik als die Kunst des Möglichen ansehen. Vor allem die Rassenlehre der Nazis mit ihrem Nordfimmei lasse jede Stütze in der Erblichkeitskunde vermissen. Die größten schwedischen Persönlichkeiten seien z. B. keine nordischen Typen gewesen. Nach dieser charakteristischen Aeußerung wird man es verstehen, wenn ich im folgenden aus meinen Eindrücken zunächst berichte, daß der, wenn auch sehr winzige Teil der Juden, die in den skandinavischen Ländern leben, der Gefahr des Antisemitismus in jenen Maßen wie in Deutschland nicht ausgesetzt ist. Natürlich fehlen auch hier keine antisemitischen Erscheinungen; sie sind schon vor allem wegen des Einflusses der nachbarlichen Naziagitatoren nicht zu vermeiden, jedoch urteilt die Mehrheit der Bevölkerung mehr nach individuellem als nach rein rassentheoretiscchem Standpunkt. Und das Individuelle ist auch das Bezeichnendste, wenn man etwas über die Juden hier sagen will. Schon die erwähnte verschwindende Zahl der jüdischen Seelen (in Dänemark 7000, Schweden 8000, in Norwegen 2500) zeigt, daß hier von einer jüdischen Gemeinschaft, wie wir sie verstehen, keine Rede sein kann. Von einer jüdischen A11geniein organisation kann eigentlich nur in Schweden gesprochen werden, wo besonders in den letzten Jahren seit der Amtstätigkeit des Oberrabbiners Ehrenpreis (eine bekannte Figur aus den Zeiten Theodor Herzls) eine gewisse nationale Tätigkeit einsetzte, die Verständnis für jüdische Problematik außerhalb der lokalen Grenzen zeigte, durch Anlehnung an die zionistische Bewegung, wenn hier auch Zionismus mehr karitativen Charakter trägt, und in Spenden für den Jüdische Elfem! Kauf! Schulbücher für Eure Kinder in der Jüdischen Buchhandlunq HERMANN TUCHNER Wien, 2. Bezirk, Ecke Taborstraße 52 Lelirbiicher für alle Lehranstalten in den richtigen Auflagen, auch antiquarisch, zu sehr mäßigen Preisen. Verzeichnisse kostenlos! Für Auskünfte: Telephon R 41-4-20 Spesenfreie Zusendung überallhin! Aus der jüdischen Gelehrtenwelt Dr. Lazar Gulkowitsch Professor in Leipzig An der philologischen Fakultät der Leipziger Universität ist der Privatdozent mit der Lehrberechtigung für «W issenschaft vom späteren Judentu m», Doktor Lazar Gulkowitsch, zum nichtplanmäßigen Professor ernannt worden. Dr. Gulkowitsch, der zugleich als Lektor für späthebräische, jüdisch-aramäische und talmudisehe Wissenschaften tätig ist, kam 1924 als Lektor an die Universität Leipzig. Hier erhielt er auch 1927 die venia legendi auf Grund einer Schrift «Der Chassidismus religionswissenschaftlic.il untersucht». Dr. Gulkowitsch leitet die Abteilung für spätjüdische Wissenschaft am Leipziger alttestamentarischen Seminar. Nobelpreisträger James Franck 50 Jahre Der Physiker und Nobelpreisträger James Franck wird am 26. August 50 Jahre alt. James Franck wurde 1882 in Hamburg geboren und ist seit 1920 Professor der Experimentalphysik und Direktor des Physikalischen Institutes der Universität Göttingen. Einstein und seine deutsche Heimat Gegenüber Angriffen der antisemitischen Presse auf Professor Albert Einstein im Zusammenhang mit seiner schweizerischen Staatsbürgerschaft stellt eine Berliner Zeitung fest: Einstein ist noch von seiner Anstellung in Zürich her Schweizer, ohne jedoch seine deutsche Staatsbürgerschaft aufgegeben zu haben. Man hat Einstein wiederholt nahegelegt, aus dem deutschen Staatsverband auszutreten. Bisher hat sich Einstein, der ungeachtet vieler Anfeindungen mit großer Treue an seiner deutschen Heimat hängt, stets geweigert, diesen Vorschlägen nachzugeben und hat auch alle materiell glänzenden Angebote abgelehnt, die seine dauernde Uebersiedlung ins Ausland zur Voraussetzung hatten. Soeben hat er einen Antrag des amerikanischen Flexner-Institutes von Princeton, das ihn eingeladen hatte, auf Lebenszeit in das Institut einzutreten, nur mit der Beschränkung angenommen, daß er dort nicht mehr als fünf Monate im Jahr verbringen wird. Im übrigen will er seinen deutschen Wohnsitz beibehalten. Dr. Nathan Feinberg liest im Haag über Petitionswesen im Völkerrecht Der palästinensische Jurist Dr Nathan Feinberg, der gegenwärtig an der Genfer Universität als Privatdozent tätig ist, ist von der AcadSmie de Droit International ä La Haye eingeladen worden, eine Reihe von Vorlesungen zu halten'. Dr. Feinberg spricht über das Petitionswesen im Völkerrecht und wird dabei ausführlich auch die Petitionsprozedur im Mandat- und Minderheitensystem berücksichtigen. Die Vorlesungen werden nachträglich als Monographie in der Sammlung der Akademie erscheinen. Preisaufgabe über ein Thema der althebräischen Philologie Soeben wurden die Themata der von der Berlin er Universität für das Studienjahr 1932/33 gestellten Preisaufgaben veröffentlicht. Die theologische Fakultät hat u. a. folgendes Thema ausgeschrieben: «Läßt sich aus dem Stile Jeremias und Deu-terojesajas auf Bekanntschaft dieser Propheten mit Psalmen schließen?» nationalen Fonds seinen Ausdruck findet. Mehr zionistisches Leiben in unserem Sinne herrscht in jenen Städten, wo — eine Folge des Krieges und seine Nachwirkungen — Juden aus dem Osten ihre zweite Heimat gefunden haben. Daß diese aktiver sind und auch Kulturtätigkeit betreiben, ist nur verständlich. In diesem Zusammenhänge will ich auch die hebräischen Klubs in Stockholm und Kopenhagen erwähnen und besonders den jüdischen Gesangsverein Hasomir in Kopenhagen hervorheben, der sich, wie man mir erzählte, auch in nichtjüdischen Kreisen einer großen Popularität erfreut Ferner sei hier das Kuriosum vermerkt, daß der Sport* klub Hakoah in Kopenhagen, der wohl in Anlehnung aii( den berühmten Namensvetter in Wien seinen Titel führt, sonst aber für Judentum wenig Verständnis zeigt, trotz-! dem zur Makabiade in Tel-Awiw drei Ringer ent«^ sandte, die dort den jüdischen Weltmeistertitel erwarben. Einem wurde die Ehre zuteil, als Vertreter Dänemarks zur Olympiade nach Los Angeles entsandt zu werden, worüber die Einheimischen Stolz und Freud* empfinden. Die politisch-rechtliche Lage der Juden in den Nordländern — wie bereits erwähnt — lastet auf den Gemeinden. Von Gemeinden größeren Stils existiert i n Dänemark nur eine in Kopenhagen, das bekanntlich während des Krieges das Zentralbureau der zioni- , stischen Weltorganisation beherbergte, das von Berlin' dorthin übersiedelte, um den Kontakt zwischen de! Judenschaft in den kriegführenden Ländern aufrecht zti erhalten. Kopenhagen gewann noch mehr Bedeutung in der zionistischen Terminologie durch das im Jahre 1917 erlassene «Kopenhagener Manifest, das in seinen Grundzielen später zur Aufnahme des Palästina-Problems im Friedensvertrage führte. Von den 7000 Juden Dänemarks wohnen in Kopenhagen 6500. An der einheimischen Literatur, Wissenschaft und Musik nehmen die Juden einen überaus regen Anteil, Um einige Namen zu nennen: Henrik Nathanson, Prof, Fridericia, Prof. Warburg, Dr. Dawidsohn, der ein Rockefeller-Stipendium innehat. Der letzthin verstor*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.