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Die Stimme · 1932-01-21 · Heft 211 (21.1.1932) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
5 (1932)
Issue
Heft 211 (21.1.1932)
Date
1932-01-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nt. 211 — 21. Jänner 1932 DIE STIMME Seite 3 HNMnifh Iwrith Bvtth Iwtlfli Olamlfh Cholin Nochmen BIALIK spricht (|ldtfi»ch) im GroBen Konzerlhaussaal DIENSTAG, DEN 26. JÄNNER 1932, 8 UHR ABENDS. (Nach Beginn des Vortrages kein Einlaß) Kartenvorverkauf von 1*10—6-60 Schilling im Büro des Jüdischen Nationalfonds, I. Kämtnerstraße 28, Bücherstube Rath,!!., Taborstraße 20a und beim Sekretariat der Zion. Bez.-Sektion, II., Praterstraße 13 — Abendkassa Chaim Nachman Btaiik So sah ich Euch abermals... PROGRAMM: Einleitende Worte: Dr. David Dr. David Rothblum, Präsident der Histadruth iwrith Vor und nach dem Bialik-Vortrag: Chorgesang; Dirig. Prof. Arthur Wolf hajom», «Raze lajlah»), doch kommt ln einigen dieser Dichtungen auch Lebens- und Naturfreude zum Ausdruck («Paame aviv», «Zafririm», «Im p’tichat hachalom», «Zohar») und finden ihre vollendete Form in «schire Hachoref». Im Gedicht «Schirathi» schildert Bialik seine tragische Kindheit, ln der sich eigentlich auch die ganze Tragik des jüdischen Schicksals in der Galuth in Weinkrampf ausdrückt. Mit dem Selbsterkenntnis «Natof Natfa hadimäh» schloß die erste Sammlung der Gedichte Bialiks, die 1902 im Teschuja-Verlag erschienen sind. Bald nach den furchtbaren Ereignissen in Kischinef besuchte Biaiik die Pogromstadt. Unter dem Eindrücke des dort Erlebten schrieb er das kurze Gedicht «AI Haschechita» und die poetische Darstellung «Beir hahalegah». Ab 1904 redigierte Blalik den literarischen Teil der Monatsschrift «Haschiloach». Bald darauf entstand sein bestes Naturlied «Haberechah», dem noch eine Reihe Naturlieder folgten. Diesem gliederten sich das große Poema «Megilath haesch», in der das ewige Ringen eines Volkes mit Gott und mit sich selbst zum Ausdruck kommt und das Lechzen nach Leben ebenso wie nach Askese. Das folgende Gedicht «Davar» bringt die furchtbare Enttäuschung über den eingebildeten Traum einer Erlösung zum Ausdruck und beklagt den Verfall des Volkes. Kurz vor dem Weltkriege erschien eine zweite, vollständige Sammlung der Gedichte Bialiks. Im Jahre 1917 veröffentlichte Bialik im «K’nesseth» einen größeren Liederzyklus, Um dieselbe Zeit entstanden auch seine «Schire haarfi», die von Humor erfüllt sind, kunstvolle Reime, sprachliche Musikalität und volkstümlichen Stil miteinander verbinden. Bialiks Kinderlieder klingen oder knüpfen direkt an Volkslieder an. Biaiik litt stark unter den Ereignissen ln Rußland in der Nachkriegszeit und verließ 1921 für immer Rußland, hielt sich dann 2 Jahre in Hamburg und Berlin auf, übersiedelte 1923 nach Tel-Aviv. In der ersten Periode hat Biaiik auch in Jiddisch gedichtet. Zumeist wurden hier jiddische Volksmotive umgedichtet. Besonders zu erwähnen ist die jiddische Dichtung «Das letzte Wort», die von einem prophetischen Pathos getragen ist. Eine Sammlung jiddischer Dichtungen unter dem Titel «Vun zaar und Zorn» erschien 1906. Biaiik hat auch seine Poeme «Beir haharegah» und Gedichte von J. Halewi vom Hebräischen ins Jiddische übersetzt. Eine Sammlung jiddischer Dichtungen, sowie Uebersetzungen hebräischer Dichtungen erschienen im Jahre 1913. Biaiik ist auch ein hervorragender Erzähler. Er veröffentlichte auch eine Reihe ausgezeichneter Essays, die sich mit literaturgeschichtlichen und philosophischen Themen befassen. Im Essay «Halacha weagadah» weist Biaiik darauf hin, daß die Agadah allein nicht ausreicht, und verlangt die Rückkehr zur Halacha, die die Ausdrucksform des feststehenden, in Formen gegossenen jüdischen Lebens ist. Ungeheuer viel hat Biaiik zur Neubelebung der hebräischer Sprache geleistet. Biaiik hat auch viele Uebersetzungen gemacht, zumeist ohne Nennen seines Namens. So übersetzte er «Halichot hamedina» von Nowak, «Don Quichotte» und «Wilhelm Teil» von Schiller, den «Dibuk» von Anski und Erzählungen von Ben Ami, A. Reisen, Schalom Alejchem und B. Zaphir. Ein großer Teil seiner Gedichte, Erzählungen und Aufsätze sind in fast alle europäischen Sprachen und ins Esperanto übersetzt. In deutscher Uebersetzung liegt in Buchform die von Ernst Müller (1921), die von Weinberg und Essays von Kellner, Gedichte von Zobel etc. vor. Blut-, Haut- und Nervenkranke erreichen durch den Gebrauch des natürlichen «Franz-Josef»- Bitterwassers geordnete Verdauungsverhältnisse, In allen Apotheken und Drogerien erhältlich. So sah ich Euch abermals und weinte blutige Tränen; Schwach seid Ihr plötzlich geworden und arm und bar aller Hoffnung. Wie seid Ihr alle verwaist — weglos und ratlos und irrend! Niemand zeigt Euch die Richtung und niemand flößet Euch Mut ein. Verschwunden der Glaube an Freiheit, erloschen der glitzernde Funke, Kleinlaut seid Ihr geworden und Eure Zunge ist lahm. Noch gestern erklangen Triumphgesänge und Lieder der Hoffnung. Wer hat die ersten Strahlen der Morgenröte verdüstert? Wer hat die Sehnsucht erschlagen und wer die Hoffnung vertrieben? Wer hat den Kindern die Freude genommen, dem Volke den Glücksrausch? Wer hat die Jugend verdorben, wer lehrte sie Abwege gehen Und Energien verschwenden und Schande über sich bringen? Wer lehrt* sie, sich selbst gefallen im dummen und leeren Geschwätz Und übermütig befehlen dort, wo es gilt zu gehorchen? Groß Ist die Flut der Worte, die auf Euch niedersaust, Endlose Flut der leeren und ausgehöhlten Worte, Die Eure Sehnsucht verlachen und die Idee Euch verekeln. Wer hat auf Euch losgelassen kleine, hysterische Menschen, Die sich zu Führern erkoren, sich wie Propheten gebärden Und ihre Mäuler aufreißen und nur das Unmögliche wollen Und die so tölpelhaft sind zu glauben, daß sie ’s erreichten, Wenn sie darüber ge redet im überheblichen Pathos! Wer hat auf Euch losgelassen all diese Schreiber und Schwätzer, Die setbst vom Hasse erfüllt und selbst vom Neide zerfressen, Euch in zwei Lager spalten, Haß unter Brüder streuen Und alles Heil9ge entweihen, wenn sie ’s nur einmal berührt? Wer hat die Einheit zerschlagen? Wo sind, die gesammelt schon waren? Und wo verbirgt sich der Führer, der Euch zu sammeln verstünde, Der Euch befehlen könnte, so daß Ihr lauschen ihm müßtet? Treibt denn Gott wieder sein Spiet mit Euch? Will er beschämen Euch und prüfen und quälen? Will er, daß Ihr am Bauche Kriechet, ein Zerrbild des Volkes unter den Völkern der Erde? Will er, daß Ihr getreten werdet von jedem, der Macht hat Und daß Ihr der Welt zum Hohne seid und zum Gelächter? Ohnmächtig seid Ihr alle und hilflos irrt Ihr herumI Gibt es denn nicht unter Euch nur einen einzigen Starken, Der weiß, was Tapferkeit ist und der die Kraft in sich fühlet Euch bei dem Schopfe zu packen mit unfehlbar eisernem Griff; Einen, der rein ist im Herzen und der Euch alle erweckt, Wie man einen Betrunk'nen, der sich im eigenen Speichel Wälzt ohne es zu wissen, wiederum nüchtern macht... Damit Ihr endlich erwachet, damit Ihr Euch endlich erhebet! Schwach seid Ihr plötzlich geworden und arm und bar aller Hoffnung. Wie seid Ihr alle verwaist — wegtos und ratlos und irrend1 So sah ich Euch abermals und weinte blutige Tränen ... Nachgedichtet von Sem Wolf. „Der Matmid“*) Von Z. F. Finkeistein «Hoj, hoj! amar Rabi! Hoj, hoj! amar Rabanan!» Wie ängstliche Schreie in der Nacht ertönt dieser tieftraurige Refrain des «Matmid». In einem Satz erstarrt hier das Martyrium einer ganzen Generation. Der aufstrebende Talmudjünger ward zum Sklaven des leblosen Buchstaben. Der Geist eines ganzen Volkes, der im Laufe der Jahrhunderte zum mechanischen Werkzeug eherner Gebote zusammen- .schrumpfte, bäumt sich in der Person des «Matmid» gewaltsam auf gegen würgende Fesseln der Ueberlieferung. Noch hockt er an der Grenze zweier Epochen tagaus, tagein, im dumpfen Gemäuer des Beth Hamidrasch. Aber in seinem Innern erhebt sich bereits mit elementarer Gewalt der Trotz und der Groll einer auferstehenden Jugend. Mechanisch lispeln noch die Lippen: «Hoj, hoj! aniar Rabbi!», doch die Seele erschau^ bereits im wühlenden Schmerzgefühl neuer Erkerrmnisse. Im Sturmwind der herausstürzenden Flut beginnt das sprudelnde Leben der Außenwelt mit jäher Wucht an die morschen Fenster der ehrwürdigen Talmudstätte zu hämmern. Allmählich weitet sich die dumpfe Enge, in der der Talmudjünger seine besten Jahre zubringen muß und die Qual einer nutzlos sterbenden Jugend bricht aus in den schallenden Ruf nach Licht und Sonne! *) ln der Dichtung «Hamatmid» behandelt Biaiik das Seelenleben eines TalmudWngtrs» (Anm. d. Red*} Der «Matmid» ist wohl eine der erschütterndsten Dichtungen der Weltliteratur. In einer glutvoll farbenreichen Sprache entrollt hier der Dichter ein Bild von einer Gewalt und packenden Plastik, wie man sich dies nicht eindringlicher und anschaulicher vorzustellen vermag. In hinreißender Flut gleitet der Rhythmus des Verses vom lyrischen Flüsterton über ein berauschendes Pathos bis zur himmlischen Ekstase. Kein Zauber des Exotischen waltet über dieser Dichtung. Und doch enthüllt sich uns hier eine ganz neue, ungeahnte Welt mystischer Verzückung und tragischen Ringens zweier Welten. Der brennende Schmerz, die ohnmächtige Wut und die Bangigkeit einer hoffnungslosen Jugend verschmelzen hier zu einem nationalen Epos von erschütternder Wucht. Ein Hymnus des sterbenden Lebens und ein Schwanengesang, der über Schutt und Trümmer einer ganzen Epoche erklingt. Zerklüftet, zerknittert und Generationen hindurch gewaltsam niedergehalten entsteigt diesem Trümmerhaufen ein Scheinleben, das sich mit einem dumpf wühlenden Schmerz über unsere Seele legt. Bis uns plötzlich ein Schauer der Erkenntnis packt und mit einem brennenden Abschiedsschmerz verlassen wir gramgebeugt die traurigen Gefilde unserer eigenen Jugend . . . * * * Kaum vermögen wir es heute zu erfassen, in welcher Fieberglut wir einst den «Matmid» lasen. Die tieftraurige, inmitten der tosenden Flut des Lebens dahinsiechende Gestalt des Talmudjüngers erschien uns wie ein spukhafter Schatten unserer eigenen Jugend. Ein tragisches Vermächtnis ganzer Jahrhunderte verfolgte uns in dieser Verkörperung einer sterbenden Welt. Bis uns zum liebevollen Weggenossen ward dieser «Matmid», denn auch unsere, zum Leben erst erwachenden Seelen schüttelten bereits Stürme unermeßlichen Sehnens und auch wir begannen gewaltsam an unsichtbaren Ketten der Vergangenheit zu zerren. Wir lebten mit dem «Matmid» eine ganze Epoche durch und wir weinten: herzlich und bitterlich, wie es nur allzu frühreife Kinder vermögen. Warum erschütterte uns gerade Biaiik so gewaltsam? War er doch selbst noch ein Unvollendeter und Ringender. Riß er sich doch selbst erst vom Beth Hamidrasch in Schitomir los und begann erst allmählich die europäische Kultur in sich aufzunehmen. Das Epigonentum der Haskala mit ihrem Ueberschwang an Worten und Gefühlen überwucherte noch die Urwüchsigkeit eines bahnbrechenden Dichters. Fragten wir darnach? Was scherte uns der Wert der Dichtung, was ging uns die Persönlichkeit des Dichters an? An der Wende zweier Epochen entbrannte ein Sturm in unseren Seelen und wir hatten kaum Muße zur vernunftmäßigen Kritik. Instinktiv verspürten wir in dieser Dichtung die glutvoll aufsteigende Tragik unseres Seins und wie an einer un* sichtbaren Flamme verzehrten sich unsere jungen See* len im brennenden Schmerz eines hoffnungslosen Geschlechtes.

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