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Die Stimme · 1932-01-21 · Heft 211 (21.1.1932) · page 7

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Journal
Die Stimme
Volume
5 (1932)
Issue
Heft 211 (21.1.1932)
Date
1932-01-21
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nf. 21t — 21. Jänner 1932 OIE STIMME seife 2 Der erste jüdische Arzt in Wien Eine Reminiszenz an das Toleranzpatent Kaiser Josef II. Von Dr. Berthold Frucht Vor dem Toleranzpatent Kaiser Josef!t mußten die Aerzte in den Österreichischen «Brblanden» seihst einen streng religiösen Lebenswandel führen und auch über das Seelenheil ihrer Patienten wachen. So waren sie verpflichtet, Jeden Schwerkranken längstens beim dritten Besuch zum Empfange der Sterbesakramente zu veranlassen. Im Falle der Weigerung des Kranken durfte der Arzt bei strenger Strafe oder gar bei Verlust der Praxisberechtigung die Behandlung des «verstockten», «gottlosen» Patienten nicht länger fortsetzen. Die neugebackenen Doktoren mußten bei der Promotion ihr feierliches Glaubensbekenntnis ablegen und den Eid auf die unbefleckte Empfängnis Marias schwören. Das waren Verpflichtungen, die nur die Katholiken, aber nicht auch die Protestanten oder gar die Juden zu erfüllen imstande waren. So konnten die letzteren — ebenso wie die Protestanten — nicht zu Doktoren promoviert werden, sondern nur den Grad eines Lizentiaten oder Magisters erlangen. Erst der aufgeklärte Kaiser Josef II., «der Schätzer der Menschheit», wie er sich selbst nannte —, räumte in seinem vor 150 Jahren — am 2. Jänner 1782 — erlassenen Toleranzpatent mit diesen das Gewissen Aller, besonders aber der Protestanten und Juden vergewaltigenden, auf Proselytenmacherei, auf Seelenfang berechneten Geboten, Verboten und Pflichten auf. Die Aerzte mußten nicht mehr Frömmelei heucheln. Sie mußten nicht mehr Aufseher über das Seelenheil ihrer Patienten abgeben. Die Kranken konnten aus freiem Willen sich mit Sterbesakramenten versehen lassen. Oder nicht. Der Promotion wurde jeder religiöse Charakter genommen. Der für Juden und Protestanten unerfüllbare Promotionseid entfiel und ermöglichte so diesen, graduierte Aerzte zu werden. ln der Tat konnte bald darauf der erste Jude — er hieß in Wien den Doktortitel erhalte^ werden. Jfldlsehe Hochschüler an den ungarischen Universitäten Budapest, 14» Jänner. (J. T. A.) Der Professor an der Technischen Hochschule in Budapest Dr. Desider Laky befaßt eich in einer soeben erschienenen Statistik u. a. auch mit dem Zahlenverhältnis der Universitätshörer nach Konfessionen. Die Abnahme der Zahl der jüdischen Hochschüler zeigen folgende Ziffern: Ihre Zahl betrug (in Prozenten) in den Jahren 1913/14: 28.4, 1917/18 : 33.6, 1918/19 : 33.6, 1919/20: 5.9, 1920/21 bis 1924/25: 12.7, 1925/26 bis 1928/29: 9.6, 1929/30: 10-5. Die gesetzlich ermittelte Prozentziffer des Numers clausus stellt sich für die Juden auf 5.9 Prozent. Nach Fakultäten geordnet betrug die Zahl der jüdischen Hörer in den Jahren 1913/14 an den medizinischen Fakultäten 46.7 Prozent, an der technischen Hochschule in Budapest waren 33.3 Prozent der Hörer Juden. Während des Krieges betrug die Zahl der jüdischen Hörer an den medizinischen Fakultäten 51.9 Prozent. Im Jahre 1919/20 hat es an den medizinischen Fakultäten kaum einen jüdischen Hörer gegeben, im nächstfolgenden Jahre aber war ihre Zahl schon auf 20.4 Prozent angestiegen. An der juridischen Fakultät ist die Zahl der Juden geringer als an der medizinischen. An der Budapester Universität Waben im Jahre 1913/14 34.6 Prozent, während des Krieges noch mehr Juden studiert. Seit drei Jahren hält sich ihre Zahl auf ungefähr 8 Prozent, ln Pecs (Fünfkirchen) betrug die Zahl der jüdischen Hörer 1920 bis 1925 48.9, sie beträgt derzeit 17.1 Prozent. In Debrecen ist an der medizinischen Fakultät ein Viertel der Hörer, in Szeged 15.3 Prozent Juden. Der neue rumänische Justizminister ein ehemaliger Cuzist Bukarest, 15. Jänner. (J. T. A.) Zum Nachfolger des vor einigen Tagen verstorbenen Justizministers Konstantin Hamangiu wt'.rde der bisherige Minister für Transsylvanien Valeriu Pop ernannt. Der neue Justizminister war ursprünglich ein scharfer Judengegner, in letzter Zeit aber hat er Verständnis für das jüdische Problem an den Tag gelegt und ungerechtfertigte Angriffe von cuzistischer Seite auf die jüdische Bevölkerung Rumäniens zurückgewiesen. Gustav Dor6 Am 6. Jänner waren es hundert Jahre, seit Gustav Dor6 m Straßburg als Sohn eines französischen Regierungs- Ingenieurs geboren wurde. Schon frühzeitig zeigte der Knabe große zeichnerische Begabung, von der seine Schulbücher und Schulhefte Zeugnis ablegten. Im Jahre 1848 ging er nach Paris und erhielt als 16jähriger Jüngling eine Anstellung mit 5000 Franken im Jahre bei dem Witzblatt «Le Journal pour Rire». Bald wuchs indes der junge Dord über den Witzblattillustrator hinaus und verlegte sich auf die Illustration von Meisterwerken der Weltliteratur. Im Jahre 1855 erschienen seine Zeichnungen zu Balzacs «Drolligen Geschichten», im Jahre 1861 die weltberühmten Illustrationen zu Dantes «Göttlicher Komödie» und im Jahre 1865 die vielfach als sein Meisterwerk angesehenen und gleichfalls weltberühmt gewordenen Illustrationen zur Bibel.. Dor6 illustrierte ferner den «Don Quichotte» (1863), Miltons «Verlorenes Paradies» (1866), die Fabeln Lafontaines (1867) und Rabelais «Gargantua» (1873). Dor6 war kein genialer Künstler und reichte nicht an seinen Zeitgenossen Daumier heran, aber hatte ein starkes Gefühl für das Phantastische und Groteske, und Generationen empfingen ihre nachhaltigsten Eindrücke von der Bibel, von «Don Quichotte» und von der «Göttlichen Komödie» aus Doräs Illustrationen. Er versuchte sich auch als Bildhauer, und auf der Place Malesherbes in Paris steht sein Denkmal Alexander Dumas’, das am- 4. November 1883 enthüllt wurde, nachdem Dore selbst bereits früher, am 23. Jänner 1883, in Paris gestorben war, wo er auf dem Friedhof Pfere Lachaise begraben liegt, Dor6 erlangte auch einen gewissen, allerdings nicht unangefochtenen Ruf als Maler von Koiossalgemälden, zumeist mit biblischen Vorwürfen, wie «Der Traum von Pilatus’ Gattin», «Christi Einzug in Jerusalem» und «Christus verläßt das Prätorium». Diese und ähnliche Bilder, die in Frankreich nicht allzuviel Anklang fanden, wurden in dem für religiöse Motive empfänglicheren London in der Dor6-Ga!erie zur Schau gestellt und bildeten neben dem Panoptikum der Madame Tussaud eine Hauptattraktion für Provinzbesucher, wie sie denn auch von Zeit zu Zeit Rundreisen durch die Provinz machten und gegen Entree zur Schau gestellt wurden. Ein Jude stellvertretender Volkskommissär für Verkehr in Ruß.and Moskau, 12. Jänner. (J. T. A.) Wladimir Schatow, ein Jude, wurde zum stellvertretenden Volkskommissar für Verkehr ernannt. Nach der Revolution war er Stadtkommandant von Petrograd. CishtiiMi am IS» Jännav 1915 Eilet und kaufet noch schnell die restlichen Lose der WohlfahrMoffcti« dev Bavmhttrxlaen Brüder and des Roten Kreuzes Zu haben in allen Trafiken. 2646 Treffer. Preis nur 1 Schilling DER WEG NACH DEM ORIENT LEUMimSEEMI (Palästina) 7. bis 30. April 1932 Einzige messe des vorderen Orients. Beschlossen« österreichische Qruppe MessegUter-Sammeldienst dureb die Speditionsfirma Caro & Jellinek, Wien, I., Deutschmeiaterplats Nr. 4 Qesellsehaitsrelse vom 15. M&rs bis 19. April 1939 Pauschalpreis von Wien bis Wien zirka 8 lDOO"— Auskünfte ertoiit das Levante-Messe-Komltee tffgl. von 2—3 Uhr i. d. Büros d. Fa. Caro & Jellinek; T. 18680 8erie Jeden Montag ab 8 Uhr Levante-Messo*Interessenten* Diskussionsabend und „Trefftag“ im Festaaai des Hotels Excelslor, 1. Bezirk, Rotemurmstraße Nr. 24 Dr. Isaak Alkalay zum Senator ernannt Belgrad, 11. Jänner. (J. T. A.) Durch einen königlichen Ukas vom 9. Jänner wurde Dr. Isaak (ben Abraham) Alkalay, Großrabbiner von Jugoslavien, zum Mitglied (Virilisten) des neuen jugöslavischen Senats ernannt Doktor Isaak Alkalay ist der einzige jüdische Vertreter im jugoslavischen Parlament. Tn aller Kürze In Moskau verstarb im Alter von 48 Jahren der bekannte jüdische Sozialfürsorger Abraham Lewkowitsch, Mitarbeiter des Agrojoint in Rußland. * Das tschechoslowakische Unterrichtsministerium hat in den letzten Tagen auf wiederholte Interventionen der Jüdischen Partei hin dem hebräischen Schulwerk ln Karpathorußland eine Subvention von Kc 60.000.— bewilligt und zur Auszahlung gebracht e Im Edison Hotel zu New York wurde das 30jährige Bestehen des Jüdischen Nationalfonds durch ein Festbankett gefeiert, an dem 800 jüdische Persönlichkeiten teilnahmen. * In Budapest verstarb im Alter von 66 Jahren der bekannte Industrielle und Philanthrop Dr. Wilhelm Grauer, der seit 25 Jahren ununterbrochen dem Vorstand der Pester Israelitischen Religionsgemeinde angehört und viele Jahre die Wohlfahrtssektion und die sozialpolitische Abteilung der Gemeinde geleitet hat. * Am 18. Jänner trat die Exekutive der zur Regelung der jüdischen Wanderung vereinigten Gesellschaften HIAS-JCA- EMIGDIRECT (HJCEM) in Berlin zu einer Sitzung zusammen. * Aus Herford wird telegraphiert: Ara 14. Jänner vormittags wurde am Eingang des jüdischen Friedhofes eine scharfe Granate, Kaliber 7,7 cm, aufgefunden, die offenbar böswillig dort hingelegt wurde. * In diesen Tagen ist ln Amsterdam eine Ortsvereinigung für das liberale Judentum als Zweig der holländischen Vereinigung für das liberale Judentum begründet worden. ■I Alle orientalischen Spezialitäten am Rost und Spieß SAMSTAG U. SONNTAG TANZ.’ KAPELLE MAX GEIOER Restaurant MIRABELL Wien I. Hebsburaerg. 4—3 Zehn Fragen 1. In welchem Buche kommt der Satz vor: Wem) Ihr wollt, ist es kein Märchen? 2. Welche Rolle spielte Ef-Arish in der zionisH* sehen Bewegung? 3. Welche Steilung nahm George Washington gegenüber den Juden ein? 4. Welcher Pabst hatte zwei jüdische Leibärzte? 5. Wer war Süßkind von Trimberg? 6. Wer waren Leonid Kannegießer and Dorn Kaplan? 7. Was ist die «Wiener Gesera»? 8. Was ist «Nizzachon»? 9. Wer war Mardechai Mamel Noah? 10. Wer propagierte schon im Jahre 1844 ein jüdisches Palästina unter dem Schutze der Groß* mächte? Antworten 1. In Herzls Altneuland. 2. El Arish (die Sinaihalbdnsel) wurde Herzl Ulf Kolonisationszwecke angetragen. 3. George Washington, der erste Präsident der Vereinigten Staaten, sagte in seiner Botschaft an dl« Juden (1790): «Es geht heute nicht mehr an, von «Toleranz» zu reden, als hätte irgend eine Volksklasst den Genuß der ihr angeborenen Rechte allein dem Entgegenkommen einer anderen Klasse zu verdanken. 4. Papst Bonifazius IX (1384—1404) hatte zwei jüdische Leibärzte namens Angelo und Salomo aut Perugia. 5. Süßkind von Trimberg war ein jüdischer Minne* sänger des 13. Jahrhunderts. 6. Leonid Kannegießer erschoß den Vorsitzenden der Tscheka Uritzky. Dora Kaplan verUbte im August 1918 ein Attentat auf Lenin, das mißglückte. Mit det Hinrichtung dieser Freiheitskämpfer setzte der «Kote Massenterror» ein. 7. Die Wiener Gesera ist eine Chronik in jüdisch« deutscher Mundart Sie schildert die Vertreibung und! Verbrennung der Juden in Wien im Jahre 1421. 8. «Nizzachon» (Der Sieg) ist eine von Rabbi Jombtow-Lipman Mühlhausen um 1410 verfaßte Apologie, in der er auch seine Disputation mit dem Täufling Peter (Pessach) im Jahre 1399 schildert 9. Mardechai Mamel Noah (1785—1851) gründet« am 15. September 1925 in der Nähe von Bussalo die Stadt «Ararat», die ein jüdischer Freistaat werden sollte. Das Unternehmen mißglückte. Der feierlich gesetzte Grundstein befindet sich im Stadtmuseum von Bussalo. 10. Mardechai Mamel Noah (siehe Frage 9) propagierte im Jahre 1844 in zwei Reden («Wiedergeburt der Juden») die Errichtung eines jüdischen Staates in Palästina unter dem Schutz der Großmächte. Der Geist der Menschheit und das Alte Testament Genfer Vortrag von Prof. Dr. Ludwig Köhler In der «Genfer Gesellschaft für deutsche Kunst und Literatur» hielt Prof. Ludwig Köhler, Rektor der Universität Zürich, einen sehr gehaltvollen Vortrag über den «Geist der Menschheit und das Alte Testament», ln knappen Zügen legte er die fünf Phasen der Menschheit dar: Babylon verkörpert das Weltreich, Athen das Weltdenken, Rom die Weltorganisation, Paris die Wettbildung, Genf die Weltgememschaft. Als sechsten Punkt fügt Prof. Köhler Jerusalem hinzu und die Bedeutung des Alten Testaments. Aus der unermeßlichen Zahl seiner Auswirkungen hebt er vier heraus: eine Institution, heilige den siebenten Tag; ein Vokabular, das Alte Testament fängt an, gemeinsame Sprache der zerrissenen Menschheit zu werden; eine Opposition, im Kampf der Naturwissenschaften gegen die Kirche ist ei; gutes Stück Menschenkenntnis geworden; eine Konzeption, die Menschheit ist eine von Gott gewollte Bewegung auf ein bestimmtes Ziel hin. Das Alte Testament hat den Geist der Menschheit aufs innerste berührt; die Zeit des Neuen Testaments dagegen sei noch nicht gekommen. Es sei das Buch der Zukunft. Groß war das Thema, groß war auch die Rede Prot Köhlers. Tretet dem Verbände Allgemeiner Zionisten bei!

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