Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 211 (21.1.1932)
- Date
- 1932-01-21
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3053752-3053963-3053966--2761-3058561- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Tunis 2× ep/1048155
- Banat 1× ep/1272623
- Riga 1× ep/1000826
OCR text
Seit« 8 DIE STIMME Nr. 211 — 21: JänneM9^';.A*' Avi$do* Mametwi Nachdruck auch in Auszögen verboten. Der großeWahnsinn Autorisierte Uebertragung aus dem Hebräischen von Sem Wolf 21 Das Sausen Ober unseren Köpfen wollte nicht aufhören. Ich schaute meine anderen Leute an. Da sah ich auch den dicken Serben, der magyarisches und serbisches Blut in sich hatte, aus dem Banat stammte und den wir «Bankert» nannten. Sein Gesicht wies gräßliche Narben auf. Eines seiner Ohren war in der Mitte durchgebissen. Ueber diesen «Bankert» haben sogar schon die Zeitungen ausführliche Berichte gebracht. Bei jedem Bajonettangriff warf er seine Waffen von sich und überfiel die Feinde mit bloßen Händen, biß, kratzte und würgte sie. «Herr Zugsführer, Infanterist Laszlo Krejcan meldet gehorsam: Ich bin schon ein alter Soldat, zweimal verwundet.» «Gut, mein Lieber, das sieht man ja.» Dann sah ich den riesengroßen Kroaten mit der goldenen Tapferkeitsmedaille. Er sprach ein schlechtes Ungarisch, wollte aber unter keinen Umständen sich einer anderen Sprache bedienen, und um jeden Preis nur als Magyare erscheinen. Und er war sehr wütend, daß es ihm nicht gelang, zu den Honveds zu kommen und weil er im gemeinsamen k. u. k. Heer dienen muß. Wenn schon sterben, dann lieber als echter Ungar I Er war der erste, der in mir merkwürdige Gedanken über die wunderbare Kraft der ungarischen Nation, die keine ähnliche in der ganzen Welt hat, wachrief. Er salutierte und sagte: «Herr Zugsführer, Infanterist Franz Risitsch meldet gehorsam: Ich bitte um eine Transferierung ln das 32. Honvedregiment.» «Willst du nicht mit mir zusammen sterben, Risitsch?» «Melde gehorsam, Ich will, aber ...» «Ich weiß, Ich weiß, mein Lieber. Schön! Wenn du sterben wirst, werden wir dich im ungarischen Brüdergrab begraben.» Er ließ seine breite, trompetenähnliche Nase hängen. Da war auch der fette Rosenberger. Dick wie ein Faß und sehr jung. Kaum neunzehn Jahre alt. Anekdoten schüttete er bei jeder Gelegenheit, nur so aus dem Aermel. Es war unmöglich, ihn zum Schweigen zu bringen. Er hat sich freiwillig gemeldet und hatte schon die Charge eines Korporals. «Herr Zugsführer, Korporal Bernhard Rosenberger meldet gehorsamst: Ich warte auf Befehle.» «Gut. Aber verdreh' uns jetzt nicht den Kopf mit deinen Witzen.» Rosenberger lachte breit und sagte: «Melde gehorsamst, es ist schwer an der Front, auf Anekdoten zu verzichten. Der Henker Balint fragte einmal einen Delinquenten, welches sein letzter Wille sei. Da sagte dieser, er möchte eine gute Anekdote hören. Darauf hat ihm der Henker diese Anekdote erzählt.» «Welche Anekdote?» «Melde gehorsam, gerade diese, die Ich Ihnen soeben erzählt habe.» Einige Granaten sausten über dem Schützengraben; das Lachen erstarrte auf unseren Lippen. Wer war denn da noch? «Gefreiter Andreas Madi meldet gehorsam: Ich bin der Bariton des Debrecener Stadttheaters.» «Welche Rollen hast du gespielt?» «Lakaien.» Plötzlich ließ sich die Stimme des fetten Rosenberger hören, der als Korporal das Recht hatte, zu sprechen, ohne ums Wort gebeten zu haben. «Er hat im .Hamlet’ das elektrische Licht angczündet und ausgeiöscht.» Jemand lachte laut und ordinär. Der Schauspieler wurde puterrot vor Zorn; er knirschte fast mit den Zähnen. «Wer bist du?» fragte ich den Jungen, der gelacht hat. Es war ein schwarzer großer Mann. «Meide gehorsam: Infanterist Benvenuto Gallier!.» «Italiener?» «Jawohl, aus Fiume.» «Warum hast du gelacht?» «In Hamlet braucht man kein elektrisches Licht, Herr. Die Handlung spielt bei Tag.» «Ach so, bei Tagl» «Und womit beschäftigst du dich zu Hause?» fragte ich weiter den Italiener. «Ich bin Schuster, aber Ich verstehe auch etwas von der Gerberei.» Mit noch zweien aus diesem österreichischen Völkermischmasch schloß ich Bekanntschaft, Der eine war Student, dem es, wie mir, nicht gelungen ist, Offizier zu werden. Er war nicht einmal Gefreiter. Der Junge war hübsch, aber eitel wie ein Mädchen. Fast konnte man glauben, daß er sich schminke. Der andere war ein Bildhauer, der schon mit Erfolg seine Werke ausgestellt hatte. Sein Name war mir bekannt. Kaum hatte ich aber mit ihm ein Gespräch angefangen, da begann der Angriff. Es war ein erbitterter, grausamer Kampf. Zwei Tage lang wurde geschossen und dann kam der Bajonettensturm. Die Russen zogen sich zurück. Wir haben einige ihrer Schützengraben erobert und am vierten Tage besetzten wir nach einem heftigen Kampf, der uns viele Menschenopfer gekostet hat, eine Stadt. Wir haben die Stadt befestigt und sollten nun ein wenig ausruhen. In meiner Abteilung sind sechs Menschen gefallen, zwei waren schwer verwundet. Die Stimmung war gedrückt. Keiner sprach. Da sagte plötzlich der lange Tiroler ernst und feierlich: «Die haben’s gut: Die haben keinen Feldwebel mehr.» Ich merkte, daß unser Feldwebel zuhörte. Er näherte sich mir wie ein Raubtier und sagte: «Du verdirbst die Soldaten. Paß nur auf!» Dann trat er an den Tiroler heran, so nahe, daß sein Schnurrbart fast des Tirolers Gesicht berührte und sagte zähneknirschend: «Du wirst noch einige Ratten fressen, mein Lieber, bevor du den Herrn Feldwebel loswerden wirst!» Im Rapport, den ich dem Kommando über den Kampf erstatten mußte, sollte ich auch diejenigen erwähnen, die sich durch Heldentum und Mut ausgezeichnet hatten. Unter diesen waren Margulies, Onkel Oesterreicher und der lange Tiroler. — Margulies, der magere Jeschiwa-Zögling, schoß im Kampfe blindlings wütend darauf los. Einigemale mußte man ihn zurückhalten, damit er sich nicht ganz allein auf einen Haufen von Russen stürze, nur mit seinem Gewehr bewaffnet, das er mit Blitzesschnelle immer wieder lud. Der alte Oesterreicher vergaß natürlich nicht ans Beten und an die Tefillin. Allerdings diesmal ohne Talles. In der Zwischenzeit «arbeitete» er furchtlos. Auch schrie er zusammen mit den Nichtjuden: «Für unser Volk, für Gott und unser Vaterland!» Dabei fügte er noch hebräisch hinzu: «Deine Hilfe, Gott, erhoffe ich.» Ich erwähnte dies Im Rapport und übersetzte seine Worte ins Deutsche. Der lange, naive Tiroler bewegte sich Im Nahkampf wie eine Maschine, die jedes Hindernis, jede Grube, jeden Zaun überwindet. Von Zeit zu Zeit zündete er sich eine Zigarette an und schimpfte wütend: «Verfluchte Biesterl» Als Ich den Rapport meinem Vorgesetzten, Herrn JonI übergab, zerriß ihn dieser in kleine Stücke: «Eile mit Weile, mein Lieber» — sagte er mit halbgeschlossenen Augen — «glaubst du, der Krieg ist nur dazu da, daß man Orden bekomme?» Er schlug mit seiner Reitpeitsche auf die Stiefeln und ging. Dann drehte er sich nochmals um und sagte: «Mache einen einfachen Rapport, ohne Heldentaten, ohne Uebertreibungen. Und in einer halben Stunde gibt es Uebungen.» Nach einer halben Stunde begannen tatsächlich die Uebungen. Hier, an der Front! Das war für mich ganz was Neues. Nie im Leben habe ich gehört, daß man im Schützengraben, dem Vorhofe des Todes, exerziert, daß man marschieren und Ehre zu bezeigen lernt und Immer wieder den Spruch vom «Obersten Kriegsherrn, Seiner Majestät dem Kaiser Franz Josef I.» wiederholt. Und diese Uebungen waren in Wirklichkeit keine gewöhnlichen Uebungen. Sie waren grausam, als ob wir noch im Hinterlande leben würden. Aber die einfachen Soldaten benahmen sich hier ganz anders, Es schien, als ob sie sich über all das lustig machten. Ich konnte nicht verstehen, woher plötzlich diese gute Laune der Soldaten herkomme. Aber es war einmal so. Die einfachen Leute empfingen die Grausamkeiten der Offiziere mit einem Lächeln, in dem sich eher Ironie als der Schmerz widerspiegelte. Dem Tiroler wurde befohlen, im Schützengraben zwanzigmal hin und zurück zu laufen. Und als der Befehl ausgeführt war, blieb er nicht stehen, sondern lief weiter. Vergebens schrie ihm der Feldwebel nach. Er blieb nicht stehen, bis ihn der Feldwebel zum Stehen zwang. Und als er schon Stillstand, sprach er noch immer: ' «Vierzehn, vierzehn, vierzehn.» «Was sagst du da immerfort „vierzehn”, du Idiot?» «Vierzehn!» — antwortete der Tiroler mit naiver Schlauheit — «das ist ja erst das vierzehnte Mal. Ich muß noch sechsmal hin- und zurücklaufen, Herr Feldwebel!» Er log mit absolutem Ernst. Die Kameraden lachten und der «Leichenschänder» wurde wieder sehr wütend. «Wartet nur! Ich werde euch schon Gehorsam beibringen!» — Er ging und machte dabei ein Gesicht, das nichts Gutes ahnen ließ. Dann wurde es etwas ruhiger. Wir saßen im Kreise und sprachen über den verfluchten Kampf, der einige Tage währte, und in dem Margulies, der Tiroler und Oesterreicher, sich ausgezeichnet haben. Im ganzen Regiment wußte man von deren Heldentaten und alle haben mit einer Auszeichnung dieser drei gerechnet. Mich interessierte sehr das Problem, was diese Menschen wohl bewogen hatte, wie Löwen zu kämpfen? Und unter vier Augen fragte ich hierüber unvermittelt Margulies. Er antwortete mir einfach: «Weiß ich, warum? In diesem Chaos muß man doch etwas tun. — Was soll man tun? Stehen und schauen? Oder stehen und anderen Befehle erteilen, wie es der Herr Oberleutnant Studnik machte?» (Fortsetzung folgt.) Die Judenheit in Algier und Tunis Dr. Maurice Laserson, Bevollmächtigter des Verbandes 0. R. T., der längere Zeit in Algier und Tunis verbrachte und dort die doppelte Mission durchführte: für die Mitarbeit der nordafrikanischen Juden am Aufbauwerk von 0. R. T. in Osteuropa zu werben und sie für die Idee der konstruktiven Selbsthilfe zu interessieren, hielt vor kurzem im Klub Schalom Aleichem einen Vortrag über die Judenheit in Algier und Tunis. Er gab ein eindrucksvolles Bild von der Geschichte, dem religiösen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben dieses nicht unwichtigen Teiles der Weltjudenheit und schilderte deren häusliche und öffentliche Sitten und ihre Beziehungen einerseits zu dem herrschenden Franzosentum, andererseits zu der örtlichen Moslem-Bevölkerung. In Algerien leben etwa 74.000 Juden, die 1.3 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen. Die jüdische Gemeinde der Stadt Algier zählt 16.000 Seelen (7.70 Prozent). Ein Ghetto existiert nicht mehr. Die Intellektuellen sprechen nur französisch, die Masse der Bevölkerung spricht judäoarabisch. Von Antisemitismus ist heute wenig zu merken. Tunesien, wo jüdische Ansiedler noch vor der christlichen Aera gelebt haben, ist vom jüdischen Gesichtspunkte interessanter als Algerien. Das Selbstbewußtsein der Juden Ist ein gesteigerteres. Der Zionismus ist stark verbreitet. In der Staat Tunis leben schätzungsweise 50.000 Juden, die amtliche Ziffer: 24.000 wird von allen Juden als unzutreffend bezeichnet. Hier leben die Juden im Ghetto, der sogenannten Hara. Die besser situierten Schichten leben außerhalb der Hara. Es gibt zwei Gemeinden: Tunsi, die Nachkommen der eingeborenen Juden, und Grana, die Nachkommen der Einwanderer aus Spanien, Portugal und Livo^io. Die beiden Gemeinden sind aber organisatorisch verbunden. Es existiert ein vom Staate anerkanntes und erhaltenes Tribunal Rabbinique, für das der Talmud geltender Gesetzeskodex ist. Die hauptsächlich zu entscheidenden Fälle sind: Feststellung der Volljährigkeit, Regelung von Erbfolgefragen, Rechtsgültigkeit von Ehe, die Regelung der Hinterlassenschaft u. a. m. Es gibt auch jüdische Notare, die vom Tribunal kontrolliert werden. Dr. Laserson schilderte seine Erlebnisse in anderen jüdischen Gemeinden Algeriens und Tunesiens, berichtete über das starke Interesse, das seine Vorträge über die Aufbaubewegung der Juden Osteuropas unter den nordafrikanischen jüdischen Massen gefunden haben. Auch hier wird das Bedürfnis nach Berufsumschichtung ein immer dringenderes. Der Conseil de la Communaut6 wird wegen seiner veralteten Methoden der Wohlfahrtspflege scharf angegriffen, es wird von ihm ein konstruktives Programm verlangt. Biro-Bidschan Moskau, 3. Dezember. (J. T. A.) ln der letzten Sitzung der «Sowjet-Aktivs für Biro-Bidschaiu hielt der Vorsitzende des Vollzugskomitees für den Fernen Osten, Buzcnko, der höchste Beamte des russischen Fernen Ostens, eine Rede, in der er zu verschärfter Arbeit im Aufbau von Biro-Bidschan aufforderte, verschiedene Mängel in der jetzigen Arbeit scharf kritisierte und dann erklärte: Vergessen Sie nicht, daß Biro-Bidschan eine ganz besondere Zukunft hat: der Rayon ist für die Schaffung eines autonomen jüdischen Landes bestimmt. Dies ist der Wille der Kommunistischen Partei und der Sowietregierung. Die arbeitenden jüdischen Massen in der Sowjetunion wie im Auslände blicken mit Hoffnung auf Biro-Bidschan. Im kommenden Jahre müssen Häuser für 20.000 jüdische Familien erbaut werden. Buzenko forderte, daß die jüdischen Siedler in ihrer Muttersprache bedient werden, daß die gesamte Geschäfts- Jüdisches Elend in Riga Riga, 13. Jänner. (J. T. A.) Die Not unter den jüdischen Massen in Riga nimmt infolge der Wirtschaftskrise zu. Vor einigen Tagen drangen etwa 300 jüdische Erwerbslose in das Gebäude der Jüdischen Gemeinde in Riga ein, riefen «Wir hungern!» und forderten Brot. Sejmdeputierter Rabbiner Dubin, Führer der Agudas Jisro*! in Lettland, wurde von der erregten Menge bedroht. Polizei zerstreute die Demonstranten. Morris Alexander wiederum Mitglied des südafrikanischen Parlaments Kapstadt, 7. Jänner. (J. T. A.) Morris Alexander, der bekannte jüdische Politiker, Mitglied der Smuts-Partei, der bei den letzten Parlamentswahlen nicht wiedergewählt worden war, ist soeben bei einer Ersatzwahl ohne Gegenkandidaten zum Mitglied des Parlaments der Südafrikanischen Union gewählt worden. Diese Wiederwahl bedeutet einen großen moralischen Erfolg für den jüdischen Politiker.